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Kontakt mit BehördenopfernSchüler treffen auf Verdingkinder

Gegen das Vergessen: Schulkinder aus Freiburg nehmen Kontakt mit Behördenopfern auf.

Schulkinder wollen die tragische Geschichte der Verdingten und administrativ Versorgten begreifen – und schreiben Briefe an die Opfer von damals.

von aktualisiert am 15. Februar 2018

Die Kinder kleben und malen, lachen und scherzen. Doch das Thema, über das sie sprechen, ist ernst: Sie können nicht verstehen, wie in der Schweiz noch vor wenigen Jahrzehnten Leute weggesperrt wurden, weil sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprachen. Wie bis in die achtziger Jahre Tausende Kinder ihren Eltern weggenommen und auf Bauernhöfen verdingt wurden. Oder wie junge Frauen ins Gefängnis gesteckt und sterilisiert wurden, weil sie unverheiratet schwanger geworden waren.

Die zwölf Kinder der sechsten Klasse der Regionalschule FOS Freiburg diskutieren, was sie schreiben wollen an Betroffene solcher fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Zuvor haben sie über Wochen hinweg Porträts von Verdingkindern gelesen, sich mit deren Geschichten auseinandergesetzt.

Ursprünglich beschäftigte sich die Klasse im Deutschunterricht mit den sogenannten Wolfskindern – Kriegswaisen, die sich im Zweiten Weltkrieg zu Gruppen zusammenschlossen, um besser überleben zu können.

«Ich erhielt ein kleines Stück Brot und etwas Wasser, mehr gab es nicht. Am schlimmsten war, dass mich nie jemand in den Arm nahm.»

 

Alfred Ryter, ehemaliges Verdingkind

Von diesen tragischen Kinderschicksalen seien die Schüler sichtlich ergriffen gewesen, berichtet Lehrerin Miriam Arni. In der Folge gab es zahlreiche Diskussionen über den gesellschaftlichen Umgang mit Kindern.

Um mit dem Lehrplan nicht in Verzug zu kommen, baute Miriam Arni die Elemente in den Schulalltag ein. «Am Beispiel der Verdingkinder lässt sich die Lesekompetenz fördern, das geschichtliche Verständnis, aber auch die Sensibilisierung auf Schicksale und die Entwicklung der Empathie.»

Besonders beschäftigte die Gruppe das Schicksal von Alfred Ryter. 2004, Jahre bevor sich die offizielle Schweiz bei den Betroffenen für das erlittene Leid entschuldigte und als von einer Wiedergutmachung noch keine Rede war, machte Ryter die erschütternde Geschichte seiner Kindheit im Beobachter öffentlich.

Ein Zeichen der Anteilnahme

Die Schicksale der Opfer liessen die Kinder nicht mehr los. Und so verfassten sie ein halbes Dutzend Briefe und schickten die farbigen Kuverts verschiedenen Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Sie klebten ihre eigenen Kindheitsbilder auf Karton, erzählten, wie sie aufgewachsen sind, was sie in der Freizeit machen. Sie malten Schneelandschaften dazu: eine stille Botschaft an die inzwischen betagten Verdingkinder und Weggesperrten, ein Zeichen der Anteilnahme am unermesslichen Leid, gegen das Vergessen.

Anina und Aude etwa richteten ihren Brief an eine betagte Frau, die vor 14 Jahren im Beobachter erzählte, wie sie 1939 als Zehnjährige an eine Bauernfamilie in Grindelwald verdingt wurde. «Als wir ihre Geschichte lasen, merkten wir, wie gut wir es eigentlich haben.»

Nichts half gegen die Depressionen

Einige Wochen später sitzt der 78-jährige Alfred Ryter im Freiburger Klassenzimmer. Am Boden ein Plakat voller Fragen. Alfred Ryter erzählt. Wie er als Achtjähriger im Berner Oberland auch im Winter im kalten Tenn schlafen musste. «Ich erhielt ein kleines Stück Brot und etwas Wasser, mehr gab es nicht.» Seine Hände zittern, die Stimme wird brüchig. Er erzählt, wie er Futterflocken der Schweine gegessen hat, wie er auch mal im Hühnerstall ein Ei klaute. Vor lauter Hunger. Und wie er geschlagen wurde, für alles und für nichts. Doch das Schlimmste sei gewesen, «dass mich nie jemand in den Arm nahm». In die Stube des Bauern durfte er nie.

Die Kinder sitzen betreten da, schauen zu Boden. Sie möchten fragen, warum und wieso. Doch niemand bringt ein Wort über die Lippen. Ryter stört das nicht, es kommt ohnehin alles wieder hoch. Wie damals, als er mit 50 seiner Frau erstmals von seiner Geschichte erzählte. Um endlich ausbrechen zu können aus der Vergangenheit. «Alle paar Monate hatte ich eine tiefe Depression. Kein Arzt konnte mir helfen, niemand wusste, was mit mir los ist.»

«Ich bin tief beeindruckt, wie sich diese Kinder mit den Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen auseinandergesetzt haben.»

 

Ursula Biondi, Gewinnerin des Prix Courage 2013

Ein Brief erreichte auch die heute 68-jährige Ursula Biondi. 1967 wurde sie ins Frauengefängnis Hindelbank gesperrt, ohne je eine Straftat verübt zu haben. Ihr Vergehen: Als 17-Jährige wurde sie schwanger, ohne verheiratet zu sein. In den letzten Jahren hat Ursula Biondi ihre Geschichte dutzendfach vor Schulklassen erzählt. Für ihre schonungslose Offenheit und ihren Einsatz für eine Rehabilitation der administrativ Verwahrten erhielt sie 2013 den Prix Courage des Beobachters.

Die Klasse war ergriffen von Biondis Geschichte. Kai und Jonas schrieben ihr über ihre sorgenlose Kindheit. Biondi war überwältigt von diesen Zeilen. «Ich bin tief beeindruckt, wie sich diese Kinder mit den Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen auseinandergesetzt haben.»

Ursula Biondi hat inzwischen die ganze Schulklasse zu sich nach Hause eingeladen. «Das Projekt dieser Schulkinder ist enorm wichtig, damit so etwas nie wieder passiert.»

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Otto Hostettler, Redaktor

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