Goldenpass heisst der Zug, der kräftig den Hang hinaufzieht, und ein hochkarätiges Erlebnis ist diese Alpauffahrt tatsächlich. Durch das Fenster sehen wir die Alpen, den tiefblauen Genfersee und das Rhonetal, das sich zum Wasser hin weitet. Wir haben Montreux unter uns gelassen und steigen in Les Avants auf die Standseilbahn um. Über 100 Jahre ist sie alt, und langsam ruckelt sie den Berg hoch bis nach Sonloup.

In ein paar Jahren wird uns hier vielleicht Keith Richards empfangen. In eine Wolldecke gewickelt, würde der Rolling-Stones-Gitarrist an einem Kräutertee nippen und mit Hollywood-Skandalnudel Lindsay Lohan tratschen. Denn das Hotel Sonloup, das direkt an der Bergstation liegt, soll bald in eine Fünf-Sterne-Entzugsklinik umgewandelt werden. Für Menschen mit Geld und Problemen.

Ein Stück Tourismusgeschichte

Aber das Schicksal der Prominenten interessiert uns nicht. Hier oben gibt es viel schönere Abgründe, in die man schauen kann. Rechts fällt der Hang steil ab, und weit unten ist Vevey zu erkennen, zu unserer Linken blicken wir auf die Häuser von Les Avants und den Dent de Jaman, der aus den sanften Hügeln ragt wie ein letzter Zahn aus einem alten Gebiss.

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Les Avants war einer der ersten Win­ter­sportorte in der Schweiz. Bereits im 19. Jahrhundert verbrachten hier Kur­gäste aus England und Russland die kalten Monate, und sie reisten erst wieder ab, wenn der Schnee geschmolzen war und ein ganz anderes Weiss die Wiesen bedeckte: «la neige de mai», Maischnee, so nennen die Einheimischen die Narzissen, die hier zu Tausenden blühen.

Wir folgen dem Narzissenweg in ein lichtes Waldstück. Tannennadeln federn unsere Schritte ab, und Wurzeln bieten uns Tritte, kleine Hügel hoch und wieder runter. Wir marschieren Le Cubly entgegen, von wo man die Palmenpromenade von Montreux, die Weinberge des Lavaux und die Jurakette überblicken kann, die sich hinter Lausanne erhebt.→

Während der Belle Époque waren die weissen Narzissen das wichtigste Werbesujet der Region. Die Gäste brachten sie gleich körbeweise als Souvenir in ihre Heimat zurück. Heute sind die Blumen geschützt, und das Pflücken ist auf einen Strauss pro Person beschränkt. Aber so schön wie die von Mai bis Juni weissen Wiesen, durch die der Wanderweg in Richtung Les Avants führt, kann ein mickriges Sträusschen auf dem Küchentisch sowieso nicht sein.

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Vom Blumenmeer in den Dschungel

Es wird Zeit für den zweiten Teil unserer Wanderung: den Abstieg nach Montreux durch die wilde Gorge du Chauderon. Der Geruch des Bärlauchs sticht in unsere Nasen, der tosende Lärm der Baye de Montreux dringt in die Ohren. Der Bach entspringt am Fuss des Cape au Moine und frisst seinen Weg durch die Schlucht bis hinunter zum Genfersee.

Wir wandern vorbei an moosüberwachsenen Felsbrocken, unter bröckelnden Klippen hindurch und an Felswänden vorbei, die mit Farn und Efeu dicht verhangen sind, über Brücken und über in Stein geschlagene, mit Brettern ausgelegte Pfade.

Mal stehen wir vor Wasserfällen, mal windet sich der schäumende Bach durch Felsspalten und kommt in eisblauen Becken zur Ruhe. Nach dem Blumenmeer das grandiose Finale im Dschungel – ein besseres Drehbuch kann die Natur nicht bieten. Der Wald lichtet sich, es wird still, und wir finden uns mitten in der Altstadt von Montreux wieder. Ein Ende so unverhofft wie Schnee im Mai.

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1. Wilde Schlucht

Route: Sonloup–Le Cubly–Azot–Les Avants–Montreux
Charakter: leichte Bergwanderung
Wanderzeit: 2 Stunden und 50 Minuten
Distanz: 9 Kilometer
Aufstieg:
149 Meter
Abstieg: 907 Meter
Saison:
ganzjährig. Die Narzissen blühen ab Mitte Mai.
Karte: Landeskarte 1:25 000; Blatt 1264, Montreux
Anreise: von Montreux mit dem Zug nach Les Avants und mit der Standseilbahn nach Sonloup.

  • Essen: Beim Bahnhof Les Avants liegt das «Relais». Vor dem Abstieg kann man hier eine Rösti oder ein Moelleux aux Chocolat essen und direkt von der Sonnenterrasse aus hinunter in die Gorge du Chauderon stechen. www.cafe-restaurantlerelais.com

  • Übernachten: Im Cheminée lodert das Feuer, im Topf brodelt das Fondue, und über dem Genfersee glitzert die Abendsonne. Die Grandhotels unten an der Riviera mögen edle Häuser sein, doch auf der Terrasse der Hostellerie de Caux findet man den wahren Luxus: familiäre Gemütlichkeit und eine unschlagbare Aussicht. www.hostellerie-caux.com
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  • Attraktion: Von 1897 bis 1957 feierte man das Ende der Wintersaison an der Waadtländer Riviera mit dem Narzissenfest. Internationale Orchester traten auf, Opern wurden aufgeführt. Sogar amerikanische Zeitungen berichteten von dem Ereignis. Dieses Jahr wird die Tradition mit einem Blumenkorso wiederbelebt, der am 30. Mai durch die Strassen von Montreux zieht. Weitere Infos: www.fetedesnarcisses.ch
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2. Narzissenweg von Caux

Route: ausgeschilderter Rundweg ab Bahnhof Caux
Charakter: leichter Spaziergang
Wanderzeit: 50 Minuten
Distanz: 2,3 Kilometer
Aufstieg: 133 Meter
Abstieg: 135 Meter
Saison: ganzjährig
Karte: Landeskarte 1:25 000; Blatt 1264, Montreux
Anreise: von Montreux mit dem Zug nach Caux

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  • Sehenswertes: Wie ein riesiges Märchenschloss thront das ehemalige Grand Hôtel Caux-Palace hoch über dem Genfersee. Als das Hotel 1902 eröffnet wurde, war es das grösste und luxuriöseste der ganzen Schweiz. Heute führt eine Ausstellung durch die bewegte Geschichte des Hauses.

3. Übers Hochmoor nach Les Avants

Route: Fayaux–Les Pléiades–Les Tenasses–Lautaret–Sauteret–Sonloup–Les Avants
Charakter: leichte Bergwanderung
Wanderzeit: 4 Stunden und 20 Minuten; mögliche Verlängerung um zwei Stunden durch die Gorge du Chauderon nach Montreux
Distanz: 13,4 Kilometer
Aufstieg: 734 Meter
Abstieg: 748 Meter
Saison: ganzjährig. Die Narzissen blühen in Les Avants ab Mitte Mai, im höher gelegenen Les Pléiades rund zwei Wochen später.
Karte: Landeskarte 1:50 000; Blatt 262, Rochers de Naye
Anreise: ab Vevey mit dem Zug nach Fayaux

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  • Sehenswertes: Im Hochmoor Les Tenasses wächst die seltene, fleischfressende Schlauchpflanze, die ursprünglich aus Nordamerika stammt.