Als Maja Bächer* auf dem Weg zur Spitex-Zentrale in Sarnen OW war, erhoffte sie sich Unterstützung, Zuspruch – und dass man sie nie mehr zu Gustav Meier* schicken würde. Doch es kam ganz anders. Man liess die 38-jährige Pflegehilfskraft nicht einmal zu Ende erzählen, was genau passiert war in Meiers Haus. Stattdessen hielt man ihr ein Schreiben unter die Nase: die fristlose Kündigung.

Bächer traute ihren Augen nicht. Mit Herz und Seele hatte sie sich für die Spitex eingesetzt, immer wieder kurzfristige Einsätze für Kolleginnen übernommen, wo­runter bisweilen auch ihr Privatleben litt. «Die Spitex war mein Leben», sagt sie. Und dann so etwas. «Man liess mich fallen wie eine heisse Kartoffel.»

«Klient ist zurzeit recht anhänglich»

Was war passiert? Drei Tage vor der Kündigung, an einem Samstag, war Bächer unterwegs zu Gustav Meier, dem ersten Klienten des Tages. Der 89-Jährige war bei der Spitex kein unbeschriebenes Blatt. Immer wieder suchte er Körperkontakt zu den Pflegenden, war sehr anhänglich und machte auch öfters sexuelle Anspielungen. Die Vorfälle sind in den Pflegeberichten protokolliert. Auf seinem Patientenblatt ist vermerkt: «Nähe/Distanz beachten! Klient ist zurzeit recht anhänglich.» Ausserdem bestand er darauf, dass die Haustür stets abgeschlossen wurde.

Auch Maja Bächer war von Meier schon belästigt worden. Am Tag, als dessen Frau zu Grabe getragen wurde und man ihm daher eine Beruhigungstablette verschrieben hatte, habe er ihr bei der Verabschiedung unvermittelt an die Brust gefasst, erzählt sie. «Ich schrieb es den aussergewöhnlichen Umständen zu. Ich dachte, er stehe wohl etwas neben sich, und hielt den Vorfall deshalb im Protokoll nicht fest. Ich ­berichtete es aber der stellvertretenden Teamleiterin der Spitex», sagt Bächer. Unternommen habe man aber nichts. Als die Pflegerin an jenem Samstag das Haus von Gustav Meier betrat, wusste sie also ungefähr, was sie erwarten würde. Doch was dann geschah, übertraf ihre Vorstellungen.

Maja Bächer schildert das Vorgefallene so: Nachdem sie dem betagten Mann das Insulin gespritzt und den Rücken eingecremt habe, habe er sie geradeheraus gebeten, ihn zu befriedigen, habe ihre Hand an seine Hose geführt, versucht, sie zu küssen, und erneut an ihre Brust gegriffen. «Ich habe ihm mehrmals deutlich gesagt, das gehe nicht, dafür sei ich nicht da.» Sie sei in die Küche gegangen, um die Pflegedokumentation auszufüllen. Er hinterher. «Er stand in seiner Pyjamahose vor mir im Türrahmen, offensichtlich erregt, und sagte: ‹Mach es mir mit der Hand, oder besser noch mit dem Mund.›» Immer wieder habe er versucht, sie zu küssen, ihre Hand an sein Geschlechtsteil zu legen.

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Er war grösser, kräftiger – und jähzornig

Maja Bächer bekam es mit der Angst zu tun. Die Haustür war abgeschlossen, wie immer. Und Meier war grösser als sie, kräftiger – und jähzornig. «Ich traute mich nicht, ihn wegzuschubsen. Ich dachte, mein Gott, dann heisst es nachher noch, eine Spitex-Angestellte habe einen Klienten geschlagen. Ich hätte noch dem Ruf der Spitex geschadet», erzählt sie. Stattdessen habe sie versucht, Verständnis zu zeigen, habe ihm gesagt, dass er wohl seine Frau vermisse. «Doch er liess nicht locker. Nach einer Weile nahm ich das Blutzucker- und Insulinspritzheft, um es am gewohnten Ort im Schlafzimmer zu deponieren.» Erneut sei er ihr gefolgt, habe ihr den Türrahmen versperrt und sie an der Hand gepackt. «Er zwang mich, seinen Hodensack zu halten, während er masturbierte.» Maja Bächer sah keinen anderen Ausweg mehr, als ihm zu gehorchen. «Ich dachte, wenn ich das jetzt mache, dann ist es endlich vorbei.»

Mit zittrigen Händen und jagendem Herzen fuhr die Frau danach zu weiteren drei Klienten, versuchte zu vergessen, was eben passiert war. Doch das ging nicht. Als sie zu einer erkrankten Kollegin fuhr, um deren Dienst zu übernehmen, erzählte sie ihr bruchstückhaft und wohl etwas verwirrt, was vorgefallen war. «Ich schämte mich so sehr, dass ich die Details ausliess – vielleicht kam das Ganze falsch rüber.»

Offenbar hat die Kollegin sie vollkommen missverstanden. Ohne Bächer vorher zu informieren, setzte sie sich am darauffolgenden Montag mit der Spitex-Leitung in Verbindung und erzählte eine ganz ­andere Geschichte: Bächer habe freiwillig einen Klienten befriedigt. Und so stand es dann auch im Kündigungsschreiben: «Sie haben gemäss Ihren eigenen Aussagen einen Klienten sexuell befriedigt.» Doch nicht nur das warf man ihr vor: Obendrein wurde ihr auch noch angelastet, sie habe «diese Leistung als Arbeitszeit geltend gemacht», wie es in der Kündigung zynisch hiess. «Das ist ein deliktisches Verhalten, das wir in keiner Weise tolerieren können.»

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So schnell wird aus einem Opfer eine Täterin. Und während Maja Bächer und ihr Ehemann emotional durch die Hölle gingen, kümmerten sich fortan andere Spitex-Mitarbeiterinnen um den Klienten Meier. Bächer hat ihn später angezeigt. Im Ver­fahren erachtete die Obwaldner Staats­anwaltschaft die Schilderungen Bächers als glaubhaft und erkannte einen Übergriff. In erster Instanz wurde der 89-Jährige wegen sexueller Nötigung verurteilt.

Die Spitex steht weiterhin zur Entlassung

Es stellt sich die Frage, wie die Verantwortlichen bei der Spitex Obwalden überhaupt annehmen konnten, die Initiative beim ­besagten Vorfall sei von Maja Bächer ausgegangen. Eine Pflegerin, die sexuelle Dienstleistungen anbietet? Die Vorstellung scheint absurd. Zu den konkreten Umständen will die Spitex-Leitung unter Berufung auf die Schweigepflicht keine Stellung nehmen. Sie teilt aber mit, man stehe nach wie vor hinter dem Entscheid, die Pflegerin zu entlassen. Und weiter: Man nehme das Thema Nähe und Distanz sehr ernst; der dazu vom Schweizerischen Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer (SBK) herausgegebene Leitfaden sei für alle Mitarbeitenden Pflichtlektüre. Maja Bächer habe schon vorher mehrmals interne Richtlinien und Kompetenzen überschritten, so dass das Vertrauensverhältnis erheblich gestört gewesen sei. War der Vorfall vielleicht eine gute Gelegenheit, eine unliebsame Mitarbeiterin loszuwerden?

Beim Berufsverband hat man für das Vorgehen der Obwaldner Spitex-Leitung jedenfalls gar kein Verständnis. «Das ist eine absolut unzulässige Reaktion. Eine fristlose Kündigung als Antwort auf einen sexuellen Übergriff ist verheerend, man gibt dem Opfer ja das Gefühl, es sei selber schuld», so Pierre-André Wagner, Leiter des Rechtsdienstes beim SBK. Zudem mache sich der Arbeitgeber strafbar. «Er verletzt seine Fürsorgepflicht.» Wagner ist nicht nur Leiter des Rechtsdienstes, sondern ausgerechnet er hat auch den von der Spitex Obwalden zitierten Leitfaden initiiert und entwickelt. Darin wird auch dargelegt, wie man als ­Arbeitgeber auf solche Vorfälle reagieren sollte. Klar ist: so jedenfalls nicht. Es war bekannt, dass Gustav Meier regelmässig Grenzen überschreitet. Massnahmen wären längst angezeigt gewesen.

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Für Pierre-André Wagner ist zumindest klar, dass es für das Verhalten der Spitex Obwalden keine Rechtfertigung gibt. «Selbst wenn das Verhältnis zwischen der Mitarbeiterin und der Leitung aus irgendwelchen Gründen bereits gestört war, ist das keine Legitimation für eine fristlose Kündigung nach einem sexuellen Übergriff. Das eine hat mit dem anderen ja gar nichts zu tun.» Gerade bei der Spitex sei die Gefahr besonders gross, dass Mitarbeiterinnen von Klienten belästigt würden: «Sie sind allein mit dem Patienten im Haus und sind ihm somit auch stärker ausgeliefert.» Dass Vorgesetzte bei sexuellen Übergriffen zaghaft reagieren, ist gemäss Wagner durchaus nicht unüblich: «Sie möchten nicht Klienten vergraulen.»

Maja Bächer hat die Kündigung angefochten und nach monatelangem Hin und Her mit der Spitex diesen Sommer eine Einigung erzielt: Sie erhielt noch drei Monate lang ihren Lohn – so, wie es bei einer regulären Kündigung der Fall gewesen wäre. Ihren Beruf, den sie so liebte, hat sie nach dem Vorfall vorläufig an den Nagel gehängt. «Ich möchte momentan keine allein lebenden Männer mehr pflegen.» Inzwischen hat sie sich beruflich etwas Neues aufgebaut.

* Name geändert