Jahrelang wünschte sich Karin Anders, die Musik zum Beruf zu machen. «Aber ich traute mich nicht. Nicht ohne Weiterbildung», sagt die 37-Jährige. Dann stiess die ausgebildete ­Erzieherin auf den Studiengang «Master of Advanced Studies in Popmusik». Diesen Sommer schloss sie die Weiterbildung an der Berner Fachhochschule ab – und ist ernüchtert. Sie hat zwar ein Diplom, nicht aber den erhofften Job. «Die Weiterbildung in Popmusik hat mir inhaltlich sehr viel gebracht», sagt sie. «Nur beruflich und finanziell nicht.»

Studiengangsleiter Immanuel Brockhaus kennt die Problematik: «Die Weiterbildung ist kein Garantieschein für einen Job.» Der Abschluss sei von Kanton zu Kanton und von Schule zu Schule unterschiedlich bekannt und wirke sich auch nicht überall auf den Lohn aus. Laut Brockhaus kämpft die Fachhochschule damit, die potentiellen Arbeitgeber ihrer Absolventen, die Musikschulen, überhaupt zu erreichen. «Es gibt viele Weiterbildungen in diesem Bereich. Die Musikschulen werden mit Informationen überflutet.»

Tierkinesiologen und Kinderchorleiter

Der Weiterbildungsmarkt ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Während Stellen­inserate immer rarer werden, häufen sich Anzeigen, in denen Schulen ihre Weiterbildungen in den höchsten Tönen anpreisen. Experten schätzen, dass es inzwischen 2000 bis 4000 Anbieter gibt. Genaue Zahlen fehlen, ebenso eine einheitliche Definition von Weiterbildung. Private Lehrper­sonen, kleine Sprachschulen, höhere Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten – sie alle bieten Weiterbildungen an. Sprach-, Computer-, Manage­mentkurse, Studiengänge zum Tierkinesiologen, Kinderchorleiter oder Neue-Medien-Spezia­listen: Vieles lässt sich mit Zertifikat oder Diplom abschlies­sen – und der nächsten Bewerbung beilegen. 1500 Weiterbildungsdiplome vergaben allein die Unis letztes Jahr, 2916 die Fachhochschulen – sieben Prozent mehr als 2010.

Weiterbildung ist ein sehr lukratives Geschäft. Die Schweizer Bevölkerung gibt dafür jährlich rund 5,3 Milliarden Franken aus. Ein mehrjähriger berufsbegleitender Weiterbildungslehrgang kostet bis zu 50'000 Franken. Kein Wunder also, dass der Markt boomt.

Dieses schnelle Wachstum macht die Orientierung immer schwieriger. Unübersichtlich und chaotisch sei der Weiterbildungsmarkt, kritisieren Experten. Rudolf Strahm, Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB), sieht gar «Wildwuchs»: «Jeder kann heute ein Diplom ausstellen. Von sehr guter Qualität bis Schrott ist alles dabei.» Selbst Anbieter nennen ihr Geschäft inzwischen «intransparent». Das zeigt eine SVEB-Umfrage.

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Durch die Hintertür in den Kurs

Die Qualität der Lehrpersonen und der Kurse lässt sich oft nur schwer überprüfen. Etwa bei den Fachhochschulen. Das Gesetz erlaubt hier nicht nur Dozierende mit Universitätsabschluss, sondern auch Leute mit ausschliesslichem Berufshintergrund. Folglich muss die Lehrperson im Extremfall nicht einmal eine Matura vorweisen, um vor einer Klasse zu stehen. Dasselbe gilt für die Kursteilnehmer. Erfüllen sie die Voraussetzungen für einen Studiengang nicht, drückt da und dort ein Anbieter ein Auge zu – auf die Gefahr hin, dass die Person im Unterricht überfordert ist oder ein Teil der anderen Teilnehmer sich langweilt. Das Ganze nennt sich Sur-Dossier-Aufnahme und kann als Hintertürchen missbraucht werden, um eine Klasse zu füllen und den Studiengang rentabel zu machen.

Auch der Arbeitgeberverband sieht Pro­bleme: «Nicht alle Abschlüsse bringen auf dem Arbeitsmarkt einen Mehrwert», sagt Jürg Zellweger, Spezialist für Bildung und Weiterbildung. Besonders private Anbieter und Fachhochschulen würden ihre Angebote vermehrt nach Verkaufsaspek­ten gestalten: «Manchmal gehen die Weiterbildungen an den Arbeitsmarktbedingungen vorbei.» Ein Beispiel: Crashkurse im Bereich Investmentbanking. Zellweger sieht die Idealform in einer Einflussnahme des Arbeitsmarkts bei den Angeboten. «Wie das über Rahmenlehrpläne bei den höheren Fachschulen der Fall ist oder bei den eidgenössischen Prüfungen, wo Berufsverbände die Inhalte definieren.»

Von überall her gibt es Zweifel an der Transparenz und Qualität von Weiterbildungsangeboten. Die Kritik gilt auch dem Bund: Die Qualität werde von staatlichen Stellen kaum kontrolliert, selbst bei jenen Weiterbildungen nicht, die mit eidgenössisch anerkanntem Diplom abschlössen, monieren etwa Fachhochschul­kreise. Das zuständige Bundesamt für Berufsbildung und Technologie verteidigt sich: Bei den Fachhochschulen mache der Bund im Bereich Weiterbildung sehr wohl Vorgaben zu Zulassung, Studienumfang und Titel. Mehr aber auch nicht. Thomas Baumeler, Leiter der Abteilung Diplomanerken­nung und Recht: «Die Anbieter von Weiterbildung sind selbst für Qualität und Qualitätsentwicklung verantwortlich. Es war nie das Ziel, eine Bewilligungsmaschinerie ein­zurichten und jedes einzelne Angebot zu bewilligen und regelmässig zu überprüfen.»

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Die Doktrin vom lebenslangen Lernen

Trotz Chaos und hohen Kosten lassen sich Schweizerinnen und Schweizer nicht von Weiterbildungsplänen abhalten. Schon in der Primarschule haben ihnen die Lehrer eingeimpft, dass Bildung in einem Land ohne Rohstoffe das wichtigste Gut ist. Das Motto vom lebenslangen Lernen hat sich in den Köpfen festgesetzt. Der internationale Wettbewerb verstärkt das zusätzlich: Wer beruflich weiterkommen will, muss zei­gen, dass er flexibel, offen und leistungs­bereit ist und sich permanent weiterbildet.

Das glaubt auch IT-Spezialist Mark K.* aus Olten. Er arbeitet seit 20 Jahren in seinem Beruf, früher als Alleinverantwortlicher in einer mittelgrossen Firma, heute als Fachmann in einem Grossbetrieb. Einmal pro Woche drückt er derzeit die Schulbank – für einen Kurs, der ihm bestätigen wird, dass er die Arbeit, die er seit Jahren täglich macht, auch beherrscht. «Ich mache den Kurs vor allem, um bei der Jobsuche ein Papier in den Händen zu haben», erklärt er.

Wer eine Lehre oder einen Mittelschulabschluss hat und danach zu arbeiten beginnt, sammelt besonders intensiv Weiterbildungsdiplome. Das zeigt der Bildungsbericht 2010. «Diese Gruppe Berufstätiger hofft, so das Niveau von Hochschulabsolventen zu erreichen», erklärt Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordina­tionsstelle für Bildungsforschung. Diese bilden sich allerdings fast so fleissig weiter. Nur eine Gruppe fällt ab: Leute, die ausschliesslich die obligatorische Schul­zeit absolviert haben. «Weiterbildungsangebote verkleinern also die Kluft nicht, die bei der Grundbildung entstanden ist, sondern vergrössern sie zusätzlich», so Wolter.

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Wie stark schon Jugendliche das Credo «lebenslanges Lernen» verinnerlicht haben, zeigt die Erfahrung von Esther Niedermann, Leiterin der Fachstelle Berufs-, ­Studien- und Laufbahnberatung Appenzell Ausserrhoden: «Sie kommen häufig schon vor Abschluss der Lehre oder Berufsmaturität zu uns und erkundigen sich nach Weiterbildungsmöglichkeiten.» Generell melden sich immer mehr Leute mit Fragen zu Weiterbildungen bei öffentlichen Laufbahn­beratungen. Das zeigt eine Umfrage des Beobachters. Jürg Enderli etwa vom Laufbahnzentrum der Stadt Zürich sagt: «Dank dem Internet sind die Menschen zwar viel besser informiert als früher, aber nicht ­weniger verwirrt.» Dazu Jan Vosse von der Zentralstelle für Berufsberatung in St. Gallen: ­«Unter demselben Schlagwort findet man Kurse, die von einem verlängerten Wochenende bis zu Jahren dauern.» Da die Spreu vom Weizen zu trennen und richtig zu wählen brauche viel Zeit.

Carlotta Henggeler nahm sich diese Zeit. Die 37-Jährige ist Redaktorin bei der TV-Zeitschrift «Tele» und hat den ein­jährigen Lehrgang zur PR-Fachfrau mit eidgenössischem Fachausweis absolviert. Gesamtkosten: knapp 10'000 Franken. Um sicherzugehen, dass die Sache ihren Wünschen entspricht, vereinbarte sie eigens einen Termin bei der Schulleitung und liess sich den Stoffplan genau erklären. Das taten nicht alle: «Viele hatten ein völlig falsches Bild vom Lehrgang. Sie hatten sich nicht ausreichend informiert und waren dann enttäuscht, dass der Unterrichtsstoff teils etwas trocken war», sagt sie. In der Folge gingen nur fünf der neun Kursteilnehmer an die eidgenössische Prüfung. Nur Henggeler und ein Mitstudent bestanden. «Viele haben den Aufwand unterschätzt und so eine Menge Geld für nichts ausgegeben», bilanziert sie.

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So strategisch wie Henggeler gehen nicht alle vor, weiss Weiterbildungsexperte Jürg Enderli: «Es gibt Leute, die nehmen von allem etwas, nur um nichts zu verpassen.» Das berge Gefahren. Und viele interpretierten schon den Begriff Weiterbildung falsch. Weiterbildung bedinge eine gewisse Vorbildung – theoretisch oder praktisch. Wer auf einen Neueinstieg hoffe, habe es in der Regel schwer. Ein Beispiel dafür seien Kurse im Bereich Kulturmanagement, so Enderli. «Da sind Beziehungen sehr wichtig. Neulinge, die sich allein durch eine Weiterbildung einen Job erhoffen, werden oft enttäuscht» (siehe Interview mit Jürg Enderli).

Viel Geld und viel Zeit investiert und schlimmstenfalls ein Diplom in der Hand, das nichts bringt – das darf nicht sein. Der Bund soll mehr Ordnung in den Weiterbildungswirrwarr bringen: 2006 nahm das Volk die revidierte Bildungsverfassung an, die auch die Weiterbildung neu regeln soll. Frühestens nächstes Jahr debattiert das Parlament dazu.

Geplant: Minimale staatliche Standards

Laut Thomas Baumeler vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie soll das neue Gesetz die Kurse und Studiengänge vor allem transparenter machen. «Es nimmt dem Konsumenten aber nicht die Arbeit, zu klären, in welchen Apfel er beis­sen will.» Es sei weiterhin keine «eidgenössische Akkreditierungsstelle» für Weiterbildungsangebote geplant. Hingegen sind im Gesetzesentwurf Standards vorgesehen. Allerdings sollen diese nur für jene Anbieter verbindlich sein, die staatlich geregelt sind oder vom Staat Geld erhalten. Sie werden mini­male Angaben machen müssen wie: Was kostet die Weiterbildung, was sind die Aufnahmebedingungen, wie lange dauert sie, mit welchem Titel schliessen die Teilnehmer ab? Die anderen privaten, nicht staatlich unterstützten Anbieter sollten aus ­eigenem Antrieb nachziehen und auf neue oder bestehende Qualitäts­siche­rungslabels wie Eduqua setzen, so Baumeler.

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Eduqua will sicherstellen, dass das Kurs­angebot, die Kommunikation und die Dozierenden gut sind, der Lern­erfolg soll nachweisbar sein und die Qualitätssicherung und -entwicklung stimmen. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren empfiehlt den Kantonen, sich an dem Label zu orientieren und Subven­tionen davon abhängig zu machen. Bislang tragen nur etwa 1000 private Anbieter von Weiterbildungen und höhere Fachschulen die Eduqua-Zertifizierung. Universitäten und Fachhochschulen lassen sich derweil immer häufiger von internationalen Agenturen in aufwendigen, teuren Prozessen akkreditieren: Das garantiert einen gewissen Qualitätsstandard und wertet einen Abschluss auch über die Landesgrenzen hinaus auf.

«Lebensmittel sind auch deklariert»

Das Weiterbildungsgesetz wird frühestens 2015 in Kraft treten. Dann wird sich zeigen, ob und wie Weiterbildung künftig transparenter wird – und wer die vorgesehenen besseren Qualitätsstandards wie kontrolliert. Der Schweizerische Verband für Weiterbildung hofft, dass im Gesetz wirklich Richtlinien zur Transparenz und Qualität für staatliche Anbieter und Empfehlungen für private verankert werden. Direktor André Schläfli will eine Deklarationspflicht: «Der Konsument muss wissen, welche Leistungen er mit der Weiterbildung erhält und was der Abschluss wert ist. Bei Lebensmitteln ist eine Deklaration heute völlig normal.» Bildungsforscher Stefan Wolter dagegen sieht keinen Handlungsbedarf: «Qualitätsunterschiede sind im Markt völlig normal und kein Zeichen für dessen Versagen. Der Staat muss nicht eingreifen.» Sobald eine Weiterbildung einen gewissen Preis übersteige, seien die Kunden bereit, dafür zu zahlen, dass jemand Licht in den Angebotswirrwarr bringe. «So wird rasch ein Markt von Anbietern entstehen, die solche Informationen verkaufen oder vergleichen.»

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Wann sich der Weiterbildungsdschungel lichtet, bleibt noch eine Weile lang offen. Karin Anders mit ihrem MAS in Popmusik erteilt inzwischen privat Gesangsstunden, schreibt Lieder und macht bald eine Schwangerschaftsvertretung an einer ­Musikschule. Sie will vielleicht noch eine Weiterbildung anhängen und hofft weiter, mit ihrem Diplom eine gute Festanstellung als Musiklehrerin zu finden.

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Quelle: Thinkstock Kollektion

Die Wege zur Weiterbildung

Diese Möglichkeiten der Fortbildung gibt es in der Schweiz nach der obligatorischen Schulzeit (von unten nach oben).

So findet man die passende Weiterbildung

  • Welchen Ruf hat der Anbieter auf dem Arbeitsmarkt/bei Absolventen/bei den Arbeitgebern? Je besser die Reputation, desto grösser ist der Wert des Abschlussdiploms.

  • Wie sieht die Beratung für Interes­sierte aus? Wie informativ ist die Studiendokumentation? Lassen sich individuelle Bedürfnisse in persönlichen Gesprächen klären?

  • Wie qualifiziert sind die Mitstudierenden? Welches Alter haben sie? Ihre Qualifikation (Ausbildung, Praxis- und Lebenserfahrung) erhöht die Unterrichtsqualität.

  • Wie lauten die Zulassungsbedingungen? Werden diese bei der Aufnahme von Studierenden auch eingehalten?

  • Wann findet der Präsenzunterricht statt? Wie viele Tage obligatorischer Präsenzunterricht und wie viel Selbststudium beinhaltet das Programm?

  • Welches Abschlussdiplom erhalten Absolventen? Welchen Stellenwert hat es auf dem Arbeitsmarkt? Eine inter­national anerkannte Akkreditierung wertet ein Diplom auf.

  • Wie hoch sind allfällige separat ­verrechnete Prüfungskosten?

  • Existiert für die Absolventen nach dem Abschluss ein Ehemaligennetzwerk?
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Orientierungs- und Auswahlhilfen

Obenstehende Tipps «So findet man die passende Weiterbildung» sind einer Checkliste entnommen, die die FHNW als Orientierungs- und Auswahlhilfe zusammengestellt hat: www.fhnw.ch (PDF 47 kb)

Weitere Links zur Orientierungshilfe:
www.alisearch.ch
www.berufsberatung.ch/weiterbildung

Interview Jürg Enderli, Laufbahnberater

Jürg Enderli über die Furcht, beruflich den Anschluss zu verlieren, angeschwollene Personaldossiers und fragwürdige Modeweiterbildungen. 

Jürg Enderli, 47, ist ausgebildeter Psychologe und Berufsberater und ­arbeitet als Bereichsleiter beim ­Laufbahnzentrum der Stadt Zürich.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Beobachter: Sind wir Schweizer dem Weiterbildungswahn verfallen?
Jürg Enderli: Weiterbildung ist tatsächlich viel relevanter als noch vor 10 bis 15 Jahren. Zwar gab es schon immer jene Gruppe von Leuten, die sich beruflich verbessern wollte. Neu sind aber jene, die besorgt sind, den Anschluss zu verlieren. Wenn sich heute jemand fragt, ob er eine Weiterbildung machen soll oder nicht, spielt Angst eine entscheidendere Rolle als früher.

Beobachter: Warum?
Enderli: In einer Gesellschaft, in der lebenslanges Lernen derart propagiert wird wie bei uns, ist diese Angst nachvollziehbar. Auch ich muss leer schlucken, wenn ich das Dossier einer Person in Händen halte, die 20 Jahre im selben Job gearbeitet hat, ohne sich einmal weitergebildet zu haben. So jemand hat tatsächlich den Anschluss verpasst und muss versuchen, auf den nächsten Zug aufzuspringen.

Beobachter: Also raten Sie jeder und jedem, sich weiterzubilden?
Enderli: Nicht unbedingt. Es gibt die Extremfälle: jene, die eine Weiterbildung an die nächste reihen. Das wirkt nicht zwangsläufig beeindruckend. Ich war selbst Personalverantwortlicher. Einmal erhielt ich von einem Kandidaten, der etwa 15 Jahre im Berufsleben stand, ein zwei Zentimeter dickes Dossier mit unzähligen Diplomen und Zertifikaten. Das wirkte abschreckend. Ich konnte nicht mehr erkennen, wo die Kernkompetenzen des Bewerbers lagen. So wird es nicht nur mir bei solchen Fällen ergehen.

Beobachter: Es gibt also auch zu viel ­Weiterbildung?
Enderli: Absolut. Ich rate den Leuten deshalb, ihre Laufbahn bewusst zu planen und nicht wie an einem Selbstbedienungsbuffet alles mitzunehmen, was angeboten wird. Auch an Weiterbildungen muss man gezielt herangehen, wenn sie einen beruflich weiterbringen sollen. Potentielle Arbeitgeber sollten einen Nutzen in dem Kurs oder Lehrgang sehen.

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Beobachter: Wie findet man heraus, was sinnvoll ist?
Enderli: Eine Weiterbildung ist sinnvoll, wenn es einen Anlass gibt, sie zu machen. Im besten Fall geschieht das in Absprache mit dem Arbeitgeber, so dass der Mitarbeiter das Gelernte auch gleich am Arbeitsplatz umsetzen kann. Die andere Variante: Jemand möchte eine Firma verlassen und eine komplett neue Richtung einschlagen. Er wählt eine Weiterbildung, weil ihn diese arbeitsmarktfähiger macht und im Idealfall beruflich auch noch weiterbringt.

«Angst spielt heute eine entscheidendere Rolle»

Jürg Enderli

Beobachter: Aber das Angebot ist riesig. Wie findet man sich zurecht?
Enderli: Vorsicht geboten ist sicher bei neuen, exotisch anmuten­den Weiterbildungen, auch wenn sie spannend klingen. Zudem sollte man sich fragen, wie arbeitsmarkttauglich die Weiterbildung ist. Am besten erkundigt man sich bei potentiellen Arbeitgebern, ob sie einen entsprechenden Abschluss gou­tieren, oder in einem Berufs­informationszentrum, wie anerkannt der Abschluss wirklich ist.

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Beobachter: Sind denn wenigstens die inter­national anerkannten ECTS-Punkte ein Garant für Qualität?
Enderli: Nicht immer. Als diese MAS-Lehrgänge vor einigen Jahren kreiert wurden, schossen die Weiterbildungen wie Pilze aus dem Boden.

Beobachter: Kritiker sehen in den modulartig aufgebauten MAS- und CAS-Weiterbildungen ein Selbstbedienungsbuffet, wo die Qualität leidet.
Enderli: Das kann ich teilweise nachvollziehen. Es ist tatsächlich so, dass man theoretisch an dieser Schule ein Modul, an jener ein anderes machen und schliesslich eine Masterarbeit einreichen kann. So erhält man einen MAS-Titel. Früher organisierte jede Schule ihre eigenen kompletten Weiterbildungsgänge. So gab es keine Doubletten, der Ablauf war abgestimmt. Heute organisiert der Studierende fast alles selbst. Da stellt sich die Frage, wer für die Qualität dieser Weiterbildung verantwortlich ist. Ganz sicher darf es nicht der Studierende sein. Doch genau darauf steuern wir aktuell zu.

Beobachter: Sehen Sie weitere Probleme bei der Wahl einer Weiterbildung?
Enderli: Der Begriff Weiterbildung wird häufig missverstanden. Zum Beispiel beim Kulturmanagement, das jahrelang im Trend war: Die Kurse wurden von sehr vielen Interessierten absolviert, die keine berufliche Erfahrung in dem Gebiet hatten. Die Branche ist relativ übersichtlich. Deshalb kommt es stark auf Beziehungen an. Wer diese Weiterbildung also mit der Hoffnung macht, einen Einstieg in einen neuen Bereich zu finden, läuft Gefahr, enttäuscht zu werden. Ist jemand aber schon in der Branche tätig und möchte sich noch fundierteres Wissen aneignen, wird er mit der Weiterbildung vermutlich zufrieden sein.

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Beobachter: Sind Weiterbildungen, die gerade im Trend liegen, immer kritisch?
Enderli: Im Moment sind Social-Media-Ausbildungen sehr populär. Social Media sind jedoch nur ein kleiner Teil des Bereichs Online-Marketing und nur ein winziger Teil des Marketings insgesamt. Eine solche Weiterbildung muss folglich unbedingt in themenverwandte Erfahrungen oder Ausbildungen eingebettet sein. Sonst wird man sich bei Jobausschreibungen nur schwerlich gegen Mitbewerber mit umfassenderem Wissen durchsetzen.