Die Zeit ist buchstäblich stehengeblieben in Couvet. Die Uhr am Fabrikturm von Dubied, deren Strickmaschinen ab dem 19. Jahrhundert den Namen des Dorfs im Val-de-Travers in alle Welt trugen, zeigt 9.25 Uhr. Das tut sie den ganzen Tag, und es gibt niemanden, der sich darum kümmern würde. Denn die Fabrik, einst mit 750 Arbeitsplätzen Wirtschaftsmotor der Randregion im Neuenburger Jura, hat längst dichtgemacht.

Ein vergessener Ort, könnte man meinen. Weshalb also hier Station machen? Zum einen, weil Dubied für eine vergangene Epoche steht. Inzwischen hat sich das Tal, wo neun Dörfer seit Anfang 2009 eine Einheitsgemeinde mit gut 10000 Bewohnern bilden, nämlich wieder aufgerappelt. Insbesondere siedelten sich in den letzten Jahren Betriebe aus dem Luxusuhren-Segment an, um hier mechanische Uhrwerke herzustellen. Ein Stopp lohnt sich vor allem aber auch, weil das Val-de-Travers mit seinen sattgrünen Juraweiden und spektakulären Felsformationen ein Bijou abseits des Massentourismus ist.

Im holzgetäferten Saal des Hôtel de l’Aigle an der Hauptstrasse von Couvet sitzt einer, der mit beidem – der wirtschaftlichen Renaissance und den landschaftlichen Reizen – zu tun hat: Matthias von Wyss. Vor 18 Jahren ist der Bilingue aus der Stadt Neuenburg hinauf ins Tal der Areuse gekommen, um hier unter dem Label Goût & Région ein Konzept für sanften Tourismus zu etablieren. Was klein anfing, ist zu einem respektablen Unternehmen mit 55 Beschäftigten geworden; dazu ist Goût & Région ein führender Lehrlingsausbildner. Neben dem «Aigle» mit Restaurant und Hotel sind die Asphaltminen von La Presta ein weiteres Standbein des Tourismusprojekts. Dessen Stützpunkt befindet sich beim Bahnhof von Noiraigue, wo Velos (auch E-Bikes) vermietet und Führungen zu den Naturschauplätzen angeboten werden.

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Der Schinken aus dem Asphalt

Nach der Région zum Goût: «Wir bringen auf den Teller, was unser Tal kulinarisch hergibt», erläutert Patron von Wyss das Credo. Eine besondere Spezialität ist Asphaltschinken: Das dick mit Spezialpapier eingepackte Fleischstück wird während vier Stunden in 180 Grad heissem, flüssigem Asphalt gekocht – der Schinken gart in seinem eigenen Saft und bewahrt so Feuchtigkeit und Geschmack. Das Gericht erinnert an einen Brauch der früheren Mineure von La Presta, die jeweils am Tag der heiligen Barbara (4. Dezember), ihrer Schutzpatronin, ein Festmahl auf diese Art zubereiteten. Eine feste Grösse auf der Speisekarte des Hôtel de l’Aigle sind daneben auch Gerichte aus Büffelfleisch (etwa Gulasch) und Büffelmilch; Letztere als schmackhafter Mozzarella zu Salaten oder auf Crostini. Landwirte aus dem Tal waren in den neunziger Jahren die schweizerischen Pioniere, die die Nische der Wasserbüffelhaltung besetzten.

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Tradition verpflichtet: Ausschankset für Absinth

Quelle: Alexander Jaquemet

Die Urquelle der «grünen Fee»

Was fehlt? Natürlich: keine kulinarischen Episoden aus dem Val-de-Travers ohne die «grüne Fee», den geheimnisvollen, da lange verbotenen Absinthschnaps aus Wermutkraut, Anis, Fenchel und weiteren Kräutern. Das Hôtel de l’Aigle, seit dem 18. Jahrhundert eine Wirtschaft und früher Pferdewechselstelle für Frankreichreisende, nimmt für sich in dieser Geschichte einen besonderen Platz in Anspruch: Genau hier, so geht die Sage, habe der Absinth die Entwicklung von der Arznei zum trinkbaren Digestif vollzogen. Der im Nachbarhaus wohnhafte Arzt Pierre Ordinaire, der dem Absinth um 1770 zum Durchbruch verhalf, habe so lange an der Rezeptur getüftelt, bis die damaligen Gäste so richtig auf den Geschmack gekommen waren.

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Heute lassen sich derlei Geschichten bei einem Gläschen «fée verte» von ortsansässigen Brennern beliebig weiterspinnen. Im «Aigle» von Couvet wird der Absinth stilecht mit einer Fontaine serviert: ein Gefäss aus Porzellan mit Hähnchen an der Unterseite, aus denen man langsam Eiswasser in den erst klaren, dann milchig weissen Schnaps tröpfeln lässt. Wer es weniger alkoholhaltig mag, wird auch auf der Dessertkarte fündig – etwa mit einer Crème brûlée à l’Absinthe.

Lauter gute Gründe also, das Val-de-Travers nicht bloss zu traversieren. Der Schnellzug TGV tut das auf seiner Fahrt nach Paris trotzdem. Es sei denn, er habe eine Panne. «Dann müssen wir jeweils ausrücken, um die Passagiere mit Sandwiches zu versorgen», erzählt Matthias von Wyss. Merke: Das Tal der grünen Fee verlässt niemand mit knurrendem Magen.

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Kreatives Duo: Paul Steiner, Matthias von Wyss

Quelle: Alexander Jaquemet

Hôtel de l’Aigle
Grand-Rue 27
2108 Couvet NE
Telefon 032 864 90 50

Übernachtung inklusive Frühstück: 125 Franken fürs Einzel-, 185 fürs Doppelzimmer; täglich geöffnet
www.gout-region.ch

Reszept für 4 Personen


Neuenburger Saucisson (wenn möglich ungeräuchert) am Vorabend in 7,5 Deziliter Pinot noir einlegen, 12 Stunden in der Marinade belassen. Wein mit 1 Liter Rindsbouillon in Pfanne aufkochen, Saucisson 40 Minuten bei 75 Grad darin kochen. 20 Gramm Butter erwärmen und 30 Gramm Mehl beigeben, bis eine kastanienbraune Röstmasse entsteht. Saucisson herausnehmen, warm stellen, nach 15 Minuten schälen. Flüssigkeit inzwischen auf 3 Deziliter einkochen. 2 Deziliter Rahm und die Hälfte des gerösteten Mehls beigeben, unter ständigem Rühren 3 Minuten kochen. Mit Salz und Pfeffer würzen, falls nötig mit dem Rest der Röstmasse verdicken. Saucisson in 1,5-Zentimeter-Scheiben schneiden, in der Sauce aufwärmen, auf einer Platte anrichten.

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«Aigle»-Küchenchef Paul Steiner empfiehlt dazu hausgemachten Kartoffelstock.

Das abgelegene Val-de-Travers ist eine Region, die entdeckt werden will – in der Höhe wie in der Tiefe.

Klicken Sie auf die Grafik, um sie vergrössert anzuzeigen.

Quelle: Alexander Jaquemet

Asphaltminen

Von 1712 bis 1986 wurde in den Minen von La Presta bei Travers Naturasphalt abgebaut, gewonnen aus einem Stollensystem von 100 Kilometer Länge. Ein Teil dieses Labyrinths im Erdinnern steht ­heute Besuchern offen: Mit visuel­len und akustischen Effekten wird nachgestellt, wie die Mineure ­ge­arbeitet haben (Infos zu Führun­gen: Telefon 032 864 90 64).

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Areuse-Schlucht

Auf dem letzten Teilstück hinunter zum Neuenburgersee hat sich das Flüsschen Areuse eine tief eingeschnittene Schlucht in den Fels gegraben – ein Naturschauspiel, das sich über einen kühn angeleg­ten Weg zu Fuss und per Velo entdecken lässt. Ausgangspunkt ist Noiraigue, Ziel Boudry.

Absinthbrennerei

Das Val-de-Travers ist die Heimat des Ab­sinths. 1910 wurde er verboten. Viele Brenner im Tal produzierten aber heimlich weiter. Als das Verbot 2005 aufgehoben wurde, trat Claude-Alain Bugnon als einer der ersten Schwarzbrenner wieder legal auf; die Brenne­rei Artemisia ist sehenswert (Grand-Rue 32a, 2108 Couvet; Telefon 032 863 36 46).

Creux du Van

Wie ein Amphitheater erhebt sich der Steinkessel Creux du Van über dem Val-de-Travers und bietet einen spektakulären Rundblick auf die Juratäler und den Neuen­burgersee. Im ältesten Naturschutz­gebiet der Schweiz (seit 1870) mit seinen bis zu 200 Meter abfallenden Felswänden leben Steinböcke und Raubvögel. Wanderung ab Noiraigue über 740 Höhenmeter zum Gipfelrestaurant Ferme du Soliat.

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