Wie wärs mit einem Gleitschirmflug in den Bündner Bergen? Oder mit einem Wellness-Wochenende in Bad Ragaz? Vielleicht steht der Sinn nach einem Kilo Capuns oder einer Flasche Röteli? All das und mehr preist die Firma Gonzen Intertrade in ihrem Katalog an. Doch die Angebote sind zu schön, um wahr zu sein. Sie existieren nur auf dem Papier. Denn die Gonzen Intertrade ist eine kaufmännische Praxis­firma: Hier verkaufen Stellensuchende Produkte, die es gar nicht gibt, bloss um die Abläufe zu trainieren – und weil der RAV-Berater sie hierhergeschickt hat.

Virtuelle Käufer der virtuellen Produkte sind andere Praxisfirmen. Etwa 60 davon gibt es in der Schweiz, rund 7500 weltweit. Damit dieser virtuelle Markt funktioniert, muss jeder Mitarbeiter mindestens eine Bestellung pro Woche aufgeben. Richtiges Geld fliesst nicht. «Das einzige echte Geld ist das in der Kaffeekasse», scherzt Deniz Asmagül, die zusammen mit Angebotsleiter René Fichtner die Praxis­firma in Bad ­Ragaz SG führt.

Eigentlich ein stinknormales Büro

Alles ein riesiges Rollenspiel also, wobei sämtliche Abläufe realitätsgetreu nachgestellt werden – die Sekretärin empfängt den Besuch, der Buchhalter führt Buch, die Personalfachfrau meldet den Neuen bei der AHV an, aus dem Radio scheppert Musik und im Pausenraum der Kühlschrank: ein stinknormales Büro in einem stinknormalen Industriegebäude.

An zwei Halbtagen pro Woche haben die Teilnehmer Zeit für Bewerbungstrainings und die Stellensuche, ausserdem gibt es kaufmännische Weiterbildung. Die Gonzen Intertrade kostet den Bund pro Tag und Person rund 100 Franken. Insgesamt gibt das Staatssekretariat für Wirtschaft als zuständiges Bundesamt rund 18 bis 20 Millionen Franken pro Jahr für die Praxisfirmen aus. Das deckt etwa 80 Prozent der Einsatzplätze ab. Die restlichen 20 Prozent werden von der IV oder der Sozialhilfe finanziert. Die Stellensuchenden erhalten ihr übliches Taggeld – oder Abzüge, wenn sie un­entschuldigt fehlen.

«So hocke ich nicht zu Hause rum»

«Es ist im Prinzip eine brotlose Kunst», sagt einer der zwölf Mitarbeiter. Bevor er im Mai 2012 arbeitslos wurde, arbeitete er als Buchhalter. Bei der Gonzen Intertrade rotieren die Teilnehmenden durch verschiedene Abteilungen. Seit vier Wochen ist der Buchhalter nun hier und schon zum Leiter Einkauf aufgestiegen. Dass die Waren, die er ersteht, nur virtuell existieren, kümmert ihn aber kaum. «Die Abläufe sind ja die gleichen. So hocke ich wenigstens nicht nur zu Hause rum. Ausserdem erhalte ich hier Einblick in andere Abteilungen. Das eröffnet mir neue Perspektiven.»

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Ähnlich äussern sich auch andere Mitarbeitende. «Klar hat man immer im Hinterkopf, dass eigentlich alles gar nicht echt ist. Aber Fehler kann ich mir trotzdem keine erlauben, das Telefon klingelt sehr real, wenn ich irgendwo was falsch eingetragen habe», sagt eine gelernte Touristikfachfrau, die jetzt das Sekreta­riat führt. Sie hat über Bekannte von der Praxisfirma gehört und ihren RAV-Berater selber um die Massnahme gebeten.

Sie ist freiwillig hier und damit in Bad Ragaz kein Einzelfall: «Wir haben mit den Kantonen St. Gallen und Graubünden vereinbart, dass wir Leute auch ablehnen dürfen, wenn wir merken, dass sie nicht motiviert sind», erklärt Geschäftsleiter René Fichtner. Denn für ihn ist klar: «Wer es als Strafe empfindet, hierherzukommen, kann kaum profitieren.» Für die meisten sei es aber einfach gut, etwas zu tun zu haben und sich bewähren zu können. «Das gibt wieder Selbstvertrauen, egal, ob es nun ­eine Praxisfirma ist oder ein richtiges ­Unternehmen», ist Fichtner überzeugt.

«Manche fangen kein Feuer»

Gemischte Erfahrungen machte dagegen Mirko P. Slongo, Geschäftsführer der Übungsfirma Avoi in Niederurnen GL, die neben der kaufmännischen Praxisfirma ­Iovag auch reale Arbeitsmöglichkeiten in Werkstätten anbietet. Die Iovag übernimmt für diese teilweise administrative Arbeiten, ist also im realen Umfeld tätig. Ein Teil ist jedoch weiterhin rein fiktiv. «Es gibt Stellensuchende, die kein Feuer fangen und keinen Sinn sehen in der virtuellen Arbeit», sagt Slongo. Man wolle deswegen den Anteil reeller Arbeit erhöhen, um auch ihnen etwas bieten zu können. «Es braucht beides», ist er überzeugt.

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Rund 40 Prozent finden einen Job

Im Kanton Bern ist man derweil ganz vom Konzept der virtuellen Firmen weggekommen. Das zuständige kantonale Amt Beco hat 2011 beschlossen, nicht mehr mit Praxisfirmen zusammenzuarbeiten. Die Berner hatten primär Arbeitslose in Praxis­firmen geschickt, die zwar im kaufmännischen Bereich tätig waren, jedoch ohne ­offizielle Ausbildung. Da es im Kanton genügend Stellenlose mit KV-Abschluss gebe, sei es nicht sinnvoll, noch weitere dafür zu qualifizieren, heisst es beim Beco.

Ein Entscheid, der in La Chaux-de-Fonds nicht so gut ankam. Dort sitzt die Zentralstelle der Schweizer Praxisfirmen, die Helvartis. Sie verwaltet das Netzwerk, berät und kontrolliert die Firmen und übernimmt für sie zum Beispiel die Rolle der Bank oder simuliert die Zollverwaltung. «Ich frage mich, was man in Bern nun für diejenigen tut, die vor allem eine Tagesstruktur brauchen», sagt Helvartis-Direktor Laurent Comte. Stellensuchende würden sich durchaus nützlich fühlen, auch wenn sie mit fiktiven Waren handeln. «Aber natürlich muss das Ambiente möglichst real sein.» Jährlich arbeiten laut Comte rund 2000 Stellensuchende bei Praxisfirmen, ­etwa 40 bis 42 Prozent fänden in dieser Zeit einen Job im wirklichen Arbeitsmarkt. Es wird aus Datenschutzgründen jedoch nicht statistisch erhoben, ob diese Anstellungen von Dauer sind. Und ob die Teilnehmer auch ohne die Massnahme einen Job gefunden hätten, lässt sich anhand der Daten ebenfalls nicht sagen.

Fest steht, dass bei der Sekretärin von Gonzen Intertrade gerade wieder mal das Telefon klingelt: Aber es ist keine Beanstan­dung aus der fingierten Personalabteilung, sondern ein echtes Jobangebot aus der ­realen Welt.

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