Die Lektion beginnt mit einer Repetition. «Welcher Wochentag ist heute?», fragt Isabel Seiler Prieto. «Lunes», antwortet Sonja. Montag. «Und morgen?», fragt die Lehrerin weiter. Heinz, der an der Reihe ist, überlegt, zuckt mit den Schultern. «Ziischtig», sagt er und lacht.

Der Siebenergruppe, die in Zofingen einen Spanischkurs der Pro Senectute Aargau besucht, geht es wie allen, die eine neue Sprache lernen. Manche Wörter hat man schneller drin, bei anderen dauert es länger. Aber das ist in Ordnung. Denn in dem Seniorenkurs ist der Weg Teil des Ziels.

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Es geht nicht nur darum, möglichst rasch auf Spanisch eine Unterhaltung führen zu können. Sondern auch darum, sich mit etwas Neuem zu beschäftigen – die grauen Zellen in Schwung zu halten.

«Viele Menschen haben Angst, im ­Alter die Denkfähigkeit und damit die Selbständigkeit zu verlieren»

Christina Röcke, Geschäftsführerin Healthy Longevity Center

Zwar haben alle ihre Gründe, weshalb sie gerade Spanisch lernen wollen. Der 72-jährige Ralph Reimann erzählt, er komme auf Kreuzfahrten immer wieder in spanischsprachige Gebiete. Die 63-jährige Angelina Bitterli kam einst in den Flitterwochen auf Teneriffa mit der Sprache in Berührung.

Hans und Ruth Soland, 85 und 81 Jahre alt, sind von ihrer venezolanischen Schwiegertochter nach Südamerika eingeladen worden. Aber alle betonen auch, es tue ihnen generell gut, im Alter noch einmal etwas Neues zu lernen.

Damit sind sie nicht allein: Das Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich fragte für eine im Jahr 2021 erschienene Studie schweizweit 1004 Personen über 60, weshalb sie an einem Seniorenbildungsangebot teilnahmen oder teilnehmen würden.

Die beiden wichtigsten Gründe waren der Wunsch, das Allgemeinwissen zu erweitern, und die Absicht, sich geistig fit zu halten.

«Viele Menschen haben Angst, im Alter die Denkfähigkeit und damit die Selbständigkeit zu verlieren», sagt Christina Röcke, wissenschaftliche Geschäftsführerin und stellvertretende Direktorin des Healthy Longevity Center der Universität Zürich. Auch deshalb sind Angebote von Seniorenuniversitäten, Volkshochschulen oder Pro Senectute beliebt.

Den geistigen Abbau aufhalten

Dass es mit dem Lernen nicht mehr so geschmiert läuft, merken die Teilnehmer des Spanischkurses selbst. «Es ist schwieriger als früher», sagt Hans Soland. «Ich muss üben, üben, üben.» Und Ralph Reimann erinnert sich, wie er als 20-Jähriger der Arbeit wegen nach Südafrika zog.

Einen Englischkurs besuchte er dort nie. «Ich nahm die Sprache einfach auf.»

Wie der geistige Abbau im Lauf des Lebens voranschreitet, ist laut Röcke gut untersucht. Wobei: Messen lässt sich geistige Fitness nicht mit einem einzigen Parameter. Um sich in einer Grossstadt zurechtzufinden, benötigt das Hirn andere Areale und Verknüpfungen als beim Rechnen.

Ein Memory zu spielen, ist nicht dasselbe, wie einen Roman zu schreiben.

Nicht alle Fähigkeiten des Gehirns verändern sich im Lauf des Lebens auf dieselbe Weise. Die Forschung unterscheide zwischen fluider Intelligenz und kristalliner Intelligenz, erklärt Christina Röcke.

«Während manche Menschen zwischen 40 und 60 deutlich abbauen, verbessern sich andere sogar.»

Christina Röcke

Fluide Intelligenz ist die Fähigkeit, flexibel zu denken oder Probleme ohne konkretes Vorwissen zu lösen. «Ein Mass dafür ist die Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns – und diese nimmt ab dem Alter von ungefähr 30 Jahren ab.»

Die kristalline Intelligenz hingegen umfasst Wissen und Fähigkeiten, die man sich nach und nach erworben hat, etwa das Leseverständnis oder Vokabelwissen.

Solche Fähigkeiten verbessern sich über das Erwachsenenalter und lassen laut Studien erst ab dem Alter von 60 bis 70 Jahren merklich nach. «Allerdings sind die Unterschiede in allen Bereichen der Denkfähigkeit enorm», sagt Röcke.

«Während manche Menschen zwischen 40 und 60 deutlich abbauen, verbessern sich andere sogar.» Wie also lässt sich dem geistigen Abbau entgegenwirken? «Eine Wunderpille gibt es nicht», sagt Röcke. Aber es gebe sehr viele Möglichkeiten, das Gehirn zu trainieren.

«Die gute Nachricht dabei ist: Wer trainiert, wird besser. In jedem Alter.» Die schlechte jedoch: Die Verbesserung beschränkt sich auf das, was man trainiert.

«Ältere Leute lernen fleissiger als jüngere.»

Isabel Seiler Prieto, Spanischlehrerin

Wer Wörter büffelt, vergrössert den Wortschatz, tut aber nichts für sein Rechenvermögen. Wer Tangram spielt, verbessert seinen Orientierungssinn, aber keine sprachlichen Fähigkeiten.

«Was man jedoch erreichen möchte, ist ein Transfer des Trainings auf andere Lebensbereiche», sagt Röcke. Deshalb sind Trainings besser, die verschiedene Lernkomponenten enthalten. Wer einen Tanzkurs besucht, braucht seine Hirnzellen für die Koordination der Schritte, für den Kontakt mit der Tanzpartnerin und das Abspeichern der Choreografie.

Auch eine neue Sprache zu lernen, sei sehr empfehlenswert, sagt Röcke. Denn es geht dabei eben nicht nur darum, Vokabeln wie die Wochentage zu lernen. Jede Sprache hat auch ihre eigene Grammatik.

In der Spanischlektion in Zofingen will Ralph gerade wissen, was der Unterschied zwischen «ser» und «estar» sei. Ins Deutsche übersetzt, bedeuten beide Verben «sein». Isabel Seiler Prieto hört die Frage nicht zum ersten Mal – es ist eine klassische grammatikalische Hürde für Spanischanfänger.

Auch bei der Verwendung von Adjektiven heisst es umdenken: Wenn Heinz und Angelina einander kennenlernen und sich hocherfreut darüber zeigen, dann ist er «encantado», sie aber «encantada».

Das mag für jemanden, der lateinische Sprachen beherrscht, nach einem Kinderspiel klingen. Doch für das Gehirn ist es eine Leistung, solche Details so zu verinnerlichen, dass sie im Gespräch rasch abrufbar sind.

Ein Gruppenkurs bedeutet auch Interaktion: Zu zweit fragen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einander nun nach Berufen ab. Da gilt es, einander zuzuhören, aufeinander einzugehen, nachzuhaken.

Diese soziale Komponente sei nicht zu unterschätzen, sagt Altersforscherin Christina Röcke. Deshalb sei ein Sprachkurs in einer Gruppe auch etwas anderes, als allein mit einer App zu lernen. «Der soziale Umgang fordert das Gehirn – und sich zu fordern, ist wichtig.»

Das Gehirn braucht Neues

Das ist auch der Grund dafür, dass Sudokus oder Kreuzworträtsel nicht sonderlich geeignet sind, um dem geistigen Abbau entgegenzuwirken. Mit der Zeit kennt man jede Rätselfrage und jeden Lösungsweg.

Auch Zeitung oder Bücher zu lesen, ist keine Herausforderung für jemanden, der es regelmässig tut. «Lesen ist besser als fernsehen; aber wenn man wirklich etwas fürs Hirn tun möchte, sollte man etwas Neues ausprobieren, das eine gewisse Komplexität aufweist», sagt Röcke.

Ob jemand ein neues Instrument oder das Nähen von Patchworkdecken lernt, ist egal. Hauptsache, es macht Spass. Gleichzeitig sollte man die Bewegung nicht vergessen. Wer körperlich aktiv ist, bleibt auch geistig fitter, denn Sport verbessert die Durchblutung des Gehirns.

Mit einer App lassen sich Dialoge aus dem Übungsbuch zu Hause am Smartphone nachhören.

Mit einer App lassen sich Dialoge aus dem Übungsbuch zu Hause am Smartphone nachhören.

Quelle: Remo Inderbitzin

Keine gute Idee ist es, jeden Monat ein neues Hobby zu suchen. Dranbleiben und sich in ein Thema vertiefen ist besser. Damit haben ältere Menschen oft weniger Mühe als jüngere. «Seniorinnen und Senioren sind sehr gründlich und gewissenhaft. Sie lernen fleissig», sagt Isabel Seiler Prieto.

Sie unterrichte auch jüngere Menschen, erzählt die Spanischlehrerin. Bei diesen stelle sie eher fest, dass manche möglichst rasch einige Sätze reden wollten und sich weniger um grammatikalische Finessen kümmerten.

Die Doppellektion ist zu Ende, die Lehrerin verspricht, der Klasse eine Folie zu schicken. Technik, sagt sie, sei ein wichtiger Aspekt bei Kursen mit älteren Menschen. Moderner Sprachunterricht verwendet nicht nur Bücher.

Mit einer App lassen sich Dialoge aus dem Übungsbuch zu Hause am Smartphone nachhören. Manche würden dafür sogar ein Handy kaufen. Den Umgang damit zu lernen, ist eine weitere Herausforderung, an der das Gehirn wachsen kann.