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LärmschutzAstra prellt Bürger um Lärmschutz

Das Astra schiesst dringend nötige Lärmschutzprojekte ab – mit völlig überhöhten Kostenprognosen.

Für Lärmschutzvorrichtungen ist das Bundesamt für Strassen zuständig – doch das hat seine eigenen Methoden, um sich vor der Finanzierung zu drücken.
von aktualisiert am 29. Mai 2018

Wer an einer Nationalstrasse wohnt, leidet oft unter massivem Lärm Lärmklage So wehren sich Anwohner gegen Autolärm . Der Bund ist deshalb als «Betreiber der Lärmquelle» verpflichtet, seine Bürger zu schützen. Doch das zuständige Bundesamt für Strassen Astra hat eine Möglichkeit gefunden, die Finanzen fressenden Lärmsanierungen abzuwenden. «Wirtschaftliche Tragbarkeit und Verhältnismässigkeit», kurz WTV, heisst das Zauberwort.

Dabei werden zu erwartende Baukosten – beispielsweise für eine Lärmschutzwand – durch die Anzahl betroffener Bürger geteilt. Übersteigt die Massnahme einen gewissen Index, kann das Astra die Lärmschutzmassnahme wegen Unverhältnismässigkeit abschmettern. Und zwar bevor Bauunternehmen Offerten abgeben können.

Berechnungsgrundlage divergiert mit Realität

Bei seinen Berechnungen setzt das Amt grundsätzlich 1700 Franken pro Quadratmeter Lärmschutzwand ein. Tatsächlich kostet aber kaum je ein Projekt soviel, wie Brancheninsider bestätigen. Sie rechnen mit durchschnittlich 750 bis 850 Franken pro Quadratmeter samt Fundament und Nebenkosten, also nicht einmal die Hälfte. Selbst Schallschutzwände aus Glas, die rund 30 Prozent teurer sind als herkömmliche Betonwände, kommen meist günstiger. So kam etwa der Schallschutz entlang der SBB-Durchmesserlinie Altstetten-Zürich HB-Oerlikon lediglich auf 888 Franken pro Quadratmeter zu stehen – dabei war jedes Element laut Baubeschrieb ein Unikat.

Man setze schweizweit dieselben Kostenansätze ein, um eine Ungleichbehandlung von Anwohnern zu verhindern, rechtfertigt das Astra die realitätsferne Berechnungsgrundlage.

Unterschiedliche Reglemente

Es geht noch dreister. Bereits bestehende Lärmschutzwände, etwa bei einer Aufstockung, lässt das Astra ebenfalls mit Phantasiebeträgen in die Wirtschaftlichkeitsberechnung einfliessen. Eigentlich müssten sie laut Reglement mit einem Abschreiber von rund 86.73 Franken pro Quadratmeter und Jahr erfasst werden. Im technischen Merkblatt 2100120106 figurieren sie aber pauschal mit einem Wiederbeschaffungswert von 1400 Franken.

Diese Verhinderungstaktik stösst SVP-Nationalrat Franz Grüter sauer auf. Anhand eines konkreten Falls hatte er letzten Herbst eine Motion eingereicht. Damals ging es um eine Lärmschutzwand entlang der Autobahn bei Eich/LU. Für eine Stecke von 450 Metern rechnete das Astra mit Kosten von 6,9 Millionen Franken und schmetterte das Projekt ab. Die Schätzung betrage ein Vielfaches der realen Kosten, hielt Nationalrat Grüter dagegen. Das zeige ein Kostenvoranschlag eines renommierten Bauunternehmens. Zudem seien unnötige Abbrüche berechnet worden. Und bestehenden Wände mit einem Wert mit eingeflossen, der doppelt so hoch ist, wie sie beim Neubau 2000 gekostet hatten.

Jürg Röthlisberger
Astra-Chef Jürg Röthlisberger
Quelle: ASTRA

Leidtragend sind neben der lärmgeplagten Bevölkerung auch die Bauunternehmen, denen die abgeschmetterten Projekte als Aufträge verloren gehen. «Das Problem ist, dass die Bauunternehmen auf Grossaufträge des Bundes angewiesen sind und sich deshalb nicht wehren», sagt Nationalrat Grüter. Soll heissen, sie wollen die Hand nicht beissen, die sie füttert.

Die Antwort des Bundesrates auf Grüters Motion: Die Kostenschätzung in der Vorprojektierungsphase beruhe auf Werten von aktuellen Ausführungsprojekten und würde eine schweizweite Gleichbehandlung der vom Verkehrslärm betroffenen Bevölkerung gewährleisten. «Damit gebe ich mich nicht zufrieden. Das Thema wird deshalb noch im Nationalrat debattiert», sagt Grüter.

Die Gemeinde Eich will ihren Fall nun bis vor Bundesgericht ziehen. Das dürfte Astra-Chef Jürg Röthlisberger in nächster Zeit den Schlaf rauben. Denn falls die Gemeinde in Lausanne obsiegt, wäre ein Präzedenzfall geschaffen – mit enormen Auswirkungen auf das Staatsbudget: Die Lärmsanierung aller betroffenen Strecken würde den Bund laut Nationalrat Franz Grüter über sechs Milliarden Franken kosten.

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Elio Bucher, Online-Redaktor

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3 Kommentare

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heinzkaufmann
Zum grossen Teil ist das Verschleuderung von Steuergeldern! Solange es legal ist mit Auspuffmanipulationen (Remus, Abarth, AMG, etc.) über 90dB Lärm zu erzeugen, ist es lächerlich für hunderte von Millionen Lärmschutzwände aufzustellen! Liebe Politiker, stellt diese lächerliche Lärmgesetzgebung endlich um!!! Bei 50km/h erfüllt jedes Fahrzeug die Vorschrift und ab ca. 52 km/h darf man beliebig viel Lärm erzeugen - bis über die Gehörschadengrenze - alles ganz legal!!! Zur Info hier ein Link zu einem Kassensturz-Beitrag dazu: https://www.srf.ch/sendungen/kassensturz-espresso/themen/umwelt-und-verkehr/manipulierte-fahrzeugtests-auch-beim-laerm-wird-getrickst Ich hoffen kein Urheberrecht zu verletzen mit dem Link...
fidozi
Schade, dass durch diesen Artikel mein Bild auf den Beobachter getrübt wurde. Ich habe bei meiner Arbeit mit Lärmschutz zu tun (SBB) und einen gewissen WTV gibt es nicht. Der Index heisst WTI (Index der Wirtschaftlichen Tragbarkeit). Zudem entsprechen weitere Fakten nicht der Wahrheit. Der Beobachter gilt für mich als Qualitätszeitung, aber dieser Artikel hat mit Qualität nichts am Hut. Es wurde keinerlei Recherche betrieben. Echt schade!
onlineredaktion
Hallo Fidozi Es stimmt schon, dass der Index WTI heisst. Das WTV im Text bezieht sich aber nicht auf den Index, sondern auf die Methode. Zudem würde uns interessieren, von welchen «unwahren Fakten» Sie sprechen. Da müssten Sie bitte schon etwas genauer sein. Freundliche Grüsse, die Autorin Andrea Haefely