Die meisten Lehrlinge wissen nicht, dass sie bereits während der Lehre praktische Einblicke in einem fremden Betrieb im In- oder Ausland gewinnen können. Erst rund ein Prozent der Schweizer Stifte nutzt dieses Angebot – obwohl fast die Hälfte der Lehrbetriebe angibt, man befürworte einen solchen temporären Arbeitsplatzwechsel.

Wenn man Alain Neher vom Schweizerischen Kompetenzzentrum für Austausch und Mobilität («CH go») glaubt, dürften diese Zahlen in den nächsten Jahren merklich steigen: «In vielen Gesprächen mit Firmen und Organisationen hat sich gezeigt, dass die Mehrsprachigkeit eine der wichtigsten Voraussetzungen im globalisierten Arbeitsumfeld darstellt. Lehrabsolventen mit guten Fremdsprachenkenntnissen haben einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt.»

«Wir mussten uns meist mit Händen und Füssen verständigen»: Marc Zuppiger

Quelle: Daniel Ammann
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Marc Zuppiger, im vierten Lehrjahr als Polymechaniker bei der Bühler Group in Uzwil SG

«Nur die Besten dürfen einen Auslandsaufenthalt in einem Produktionsstandort der Bühler Group machen. Ich strengte mich darum von Anfang an besonders an. Von fünf Polyme­chanikern, die sich um die Stelle in Wuxi im Osten Chinas bewarben, durften zwei gehen. Die Firma bereitete uns zwar auf den Austausch vor, der Kulturschock war aber ziem­-lich krass. In der Fabrik mussten wir uns meist mit Händen und Füssen verständigen. Englisch konnten nur einige Kadermitarbeiter. Unsere Aufgabe: in kleinen Gruppen ein Pro­blem analysieren, einen Lösungsvorschlag ausarbeiten, die Kosten dafür berechnen und das Ganze den Vorgesetzten präsentieren. Die Arbeit war sehr anspruchsvoll und unterschied sich stark von jener in der Schweiz. Wir lernten unglaublich viel. Auch dass man nicht immer all seine Ideen umsetzen kann: Einen Teil unseres Projekts fanden die chine­sischen Chefs gut, den anderen nicht.

Auch zur Schule gingen wir: Dafür sassen wir in einem Sitzungsraum mit zwei grossen Bildschirmen. Auf einem sahen wir die Klasse in der Schweiz, den andern konnte der dorti­-ge Berufs­schullehrer steuern, so dass wir ihn oder den Hellraumprojektor im Bild hatten. Auch wir wurden per Kamera ins Klassen­zimmer in der Schweiz geschaltet.

Die Zeit in China war phantastisch und hat mich verändert. Ich bin selbständiger und offener geworden, habe andere Kulturen schätzen gelernt. Auch von Projektarbeiten und Prozessentwicklung verstehe ich jetzt viel mehr. Ich bin auch weniger heikel, etwa was das Essen angeht. Früher rümpfte ich oft die Nase, wenn meine Mutter etwas kochte. In China wurde mir bewusst, dass das Essen zu Hause eigentlich doch ganz gut schmeckt. Ich glaube, ich bin erwachsen geworden.»

«Flexibilität, Offenheit und Reife»

Bei Mobilität gehe es aber um viel mehr als darum, die Sprachkenntnisse zu verbessern. «Viele Betriebe berichten, dass die Lehrlinge nach einem Austausch selbständiger und motivierter sind.» Für die angehenden Berufsleute sei es sehr spannend, ein fremdes Land, eine andere Sprach­region, eine andere Kultur, einen neuen Betrieb kennenzulernen. «Soft Skills wie Flexibilität, Offenheit und Reife nützen zudem nicht nur dem aktuellen Arbeitgeber. Sie helfen letztlich auch, nach der Abschlussprüfung eine gute Stelle zu finden», weiss Neher. Immer mehr Firmen versuchen, durch solche Angebote ihre Attraktivität zu steigern und so die besten Schul­absolventen für eine Lehre zu bekommen.

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Trotz vielen ausgewiesenen Vorteilen hat sich in den Schweizer Lehrbetrieben noch keine Mobilitätskultur entwickelt. Die Organisation eines Lernendenaustauschs ist denn auch anspruchsvoll. Nicht nur der Jugendliche selbst muss wollen: Die Eltern müssen ihren Segen geben, der Lehr­betrieb und die Berufsschule müssen einverstanden sein, das Ganze muss mit den Leitern der überbetrieblichen Kurse ko­ordi­niert werden, und schliesslich muss noch ein geeigneter Betrieb im In- oder Ausland gefunden werden.

Um die Rahmenbedingungen zu verbessern, war die Mobilität Thema der na­­­tio­nalen Lehrstellenkonferenz 2011. Seither ist einiges passiert. Unter anderem haben viele Kantone Projekte lanciert, um die Mobilität in der Berufslehre zumindest kantonal zu fördern. «Dank der zunehmenden Sensibilisierung der Verbundpartner in der Berufsbildung sind wir auf einem guten Weg», sagt Experte Alain Neher.

«Mein Schuldeutsch war fürs Büro nahezu unbrauchbar»: Nastasia Gulfo

Quelle: Daniel Ammann

Nastasia Gulfo hat von 2009 bis 2012 eine kaufmännische Lehre mit Berufsmatura bei der Post absolviert.

«Sprachen zu lernen macht mir unglaublich Spass, und Deutsch stand ganz oben auf meiner Liste. Also erkundigte ich mich schon kurz nach Lehrbeginn, ob ich einige Monate in der Deutschschweiz arbeiten dürfte, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Da es bei der Post üblich ist, während der Lehre in drei verschiedenen Bereichen zu arbeiten, war das Organisieren ziemlich einfach. Ich durfte den dritten Teil meiner Lehre in Bern absolvieren. Die Berufsschule besuchte ich weiterhin in Lausanne.

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Der Start in Bern war ziemlich hart. Wie sich herausstellte, war mein Schuldeutsch für den Alltag im Büro nahezu unbrauchbar. Dass die meisten dann auch noch Bärndütsch redeten, machte die Sache nicht einfacher. Es dauerte dann aber doch nur wenige Monate, bis ich relativ gut mit den Mitarbeitern reden konnte. Das Schreiben versuchte ich zu verbessern, indem ich meine Kollegen darum bat, meine Fehler in E-Mails oder Briefen zu korrigieren. Auch das klappte immer besser.

Die besondere Erfahrung brachte mich nicht nur sprachlich weiter, sondern stellte auch Herausforderungen, die ich bei einer regulären Lehre nicht gehabt hätte. Ich denke, ich bin daran gewachsen und habe viel mehr als nur sprachlich profitiert.

Ob sich meine spezielle Lehre auch auf dem Arbeitsmarkt gut macht, kann ich noch nicht sagen. Bald schliesse ich den Passerelle-Lehrgang ab, um nach den Sommerferien Wirtschaft an der Uni Lausanne zu studieren.»

Wochen bis Monate in der Fremde

Für die Lernenden selbst ist es bereits heute mit relativ geringem Aufwand möglich, einen Austauschaufenthalt in einer anderen Sprachregion der Schweiz oder im Ausland zu verwirklichen. Verschiedene Or­ganisationen helfen den Lernenden und den Ausbildungsbetrieben, eine geeignete Firma für den Austausch zu finden, und unterstützen sie bei der Umsetzung. Teilnehmen können Jugendliche aus allen Lehrberufen – allerdings müssen solche aus dem kaufmännischen Bereich bessere Sprachkenntnisse mitbringen als jene, die einen gewerblichen Beruf erlernen.

Je nach Ausbildungslänge findet der Austausch im zweiten oder dritten Lehrjahr statt und dauert zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten. Je nach Lehrbetrieb und Berufsschule ist es auch möglich, während weniger Wochen eine fremde Berufsschule zu besuchen. Bei Aufenthalten von mehreren Monaten haben manche Berufsschulen mittlerweile die Möglichkeit des Fernunterrichts mittels elektronischer Medien geschaffen.

Im Extremfall gar die Betten tauschen

Die Dauer des Austauschaufenthalts hängt jedoch nicht allein vom Heim- und vom Gastbetrieb ab, sondern auch von der Zielsetzung. «Wer ins Ausland will, um eine andere Firma kennenzulernen, für den können zwei bis drei Wochen ausreichen», erklärt Experte Neher. «Geht es beim Austausch vor allem um die Verbesserung der Sprach- und Fachkenntnisse, raten wir eher zu zwei bis drei Monaten oder gar längerfristigen Lösungen von bis zu einem Jahr.»

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So vielfältig die Mobilitätslösungen sind, so unterschiedlich fällt auch die finanzielle Unterstützung aus. Je nach Programm bekommen die Lernenden einen Beitrag an Reise, Unterkunft, Verpflegung und allfällige Vorbereitungskosten. Wer lediglich die Sprachregion wechselt, die Schweiz aber nicht verlässt, muss selber für die Kosten aufkommen.

Bei manchen Programmen nimmt man den Begriff «Austausch» wörtlich: Es wird nach einer Firma gesucht, die ebenfalls einen Lernenden entsenden möchte. Im besten Fall können die beiden so für eine bestimmte Zeit die Plätze – im Ex­tremfall sogar die Betten – tauschen, so dass für den Ausbildungsbetrieb kein Mitarbeiterengpass entsteht. Wenn dieser «Austausch» funktioniert, zahlen viele Betriebe den Lehrlingslohn auch während der Abwesenheit weiter. Ist der Austausch einseitig, rechnen verschiedene zumindest einen Teil der Absenz als Arbeitszeit an.

Adressen: So werden Lehrlinge mobil

Euregio-Zertifikat
Wohin: Region Oberrhein (Deutschland, Frankreich und Nordwestschweiz)
Wie lange: vier Wochen
Finanzielle Unterstützung: Aufenthalts- und Reisekosten
Infos: www.mobileuregio.org oder bei den jeweiligen Ämtern für Berufsbildung der Kantone Aargau, Basel-Stadt und Baselland, Jura und Solothurn

Piaget
Wohin: ganze Schweiz
Wie lange: individuell
Finanzielle Unterstützung: keine
Infos: www.ch-go.ch

Visite
Wohin: individuell
Wie lange: drei bis vier Wochen
Finanzielle Unterstützung: Aufenthalts- und Reisekosten
Infos: www.visite.ch

XChange
Wohin: Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Österreich, Schweiz (nur bestimmte Regionen)
Wie lange: durchschnittlich vier Wochen
Finanzielle Unterstützung: 25 Euro pro Übernachtung, 5 Euro Taschengeld pro Austauschtag, Vergütung für Hin- und Rückfahrt
Infos: www.xchange-info.net

AFS
Wohin: weltweit
Wie lange: zwei Wochen bis drei Monate
Finanzielle Unterstützung: Organisation ist kostenpflichtig. Teilstipendium ist möglich.
Besonderheit: vermittelt keine Lehrbetriebe
Infos: www.business.afs.ch

Leonardo da Vinci
Wohin: alle EU-/EFTA-/EWR-Staaten/Türkei
Wie lange: 2 bis 39 Wochen
Finanzielle Unterstützung: Reisekosten bis 750 Euro, Vorbereitung (etwa Sprachkurs) bis 400 Euro, plus Beitrag an Kost und Logis (vom Praktikumsland abhängig) sowie Förderbeiträge für die Projektträger
Besonderheiten: Lernende können sich hier nicht direkt anmelden, sich aber informieren. Eine Organisation in der Berufsbildung reicht ein Mobilitätsprojekt bei der Stiftung «CH go» ein, bei dem sie teilnehmen können. Lernende können Arbeitgeber und Berufsschule auch auf diese Option hinweisen.
Infos: www.ch-go.ch