Überall stehen Scharfschützen: Ausnahmezustand im Zürcher Stadtquartier Witikon. Es ist kurz vor drei Uhr an diesem 30. Januar 2006, einem kalten Montagnachmittag. Gegen 100 Elite-Polizisten der Sondereinheit Skorpion stürmen die Credit-Suisse-Filiale an der Witikonerstrasse. Um 15.10 Uhr folgt die Entwarnung: Täter entwischt, Geiseln unter Schock, aber wohlauf. 40'000 Franken Beute für den Räuber. Ein glückliches und unblutiges Ende eines Banküberfalls – so scheint es.

Der Räuber hält ihr die Pistole an die Schläfe

Gut sieben Stunden zuvor fährt die Bank­angestellte Manuela Kaiser* in ihrem schwarzen Toyota auf den Parkplatz der Bank. Die 41-Jährige hat eine Plastiktüte mit acht Sandwiches für ihre Kolleginnen und Kollegen dabei, denn es ist ein besonderer Tag. Alle sollen sich mitfreuen – sie wird nur bis Mittag arbeiten, weil um 13 Uhr die Abnahme ihrer neuen Wohnung stattfinden soll. Sie und ihr Mann freuen sich schon seit Wochen, die neue Bleibe im alten Dorfkern ist ein Traum.

Kaiser weiss noch nicht, dass der heutige Tag ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher teilen wird. Ein Vorher, das gut, energievoll und schön war, ein Nachher, das anstrengend, schmerzhaft und deprimierend ist.

Kaiser geht zum Personaleingang, bepackt mit Sandwichtüte und Handtasche. Schon von Weitem sieht sie, dass sie, wie so oft, die Erste sein wird. Das sogenannte erste Diskretzeichen, ein allen Angestellten bekannter äusserlicher Hinweis am Gebäude, ist noch am Platz. Im Zwischenraum nach dem Eingang ist aber das zweite Diskretzeichen weg. Ist der Lehrling also doch schon im Haus? Was ist los? Bei Manuela Kaiser schrillen die Alarmglocken, sie will raus. In diesem Moment geht von innen eine Tür auf, und ein bewaffneter und maskierter Mann hält ihr eine Pistole an den Kopf.

Im ersten Moment denkt sie: «Spinnen die jetzt?» Sie hält die Sache für eine Überfallübung der Bank. Nicht lange. Der Räuber schubst sie mit der Waffe vorwärts, er will Geld, sofort, brüllt sie auf Schweizerdeutsch an. Sie spürt seinen Atem im Nacken. Er will mit ihr zu den Tresoren. Er drückt ihr die Waffe ins Genick, an die Schläfe, wird aggressiv, als sie sagt, dass nur eine Person durch die Sicherheitsschleuse kann, dass dafür ein Fingercode nötig ist, dass die Lichtschranke davor reagiert, wenn mehr als eine Person zu lange vor der Tür steht. Sie erklärt ihm, dass nur sie allein in den Kassenraum kann. Endlich willigt er ein, droht aber: «Wenn du mich reinlegst, ist der Lehrling dran.»

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Kopflos rennt sie im Raum hin und her

Manuela Kaiser handelt wie in Trance. Sie hat fürchterliche Angst, weiss nicht, wo sich der Lehrling befindet. Sie schafft es trotz ihrer Anspannung durch die Sicherheitstür in den Kassenraum. Dieser ist durch eine schusssichere Scheibe vom Schalterraum getrennt. Doch sie hat Angst, dass die Scheibe einer Kugel nicht standhalten würde. Kopflos rennt sie im Raum hin und her. Sie sucht den Alarmknopf, findet ihn in ihrer Panik aber nicht. Vor der Scheibe fuchtelt der Räuber mit der Waffe herum. Sie geht zu einer Kasse und schiebt dem Täter ganz langsam einzelne Banknoten durch den Schlitz. Zuerst nur Zehnernötli. Als er immer aggressiver wird, schiebt sie ihm Tausender zu. Dann bückt sie sich, um den nächsten Tresor aufzumachen. Als sie wieder hochkommt, ist der Mann weg. Sie sieht ihn nirgends. Wo ist er? Was ist mit dem Lehrling? Ein Alptraum.

Sie duckt sich wieder unter die Scheibe, wie sie es in den bankinternen Schulungen gelernt hat. Sie ist wie gelähmt. Verharrt in der Stellung, immer noch in Winterjacke und mit Handtasche und Sandwichtüte. Sie verspürt weder Hunger noch Durst. Rührt sich nicht. Stundenlang wird sie so aushalten müssen. Eine Arbeitskollegin ruft sie auf dem Handy an und sagt: «Ich weiss, was los ist. Ich habe den Räuber durchs Fenster gesehen, als ich zum Arbeiten kam. Die Polizei ist informiert. Alles wird gut.»

Die Polizei schneidet ihr Haare ab

Dreimal telefoniert sie mit der Polizei. Sie weiss nicht, wie viele Personen in der Bank sind, sie weiss nicht, was mit dem Lehrling los ist. Da die Polizei ­eine Geiselnahme und weitere Täter in der Bank nicht ausschliessen kann, dauert es sieben lange Stunden, bis die Bank endlich gestürmt wird.

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Manuela Kaiser und der Lehrling, der im Putzraum eingesperrt war, werden in Wolldecken gehüllt und zur Befragung in die Innenstadt gefahren. Die Sandwiches lässt sie liegen. Die Polizisten schneiden ihr zur Spuren­sicherung überall dort, wo die Pistole an ihrem Kopf war, Haare ab. Und auch ein Stückchen vom Jupe, wo der Räuber sie geschubst hatte.

Um 19 Uhr kann ihr Mann Franz* sie abholen. Die beiden Kinder sind bei Freunden in Sicherheit. Im Auto folgt der erste Weinkrampf. Sie kann nicht mehr aufhören, Tränen laufen ihr über die Wangen. Bei den Freunden angekommen, schliesst sie Sohn und Tochter in die Arme. Da folgt der zweite Zusammenbruch. Die Freunde haben gekocht, Rindsgeschnetzeltes mit Kartoffelstock. Manuela Kaiser ist gerührt über den schönen Empfang, kann aber keinen Bissen essen.

Zwei Wochen später ziehen die Kaisers in die schöne neue Wohnung. Im Parterre. Manuela Kaiser bekommt Panik – unmöglich kann sie zuunterst wohnen. Da kann ja jederzeit ein Dieb einsteigen. Wie im Film laufen vor ihrem inneren Auge immer wieder die Überfallszenen ab. Sie spürt förmlich den Druck der Pistole im Genick. Eine Freundin sagt ihr, sie müsse es positiv sehen. Es könne zwar leicht jemand einsteigen, sie dafür aber auch leicht entkommen.

Mittlerweile weiss die Polizei, wie der Täter in die Bank gelangte: Er öffnete via Abluftrohr der Klimaanlage von innen ein Fenster, drang so in den Mitarbeiterbereich ein und wartete ruhig auf seine Opfer. So einfach kann man in eine Bank einbrechen! Unglaublich. Etwa einen Monat nach dem Überfall wird das Fenster mit dem Abluftrohr durch zusätzliche ­Eisenstangen gesichert. Für die Bank ist damit die Sache erledigt.

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Für Manuela Kaiser nicht. Es geht ihr immer schlechter. Sie ist unendlich müde, kann aber nicht schlafen. Nur wenn ihr Mann daheim ist, gelingt es ihr, sich ein wenig auszuruhen. Alles tut ihr weh, sie steht nach wie vor ­unter Schock. Ein Psychiater schreibt sie zu 100 Prozent krank: posttraumatische Belastungsstörung. Ihre Haare werden innert kürzester Zeit grau. Aus der fröhlichen Bank-Teilzeitangestellten, Mutter und Mitarbeiterin in der Autogarage ihres Mannes ist ein psychisches Wrack geworden.

Ihr Gedächtnis hat stark gelitten

Dieser Zustand dauert bis heute an. «Früher war meine Frau eine wandelnde Agenda», sagt Franz Kaiser, «heute geht ohne iPhone als Speicher- und Erinnerungsgerät nichts mehr.» Wenn sie mit dem Auto zum Einkaufen fährt, weiss sie danach nicht mehr, wo sie parkiert hat. Manuela Kaiser ist extrem vergesslich, kann sich nicht konzentrieren, hat ständig Angst. Ohne ihren Mann traut sie sich nirgends hin. Hinzu kommen ständige Muskel- und Gliederschmerzen. Unerträglich für sie, die früher nie krank war, gern arbeitete und mit Kolleginnen in den Ausgang ging.

Knapp ein Jahr nach dem Überfall legt sich Manuela Kaiser auf Insistieren des Psychiaters einen Hund zu, einen Bichon Frisé. Ein weisser, kleiner Schosshund mit Korkenzieherlocken – gegen die übermächtige Angst. Auch wenn er wie ein Plüschtier aussieht, ist er ein guter Wachhund und schlägt bei jedem Geräusch sofort an. «Ohne meinen Bansho könnte ich nicht mehr leben», sagt Manuela Kaiser, zieht das Hündchen auf den Arm und schmust mit ihm.

Abends mit dem Hund spazieren gehen: unmöglich für sie. Im Büro ihres Mannes unterlaufen ihr so viele Fehler, dass ein externer Treuhänder über die Unterlagen muss, um das Schlimmste zu verhindern.

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Auch wenn Bansho wie ein Plüschtier aussieht, ist er ein guter Wachhund.

Quelle: Andreas Gefe

Erst psychisch krank, dann entlassen

An Arbeit in der Bank ist nicht zu denken. Wöchentlich geht sie zum Psy­chiater, doch es wird einfach nicht besser. Nach einem Jahr Krankschreibung wird sie von der Credit Suisse aufgrund ihrer Invalidität entlassen. «Ich wurde einfach entsorgt», so Kaiser. Sie bekommt immerhin die volle Rente der Invalidenversicherung.

Aber nach drei Jahren ist damit Schluss: Die IV stuft Manuela Kaiser plötzlich als «vollumfänglich arbeitsfähig» ein – entgegen drei psychiatrischen Gutachten und einer medizinisch-somatischen Diagnose.

2010 erleidet sie einen Herzinfarkt. Eher ungewöhnlich für eine Frau von 45 Jahren. Zusätzlich wird Diabetes festgestellt. Ob das alles in einem Zusammenhang mit dem Überfall steht, ist schwierig zu beurteilen, aber durchaus möglich.

Kaisers Vertrauensarzt sagt: «Im weitesten Sinn kann man diese als Folgeerkrankungen des Ereignisses vom 30. Januar 2006 sehen. Das war ein Schnitt in ihrem Leben, von dem sie sich bis jetzt psychisch nicht erholt hat.» Ihr momentaner Zustand, das Sich-durch-den-Tag-Schleppen, sei ein Resultat des Überfalls, der siebenstündigen Grenzerfahrung im Kassenraum. «Sie musste stundenlang in ex­tremer Angst ausharren, das ist sehr schwierig auszuhalten.»

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Es dauert Jahre, bis es besser wird

Am schlimmsten sei in einer solchen Situation die Unsicherheit, vergleichbar mit einer Liftpanne, wo der Lift nur noch an einem Draht im Schacht hängt und man nie weiss, wann er abstürzt – und ob.

Der Arzt ist überzeugt, dass Hoffnung für seine Patientin besteht: «Sie möchte so gern wieder funktionieren. Aber das Trauma sitzt tief.» Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung könne es durchaus Jahre dauern, bis sich der Zustand bessert. Er findet es unverständlich, wie mit Kaiser umgegangen wird, dass die IV ihre Rolle als Versicherung für den Erwerbsausfall nicht erfüllt. Ebenso, dass ihre frühere Arbeitgeberin, die Credit Suisse, sich finanziell nicht um sie kümmert. «Frau Kaiser ist doch völlig unverschuldet in ihre dramatische gesundheitliche Lage geraten.»

Seit ein paar Monaten hat Manuela Kaiser einen Anwalt, der ihr zu ihrem Recht verhelfen will, der finanziellen Abgeltung ihres Schadens. «Die Bank hat nicht nur die Pflicht zum Schutz ihres Geldes, sondern als Arbeitgeberin auch eine erhöhte Fürsorgepflicht gegenüber ihren Angestellten», sagt Martin Hablützel von der Fachkanzlei Schadenanwaelte.ch.

Diese Schutzpflicht werde verletzt, wenn ohne minimste Gewaltanwendung in eine geschlossene Bankfiliale eingebrochen werden könne, um dort die Mitarbeiter abzuwarten und mit Waffengewalt zur Geldherausgabe zu zwingen.

Die Bank gibt der Frau die Schuld

Ein Schlichtungsverfahren mit der Credit Suisse im Januar scheiterte. Die Grossbank ist sich keiner Schuld bewusst – im Gegenteil: Sie wirft Manuela Kaiser vor, sich beim Überfall nicht korrekt verhalten zu haben, sie habe «sämtliche Sicherheitsstandards der Bank missachtet». Obwohl im Polizeiprotokoll steht: «Gemäss polizeilichen Erkenntnissen hat sich Frau M. K. pflichtbewusst an bankinterne Weisungen gehalten und den geschützten Raum nicht mehr verlassen.»

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Die Credit Suisse will dazu keine Stellung nehmen.

Noch diesen Monat wird Anwalt Hablützel den Fall vor das Zürcher Arbeitsgericht bringen. Dann muss entschieden werden, ob die Bank ihren Sorgfaltspflichten nachgekommen ist.

Manuela Kaiser wünscht sich einen weiteren Hund, «einen grossen, scharfen». Momentan fehlt ihr aber noch die Kraft, ein solches Tier zu halten.

*Name geändert