Eine Folterkammer mitten in der Stadt Zürich: Überall sind schwere Eisenteile aufgestellt, von der Decke hängen Seile und Stangen. Ein alter Traktor­reifen lehnt an der einen Wand, an der ­anderen stapeln sich die Sandsäcke. In der Ecke liegt eine Betonkugel. Jetzt fehlt nur noch der Folterknecht.

Wer hierherkommt, will sich selber quälen. Will leiden. Hier wird Crossfit betrieben, ein Fitnessprogramm, das um die Jahrtausendwende in den USA entstanden ist. Das Ziel: dank Kraft und Ausdauer den Alltag besser meistern. Erwachsene hätten verlernt, wie natürliche Bewegungen funktionierten, sagt Trainerin Dominique Burgener. Das soll sich nun ändern. «Push, girl!» Immer wieder brüllt Dominique, das Kraftpaket, ihre Kommandos in die Runde: «Come on, guys! Only two minutes left!» Zum Training sind zehn Männer und ­Frauen zwischen 20 und 40 gekommen. Sie wissen nicht, was sie erwartet. Auf einem von Filzstiften verschmierten Whiteboard ist die Übung für heute beschrieben: «Cindy», das sind fünf Klimmzüge, zehn Liegestütze und 15 Kniebeugen – und das Ganze 20 Minuten lang wiederholen.

Bei Crossfit sind die Übungen nach Menschen benannt, die etwas Spezielles geleistet haben. Polizistinnen, Feuerwehrleute oder Soldaten, die im Dienst verstorben sind. Eine – besonders anstrengende – Übung heisst «Murphy», benannt nach dem Navy-Seal Michael Murphy. Der Angehörige der Elitetruppe des US-Militärs ist in Afghanistan gefallen, als er versuchte, seine Kameraden zu retten. Und wer war Cindy? «Irgendeine wichtige Frau», sagt die Trainerin. Das Besondere an Crossfit ist die Gruppendynamik. «Wir sind hier eine Familie, die auch vor oder nach dem Sport noch etwas zusammen macht.»

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Warum harte Jungs Broccoli essen

Während sich Burgeners Folteropfer noch immer mit «Cindy» abquälen, versammeln sich gleich daneben drei junge Männer um eine Waage und fachsimpeln über Diäten, Kohlenhydrate und Muskelaufbau. Einer hat Oberschenkel wie die ehemalige schwedische Skirennfahrerin Anja Pärson in ihren besten Zeiten. Sie nuckeln am Proteinshake und erzählen sich Geschichten von Freunden, die Broccoli statt Bratwürste über dem Lagerfeuer rösten.

Die 20 Minuten «Cindy» sind geschafft. Nadja Cobos sinkt erschöpft in die Knie. Die zierliche 31-Jährige trainiert seit eineinhalb Jahren bei Crossfit Zürich. «Im Alltag habe ich viel mehr Elan, und ich bin präsenter im Job», sagt sie, als sie wieder zu Atem gekommen ist. «Bei Crossfit kann ich Energie herauslassen und meinen inneren Schweinehund überwinden.» Besonders gefalle ihr die Abwechslung. Im Fitness­studio sei es ihr zu eintönig geworden. Und nicht allein ihr. «Abwechslung ist wichtig», sagt Inhaber Moritz Furrer. Crossfit Zürich gibt es seit fünf Jahren, und man zählt ­heute rund 450 Mitglieder. In den letzten drei Jahren habe sich die Zahl fast verdoppelt, so Furrer.

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Als Alternative zu Crossfit gibt es seit rund zwei Jahren Freeletics. Hier findet man zwar weit und breit keinen brüllenden Coach, dafür einen anderen unerbittlichen Antreiber: das Smartphone. Eine Handy-App misst, wie lange man für ­eine Übung benötigt, und speist diese Zeit in eine Datenbank ein.

Ab zum Gruppenschwitzen!

Für jede absolvierte Übungseinheit gibt es Punkte. Eine Onlineliste zeigt an, wie viel Zeit die Schnellsten für die gleiche Übung benötigt haben und wie lange und wie oft die eigenen Freunde trainieren. Gut eine Million Menschen haben die App bereits heruntergeladen. «Wenn ich sehe, dass meine Freunde schon trainiert haben, ­motiviert mich das», sagt Daniela Sax.

Vor eineinhalb Jahren hat sich die 27-Jährige von Freeletics packen lassen. Seither trainiert sie viermal die Woche, und zwar im Freien und bei jedem Wetter. «Ich kann Freeletics überall und zu jeder Zeit machen. Ich trainiere nur mit meinem ­eigenen Körpergewicht und bin deshalb sehr frei.» Die Thurgauerin hat auf der ­Social-Media-Plattform Facebook Gleichgesinnte getroffen, mit denen sie jetzt gemeinsam schwitzt.

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Heute trifft sich die Gruppe im Irchelpark beim Universitätsgelände hoch oben über der Zürcher Innenstadt. Der Umgangston ist herzlich, die Gemeinschaft ­international, das Hochdeutsche überwiegt. Einen strikten Trainingsplan gibt es nicht. Jeder trainiert das, was ihm gerade gefällt.

Freeletics-Athleten ehren anstelle von toten Soldaten griechische Götter. Die Übungen heissen «Zeus», «Poseidon», «Aphrodite» oder «Hades». «Zeus» be­deutet fünf Liegestütze im Handstand, 15 Klimmzüge, 25 normale Liegestütze, 35 Sit-ups und 45 Kniebeugen. Nach zwei Minuten Pause startet alles wieder von vorn, vier Durchgänge lang.

Das Training beginnt. Noch lachen und reden alle, doch nach zehn Minuten keuchen sie. Das Training ist hart, vor allem für Anfänger. «Zu Beginn hatte ich am ­ganzen Körper dermassen Muskelkater. Haarewaschen war fast unmöglich», sagt Daniela Sax. Doch «Schmerz vergeht, der Ruhm bleibt», wie einer der Sprüche lautet, die online zu Freeletics kursieren.

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«Ich hatte dermassen Muskelkater. Haarewaschen war fast unmöglich.»

Daniela Sax, Freeletics-Begeisterte

Die Helden der Disziplin sind Arne und Levent. Sie haben ihre Anfänge mit Free­letics dokumentiert und die Ergebnisse nach 15 Wochen Training auf die Filmsite You­tube hochgeladen. Der 25-jährige ­Levent war jahrelang über­gewichtig. Innerhalb von drei Monaten hat sich der einstige Sportabstinenzler in einen Musterathleten verwandelt. Seine Körpertransformation wurde über fünf Millionen Mal angeklickt. Vielen ist er Vorbild und Motivation.

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Nach einer knappen Stunde ist das Freeletics-Work-out zu Ende. Lauter müde und schweissüberströmte Gesichter reihum. Das Schönste am Training sei das Ende, sagt Sax seufzend, aber mit einem glücklichen Lächeln.

Dass man noch ganz andere Dinge an der Reckstange machen kann als Klimmzüge, zeigt der Kraftsport Cali­sthenics, ­eine Wortschöpfung aus dem Griechischen. ­«Kalos» steht für «schön» und «sthenos» für «Kraft». Gebräuchliche Übungen sind Barrenstütze (neudeutsch: Dips) und Muscle-ups (Klimmzüge, bei denen man sich mit dem gesamten Oberkörper über die Stange drückt).

Mit Haut und Haar erwischt hat es Andre Hufschmid. Gemeinsam mit seinen Kumpeln Martin Walz und Riccardo Fuccaro hat er den Verein Street-Barz Dübendorf gegründet: «Wir sind online auf Calisthenics gestossen. Ich fand die Moves und Tricks beeindruckend, die die Leute in den Videos draufhatten.»

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Aus drei wurden schnell 30 Athleten

Es faszinierte ihn, wie sich einer scheinbar mühelos an der Stange hochziehen und sich dann senkrecht davon wegstos­sen kann. Und zwar so sehr, dass er das unbedingt auch beherrschen wollte. «Zu Beginn haben wir uns an den Basics versucht. Aber wir merkten schnell, dass wir noch weit davon entfernt waren, einenMuscle-up zu schaffen», beschreibt der 34-Jährige die Anfänge. Doch sie hätten nicht aufgegeben, einfach weitergemacht. Es habe sich eine Art Sucht entwickelt. ­«Nach kurzer Zeit konnte ich Dinge wieder, die ich zuletzt als Kind beherrscht hatte», erzählt der 47-jährige Martin Walz.

Das war vor einem Jahr. Heute schaffen die drei die Basics spielend. Dreimal pro Woche trainieren sie in einer Turnhalle in Dübendorf, aus drei Anfängern wurden drei Athleten, zwei Dutzend Mitturner schlossen sich an. Zuerst waren es Freunde und Nachbarn, mittlerweile kommen auch Leute in die Sporthalle, die sie vorher nicht kannten. «Langsam wird die Halle zu klein», sagt Hufschmid schmunzelnd.

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«Nach kurzer Zeit konnte ich Dinge, die ich zuletzt als Kind beherrscht hatte.»

Martin Walz, Mitgründer der Street-Barz

Die Street-Barz holen Recke, Barren und Schwedenkästen aus dem Materialraum. Das tun sie so euphorisch wie Erstklässler in der ersten Turnstunde. Und tatsächlich sind viele auch zum ersten Mal dabei. Es wird gelacht, die Neulinge sind schnell integriert. «Wer hat Musik dabei?», fragt Hufschmid.

Das ist der Startschuss, das knapp zweistündige Training beginnt. Aus den Hallenlautsprechern hämmern Hip-Hop und Hardrock. Musik, um zu motivieren und die Schmerzen ein wenig zu vergessen. Walz erklärt den Frischlingen die Übungen, die bei ihm so einfach aussehen. Während den Neuen ab dem fünften Klimmzug das Lachen vergeht, drückt Hufschmid im freien Handstand Liegestütz um Liegestütz. Bei den Street-Barz trainieren Männer und Frauen von 20 bis 50 mit ganz ­unterschiedlichen Berufen. Handwerker keuchen neben Gemeindeangestellten, ­alle mit gleich grossen Schwielen an den Händen. Dann ist das Training endlich ­geschafft. Die Anfänger sind gezeichnet. Und sie wissen: Bis ihr Bauch so aussieht wie der von Andre Hufschmid, unter ­dessen verschwitztem T-Shirt sich der ­ersehnte Sechserpack Muskeln deutlich abzeichnet, müssen sie noch durch mindestens 1000 Work-outs gehen.

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Kraftsport und Kunstturnen in einem

Darum gehe es ihm aber nicht, sagt Hufschmid: «Mich faszinieren die Tricks. Calisthenics ist eigentlich eine Mischung aus Kraftsport und Kunstturnen. Natürlich verändert sich dabei auch der Körper, das ist aber nur ein cooler Nebeneffekt.» Vor den nächsten Klimmzügen, Muscle-ups und Dips gibts jetzt aber erst mal 24 Stunden Pause. Damit Bizeps, Trizeps und Sixpack auch in Ruhe wachsen können.