Gemeinsam in der Spielgruppe, im Kindergarten, in der Primar- und Sekundarschule – danach trennten sich die Wege der Freunde Colin Schmid und Andreas Rageth, beide 19, beide aus Domat/Ems. Während Schmid die Sek ­abschloss und eine Polygraphenlehre ­begann, ging Rageth ins Gymnasium, um später Medizin zu studieren. Im Sommer 2012 werden beide ihre erste Ausbildung abschliessen.

Beobachter: Gymischüler oder Lehrling – wer von euch leistet mehr?
Andreas: Colin behauptet ja jeweils, wir Gymischüler mit unseren vielen Ferien, Freitagen und Zwischenstunden seien alle faul. Das stimmt natürlich nicht.
Colin: Tut es doch. Ihr sitzt ja nur da und hört zu.
Andreas: Ja, aber ich muss den ganzen Tag über aufmerksam sein. Wenn ich zu Hause bin, warten noch Aufgaben und Prüfungsvorbereitungen auf mich.
Colin: Ich weiss, was mentale Anstrengung bedeutet. Ich sitze als Polygraph den ganzen Tag vor dem Computer. Im Gegensatz zu dir produziere ich aber etwas. Ausserdem gehe ich ebenfalls zur Schule. Auf­gaben und Prüfungen habe ich auch.
Andreas: Das kann man nicht miteinander vergleichen. Wir haben viele verschiedene Fächer. Das Gymi ist deshalb um einiges intensiver als die Berufsschule.
Colin: Das ist doch nicht wahr! Wir lernen spezifisch auf einen Beruf hin und bekommen daher ein viel tieferes Wissen vermittelt als Gymischüler, die viele Fächer nur oberflächlich behandeln.
Andreas: Bei der Französischen Revolution bin ich aber sicher besser informiert als du.
Colin: Dafür kann ich dir beibringen, wie man Geld verdient. Ich weiss nicht, ob man das mit der Französischen Revolution kann.

Beobachter: Ist Geld häufig ein Thema?
Andreas: Natürlich. Als Banklehrling würde ich mir ein teures Auto und Markenklamotten kaufen. So muss ich in den Ferien arbeiten, um mir etwas leisten zu können. Meist helfe ich in einem Lager aus. Harte Arbeit. Immerhin verdiene ich in zwei Wochen so viel wie ein Lehrling in drei Monaten.

Anzeige

Beobachter: Ist das nicht frustrierend für einen Lehrling wie dich, Colin?
Colin: Es ist schon etwas ärgerlich. Ich ­glaube aber, dass der grösste Teil dieser Vögel am Gymi keine Ahnung hat, was sie mit ihrem Leben anfangen oder was sie studieren wollen, und sich nur davor scheut anzupacken.
Andreas: Ich gebe zu, dass auch ich nicht ganz sicher war, was ich einmal machen will. Aber anpacken kann ich auf jeden Fall. Vielleicht sogar mehr als du.
Colin: Das mag ja stimmen, macht die ­Sache aber eigentlich noch viel schlimmer. Du könntest arbeiten, tust es aber nicht. Das nenne ich Faulheit.
Andreas: Ich bin sicherlich nicht ans Gymnasium gegangen, weil ich faul bin, sondern weil ich einmal die Welt verändern will.

Beobachter: Wie denn?
Andreas: Weiss ich noch nicht. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen.

Anzeige

Beobachter: Und du, Colin, hast du ebenfalls noch Grösseres vor nach der Lehre?
Colin: Ich würde nach der Lehre gern die Berufsmatura machen und visuelle Kommunikation studieren.

Beobachter: Wäre das Gymi also nicht doch die bessere Wahl gewesen?
Colin: Nein, denn all das, was ich während der Lehre gelernt habe, ist für mein Wunschstudium wichtig. Die Lehre war schon der richtige Weg.

Beobachter: Du wirst durch diesen Umweg unter Umständen länger in Ausbildung sein als Andreas. Stört dich das nicht?
Colin: Die Zeit ist kein Problem. Davon ­habe ich genug. Etwas ärgerlich finde ich es, dass Andreas trotz all meinen Aus- und Weiterbildungen doch immer mehr verdienen wird als ich. Er gehört mit einem Studium eben zur Elite.

Beobachter: Findest du das selber auch, Andreas?
Andreas: Ich mache das Gymi nicht, um ­damit anzugeben. Aber ich bin tatsächlich stolz darauf, ins Gymi zu gehen. Das ist eher etwas Persönliches.
Colin: In Sachen Stolz haben wir Lehrlinge wohl aber die Nase vorn. Wir geben schon sehr gern mit unserem praktischen Wissen an und behaupten eben, dass Gymischüler nicht so gut arbeiten können wie wir.

Anzeige

Beobachter: Wollt ihr ihnen damit beweisen, dass ihr mindestens genauso clever seid?
Colin: Nein, so sehe ich das nicht. Ich bin einfach sehr stolz darauf, ein Arbeiter zu sein. Arbeiter sind es schliesslich, die das Land tragen.
Andreas: Umgekehrt sind wir es, die das Land führen.
Colin: Aber ein Land ohne Bauarbeiter, Putzfrauen oder Schreiner würde nicht funktionieren.
Andreas: Genauso wenig wie ein Land ohne Lehrer, Anwälte oder Architekten.

Beobachter: Wir sind uns wohl einig: Es braucht beides.
Andreas: Natürlich. Und wenn wir ehrlich sind, lerne ich auch viel Müll, den ich nie mehr brauchen werde. Dennoch ist All­gemeinbildung wichtig. Vor allem Geschichte. Wir sollten alle gut darüber Bescheid wissen.
Colin: Da hast du recht. Wir dürfen die Geschichte nie vergessen. Doch gerade in der Berufslehre ist dieses Fach nicht so relevant.

Anzeige

Beobachter: Beneidest du Andreas also doch etwas um seine breite Allgemeinbildung?
Colin: Nein, beneiden nicht. Wie gesagt: Es braucht Leute, die anpacken.

Beobachter: Und du, Andreas, beneidest du Colin um seine praktische Ausbildung?
Andreas: Es ist cool, wenn man in drei, vier Jahren einen Job erlernen kann. Insgesamt ist das Gymi für mich aber genau der richtige Platz. Zwar werde ich nie ein Plakat so schön gestalten können wie Colin, dafür habe ich ihn ja aber als guten Freund. Er kann mir dabei helfen, so, wie ich ihm ­helfe, wenn er die binomischen Formeln nicht begreift. Es ist wichtig, sich gegen­seitig zu ergänzen. Deshalb wäre es falsch, andere zu beneiden. Seien wir lieber dankbar ­dafür, was wir wissen und können. Das bringt alle weiter.