Der Reflex funktionierte zuverlässig: Kaum stand am Abstimmungssonntag vom 3. März fest, dass der Familienartikel trotz einem Volksmehr von 54,3 Prozent am Veto der Stände gescheitert war, tickerten die Newsportale, einmal mehr sei der Stadt-Land-Graben aufgebrochen. Umgehend gefolgt von den Kommentaren der Leser, die tatsächlich nicht auf ein besonders einvernehmliches Verhältnis zwischen den Menschen auf beiden Seiten der Verwerfung hindeuten.

«Die konservative, rückständige, länd­liche Gotthelfschweiz zwingt einer Mehrheit ihr Weltbild auf», schrieb sich ein ­Leser seinen Ärger von der Seele. Die Reaktionen auf das giftige Votum kann man sich vorstellen. Werte krachten ungebremst aufeinander, ebenso die heiligen Säulen Demokratie und Föderalismus. Das alles befeuert durch den Umstand, dass sich «die urbane und die rurale Schweiz zunehmend auseinanderentwickeln», wie der Berner Politikberater Mark Balsiger feststellte. «Und von diesen Positionen aus beäugt man sich gegenseitig mit gefestigten Bildern.» Trübe Aussichten.

Die Krux mit dem Ständemehr

Seit der Familienartikel versenkt wurde, steht das Ständemehr auf dem Prüfstand. Neue Vorstösse im Parlament wärmen alte Reformvorschläge auf. Die Stossrichtung ist in mehreren Varianten dieselbe: Die ­bevölkerungsreichen Zentren sollen auf Kosten der kleinen Landkantone mehr Gewicht erhalten. Damit will man korrigieren, dass ein Zürcher heute bei Verfassungsabstimmungen 33-mal weniger Stimmkraft hat als eine Urnerin und gar 44-mal weniger als ein Innerrhödler. Ändern dürfte sich an diesem Zustand so bald allerdings nichts. Denn bevor am Ständemehr geschraubt werden kann, braucht es: ein Ständemehr.

In der konkreten Sache ist die laufende Debatte also ein Scheingefecht. Doch darin zeigt sich ein wachsendes Unbehagen da­rüber, dass sich das politische System der Schweiz an einem Modell festkrallt, das aus einer anderen Zeit stammt. Das ­Ständemehr wurde im 19. Jahrhundert geschaffen, um den im Sonderbundskrieg von 1847 unterlegenen katholisch-konservativen Landkantonen die Integration in den Bundesstaat zu erleichtern. Doch wer ­würde ernsthaft behaupten, der Kanton Schwyz, wo in 30 Kilometern Luftlinie die Grenzen zwischen dem kargen Muotatal und der mondänen Zürichseeküste längst verwischt sind, hätte eine derartige Förderung noch nötig? Oder der reiche Kanton Zug, längst Teil des Ballungsraums Zürich?

Doch Politik lässt sich wirkungsvoller mit scharfen Grenzen betreiben – daher blenden ihre Macher Zwischentöne lieber aus. Und die Realität scheint ihnen recht zu geben. Die Stände Schwyz und Zug sagten zum aktuellen Familienartikel ebenso nein wie im Februar 2011 bei der Abstimmung über die Waffenschutz-Initiative. Bei deren Aufarbeitung erklärte Meinungsforscher Claude Longchamp den Stadt-Land-Graben zum «bedeutendsten politischen Konflikt», der sich weiter verschärfen werde. Diese Prognose Longchamps war zutreffend. Gerade die laufende Kontroverse um den nationalen Finanzausgleich zeigt, dass der Ton zwischen den Zentren und der ­Peripherie rauer geworden ist (siehe «Ein Check und keine Fragen»).

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Karin Fischer, 45, und ­Stefan Hostettler, 45, mit Söhnen Robin, 14, und Linus, 9, grosse Wohnung in einem früheren Indus­trieareal in Winterthur

Beruf: sie: Präsidentin der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde ­Winterthur-Andelfingen; er: stellvertretender ­Generalsekretär der SP Schweiz

«Meine Lieblingsstädte sind London und Hamburg. Ich liebe Städtereisen. Wenn die Kinder gross sind, würde ich am liebsten im Hochhaus zuoberst mit Blick über die Stadt wohnen. Mein Partner und ich lebten berufs­bedingt mehrere Jahre in Brüssel. Als wir zurück­kamen, war klar, dass es wieder eine Stadt sein sollte: Wir arbeiten beide 100 Prozent, da ist es praktisch, wenn Arbeit und Wohnen nahe bei­einander sind. Auch die Kinderbetreuung ist einfacher zu organisieren, es gibt Mittagstische und Horte. Wir haben kein Auto, sind auf öffentliche Verkehrsmittel an­gewie­sen. Alles gute Gründe, in der Stadt zu ­leben. Wir sind jetzt seit fünf Jahren in Winterthur. Mir gefällt dieses urbane Wohnen, an einem Ort zu leben, der verdichtet ist und sich ständig entwickelt. Die Kinder können gefahrlos draussen spielen, fast das ganze Areal ist autofrei. Es ist zwar nicht grün, aber sie haben viel Platz für Velofahren, Klettern oder Versteckis. Und wenn wir ins Grüne möchten, sind wir schnell in einem der Wälder um die Stadt. Oder fahren am Wochenende in die Berge.»

Die Aussensicht der Städter

Zeit für einen Ausflug an die beiden Pole, die in diesem Fall keine 200 Meter aus­einanderliegen – in Büros in der Berner ­Innenstadt. «Grausam aufgeregt» über die Städter hat sich kürzlich Thomas Egger, ­Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) und damit Lobbyist für die ländlichen ­Räume. Anlass dafür war der Abschuss des Bären M13 und die am Tag darauf publizierte Untersuchung des Bundes, die den Bergkantonen als Folge der Zweitwohnungsinitiative massive volkswirtschaft­liche Einbussen und den Verlust von bis zu 13'000 Stellen prophezeit.

In die Sätze gebracht hat den gebürtigen Walliser, wie diese beiden Ereignisse im Unterland gewichtet wurden: Auf vollen drei Seiten habe der (Zürcher) «Tages-Anzeiger» über den (Bündner) Bären berichtet, während der alarmierende Befund der Seco-Studie in ein paar dürren Zeilen abgehandelt wurde. «Das zeigt, dass die Aussensicht der Städter auf die Bergler oft diametral zu deren Lebensrealität steht.»

Wenns ums Geld geht, sind alle vom Land

Im politischen Diskurs registriert Egger «verhärtete Fronten, sobald Geld im Spiel ist». Festmachen lässt sich das am neuen Finanzausgleich, der seit 2008 gilt und Lastenausgleich auch für Aufgaben der urbanen Gebiete vorsieht, was diese entsprechend fordernder auftreten lässt. «Früher hat man den ländlichen Regionen unterstellt, sie seien bloss Subventionsempfänger, und jetzt tun die Städte genau das, was sie uns immer vorgeworfen haben», stellt der SAB-Direktor maliziös fest.

Eine ungute Umverteilung zeigt sich für ihn etwa beim Verkehr, wenn ÖV-Projekte in den Städten und Agglomerationen unterstützt werden, man im Gegenzug dafür beim Regionalverkehr in den Randregionen abspecken wolle. Die Berg- und Landregionen würden von der Politik mehr und mehr vernachlässigt, sagt Egger. «Der Bund hat schlicht keine Strategie, wie sich die Berggebiete und die ländlichen Räume entwickeln sollen.»

Abhilfe schaffen soll der auf Frühjahr 2014 erwartete Bericht zu einer Motion des Bündner CVP-Ständerats Theo Maissen, die genau eine solche Strategie fordert und letztes Jahr von beiden Kammern über­wiesen wurde – notabene gegen den Willen des Bundesrats.

Wer kommt zu kurz in diesem Land? Ein paar Häuserblocks weiter, beim Schweizerischen Städteverband, braucht Direktorin Renate Amstutz nicht lange zu überlegen. «Die urbane Schweiz hat an­gesichts ihrer wirtschaftlichen Bedeutung massiv zu wenig Gewicht», findet die «Mutter aller Städte», wie sie kürzlich in der NZZ bezeichnet wurde. Die Fakten dazu hat der Verband erst kürzlich mit einer Studie untermauert: Mit einem Bevölkerungsanteil von rund drei Vierteln erwirtschaften die urbanen Gebiete 84 Prozent der hiesigen Wirtschaftsleistung. Diese ­Dynamik gelte es zu unterstützen, statt zu bremsen, so die publikumswirksame Botschaft bei der Veröffentlichung der Untersuchung des Instituts BAK Basel.

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Eva Hiltbrunner, 45, Hof einsam auf dem Land in Pfaffnau LU

Beruf: Kindergärtnerin und Künstlerin

«Seit vergangenem Sommer wohne ich mit meinem Partner nun wieder auf dem Bauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin. Allerdings nicht im Haus meiner Kindheit, sondern in einem Neubau, den meine Eltern 1983 errichtet haben. Meine Geschwister und ich wollten den elterlichen Hof nicht verlieren. Land wie dieses kann man nie wieder kaufen. Das ist aber nicht der einzige Grund für die Rückkehr. Ich hatte irgendwann auch genug von der Stadt, dem vielen Beton und den vielen Leuten. Ich ging mit 16 nach Luzern in die Kanti und habe von da an eigentlich immer in Städten gelebt. Aber mit der Zeit entwickelte ich einen anderen Lebenswandel und ging kaum mehr in den Ausgang. Unser Hof liegt wirklich auf dem Land, ein paar hundert Meter vom nächsten Haus entfernt – das ist gut so. Damit ich den Hof übernehmen konnte, mache ich eine Ausbildung zur Landwirtin im Neben­erwerb. Ich werde mit sechs Hektaren loslegen, vorläufig ohne Tiere – ­davor habe ich Respekt. Diesen Frühling pflanzen wir über 70 Hochstammbäume und noch mal so viele Wildobststräucher. Bis in ein paar Jahren möchte ich Apfel-Champagner herstellen – ein edles Bioprodukt, das auch etwas kosten darf.»

Gedränge am finanziellen Futternapf

Renate Amstutz räumt ein, dass ihr Lobbying mehr Gehör findet als auch schon. Zunehmend mache sich bemerkbar, dass die seit 2000 gültige neue Verfassung den Bund ausdrücklich verpflichtet, nicht nur auf die Interessen der Randregionen Rücksicht zu nehmen, sondern auch auf die der Städte und Agglomerationen: «Ein wichtiges Si­gnal. Heute bringen wir unsere Anliegen bei Gesetzesrevisionen, Projekten und jährlich bis zu 60 Vernehmlassungen ein», so die Direktorin, in deren Verband 125 Städte und Gemeinden organisiert sind.

So vehement sich Amstutz im enger werdenden Gedränge am finanziellen Futternapf für die urbane Schweiz ins Zeug legt, so sehr ist sie auf Ausgleich bedacht. «Die Städte wollen nicht auf Kosten der ländlichen Regionen fair behandelt werden, sondern im Interesse des ganzen Landes», sagt sie. Um sogleich anzufügen: ­Starke Städte als Chance für eine starke Schweiz zu verstehen, das sei hierzulande «noch ein sehr zartes Pflänzchen».

Alle gehen auf die Malediven

Also wird Renate Amstutz weiter für ihre Sache weibeln, wie es Thomas Egger für die Randregionen tut. Dabei werden ihre jeweiligen Zielgruppen immer uneinheitlicher: Wie die ländlichen und städtischen Räume ineinandergewachsen sind, gleichen sich auch die Lebensweisen und ­so­zialen Bedürfnisse zwischen ländlich und städtisch geprägter Bevölkerung an. SAB-Direktor Egger drückt es in der träfen Art der Bergler so aus: «Auch wir machen auf den Malediven Ferien.»

Eine repräsentative Umfrage des Beobachters bestätigt nun, wie stark die Durchmischung der Bevölkerung in der klein­räumigen Schweiz bereits ist. Der markanteste Befund: 42 Prozent der Bewohner der urbanen Regionen haben von sich ein «ländliches» Bild. Vier von zehn Menschen, die in Städten und Agglomerationen leben, pflegen also gemäss Selbsteinschätzung Denkhaltungen und Verhaltensweisen, die das Klischee eher den Leuten aus der Provinz ­zuordnet.

«Es gibt keinen Stadt-Land-Graben aufgrund des Wohnorts, wie das die politische Diskussion suggeriert. Es gibt ihn höchstens aufgrund der Werthaltungen», bringt es Hans-Ruedi Hertig, Verantwortlicher der Beobachter-Umfrage, auf den kurzen Nenner. Noch kürzer: Der Graben ist im Kopf.

Und es gibt ihn daher nicht nur einmal, sondern tausendfach. Politisch finden so wertkonservative Ansichten auch in städtischen Kantonen leichter Mehrheiten und damit Standesstimmen – gerade bei Themen, die mit einer Öffnung der Schweiz verbunden sind. Oder wenn es, wie beim Familienartikel, um Gesellschaftsfragen geht. Deshalb werden auch innerhalb von Kantonen wie Bern oder Luzern die Zentrumsstädte mit schöner Regelmässigkeit überstimmt. Umgekehrt schälen sich bei der vertieften Analyse von Abstimmungsergebnissen auch die urbanen Inseln in der Landschaft heraus. So befürwortete am 3. März 2013 etwa der Gebirgsbezirk Oberengadin den Familienartikel, während Graubünden als Ganzes dagegen war.

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Natalie Frick, 45, mit Sohn Ben, 5, und Partner Martin Meier, 40, in ­Untersiggenthal AG, Einfamilien­haus mit gros­sem Garten und Hühnern

Beruf: sie: selbständige Produktgestalterin; er: Unternehmensberater

«Früher war ich eine ­totale Städterin, habe meine Freundin, die aufs Land zog, nie besucht, weils mir zu weit war. Nun wohnen wir seit drei Jahren in Untersiggen­thal, einem Dorf in der Nähe von Baden. Mein Partner ist aus der ­Gegend, und uns war es wichtig, dass Bens Grosseltern in der Nähe sind. Kurz nachdem Martin und ich uns kennengelernt hatten, wurde ich schwanger. Wir zogen zusammen, wohnten in Zürich. Mit ­einem Kleinkind ging das gut, aber als Ben mehr Freiraum brauchte, war auch ich bereit fürs Landleben. Ich wollte nicht ­immer alle Sachen zusammenpacken und mit ihm zum Spielplatz gehen, hinterm Sandkasten hocken und auf ihn aufpassen. Mein Sohn sollte so aufwachsen wie ich als Kind in Interlaken: den ganzen Tag draussen mit Freunden. Das ist auch für mich viel besser, er hat seinen Freiraum und ich meinen. Mein Atelier in Zürich habe ich behalten, ganz ohne Stadt gehts nicht. Wenn Ben gross ist, werden wir wahrscheinlich wieder in die Stadt ziehen. Derzeit habe ich alles, was ich nie wollte – und bin trotzdem glücklich: ein Einfamilienhaus auf dem Land, ein ­E-Bike mit Veloanhänger und ein Kind.»

Weder Stadt noch Land – das Engadin

Die Engadiner verkörpern das, was die Genfer Autorin Joëlle Kuntz als «neuen Typus Bürger» bezeichnet: «Landstädter». Die 66-Jährige sorgte mit ihrem Referat am letztjährigen Städtetag für Aufsehen. Sie kritisierte, dass die damalige Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf ihre ­Rede zum 1. August im bündnerischen Juf hielt – wegen der Weitsicht, die diese ­Höhenlage ermögliche, argumentierte Widmer-Schlumpf. «Eine belebte Strasse in Lausanne oder Zürich wäre ein viel passenderer Denk­rahmen für den schweizerischen Alltag gewesen. Juf ist alles, was die Schweiz heute nicht ist», sagt Joëlle Kuntz. «Wir sehnen uns nur nach jener Schweiz.»

Dabei existierten die Lebenswelten Stadt und Land – von kleinen Nischen abgesehen – heute gar nicht mehr als klare Gegensätze. «Wir sind alle Landstädter – Bergbewohner in der Stadt oder Stadt­bewohner in den Bergen.» Weil die Stadt gewonnen hat. Will heis­sen: die urbanen Werte, der urbane Lebenswandel. «Die ­alte, ländliche Schweiz hat diesen Wettstreit verloren» – weil sich heute auch ländlich geprägte Menschen an städtischen Werten orientierten; eine Folge der Indus­trialisierung, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zu steigendem Konsum und zunehmender Mobilität führte. «Die Landbewohner haben auch gesehen, dass es in der Stadt lustiger ist. Bauernkinder träumen von der Grossstadt.»

Denn das ländliche Dasein ist ein starres Gefüge von Gebundenheit, Familie und Grundbesitz, so Kuntz. «Es bietet zwar sehr viel Sicherheit, aber wenig Freiheit.» Die Stadt sei das Gegenteil; ein Ort der Verheis­sung, die vielleicht in Erfüllung geht oder auch ins Verderben führen kann: «Vielleicht finden Sie einen Partner, vielleicht nicht; vielleicht finden Sie eine Anstellung, eine Wohnung, Ihr Glück – oder Sie begegnen hinter der nächsten Ecke Ihrem Mörder. Alles ist viel zufälliger, sehr fragil.»

«Auf einmal ist alles zu gross»

Diese Unsicherheit sei natürlich nicht jedermanns Sache. Die Stadt werde gewollt und herbeigesehnt, aber plötzlich abgelehnt, wenn sie da sei: «Auf einmal ist alles zu gross, es hat zu viele Leute, zu viel Schmutz, Verkehr, keine Wohnungen, man sehnt sich nach Raum. Und wo finden Sie den? Auf dem Land.» Für viele Menschen sei das Ideal einer Stadt ein gros­ses, sympathisches Dorf voller hübscher Cafés, Gässchen und Pärklein: «Mais ce n’est pas la ville! Städte sind London, Paris, Berlin – hektisch, laut, dreckig.»

Unser romantisch-kitschiges Zerrbild mache uns unnötigerweise unglücklich. «Deshalb muss man den Leuten beibringen, die moderne Stadt als solche anzunehmen und darin gut zu leben.»

Die Unfähigkeit, mit modernen Städten zurechtzukommen, sei kein rein schweizerisches Problem. In Frankreich sei die ur­bane Übersättigung noch viel stärker: «Ein französischer Chansonnier schrieb vor ein paar Jahren dieses eigenartige Lied: ‹J’aime plus Paris›. Wenn Sie an all die Lieder denken, die das schöne Paris besungen haben – und nun singt plötzlich einer, dass er ­diese Stadt nicht mehr mag.»

Quelle: Thinkstock Kollektion

Eveline Brunner Kleemair, 32, und Tobias Kleemair, 33, mit Sohn Norven, 8 Monate, altes Holzhaus mit Garten in Says GR

Beruf: sie: Primarlehrerin in Juf GR; er: Bauleiter

«Mein Mann und ich sind leidenschaftliche Kletterer, wir verbrachten bis zur Geburt unseres Sohnes jede freie Minute in der Felswand. Ich komme aus dem Glarnerland, lebte lange in Zürich und habe im Kreis 4 unterrichtet. Als die Gemeinde Avers vor drei Jahren eine Lehrerin suchte, hat mich die Stelle sofort interessiert. Ich kannte das Hochtal vom Eisklettern und von Skitouren her, mich reizte die Abgeschiedenheit. Bis vor kurzem habe ich dort gelebt, seit das Baby da ist, wohnen wir in Says, ­einem Dorf über dem Churer Rheintal. Ich ­pendle zur Arbeit – eine Stunde pro Weg. Wir wohnen in einem alten Holzhaus am Dorfrand, mit Kachelofen, im Winter müssen wir einfeuern. Sehr heimelig. Der Blick vom Garten in die Berge ist toll, ich geniesse die Ruhe, das Wetter – hier haben wir nie Hochnebel. Ich schätze auch, dass wir Gemüse, Fleisch und Eier direkt von den Nachbarn beziehen können. Natürlich vermisse ich die Stadt manchmal: Kino, Ballett, all die Cafés. Und das ­Multikulturelle. Die meisten meiner Freundinnen wohnen in Zürich. Wenn mich die Sehnsucht packt, besuche ich sie – aber nicht mehr so oft, es zieht mich immer wieder in die Natur. Zurück möchte ich nicht, die Berge gefallen mir zu sehr.»

Stadtmüde flüchten auf Pseudo-Landsitze

Es gehe auch anders. Das Genie der New Yorker sei, ihre Stadt trotz Lärm, Wandel, Bewegung und Gedränge zu lieben und lebenswert zu gestalten. «Aber eben lebenswert unter städtischen Gesichtspunkten, nicht unter ländlichen», so Joëlle Kuntz. Das sei allerdings nicht einfach reproduzierbar, schon gar nicht in der Schweiz. Stadtmüde Schweizer zögen sich ein paar Kilometer ausserhalb in kleine Häuschen zurück: «Mit Garten, Baum und einem Hund vor der Tür. Das ist eine Art Flucht, jeder für sich flüchtet, in seinen kleinen Pseudo-Landsitz – aber das ist ­weder Stadt noch Dorf.»

Von ihrem kleinbürgerlichen Fluchtort aus diktierten die Landstädter und ihre urban geprägten Institutionen, wie auf dem Land produziert und gelebt werden soll. Und die Landbewohner akzeptieren das, weil sie letztlich keine Wahl haben, sagt Kuntz. «Die Städter kaufen die Landwirtschaftserzeugnisse, sie besuchen als Touristen die Berge und sind in der Überzahl. Deshalb haben sie das letzte Wort.» Somit gehört das Land zur Stadt und umgekehrt. «Daher habe ich den Begriff des Landstädters erfunden: Es geht um einen territorialen Kompromiss. Alles gehört allen.»

Vielleicht kommt ja auch alles einfach auf die Perspektive an. Im Bericht Nord­regio 2004, einer europaweiten Analyse über Gebirgsräume, werden 93 Prozent der Schweizer Landesfläche und ein fast ebenso grosser Anteil der Bevölkerung dem Berggebiet zugerechnet – inklusive urbaner Zentren wie Zürich, Bern oder Genf. Vollkommen unföderalistisch, natürlich. Einfach etwas weniger eng gedacht.