Die Wut kommt irgendwann. Und irgendwann schaut der Mann, den wir hier Elmar Wenger nennen, plötzlich auf und sagt: «Der Leibacher ist kein Freund mehr, den man hochhalten muss. Der hat mir meinen Lebenssinn gestohlen. Ich fühle mich leer – völlig leer.»

Der Leibacher. Der Massenmörder, der Amokläufer. Der Mann, der an einem sonnigen Herbsttag schwer bewaffnet in den Zuger Kantonsratssaal stürmt und 14 Menschen tötet, bevor er sich selber richtet. Der Mann, dessen Wut auf den Staat Undenkbares Realität werden liess. Der Mann, der einen Freund zurückliess.

«Er hätte mir doch alles erzählen können», sagt Elmar Wenger – und: «Ich fühle mich mitschuldig.» Mitschuldig, weil er «dem Leibacher» sogar noch Nahrung lieferte für dessen Hass gegen die Behörden. Weil er es zuliess, dass Friedrich Leibacher Wengers Lebensgeschichte recherchierte und die Behörden dafür zur Verantwortung ziehen wollte.

«Ein Fremdkörper im Gefüge»
Friedrich Leibacher wollte Wiedergutmachung. Verlangte, dass der Kanton Zug für das Unrecht, das seinem Freund Elmar Wenger in dessen Kindheit und Jugend widerfahren war, geradesteht. Es war ein Kampf, den Leibacher auch für sich selber führte: «Obwohl in Zug beheimatet, war ich wohl immer ein Fremdkörper in diesem Gefüge, wie Elmar Wenger auch. Und als solche wurden wir (fast) immer behandelt; meistens galt das Motto: Zuerst einsperren, etwas kommt dann schon heraus.»

Die Worte stammen aus einem Brief an den Beobachter, den Leibacher für seine Sache zu gewinnen suchte. Dabei liegt ein dickes Dossier mit Gutachten, Ratsprotokollen, Fotos, Zeugnissen, Urteilen – der Leidensweg von Elmar Wenger, der mit drei Jahren von seiner Mutter an das Seraphische Liebeswerk übergeben wurde. Der von Heim zu Heim weitergereicht wurde und als «intellektuell etwas schwach begabt (debil)» in einer Erziehungsanstalt landete. Der eingesperrt und misshandelt wurde, immer wieder fortlief und immer wieder eingesperrt wurde.

Das Dossier zeigt die Geschichte eines Opfers von schluderigen Gutachtern und teils willkürlich handelnden Behörden; eine Geschichte, die Friedrich Leibacher fasziniert hat. Wenger: «Der Leibacher war schon immer ein Behördenhasser.» Wahrscheinlich sei sein Fall für Leibacher so interessant gewesen, «weil ich mit einem seiner späteren Opfer verwandt bin». Mit jemandem, der im Kanton Zug etwas zu sagen hat – einem Behördenmitglied.

An den Beobachter schrieb Leibacher: «Ich führe diesen Kampf für Wenger, weil ich ihn subjektiv als gerecht ansehe.» Dabei nahm es Leibacher mit dem Recht nie so genau. Versuchte Uhren in die Türkei zu schmuggeln und landete dort im Gefängnis. Verschickte mit einem Freund Rechnungen für ein fiktives Branchentelefonbuch. Importierte illegal Waffen in die Schweiz. Wurde wegen Körperverletzung und Unzucht mit Minderjährigen verurteilt. «Der Leibacher hat es wüst getrieben, schon immer», sagt Elmar Wenger.

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Und dieser Leibacher will plötzlich Gerechtigkeit für einen Freund. Er setzt sich an den Computer und schreibt Briefe an die Behörden, in denen er sich nach Akten über Elmar Wenger erkundigt. Er sucht in den Heimen, in denen Wenger untergebracht war, nach alten Unterlagen. Und er spricht mit Personen, die seinen Freund in dessen Jugend in ihrer Obhut hatten.

«Ich käme gerne in Demut»
Leibachers Kampf um Gerechtigkeit für Elmar Wenger beginnt im November 1998. Akribisch sucht er alles Material über die Leidensgeschichte seines Freundes zusammen. In den siebziger Jahren hat Leibacher die Matur nachgeholt und ein paar Semester Jus studiert. Das kommt ihm nun zugute. Seine Briefe sind von ausgesuchter Höflichkeit: «Ich wäre Ihnen, hochwürdige Äbtissin, dankbar über alles Wissenswerte betreffend genannte Erziehungsanstalt, und für Ihre Bemühungen danke ich Ihnen von Herzen, und falls Sie mich hierzu zu einem Gespräch empfangen könnten, käme ich gerne in Demut», schreibt er an die Vorsteherin eines Frauenklosters.

Aber Friedrich Leibacher führt gleichzeitig einen weiteren Kampf, einen letztlich fatalen. Er bezichtigt einen Chauffeur der Zuger Verkehrsbetriebe in der Öffentlichkeit, alkoholisiert zu fahren. Dieser kontert mit einer Ehrverletzungsklage. Leibacher bedroht den Chauffeur mit einer Pistole und macht eine Aufsichtsbeschwerde. Es folgt eine unendliche Geschichte von Klagen und Gegenklagen, von Anschuldigungen und Beschwerden. Leibacher sieht sich immer mehr als Opfer einer «Zuger Mafia». Er beschuldigt Regierungsrat Robert Bisig und andere Politiker des Amtsmissbrauchs. Seine Briefe werden gehässiger, er verschickt Pamphlete und Pressemitteilungen, richtet eine Internetseite ein, auf der er über seinen Einsatz für Elmar Wenger berichtet und – «in eigener Sache» – über seinen Kampf gegen die Behörden.

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Elmar Wenger merkt nicht viel davon. Friedrich Leibacher spricht selten darüber, deutet auch gegenüber seinem Freund nicht an, wie es in ihm kocht. «Vielleicht wäre es nicht so weit gekommen, wenn man ihm nur ein Mal Recht gegeben hätte», sagt Elmar Wenger heute. «Vielleicht.»

Am 26. September 2001 werden Friedrich Leibachers Klagen vom Zuger Obergericht allesamt abgewiesen. Am 27. September morgens um halb elf stürmt Leibacher in den Zuger Kantonsratssaal und erschiesst 14 unschuldige Menschen; danach bringt er sich selber um.

«Der Leibacher ging für nichts»
«Grässlich, grauenhaft.» Elmar Wenger steht bei einem Bekannten im Garten, als er von der Tat hört. Noch am Morgen hat er versucht, Friedrich Leibacher anzurufen. Am Nachmittag war ein gemeinsamer Ausflug geplant – nach Seelisberg im Urnerland, wo Leibacher einst gewohnt hatte. Wenger hört am Radio vom Täter in Polizeiuniform. Er denkt nichts dabei. Später hört er, dass der Täter nach Regierungsrat Robert Bisig geschrien habe. Es schiesst ihm durch den Kopf: «Es kann nicht sein, nicht der Leibacher.» Später sieht er zu Hause am Fernsehen den dunkelblauen Hyundai. Nun ist ihm klar, dass sein Freund soeben 14 Menschen umgebracht hat.

Elmar Wenger spricht vier Tage mit niemandem über die Tat. Er geht nicht ans Telefon, macht lange Spaziergänge mit seinem Hund. Er isst nichts, schluckt Beruhigungsmittel. Am Montag fährt er nach Baar. Er sitzt in der Kirche und schaut die Übertragung des Gedenkgottesdienstes, denkt an die Angehörigen der Opfer: «Die haben mehr zu verarbeiten als ich.»

Er versucht die Mutter von Friedrich Leibacher zu erreichen. In seiner Jugend, als er endlich aus Heimen und Anstalten herauskam, gabs bei Mutter Leibacher immer etwas zu essen für Elmar Wenger. Nun möchte er ihr sagen, dass er auf ihrer Seite steht. Leibachers Mutter geht nicht ans Telefon und öffnet die Tür nicht.

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Elmar Wenger versucht zu verstehen. Immer noch, immer wieder. «In den letzten Monaten war er ruhiger. Er sagte, er wolle jetzt das Leben geniessen. Und dann geht er. Einfach so. Für nichts.»