Sie zogen aus, um der kapitalistischen Gesellschaft den Rücken zu kehren und ein neues Leben zu beginnen – ein Leben in solidarischer Gemeinschaft und im Einklang mit der Natur. Die meisten von ihnen stammten aus der 68er-Bewegung oder aus der Hippieszene; spä­ter stiessen Aktivisten aus dem Umfeld der 80er-Unruhen dazu. Sie stellten den Materialismus in Frage, kämpften gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen den Bau von Atomkraftwerken und Auto­bahnen. Sie waren jung, hatten visionäre Ideen und wollten diese in die Tat umsetzen. Dafür gaben sie Lehre oder Studium auf und gründeten Landkommunen; nahmen Hammer und Harke in die Hand, betätigten sich als Zimmermann oder Biobäuerin, erprobten den kollektiven Besitz und versuchten, sich ein eigenes Paradies zu erschaffen.

Im Ausland sind einige dieser Öko-Kommunen bis heute erhalten geblieben. Einzelne grössere haben sogar eigene Währungen erfunden und neue Religionen entwickelt – zum Beispiel die Findhorn Foundation in Schottland oder die Ökogesellschaft Damanhur im Piemont. Anders in der Schweiz. «Es gibt heute hierzulande nur noch wenige solcher Kommunen», sagt der Berner Politologe Hans Hirter, der sich wissenschaftlich mit der Aussteigerbewegung beschäftigt hat. Der Grund: Die einst mit viel Enthusiasmus gegründeten Gemeinschaften blieben für viele junge Leute bloss eine Durchgangsstation auf der ­Suche nach sich selbst. Tausende kamen, verwirklichten sich – und zogen weiter.

Von «Schwätzern» und Biobauern

«Die, die blieben, sind wohl noch immer ge­trieben von ihrer Vision einer gerechteren und nachhaltigeren Welt», sagt Hirter. Nicolas Barth, Mitbegründer des jurassischen Ökodorfs «Ecovillage Clos du Doubs», formuliert es so: «Es gibt unter den sogenannten Umweltschützern viele Schwätzer. Wer ein richtiger Naturschützer sein will, kann eigentlich nur Biobauer sein.» Allerdings gestaltete sich die Umsetzung des Wun­sches nach Unabhängigkeit und Selbstverwaltung für viele weitaus schwieriger als angenommen, wie auch die folgen­den Porträts zeigen. Biodynamische Pro­duk­tion sämtlicher Lebensmittel auf dem eigenen Hof? Unmöglich. Führen eines abgeschotteten Lebens ausserhalb der «fehl­gelei­te­ten» Gesellschaft? Kein Thema mehr. Ein Leben ohne Auto, Waschmaschine und Handy? Für viele doch zu unbequem.

Ulrico Stamani: «Die grösste Herausforderung hier oben sind nicht die Entbehrungen, sondern die Konflikte im Team.»

Quelle: Stefan Walter

Der Weg nach Pianta Monda ist steil und steinig. Nach einem halbstündigen Marsch durch den Kastanienwald erreicht man die Alp oberhalb von Men­zonio TI. Eidechsen huschen durch die Ritzen der halbverfallenen Steinhäuschen. Vor und hinter den Rustici sind zwei terrassierte Gärten angelegt, in denen es vor Schmetterlingen und Unkraut nur so wimmelt. Eine Solardusche hängt an einem Baum, Hühner gackern. Auf der von Reben umrankten Terrasse sitzt Ulrico Stamani, 67, einer der Vordenker des Projekts. Ausgestiegen ist er 1991; damals hiess er noch Ueli Stadelmann und amtierte als Primarlehrer. Die Arbeit nach minutengenauem Stundenplan gefiel ihm nicht mehr, lieber wollte er Bauer werden. Doch weil er keinen Hof fand, zog er ins Tessin und verwirklichte sich erst mal als Künstler. Später gründete er mit Gleichgesinnten die Genossenschaft Pianta Monda.

Stolz zeigt Ulrico Stamani auf die drei Rustici, die dank zinslosen Darlehen bereits bewohnbar ge­macht werden konnten. Er spricht von einem «Vorzeigeprojekt», von der «Rückeroberung des Ag­rar­lan­ds» im vergandeten Tal, vom Erhalt traditioneller Kultur. Die Realität kann mit diesen Visionen nur bedingt Schritt halten. Zurzeit wohnen bloss zwei «Permanenti» auf Pianta Monda: Damijan, einst Filiallei­ter einer Computerschu­le, ausgestiegen mit 52, und Andrea, Mitte 20, mit Rastalocken und frohem Gemüt. Stamani und seine Freundin Sue-Sanna legen nur noch zwei Tage pro Woche im Ökodorf Hand an, ansonsten leben sie in ei­nem komfortableren Haus unten im Tal. Zwei Zürcher sind kürzlich weitergezogen, wie schon Dutzende andere vor ihnen. Pläne, mehr Land und einige Weidetiere zu kaufen, scheiterten ebenso wie ein Rebbergprojekt. Warmes Wasser gibt es nicht, und der Strom der Solaranlage bringt gerade mal eine Glühbirne zum Leuchten. Auch die angestrebte Autarkie blieb ein Wunsch: Zwei Drittel der Lebens­mit­tel werden im Coop beschafft. Das Geld stammt von Gästen und Spendern.

Damijan, der dienstälteste Bewohner, will trotz allen Entbehrungen nicht mehr zurück. Er arbeitet gerne hart, wenn er da­für Freiheit spürt. Nur fehlt es an Mitstreitern, die länger als einen Sommer bleiben: Wer weiss, vielleicht gingen sonst all die Träume, die in den Gemäuern schlum­mern, doch noch in Erfüllung.

Ökodorf Pianta Monda

Das Ökodorf besteht aus einem kleinen Maiensäss oberhalb von Menzonio TI. Besucherinnen und Besucher sind jederzeit herzlich willkommen; man kann im Ökodorf auch mehrere Tage Ferien machen oder Lager durchführen. Ebenfalls äusserst willkommen sind neue Mitbewohnerinnen und -bewohner. Produkte aus dem Ökodorf können im Negozio Valmaggese in Bignasco, gleich gegenüber der Post und der Busstation, gekauft werden. www.piantamonda.ch

Irene Reiser: «Wer hat schon so einen schönen Hof und ein so ungezwungenes Leben?»

Quelle: Stefan Walter

In den achtziger Jahren nisteten sich einige Jugendliche aus der Zürcher Hausbesetzerszene im hintersten Winkel des Jura ein, im Weiler Froidevaux, direkt an der Grenze zu Frankreich. Ihr Ziel: möglichst einfach als Biobauern und Schafhirten zu leben. Aus der einen Kommune sind inzwischen drei geworden. Einer der Gründer kaufte sich mittels einer Erbschaft ein grosses Bauernhaus am Doubs. Ein weiteres Jurahaus konnte dank zinslosen Darlehen im Weiler Essertfallon erstanden werden. Und die als «Bergers de Froidevaux» bekannten Hirten ziehen noch immer mit ihren Schafen durchs Land.

Auf dem Ökohof in Essertfallon wohnt Irene Reiser, ebenfalls eine der Pionierinnen aus Zürich. Gutgelaunt steht sie vor dem grossen Haus, das sie zurzeit mit sechs anderen teilt. «Ich habe schon alles produziert», erzählt sie, «Honig, Käse, Eier, Weizen, Sauerkraut und vieles andere.» Doch der extensive Bioanbau mache vor allem viel Arbeit, habe aber bis jetzt kaum Einkünfte gebracht. Deshalb beschränke man sich zurzeit auf die Produktion des Nötigsten. 14 Kühe, die Tag und Nacht im Wald umherstreifen, liefern Fleisch, im Garten wächst biodynamisches Gemüse, das Dessert stammt aus einem Obstgarten.

Zusammen mit den landwirtschaftlichen Subventionen des Staates reicht das zum Leben. Und wenn im Garten mal nichts zu ernten ist, werden eben Brennnesseln gekocht. «Irgendwie sind wir noch immer durchgekommen», sagt Irene Reiser. «Doch wenn jetzt noch mehr Leute kommen wollen, müssen sie einen Nebenjob mitbringen.»

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Ecovillage Clos du Doubs

Das Ökodorf Clos du Doubs besteht aus drei Höfen, die sich alle rund um Soubey JU befinden. Besucherinnen und Mitstreiter sind herzlich willkommen. Auskünfte erteilt Nicolas Barth, Telefon 032 955 17 04 oder Irene Leiser, Telefon 032 461 32 14.

Subventionen halten Klassenkampf am Leben

Der Ableger der Organisation Longo Mai bei Undervelier JU gleicht einem normalen Biohof. Die einstigen Antikapitalisten leben heute auch von Staatshilfe und Spenden.

Claude Braun: «Wir versuchen das zu leben, was wir predigen.»

Quelle: Stefan Walter

Was ist aus der linksanarchistischen Ju­gend­bewegung Longo Mai geworden, die in den siebziger Jahren «experimentelle Zonen des freien menschlichen Lebens» einrichten und den Kampf gegen die «Herrscher-Elite» führen wollte? Ein geteertes Strässchen führt von Undervelier zum frisch renovierten Longo-Mai-Bauernhaus. Einige Leute arbeiten im gepflegten Garten, ­Schafe grasen, vor dem Haus sind drei Autos und ein Traktor parkiert. Claude Braun, 46, öffnet die Tür; er ist verheiratet, Vater zweier Kinder und seit kurzem Gemeinderat. Er führt den Besucher in die Stube mit Kachelofen, Fernseher und Gesellschaftsspielen. «Longo maï bedeutet ‹Es möge lange dauern›», sagt Braun lachend. «Wie man sieht, gibt es uns noch – auch wenn eine gewisse Tendenz zur Überalterung festgestellt werden muss.»

Longo Mai wurde 1972 von Lehrlingen und Schülern gegründet. Die Gesellschaftskritiker wollten Genossenschaften auf­bauen und Selbstverwaltung üben. Die erste Kooperative entstand in der Provence. Die Anfänge waren hart, es galt, Rui­nen zu renovieren, Wasser aufzutreiben, Gär­ten anzulegen. Jedes Detail wurde in stundenlangen Diskussionen besprochen, alles gehör­te allen, Löhne gab es nicht. Die Knochenarbeit fruchtete – bald konnten weitere Kooperativen gegründet werden. Heute leben 150 bis 200 Erwachsene und 50 Kinder auf den europaweit neun Höfen. Die gemeinschaftlichen Grundsätze haben sich kaum verändert. «Und auch heute noch engagieren wir uns für den Schutz der Natur, aber auch für den Schutz der Menschenrechte», sagt Claude Braun.

Auf dem elf Hektar grossen Hof im Jura werden Gemüse, Eier, Honig, Schaffleisch und Wolle produziert, rein biologisch. Die Energie stammt vom eigenen Wasserkraftwerk. Doch die Idee der 100-prozentigen Selbstversorgung musste auch Longo Mai fallenlassen. Dafür entdeckte die Organisation andere Einnahmequellen. «Wir leben vom Verkauf von Bio­pro­dukten und Strom, von Subventionen und von Spenden», sagt Braun. 2007 nahm der Verein Pro Longo Mai über 1,5 Millionen Franken an Spen­den ein. Rund eine Million benötigen die neun Kooperativen zum Leben und für die Finanzierung eigener Projekte. Mit dem Rest unterstützt man externe Projekte. Die strengen Ideale der antikapitalistischen Organisation sind einem etwas weniger ideologischen Pragmatismus gewichen.

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Longo Mai

Die Organisation Longo Mai betreibt insgesamt neun Kooperativen, eine befindet sich in der Schweiz in Undervelier JU. Infos: Longo Mai-Hof Le Montois, Telefon 032 426 59 71, E-Mail: montois@datacomm.ch

«Liebesnest» für Hippies und Lebenskünstler

Der Hirschenhof im zugerischen Walchwil setzt auf Tantrakurse, Hippiepartys, Blauringlager und andere Events. Das Bauern allein reicht nicht zum Leben.

Viola Schmid, Marco Kunz: «Wir setzen uns keine Ziele, wir wollen einfach in Liebe leben.»

Quelle: Stefan Walter

Hoch über dem Zugersee, am Rande der Moorlandschaft des Zugerbergs, bleibt manch ein Wanderer verdutzt stehen: Ein Steinkreis, eine Fahne in allen Farben und ein Totempfahl zieren die Wiese. Daneben weiden Damhirsche. Wollschweine grunzen. Man entdeckt vier farbig bemalte Bauwagen, die ein Dörf­chen bilden. Ein Häuschen entpuppt sich bei näherem Hinsehen als «Liebesnest». Ein Beizchen lädt zur Pause ein – die Türen stehen auch dann offen, wenn kein Gastgeber anwesend ist. Auf welchem Stern ist man hier gelandet? Es ist der Biohof von Viola Schmid: Freidenkerin, Mutter mehrerer Kin­der von mehreren Vätern, Sterbebegleiterin und Gebärhelfe­rin respektive «Dienerin der Frau», wie sie sich nennt. Als «Dienerin der Pflanzen- und Tierwelt» betreibt sie auch den Hof – gemeinsam mit ihren Kindern und ihrem Partner Marco Kunz, einst Betreiber des Jugendcafés in Zug, heute «Lebensgemeinschaftssuchender».

«Von der Landwirtschaft können wir nicht leben», sagt Schmid, «darum ist unser Hof zum Ort der Begegnungen geworden.» Hier ist alles möglich: Tantrakurse, Blauringlager, Walpurgisnächte, Hippiepartys mit Freikörperkultur. Man kann hier aber auch Kinder gebären oder in Frieden sterben. Weitere Projekte warten auf die Ver­wirk­lichung – deshalb suchen die Lebenskünstler nun noch Gleichgesinnte. Die aber müssten einer Teilzeitarbeit nachgehen. Denn Bargeld ist derzeit Mangelware.

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Hirschenhof Süren Walchwil ZG

Der Hirschenhof Süren oberhalb von Walchwil ZG betreibt eine kleine Besenbeiz (immer geöffnet) und führt regelmässig alternative Anlässe und Feste durch. Ebenso bietet das Team Ferien auf dem Bauernhof, Schlafen im Heu, eine Plattform für Kursanbieter sowie Time-Out-Plätze für Verhaltensoriginale an. Auch Zimmer für Schwangere oder Kranke stehen zur Verfügung. www.sueren.ch

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