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Sozialhilfe«Eine Investition in Bedürftige wirkt langfristig»

Der Staat muss mehr tun, als Geld an Bezüger zu verteilen, sagt Politikwissenschaftlerin Michelle Beyeler.

Beyeler: «Das richtige Mass zu finden ist eine Gratwanderung. Es kann auch ein Zuviel an Zeit und Mitteln geben.»
von aktualisiert am 21. Juni 2018

Beobachter: Mehr Geld in den Sozialstaat investieren, um Geld zu sparen – funktioniert das tatsächlich?
Michelle Beyeler: Davon bin ich überzeugt. In diesem Bereich Mittel einzusetzen heisst letztlich, Leuten in sozial schwierigen Situationen Ressourcen mitzugeben, die sie befähigen, später wieder selbständig den Lebensunterhalt zu bestreiten – ohne den Staat zu belasten. Das ist «Return on Investment», wie es in der Wirtschaft heisst. Dort ist dieses Konzept gang und gäbe.

Beobachter: Dort wird knallhart bilanziert. Wie ist der Spareffekt im Sozialen Sozialämter Die Sozialhilfe spart ohne Plan belegt?
Beyeler: Es gibt wenig wissenschaftliche Daten dazu. Eine Investition wirkt langfristig. Was etwa Förderung in der Bildung bringt, merkt man vielleicht erst viele Jahre später. Das macht es schwierig, die Effekte zu messen. Zudem ist der Ansatz des sozialen Investments noch relativ neu.

Beobachter: Was ist daran neu?
Beyeler: Lange war man der Ansicht, es reiche, wenn der Sozialstaat die finanziellen Defizite ausgleicht, die durch eine Notlage entstehen – das Konzept einer Versicherung. Später galt als Maxime, die Leute einfach möglichst schnell wieder in den Arbeitsmarkt zurückzubringen. Doch das ist nicht nachhaltig. Wer keine genügende Ausbildung hat, bleibt sein Leben lang in einer prekären Situation. Erst in neuerer Zeit setzt man verstärkt auf fördernde Massnahmen in Form von Begleitung und Qualifikation.

Beobachter: Investitionen ins Humankapital sozusagen. Gibt es gute Beispiele dafür?
Beyeler: Vorbildlich ist das Waadtländer Programm Forjad. Hier wird Arbeitslosen im Alter von bis zu 25 Jahren, die zur Sozialhilfe müssten, eine Lehrstelle vermittelt. Sie erhalten ein Stipendium, damit sie die Berufsausbildung ohne Einbussen absolvieren können. Gekoppelt ist das an ein Coaching für die Integration in die Berufswelt. So lassen sich Sozialhilfekarrieren vermeiden. Genau das ist die Idee von sozialen Investitionen: zu verhindern, dass der «Versicherungsfall» überhaupt eintritt.

Beobachter: Das Rezept klingt überzeugend, doch die politische Realität ist anders: Da dominiert das kurzfristige Spardenken, gerade bei der Sozialhilfe.
Beyeler: Es prallen tatsächlich zwei Denkweisen aufeinander. Der öffentliche Diskurs ist allerdings oft weit weg von der Realität. Wer Sozialhilfe bezieht, ist oft nicht oder nur indirekt in den Arbeitsmarkt vermittelbar. Ausserdem gibt es viele gering Qualifizierte, die trotz Job ohne Sozialhilfe nicht über die Runden kommen. Dennoch wird das Bild von Leuten kultiviert, die bequem vom Staat leben und sich nicht um ihre Arbeitsintegration bemühen. Und dafür soll man noch mehr Geld ausgeben? Daraus lässt sich leicht politisches Kapital schlagen. Bei den Sozialbehörden, die in der Praxis Massnahmen bewilligen, steht man dem Investitionsansatz hingegen offener gegenüber.

«Wenn man die Leute zu stark an der Hand nimmt, kann sie das träge machen.»

Michelle Beyeler, 44, ist Politikwissenschaftlerin und Dozentin für Sozialpolitik an der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit.

Beobachter: Doch die finanziellen Mittel sind begrenzt.
Beyeler: Investieren ins Sozialsystem heisst nicht, einfach immer mehr Programme zu installieren und zu meinen, so seien alle Probleme gelöst. Die Frage ist, wofür die Mittel genau genutzt werden – man muss machen, was effektiv ist. Zuerst muss man aber die Voraussetzungen schaffen, damit die Fachleute vom Sozialamt gute Arbeit leisten können. Ein Schlüssel ist eben: genug Zeit für sorgfältige Fallanalysen, in die auch die Sichtweise der Betroffenen einbezogen wird.

Beobachter: Wie viel ist genug?
Beyeler: Das richtige Mass zu finden ist eine Gratwanderung. Es kann auch ein Zuviel an Zeit und Mitteln geben. Dann arbeitet man in die Breite statt in die Tiefe und trifft Massnahmen, die vielleicht gar nicht nötig wären.

Beobachter: Riskiert man da nicht, die Eigenverantwortung der Bezüger zu untergraben? 
Beyeler: Wenn man die Leute zu stark an der Hand nimmt, kann sie das tatsächlich träge machen. Das wollen wir nicht. Dabei ist es nicht einfach, die richtigen Massnahmen zu finden – was bei einer Person wirkt, hat bei einer anderen überhaupt keinen Effekt. Glauben Sie mir: Soziale Arbeit ist ein anspruchsvoller Job

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2 Kommentare

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wildmaa
Dass Sozialarbeiter seit Jahren zuwenig Zeit für die Klientel haben ist nicht neu. Die Rechtsausleger in den Parteien glauben das einfach nicht.Es können also noch soviele Expertisen erstellt werden. Mit mehr Stellen kann die Klientel besser betreut werde. Damit steigen nicht nur die Chancen der Integration, auch Missbrauch kann besser verhindert werden.

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stone
Zu Beobachter vom 22. Juni 18 Thema Sozialhilfe Stimmt nicht! Auf der Seite 24/25 wird Herr Feurer (SVP), Direktion Soziales und Sicherheit von Biel, zitiert. Dort steht, dass er 14 zusätzliche Stellen schaffen wollte und es 2 Jahre dauerte, bis das Stadtparlament 2016 grünes Licht gegeben habe. Diese Aussage stimmt so nicht! Das Stadtparlament hat keine Stellen der Sozialen Fürsorge verzögert. Die Anträge von Herrn Feurer wurden dem Stadtparlament nicht gestellt. Im Gegenteil, einige Parlamentarier verlangten sogar in einer dringlichen Interpellation Antworten auf die Frage, weshalb die Stellen nicht beantragt wurden. Ich finde es vom Sozialdirektor beschämend, andere Personen für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen! Den Artikel an und für sich finde ich jedoch wichtig! Er zeigt deutlich, wie dringend Handlungsbedarf im Sozialwesen nötig ist! Machen wir also unser Sozialwesen günstiger, indem wir mehr Stellen für eine wirkungsvolle Sozialhilfe schaffen! Alfred Steinmann, Stadtrat SP, Biel

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