Die Bündner Staatsanwaltschaft war sich sicher. Der Bergsturz im Bergell vom 23. August 2017 sei nicht vorhersehbar gewesen. Die Behörden könnten nicht verantwortlich gemacht werden für den Tod von acht Alpinisten. Das war vor zwei Jahren.

Nun wird der Fall aufgrund eines Bundesgerichtsentscheids vom Februar neu aufgerollt. Und die Bündner Staatsanwaltschaft will erstmals ein unabhängiges Gutachten erstellen lassen. Zur Kehrtwende der Staatsanwaltschaft hat wohl auch die Forderung von Jürg Schweizer beigetragen, Leiter des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung.

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Forderung nach Gutachten zunächst erfolglos

Im August sagte er im Beobachter : «Bei so einem komplexen Thema würde ich erwarten, dass die Justizbehörden, wie in solchen Fällen üblich, ein unabhängiges Gutachten einholen.» Im September schrieb dann die Staatsanwaltschaft den beteiligten Parteien, sie gebe ein Gutachten in Auftrag, «zur Frage der Vorhersehbarkeit des Ereignisses etc.». Aktuell sucht man einen Sachverständigen.

Die Angehörigen der Opfer hatten mehrmals ein solches Gutachten gefordert, blitzten aber ab: 2019 bei der Staatsanwaltschaft, 2020 beim Kantonsgericht. Die Recherchen des Beobachters haben aber gezeigt, dass die Behörden seit Jahren einen Bergsturz erwarteten und ursprünglich den gefährdeten Wanderweg verlegen wollten. Radarmessungen hatten die Tragödie am Piz Cengalo angekündigt.

Kurz vor der Katastrophe, im August 2017, rechneten die AWN-Fachleute mit einem Ereignis in den kommenden Wochen bis Monaten. Schon von daher fragt es sich, ob das beliebte Wandertal Bondasca nicht hätte vorsorglich gesperrt werden müssen.

Alarmierende Messungen

Wie gefährlich die Lage damals war, zeigen nun auch Mails der ETH Zürich, die der Beobachter gestützt auf das Öffentlichkeitsprinzip herausforderte. Zwei Wochen vor dem Bergsturz gab der damalige ETH-Geologe Florian Amann, der zum Piz Cengalo forscht, dem Schweizerischen Erdbebendienst an der ETH einen Hinweis: «Die letzten Messungen am Piz Cengalo sind alarmierend, es könnte sich ein seismisch sichtbarer Bergsturz in den nächsten Tagen bis Wochen ereignen.»

Er habe gleichentags mit jenem Geologen telefoniert, der im Auftrag des Kantons für den Piz Cengalo zuständig ist, sagt Amann auf Anfrage. Er habe ihm empfohlen, «sofort zu handeln». Denn «die Situation war angesichts der neusten Daten sehr kritisch».

Der vom Kanton beauftragte Geologe alarmierte am nächsten Tag die Verantwortlichen beim Bündner Amt für Wald und Naturgefahren (AWN). In der Mail riet er, das Bondasca-Tal «vorläufig nicht mehr zu betreten» und den Berg rund um die Uhr mit Radar zu überwachen.

Behörden begnügten sich mit Warnhinweis

Nach weiteren Abklärungen entschieden die kantonalen Fachleute aber, es genüge, Wanderer nochmals «explizit» auf die Gefahrensituation aufmerksam zu machen. Man war überzeugt, dass sich ein grosser Bergsturz rechtzeitig ankündigen würde, «mit kurzfristig gehäuften und zunehmend grösseren Felsstürzen». Neun Tage vor der Katastrophe empfahl das AWN der Gemeinde Bregaglia, das Tal offen zu lassen.

Zwei Tage vor dem Bergsturz donnerten am Piz Cengalo rund 150'000 Kubikmeter Fels in die Tiefe. Das AWN entwarnte aber. Der Felssturz sei nicht an der gefährdeten Nordost-, sondern an der benachbarten Nordwestflanke passiert und deshalb kein Vorbote. Ob diese Einschätzung richtig war, muss nun das unabhängige Gutachten klären. 

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