Natürlich – wenn man auf dieser Seite Jugendlichen ins Zimmer guckt, so hat das mit reiner Neugier zu tun, mit einem Schuss Voyeurismus gar. Man kann diese Fotogeschichte aber auch im übertragenen Sinn sehen: Junge Menschen, zwischen 15 und 20 Jahre alt, richten sich ihren eigenen Lebensraum ein und beanspruchen damit ihren Platz in der Gesellschaft. Mit allen Träumen, Fragen und Herausforderungen, die dazugehören.

Im folgenden Themenschwerpunkt werden verschiedene Facetten beleuchtet, wie Jugendliche und junge Erwachsene die Aufgabe anpacken, ihre persönliche Zukunft zu gestalten. Übrigens, obwohl «Jugend» darübersteht, gibts für die Lektüre der folgenden Seiten keine Altersbeschränkung. Also: Reinschauen! Und sei es nur aus reiner Neugier.

Semira Bontognali, 18, Sportartikelverkäuferin im 2. Lehrjahr, wohnt zu Hause in St. Moritz, Zimmer mit 14 Quadratmeter, Lehrlingslohn: 850 Franken
Das Zimmer von Semira Bontognali ist ein langer roter «Schlauch». Neben dem Bett steht ihr liebster Gegenstand: ein rotes Rennvelo. «Zu meinem Fahrrad habe ich eine sehr spezielle, fast schon innige Beziehung.» Die 18-Jährige ist Triathletin und trainiert im Sommer etwa 15 Stunden pro Woche, im Winter etwas weniger. Zahlreiche Medaillen und Pokale in ihrem Zimmer zeugen vom Erfolg. «Ich habe als 10-Jährige mit Triathlon – Schwimmen, Rennen und Radfahren – begonnen, und es macht immer noch riesigen Spass.» Semira kann kaum eine Sekunde ruhig sitzen, Sport ist da genau die richtige Abwechslung für sie. Sie möchte gern einmal nach Hawaii, Australien und Neuseeland: «Surfen lernen wäre toll.»

Areyto Rodriguez, 17, arbeitslos, auf der Suche nach neuer Lehrstelle als Elektromonteur, wohnt bei den Eltern in Zürich, Zimmer mit 16 Quadratmeter
In Areyto Rodriguez’ blau gestrichenem und akkurat aufgeräumtem Zimmer hat sein 360 Liter fassendes Aquarium den prominentesten Platz. «Ich hatte gespart und wollte etwas Sinnvolles kaufen, keine Kleider oder Elektronik.» Zehn junge Piranhas tummeln sich im Wasserreich, einige haben keine Augen oder Flossen mehr. «Die leben streng hierarchisch: Der Stärkere gewinnt.» Die Fische werden bis zu 30 Jahre alt, überleben werden nur etwa fünf. Jeden Tag pünktlich um 19 Uhr füttert der 17-Jährige seine Raubfische. Areytos Mutter ist Slowakin, sein Vater stammt aus Mexiko. Und dorthin will er auch irgendwann zurück: «Mexiko – das ist für mich Familie, Sonne und höfliche Menschen.»

Daniela Komenda, 20, Publizistikstudentin im 1. Semester, wohnt in einer Wohngemeinschaft in Zürich in einem Zimmer mit 18 Quadratmeter
Daniela Komenda will Journalistin werden. Falls das nicht klappt, kämen auch Public Relations oder «etwas mit Kindern» in Frage. Die Miete für ihr Zimmer in der Dreier-Wohngemeinschaft verdient sie sich als Aushilfe in einem Kinderhort. «Ich bin Dalai-Lama-Fan», sagt die 20-Jährige. Deshalb das fernöstlich angehauchte Interieur: Buddha-Bildnis, Räucherstäbchen, Tücher. Ihr Lieblingsgegenstand ist aber ein Piratenschiff im Regal. «Ein Geschenk meines Vaters zu meinem vierten Geburtstag.» Danielas Vater starb, als sie sieben war. Die Löwenfinken auf dem Skateboard sind ihre «Leibwächter» – ob sie sie auf ihre geplante Weltreise mitnehmen wird, ist allerdings zweifelhaft.

Jasmin Feierabend, 19, Gastronomiefachassistentin im 3. Lehrjahr, Studio 30 Quadratmeter zur Untermiete in Matten BE, Lehrlingslohn: 1400 Franken
Jasmin Feierabend absolviert ihre Lehre im «Victoria-Jungfrau» in Interlaken – in einem der renommiertesten Hotels der Schweiz. Natürlich muss sie dort äusserst gepflegt auftreten. Kein Problem für die Zugerin, die schon immer eine Vorliebe für Kleider und Schminke hatte. «Ich liebe Gesichter, Lippen und Augen. Einfach alles, was nicht ganz normal aussieht.» Deshalb all die Poster, Karten und Clips an den Wänden. Die 19-Jährige, die nach der Lehre die Berufsmittelschule absolvieren will, hat zudem einen «Schuhtick»: Sie besitzt über 25 Paar. Jasmin ist Sängerin in einer Bigband und hat sich letztes Jahr bei der TV-Sendung «Music Star» beworben - von 3000 Bewerbern kam sie unter die ersten 50.

Mario Moham, 17,Verkehrswegbauer im 1. Lehrjahr, wohnt zu Hause in Azmoos SG, Zimmer mit 18 Quadratmeter, Lehrlingslohn: 1250 Franken
In seinem abgeschrägten Dachzimmer ist Mario Moham besonders stolz auf seine Kuhglocken und Lorbeerzweige an den Wänden: Zeichen seiner Erfolge als Schwinger und im Turnverein Azmoos. Der 17-Jährige trainiert seit sechs Jahren zweimal wöchentlich Schwingen. Bei Wettkämpfen landet er meist unter den ersten sechs. Das Haus seiner Eltern, ein altes Bauernhaus, ist voller Zinnbecher und Medaillen - auch Marios Vater war Schwinger. «Am allerliebsten habe ich aber mein Bett», erklärt der Lehrling. Das hat der Freund seiner Schwester geschreinert, ein massives Gestell aus Eiche. Er habe schon zwei Betten kaputtgemacht; dieses werde nun wohl einige Zeit halten, hofft er.

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