Die Hitze legt sich über den See in Rapperswil, asiatische Touristen drängen durch die Altstadtgassen die kleinen Steintreppen hoch zum Rosengarten. Rasch noch fotografieren sie die 400-jährige Klostermauer, die sich gegen den Sommerhimmel streckt. Auf der anderen ­Mauerseite, im Innenhof des Kapuzinerklosters, ziehen die ersten Klostergäste am schweren Eisenkreuz, um Einlass zu erhalten in eine Woche Stille. Eine Woche Welt- und Beziehungsflucht, Umorientierung, Gottessuche und Ferien im Paradies.

Sonntag, 16.30 Uhr, Einführungsrunde. Die acht Gäste sitzen im Gemeinschaftszimmer im Kreis und erzählen, warum sie hier sind. Sie nennen ihren Namen, ihren Beruf, Lehrer, Banker, Direktionsassistentin. Einige sind das erste Mal im Kloster, andere kommen immer wieder. Die meisten haben Kinder, eine Frau, einen Exmann. Einige kennen Gott nur vom Hörensagen, anderen erscheint er täglich, als innere Stimme, als Weg, den es zu gehen gilt.

Bruder Karl, in Shorts, offenen Sandalen und mit weissem Bart, informiert über Hausregeln, Aufstehzeiten und Meditationssequenzen. Er stellt die Mitbrüder vor, allesamt mit Bild in einem Ordner. Er hält diesen in den Händen wie ein Grossvater, der den Enkeln eine Gutenachtgeschichte erzählt. Er lacht oft, seine braune Haut zeugt von vielen Stunden ausserhalb der Klosterzelle. «Und», bittet Bruder Karl zum Schluss, «steht nicht schon morgens um halb sechs im Speisesaal, sonst kommt der Verantwortliche fürs Frühstück in einen cheibe Stress.» Erst Viertel vor sieben, man wolle es ja nicht übertreiben.

Die Zimmer sind zugeteilt, die Handtücher bereitgelegt. Ein Pult, ein Stuhl, ein Sessel, ein Holzbett, ein Kreuz an der Wand, eine Bibel im Regal, dazu Aussicht auf See und Berge. Wenn man die kleinen Fenster aufreisst, sieht man den Klostergarten vor sich, Zwiebel- und Salatbeete, Apfel- und Birnbäume, Reben und Bohnenranken.

«Nur ganz selten lehnen wir jemanden ab.»

Bruder Adrian, Chef des Klosters Rapperswil

Am Anfang hätten sie vermehrt Langzeitgäste gehabt, sagt Bruder Adrian, der Guardian, der Chef des Klosters, das habe aber nicht funktioniert. «Wir wollen die Leute nicht aus ihrem Leben, dem Job oder der Familie reissen.» Eine Woche, das gehe für beide Seiten, das sei einfacher für alle. Es sei alles sehr frei hier, nur an die Struktur, das Gebet und die Essenszeiten müsse man sich halten. Das verlange er. «Wir klären im Vorfeld die Motivation ab, ganz selten lehnen wir jemanden ab», sagt der 50-Jährige.

«Die Gefahr besteht, dass wir mehr mit den Gästen als mit den eigenen Klosterbrüdern leben.» Doch man nehme sich Zeit, ab und an nur unter den Brüdern zu sein, einen Monat im Sommer, einen Monat im Winter. Sonst sei das Haus offen, Woche für Woche, von Sonntag bis Sonntag. Eine Übernachtung mit Vollpension kostet 100 Franken. «Wenn man das, was wir den Leuten hier an Kursen und Begleitung bieten, mit einrechnen würde, wären es ganz andere Beträge.» Doch darum geht es den Klosterbrüdern nicht. «Das ist wie mit der Liebe, dem Gernhaben», sagt Bruder Karl. «Das kann man sich auch nicht verdienen. Es ist einfach so.»

Er verteilt die Schlüssel für die Klosterpforte, bald ist Zeit fürs Abendlob, das Gebet und die Meditation. Zum Gottesdienst werden alle erwartet, aber die Kommunion ist keine Verpflichtung. Jeder Glaube ist in Ordnung, auch Atheismus.

Bruder Adrian (links) und Bruder Kletus.

Quelle: Daniel Auf der Mauer

17.30 Uhr, Betraum. Im Chorgestühl sitzen Gäste und Klosterbrüder nebeneinander und lauschen den Glockenklängen, die hinaus in die Altstadt schallen. Ein kurzes Gebet, gemeinsames Singen, danach klassische Musik aus dem CD-Player. Dann Meditation, eine halbe Stunde stilles Sitzen, im Chorgestühl oder auf dem Boden kniend. Ab und zu raschelt ein Sitzkissen. Keiner schläft.

18.30 Uhr, Abendessen. Zusammensitzen im Speisesaal. Jeder hat seine Stoffserviette für die Woche, freie Platzwahl, es gibt Würste und Kartoffelsalat, Wein und Süssmost aus der Flasche. Draussen hornt das Züri-Schiff beim Einlaufen in den Hafen, die S-Bahn rattert über die Brücke. Viermal verheiratet sei sie gewesen, sagt eine Frau am Tisch, der Erste ­habe zu viel getrunken, das sei aber schon lange her.

Denise ist hier, um herauszufinden, wie stark sie Gott im Herzen trägt. Ob stark genug, um sich ihm zu versprechen. Innerhalb von Klostermauern, für immer. Früher sei sie schüchtern gewesen, voller Ängste, ein Mensch, der sich nicht zurechtfand. Mit 18 habe sie zum Glauben gefunden, sei einer Freikirche beigetreten, und seither spreche sie täglich mit Gott. Sie hat eine Woche Ferien genommen. Als man sie fragte, was sie in Rapperswil tue, habe sie gesagt, sie ginge ins Kloster. «Viele sagten: ‹Ein junger Mensch wie du, mit 29, was will der im Kloster?›» Eine habe gesagt: «Oh, wie beneide ich dich, das würde ich auch gern tun.»

Denise (29): Für immer ins Kloster?

Quelle: Daniel Auf der Mauer

21.30 Uhr, Nachtgebet. Der letzte gemeinsame Punkt des Tagesprogramms, diesmal in der Kirche, hinter dem Altar, nur beleuchtet vom weichen Licht der Kerzen und dem letzten Blau, das der Tag noch durch die Kirchenfenster schickt. Das Kerzenlicht wirft feine Schatten der Meditierenden an die Kirchenwand, kalter Weihrauch dringt in die Nase. Man hört das langsame Atmen des Nachbarn, alle halten die Augen geschlossen. Nur Bruder Adrian schielt kurz auf seine Armbanduhr, schliesst die Augen sofort wieder. «Gib uns, Gott, einen gelassenen Blick auf unseren Tag, auf unsere Taten und Worte.» Schweigend werden danach die Zimmer bezogen.

21.55 Uhr, Nachtruhe. Bruder Kletus saugt eine Spinne von der Decke. «Ganz unkapuzinisch», sagt er lachend und entschwindet in die Dunkelheit. Er lebt seit anderthalb Jahren hier. Vor einer Woche hat er sich entschieden zu bleiben, nach über 50 Jahren auf dieser Welt.

6.45 Uhr. Eine Klosterschwester pflückt die ersten Bohnen. Zum Frühstück gibts Milchkaffee aus der Schüssel, Brot, Butter und eine Sorte Konfi. Die Gespräche handeln vom Sonnenlauf, der Minarett-Initiative und Tai-Chi. Eine Glocke läutet, abräumen, das Besteck in den einen Kübel, den Abfall in den andern. Ein bisschen fühlt es sich an wie im Ferienlager, in der Jugendherberge. Man isst gemeinsam, trocknet ab, putzt das Haus, rüstet das Gemüse, faltet die Wäsche.

Die meisten Menschen, die hierher kämen, hätten eine Beziehung zu den grossen Lebensfragen, sagt Bruder Karl. «Sie suchen nach einem Lebenssinn, auch die Konfessionslosen. Mit dem katholischen Glauben muss das nichts zu tun haben.» – «Wenn das Innenleben leer ist, kann man es wieder füllen», sagt ein Gast, «und das Schöne ist ja, dass es hier wieder gefüllt wird.» Betstunde, Niederknien, «denn ich bin nur ein schwacher Mensch, und mein Leben geht rasch zu Ende».

12.00 Uhr, Mittagessen. Es gibt Flädlisuppe und Salat, Spinat- und ­Käsewähe, danach sitzen die Gäste mit den Brüdern auf der Terrasse und trinken unter blauen Sonnenschirmen Kaffee aus dem Glas, wie in einer Gartenbeiz, alle schwatzen und geniessen die Sonne. «Vor 15 Jahren stürzte ich mich vom Balkon, lag im Koma», erzählt eine Frau, danach Reha, Psychiatrie. Eine andere antwortet: «Auch ich habe im Koma gelegen, nach einem Autounfall.» Im Koma habe sie von ­einem Bett aus Federn geträumt.

«Wenn jemand reden will, sind die Brüder da.»

Bruder Karl

«Hin und wieder kommen Menschen direkt aus der Psychiatrie hierher», sagt Bruder Karl, «Alkoholiker, Drogenabhängige, Depressive. Doch wir sind hier keine Therapiestation.» Man biete einen Rahmen der Ruhe, der Erholung, versuche zu verstehen. «Wir bieten Begleitung, Gespräche. Aber manchmal müssen auch wir sagen: Mehr können wir nicht tun.» Wenn ­einer komme, der traurig sei, sei das kein Problem. «Sorgen haben wir alle», das sei hier schon in Ordnung, dafür habe es Platz. «Wenn jemand reden will, sind die Brüder da.» Jeder Gast hat für seine Woche einen Begleitbruder, an den er sich wenden kann. «Ich versuche nicht, Antworten zu geben. Ich höre einfach zu.»

14.00 Uhr, freie Zeit. Die Sonne brennt, die Gäste packen ihre Fahr­räder und Badesachen, tauchen ins Wasser in der Seebadi. «Man kann hier schwimmen, spazieren. Und diese Lage, das ist schon fantastisch», sagt ein Gast. Er sei einfach jedes Jahr woanders eine Woche für sich allein, mal in einer Berghütte, mal an einem See, und diesmal sei es eben das Kloster Rapperswil. «Spirituell bin ich schon», sagt er, aber eben nicht so sehr wie manch anderer hier. «Für mich sind das Ferien, in erster Linie.»

Die Leute suchten nach einem Rundumerlebnis, nach dem Eintauchen in einen Zustand, der religiös durchstrukturiert sei, sagt Bruder Adrian. «Es ist ein ähnliches Prinzip wie beim Europapark Rust», ein Erlebnis «all inclusive»; hier im Kloster Rapperswil sei das eben eine Spiritualität «all inclusive».

«Heute kommen die Leute freiwillig ins Kloster.»

Bruder Adrian

«Es ist ein Zeichen der Zeit, dass Spiritualität und Klosterleben für alle zugänglich werden. Freiheit ist das», ein Time-out für die breite Masse. Früher sei Religion überall im Alltag präsent gewesen, aber nicht nur auf gute Weise, mit vielen Regeln, vielen Zwängen. «Heute kommen die Leute freiwillig ins Kloster, das ist nicht Repression, das ist eine aktive Entscheidung.»

Das Klostertor öffnet sich, Bruder Kletus schleppt mit einer Hand ein aufgeblasenes Gummikanu zum Seeufer, in der anderen hält er einen rosa Plastiksack mit Magenbrotwerbung. Er habe das Kanu im Keller gefunden, «die Chancen, dass ich überlebe, stehen gut». Er setzt es aufs Wasser auf, klettert unbeholfen hinein, es kippt, er fällt ins Wasser. Er habe letzte Nacht geträumt, dass er untergehe, sagt er ­lachend, setzt sich wieder ins Kanu und paddelt langsam davon.

Igina sitzt auf der kleinen roten Bank zwischen Klostermauer und Seeufer im Schatten eines Baums, die Tränen rinnen über ihr Gesicht. Es ist gezeichnet von den Anstrengungen ihres Lebens, Furchen haben sich darin eingegraben, die sich nun deutlich zeigen. Sie ist hier, weil das Leben sie ausgesaugt habe, «weil ich zu viel gegeben habe und weil mir kaum jemand etwas zurückgegeben hat». Im Job sei sie jahrelang gemobbt worden, ihr Partner habe sie kontrolliert und betrogen. «Vielleicht bin ich naiv», sagt die 57-Jäh­rige, das sei eben ihre Art. «Vertrauen und immer alles tun, für die Kinder, meinen Mann, für alle andern. Nur nie für mich.»

Hier brauche sie weniger Energie, um sich abzugrenzen. Die Grenzen seien bereits da, die Struktur, die Zeiten. Man müsse sich nur noch hingeben und mitleben. Hier herrsche weniger Lärm, weniger Druck. «Ein Kraftort ist das, und vielleicht bringt er mich wieder näher zur Kirche.» Sie sei ausgetreten, schon vor längerem. «Vielleicht trete ich ja irgendwann wieder ein.» Dieses Kloster sei so welt­offen. «Die Klosterbrüder kennen kein Müssen, nur Wollen. Wenn sie wollen, trinken sie ein Bier, wenn sie wollen, beten sie. Und deshalb sind sie doch glücklich, oder nicht?»

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Igina (57): «Vielleicht bin ich naiv.»

Quelle: Daniel Auf der Mauer

Wie lange noch?

Wie lange es die Kapu­ziner in Rapperswil noch gibt, weiss niemand. Die Lage ist alles andere als einfach: Neun Brüder sind noch übrig, von 800 Schweizer Kapuzinern vor ein paar Jahrzehnten gibt es heute noch 160. Gerade mal 20 Brüder sind unter 70-jährig.

Wenn nur die Hälfte von dem stimme, was die Gäste den Brüdern am Ende ihres Aufenthalts sagten, erzählt Bruder Karl, «dann müssen wir hier wunderbare Dinge tun». Die Leute ­seien gelöst, sängen, pfiffen, wenn sie das Kloster verliessen. Sie seien dankbar und erfüllt. «Und zum Abschied sagen sie: ‹Zum Glück gibt es euch noch, hoffentlich noch lange.›»