Jeder Dritte tut es: Rund 30 Prozent der Schweizer Jugendlichen gehen in der achten und neunten Klasse mindestens einmal in den Nachhilfeunterricht. Ein Fünftel aller Schülerinnen und Schüler nimmt sogar regelmässig und über längere Zeit Privatlektionen – hauptsächlich in Mathematik oder Fremdsprachen.

So viele drücken in der Freizeit die Schulbank? Die Zahlen aus einer 2012 veröffentlichten Studie der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung haben selbst Fachleute erstaunt. Die Studie zeigt auch die Beweggründe für den Zusatzunterricht: Oft wollen die Betroffenen ans Gymnasium. Und es sind nicht nur mittelprächtige oder schlechte Schüler – häufig haben die guten das Ziel, noch besser zu werden. Vor allem in jenen Kantonen, in denen die Zahl der Mitbewerber gross ist und die Maturitätsquoten tief sind.

Eltern suchen Wettbewerbsvorteile

«Nachhilfe ist eher ein städtisches Phänomen», sagt Studienautor Stefan Wolter. Einer der Gründe dafür: In den Städten leben viele gut ausgebildete Eltern. Diese wollen, dass auch ihre Sprösslinge die beste Ausbildung erhalten. Und die beste Ausbildung heisst für sie: einen der begehrten Plätze am Gymnasium. Privatlektionen sollen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen gegenüber anderen Akademikerkindern.

Dass es immer die Eltern sind, die auf Nachhilfe drängen, kann Wolter jedoch nicht bestätigen. Meistens gehe die Initia­tive von den Schülerinnen und Schülern aus. Ausnahme ist Mathematik. Sie wird wichtig, wenn der Übertritt an eine höhere Schule ansteht. Viele Eltern regen deshalb Unterstützung in diesem Fach an – und sind bereit, in gute und teure Lektionen zu investieren.

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Nicht immer ist es förderlich, dass die Tochter oder der Sohn in die Nachhilfe geht. Mitglieder von Guider erhalten weitere Tipps, die als Entscheidungshilfe dienen können.

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Doch der Besuch eines teuren Instituts ist nicht immer nötig. Fachleute raten, erst einmal abzuklären, was das Kind braucht: Tut es sich schwer mit dem Schulstoff? Oder begreift es schnell, aber hat noch nicht die richtige Lerntechnik gefunden? Hapert es an der Disziplin? Oder fehlt die Ruhe, um sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren? So wird es einfacher, die richtige Unterstützung zu finden.

Oft kann es sogar sinnvoll sein, ältere Schüler oder Schülerinnen einzuspannen. Vielleicht aus der Nachbarschaft, dem Bekanntenkreis. Diese Art von Nachhilfe ist noch immer die häufigste – trotz der hohen Zahl professioneller Institute. Und eignet sich beispielsweise dann, wenn die Tochter die Matheaufgaben zwar verstanden hat, aber jemanden braucht, der geduldig mit ihr übt. Mit Aussenstehenden funktioniert das meistens besser, auch deshalb, weil diese den Schulstoff besser intus haben als Eltern. Und weil es so keine nerven­aufreibenden Diskussionen gibt.

Selber arbeiten bleibt Pflicht

Hat der Filius dagegen Probleme, den Stoff zu verstehen, braucht er jemanden, der gut erklären kann. Studenten machen das oft kindgerecht.

Eine ausgebildete Lehrkraft hingegen kann dann weiterhelfen, wenn viel Unterrichtsstoff aufgearbeitet werden muss. Wie beim 18-jährigen Maturanden, der wegen eines komplizierten Beinbruchs längere Zeit im Krankenhaus liegen musste.

Allerdings: Eine Erfolgsgarantie gibt es nie. Auch bei angeblich guten Instituten und Lehrpersonen nicht.

Es gibt aber sehr wohl ein paar Voraussetzungen, damit die Lektionen fruchten. Dazu gehört eine Lehrperson, die gut auf die Schüler und die jeweilige Situation eingehen kann. Und: Sicher 50 Prozent des Erfolgs hängen von den Schülern selbst ab. Sie müssen einsatzfreudig und motiviert sein. Und verinnerlichen, dass Nachhilfe das eigene Arbeiten nicht ersetzt: Sie erleichtert das Verstehen. Aber danach gilt es, das Verstandene durch selbständiges Üben zu festigen.

Zu viel Druck schadet

Ein weiterer wichtiger Punkt: Nachhilfe bringt nichts, wenn die Lektionen unfreiwillig belegt werden, der Druck von Eltern und Schule zu gross ist. Reichen die Kapazitäten eines Schülers, einer Schülerin nicht aus, kann es auch die Unterstützung nicht kitten. Es besteht die Gefahr, Kinder oder Jugend­liche in eine Leistungsstufe zu drängen, in der sie ständig überfordert sind.

Experten warnen denn auch vor Nachhilfe als Dauereinrichtung. Zum einen geht das selbständige Arbeiten verloren: Der Lernende versucht nicht mehr, selber eine Lösung zu finden, sondern verlässt sich auf die Hilfe. Ein gutes Schulsystem muss zudem den Stoff so vermitteln, dass Kinder ihr Potential ausschöpfen können – und zwar ohne Nachhilfe.

Deshalb: Punktuelle Privatlektionen sind okay, um Wissenslücken zu stopfen oder etwas nochmals erklärt zu bekommen, was man im Unterricht nicht ver­standen hat. Ansonsten sollten Kinder und Jugendliche das Lernen selbst packen.

So finden Sie ein gutes Angebot für Nachhilfe

  • Hören Sie sich im Bekanntenkreis um, ob ein Nachhilfeinstitut oder eine Lehrkraft etwas taugt. Holen Sie entsprechende Referenzen ein.
  • Seien Sie vorsichtig bei vollmundigen Versprechen. Seriöse Schulen werben nicht mit Slogans wie «Neun von zehn Schülern verbessern sich in Rekordzeit um zwei Noten».
  • Achten Sie darauf, was im Preis alles inbegriffen ist. Müssen Sie zum Beispiel das Unterrichtsmaterial selbst bezahlen?
  • Die Nachhilfe sollte sich an den Methoden des normalen Schulunterrichts orientieren. Alles andere verwirrt und verunsichert das Kind.
  • Fragen Sie nach, wie die Lehrpersonen ausgebildet sind, ob sie regelmässig geschult werden. Sind es Schüler oder Studenten, sollten sie Erfahrung mit Nachhilfeunterricht haben.
  • Ihr Kind sollte den Lehrer wechseln dürfen, falls es Schwierigkeiten gibt.
  • Schauen Sie sich die Unterrichtsräume an: Sind sie hell und ruhig? Haben sie eine angenehme Atmosphäre?
  • Unterricht in Kleingruppen ist günstiger als Einzelunterricht. Wichtig dabei: Jede Gruppe sollte einen eigenen Unterrichtsraum haben. Und: Die Schüler sollten ein ähnliches Niveau und die gleichen Ziele haben – zum Beispiel die Vorbe­reitung auf eine Aufnahmeprüfung.
  • Fragen Sie, ob Ihr Kind eine kostenlose Schnupperlektion besuchen kann.
  • Schliessen Sie nicht gleich einen Vertrag ab. Führen Sie zunächst ein ausführliches und kostenloses Beratungsgespräch. Lesen Sie dann den Vertrag in Ruhe durch. Achten Sie auf kurze Kündigungsfristen und Laufzeiten. Lassen Sie sich nicht darauf ein, das volle Kursgeld im Voraus zu zahlen.
  • Vereinbaren Sie zunächst eine kleine Serie an Lektionen, beispielsweise zwei Monate lang einmal Unterricht pro Woche. Achten Sie darauf, ob der Unterricht Erfolg bringt. Wenn nicht: weitersuchen und wechseln.
  • Fragen Sie bei den Lehrkräften nach, welche Fortschritte Ihr Kind macht. Die Schule sollte jederzeit offen sein für Besuche und Gespräche.
  • Eine gute Schule entlässt das Kind, wenn das Ziel erreicht ist.

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Quelle: Beobachter Edition