1. Home
  2. Bildung
  3. Kommentar: «Handy-Verbot an Schulen bringt Vorteile»

Kommentar«Handy-Verbot an Schulen bringt Vorteile»

Frankreich hat ein generelles Handy-Verbot an Schulen beschlossen. Es gilt grundsätzlich für Schüler bis 15 Jahre. Hierzulande werden bestehende Verbote zum Teil sogar gelockert. Dabei spricht vieles für ein Verbot. Ein Kommentar von Andres Büchi.

«Es reicht völlig aus, Handys nur dann einzuschalten, wenn sie in einer dafür definierten Schulstunde gebraucht werden.» – Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi.
von aktualisiert am 09. August 2018

Das französische Parlament hat im Juli ein Gesetz verabschiedet, das Schülerinnen und Schülern von Grundschulen Mobiltelefone grundsätzlich verbietet. Gymnasien dürfen ebenfalls ein Verbot einführen, eine Pflicht dazu besteht aber nicht.

In der Schweiz Schule Braucht die Schweiz ein Handy-Verbot? zeigt der Trend in die gegenteilige Richtung: In Zürich, Bern und St. Gallen werden bestehende strenge Vorschriften derzeit gelockert, oder sie sind bereits gelockert worden. Wo es bisher die Anweisung gab, Handys weder in der Schulstunde noch auf dem Pausenplatz zu benützen, werden die Richtlinien überarbeitet. Tenor: Ein generelles Verbot sei unzweckmässig und veraltet. Wenn es um schulische Aufträge gehe, soll das Handy eingesetzt werden dürfen.

Natürlich ist gegen gezielte Schulstunden mit Smartphone-Recherchen Digitalisierung Hightech macht Schule nichts einzuwenden. Solche Lernmodule sollen nicht nur möglich sein, sie sind sogar gewünscht Volksschule «Digitalisierung völlig verschlafen!» . Dennoch sprechen drei Gründe dafür, das Handy ausser für gezielte Aufgaben im Unterricht generell aus Klassenzimmern und von Pausenplätzen der obligatorischen Grundschulen zu verbannen.

1. Handys begünstigen Entwicklungsstörungen

Das Hirn entwickelt seine Leistungsfähigkeit stufenweise, bis es im Erwachsenenalter voll ausgereift ist. Hirnforscherin Gertraud Teuchert-Noodt von der Universität Bielefeld gilt als Expertin auf diesem Gebiet. Sie argumentiert, Gehirne von Kindern benötigten in jüngeren Jahren vor allem körperliche Bewegungen Erziehung So macht man Kinder glücklich , Malen, Kneten, Basteln, damit die neuronalen Netzwerke präzise verschaltet werden können. Die Entwicklung des Gehirns, des logischen Denkens und Nachvollziehens müsse stufenweise gefordert werden. Erst ab der Adoleszenz könne das gereifte Stirnhirn Medieninfos sinnbezogen einordnen. Vorher seien digitale Medien mit ihren endlosen Möglichkeiten zu schnell getaktet.

Teuchert-Noodt hielt dazu in einem Interview mit der Wissenschaftszeitschrift «Umwelt-Medizin-Gesellschaft» fest: «Sie veranlassen eine Art Notreifung der Nervennetze, mindern die geistigen Potenzen und machen süchtig.» 

Tatsächlich gibt es eine lange Reihe von Studien, die diese Auswirkungen belegen. Weil die unerschöpflichen Handy-Infos das Belohnungssystem im Hirn triggern, steigt die Zahl von Kindern, die hyperaktiv und unkonzentriert sind, Sprachentwicklungsstörungen zeigen oder gar unter Depressionen leiden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nahm erst im Juni dieses Jahres die Internetsucht als eigene Störung auf. Zahlreiche Experten empfehlen deshalb sogar, Kinder bis 12 Jahre gänzlich von Smartphones fernzuhalten Kinder und Internet Wie sollen Eltern das Surfen regeln?

2. Die Infoflut fördert Selbstzweifel

Die unendliche Klicksphäre der Handys begünstigt den «digitalen Burn out». Kinder vergleichen sich mit fragwürdigen virtuellen Vorbildern Influencer Die Selbstverkäufer aus aller Welt. Weil digital stets ein «Zurück»-Button zur Verfügung steht, geht schnell vergessen, dass in der realen Welt jede Handlung Konsequenzen hat. Die Folgen sind Frustrationen, Antriebsverlust, Selbstzweifel und Mobbingrisiken Cybermobbing «Man kann nicht warten, bis es knallt» , denen sich junge Menschen aussetzen. Ein OECD-Bericht von 2015 warnt explizit vor «Schlafstörungen, Empathieverlust und Schulversagen».

3. Die Strahlung birgt Risiken

Es gibt immer mehr wissenschaftlich fundierte Hinweise auf ernst zu nehmende gesundheitliche Gefahren durch die künstliche Dauerbestrahlung. Da alle Zellen im menschlichen Organismus in gewissen Frequenzen schwingen und durch feine elektromagnetische Signale kommunizieren, können hartnäckige Störschwingungen zu Fehlregulationen führen. Zahlreiche seriöse Studien belegen, dass die gepulsten und polarisierten Strahlungen von Handys und W-Lan 5G-Mobilfunk «Es gibt sicher noch einige Unsicherheiten» solche Störer sind und besonders schädlich für junge Menschen sein können. Viele Experten und Mediziner raten deshalb längst, W-Lan solle vor allem in Schlafzimmern, in Räumen für längere Aufenthalte, in Krankenzimmern und in Klassenzimmern nicht ständig eingeschaltet sein.  

In jedem Fall ist also ein vorsichtiger, zurückhaltender Umgang mit dem Handy angezeigt. Für Primarschulen ist eine schweizweite Regelung deshalb sinnvoll. Am besten wäre ein generelles Verbot. Darauf könnten sich beispielsweise die kantonalen Erziehungsdirektoren einigen. Eine derart klare Regelung hätte auch den Vorteil, dass mindestens während der täglichen Schulzeit inklusive der Pausen auf den Schulhöfen der Stressfaktor Handy an Attraktivität verliert. Damit unsere Jugend den digitalen Anschluss nicht verliert, reicht es nämlich völlig aus, W-Lan und Handys nur dann einzuschalten, wenn sie in einer dafür definierten Schulstunde gebraucht werden.  

«Jeden Freitag direkt in Ihre Mailbox»

Andres Büchi, Chefredaktor

Jeden Freitag direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

1 Kommentar

Sortieren nach:Neuste zuerst
severin10
Ich kann Frankreichs Entscheid nur begrüssen; in der Schweiz sind wir davon offenbar noch weit entfernt und überlassen die Inititative der selbsternannten "Wirtschaft", die in diesem Fall v.a. durch die Swisscom repräsentiert wird. Gegenwind gibt es glücklicherweise vom Ständerat, der sich am 5.3. dieses Jahres gegen eine Erhöhung der NISV-Grenzwerte eingesetzt hat - bereits zum zweiten Mal innert 18 Monaten. Auch wenn diese Entscheidung nicht spezifisch für Schulen gilt, so hat dieser Ausdruck des Volkswillens doch auch eine Bedeutung für ebendiese. Kommt hinzu, dass immer mehr Studien publik werden, die Gefährdungen durch hochfrequente Strahlung bei Jugendlichen beweisen. Wir täten also gut daran, den Umgang mit diesen Medien nicht einfach der Wirtschaft zu überlassen, denn die Gesundheit der Bevölkerung taucht in einer Swisscom-Bilanz nicht auf und hat entsprechend keine Priorität. Danke für den Artikel. Severin Dietschi, Präsident des Vereins Schutz vor Strahlung Schweiz

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.