Anlagebetrüger erlebe ich durchwegs als kompetente, korrekte, wortgewandte, geschliffene Persönlichkeiten. Sie sind extrovertiert, geben sich offensiv, sie wollen überzeugen. Das psychiatrische Interview ist für sie wie ein Geschäft. Sie versuchen auch in dieser Situation, ihren Vorteil zu maximieren. Bei mir haben sie da allerdings weniger Glück. Sie präsentieren mir vor allem ihre Fassade, schildern, in welchem Superhotel sie sich mit Opfern getroffen haben, und erzählen mit prahlerischem Unterton von ihren teuren Autos.

Als Gutachter muss ich natürlich neutral und objektiv bleiben. Ich bin so etwas wie ein Erkenntnisgehilfe des Gerichts. Während meiner Zeit in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen habe ich inzwischen rund 1000 Gutachten erstellt. Darunter geht es immer wieder um Wirtschaftskriminelle, Anlagebetrüger und andere sogenannte Weisse-Kragen-Täter.

Es sind gescheiterte Experten

Es ist nicht meine Aufgabe, Betrüger mit Fragen in die Enge zu treiben. Aber sie müssen spüren, dass sie in mir keinen Komplizen haben. Umgekehrt darf ich nicht als Opfervertreter oder Ersatzankläger auftreten. Ich muss das Gegenüber animieren, möglichst viel von sich preiszugeben. Aber ich hüte mich davor, mit meiner Mimik und Gestik ein Delikt zu verurteilen.

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Oft frage ich meine Klienten: «Haben Sie keine Gewissenskonflikte, wenn Sie sehen, wie viel Geld da verloren ging?» Oder: «Sie, ich möchte schon gern wissen, wie ein solches Geschäft genau funktioniert. Ich komme aus einer ganz anderen Welt.» Schliesslich sind sie ja tatsächlich Experten, allerdings gescheiterte. Es bringt nichts, sie zu fragen: «Sie wissen doch, dass dies oder jenes verboten ist?» Selbstverständlich weiss ein Anlagebetrüger sehr genau, dass er gegen das Gesetz verstossen hat. Aber dieses Wissen bestimmt nicht seine Handlungen. Typischerweise berichten Wirtschaftsbetrüger in den meisten Fällen gleich zu Beginn eines Gesprächs über ihre Delikte. Allerdings sprechen sie dabei nicht von einem Delikt, sondern von einer guten Tätigkeit, die leider von der Behörde oder der Polizei vermasselt wurde. Es heisst zum Beispiel: «Niemand hat wegen mir Geld verloren. Erst durch das Eingreifen der Justiz sind massive Schäden entstanden.»

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In den Gesprächen spüre ich keine Reue. «Warum soll ein Geschäft nicht erlaubt sein, wenn dies doch Banken, Finanzberater oder Makler auch tun?», fragen sie. Dabei präsentieren sie ihre Geschäftspraxis in den schönsten Farben. In der Hoffnung, ich würde sie gutheissen. Sie leben in einer eigenen Welt mit eigenem Wertesystem. Ihr Motto lautet: «Was gut ist für mich, kann nicht schlecht sein.»

Das moralisch-ethische Feingefühl von Wirtschaftsstraftätern ist wenig ausgeprägt. Zugleich entdecken sie aber bei anderen Leuten durchaus moralische Makel. Der betrogene Betrüger fühlt sich genauso betrogen wie ein betrogener Normalbürger. Aber wenn ein Betrüger selber aktiv ist, setzt er dies nicht in Verbindung mit einer Straftat.

Betrüger können sich aber sehr gut in die Lage ihrer Opfer versetzen, das gehört zu ihrem Handwerk. Schliesslich müssen sie wissen, was der andere sucht und wie die Reaktion auf ihr Angebot ausfällt. Wer die Begabung hat, die Begierde seines Gegenübers zu schüren, seine Bedenken zu zerstreuen und gleichzeitig sein Vertrauen zu erschleichen, verfügt über das, was man «machiavellische Intelligenz» nennt.

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Ein genialer Schwachsinniger

Es gibt in der Forschung Hinweise, dass bei Wirtschaftsbetrügern die Angstschwelle höher liegt als bei anderen Leuten, sie also risikofreudiger sind. Zudem weiss man, dass sie nach einer Bestrafung ihre Fehler nicht vermeiden. Die Bestrafung löst bei ihnen nichts aus. Sie machen weiter wie zuvor. Anlagebetrüger verfügen über kein Unrechtsbewusstsein. Der eigene Gewinn, der eigene Vorteil macht sie immun dagegen.

Einmal hatte ich einen Fall, bei dem der Unterschied zwischen Täter und Opfer in Bezug auf den Intelligenzquotienten riesig war, rund 60 Punkte. Der Täter war nach offizieller Messart ein klinischer Fall von Schwachsinn, das Opfer ein hoch angesehener Industrieller, der zur gesellschaftlichen Elite zählte. Das zeigte für mich, dass die Schulintelligenz, die technische Intelligenz, mit der machiavellischen Intelligenz nur sehr beschränkt zu tun hat. In diesem Fall hat der eigentlich krass Unterlegene sich als massiv überlegen herausgestellt. Der Betrüger agierte genial, die üblichen Haltungen und Techniken des Geschäftsmanns versagten komplett.

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Ohne die Gier der Opfer geht es nicht

In Betrügerkreisen kursiert das Bonmot: «Die Leute wollen betrogen sein, sie müssen nur jemanden finden, der ihnen diesen Gefallen erweist.» Tatsächlich gäbe es ohne die Begierde der Opfer keine Betrüger. Täter machen ihre Opfer einfach noch etwas risikofreudiger. Sie füttern sie an. Wenn das Opfer so richtig gierig ist und eine halbe Million aufs Spiel setzt, ist der Moment gekommen: Dann schlägt der Betrüger zu, skrupellos.

Häufig glauben Anlagebetrüger, sie seien beliebt und würden bewundert. Tatsächlich aber werden sie oft von anderen Personen in Bezug auf ihren Umgang mit Menschen oder wegen ihrer Geschäftspraktiken kritisch wahrgenommen. Ein herausstechendes Merkmal ist ihre ausgeprägte Kritiklosigkeit sich selbst gegenüber.

Für ein Gespräch mit einem Wirtschaftskriminellen rechne ich doppelt so viel Zeit ein wie für andere Straftäter. Es ist einfach viel mehr Fleisch am Knochen. Der Drang, zu erzählen und sich darzustellen, ist viel grösser. Es ist nicht aussergewöhnlich, dass solche Gespräche um zwei Uhr am Nachmittag beginnen und abends um acht Uhr immer noch nicht fertig sind.

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Betrüger sind keineswegs faul, sondern voller Tatkraft. Dazu sind sie hochgestimmt und überoptimistisch. Diese Eigenschaften, die wir in akzentuierter Form bei Wirtschaftskriminellen antreffen – und interessanterweise auch bei Führungspersönlichkeiten und Politikern –, sind eher testosteronabhängig. Der Narzissmus, die offensive Art, die materielle Begierde, die Risikofreude, das sind alles Eigenschaften, die allgemein bei Männern vermehrt vorhanden sind. Also eine Überzeichnung des männlichen Charakterbildes.