Viertel vor eins in der Nacht. Eine SMS: «Das Auto steht in Lugano-Paradiso. Sorry für alles, ich bin schuld.» Nicole Naef, 47, hat die Mitteilung in ihrem Handy gespeichert. Sie wischt sich die Tränen aus dem runden Gesicht und streichelt die kleine, graue Hündin Anouschka, einen Pudelmischling.

Gut zwei Jahre ist es jetzt her, dass ihr Mann Eugen Naef verschwand. Ohne ­Vorwarnung. Am Nachmittag an diesem Dienstag, dem 22. Juni 2010, hat sie noch mit ihm telefoniert, «so wie immer». Dann ist er nicht heimgekommen. Normalerweise kommt er dienstags um kurz nach sechs nach Hause. Die Beiz, die «Wartegg», die Eugen als Koch beim Bahnhof im ­thurgauischen Weinfelden führte, machte dienstags immer früh zu.

Nicole Naef setzt sich ins Auto und klappert die Gegend ab. Sie holt noch Tochter Cindy, 17, vom Hockeytraining ab, sucht mit ihr zusammen nach dem Vater, den alle nur Geni nennen. Nichts. Immer wieder rufen sie Eugen an, aber es kommt nur die Combox. Sie flehen ihn an, sich zu melden. Nichts. Dann die SMS – Nicole Naef ruft die Polizei.

Was im Einzelfall das Leben ganzer Fami­lien aus der Bahn wirft, ist auf den Polizeiposten Routine: Jährlich gehen in der Schweiz rund 5000 Vermisstmeldungen ein. Am häufigsten verschwinden Menschen in den Sommer­monaten, wenn die warme Witterung das Untertauchen erleichtert. Die meisten Verschwundenen kehren allerdings innerhalb der ersten 48 Stunden von sich aus wieder zurück oder werden gefunden.

Beim See finden Hunde eine Spur

Ungeklärt bleiben etwa 200 Fälle pro Jahr, hinter denen sich persönliche Schicksale und Tragödien verbergen – Fluchten, ­Unfälle, Selbstmorde. Und manchmal bloss Inszenierungen, wie bei jenen sechs Frauen und Kindern aus Eritrea, die im Frühling 2012 im Kanton Luzern als vermisst galten: Wie sich herausstellte, waren die Behörden getäuscht worden, um Drittpersonen mit falscher Identität die Einreise in die Schweiz zu ermöglichen. Doch das sind nur die bunten Blüten, die mit der ­Realität eines Durchschnittsfalls nichts zu tun haben. Dort laufen hinter den Kulissen keine Ränkespiele ab, sondern emotionale Achterbahnfahrten.

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Bei Nicole Naef in Weinfelden wächst die Angst. «Er wird doch keinen Blödsinn gemacht haben», hofft sie. An Schlaf ist nicht zu denken. Am nächsten Morgen informiert sie die restliche Familie, Sohn Dominik macht einen Sprachkurs in Australien. Nicole Naef hofft weiterhin: dass ihr Eugen zur Besinnung kommt. Dass er nur in einer Krise steckt und zurückfindet. Sie hat keine Erklärung für sein Verschwinden. «Er liebte die Kinder über alles, hätte sie nie im Stich gelassen.» Der Eugen, das sei ein «uh Lieber». Habe gern Sprüche abgelassen und viel gelacht. 20 Jahre sind sie verheiratet. Haben sich beim Jassen kennengelernt. Und jetzt ist er einfach weg. Panik.

In Lugano-Paradiso setzt die Polizei Suchhunde ein. Vom Auto zum See finden die Hunde eine Spur. Eugen Naef finden sie aber nicht. Taucher werden eingesetzt. Nichts. Unterlagen, Einzahlungen und etwas Münz findet Nicole Naef am Tag nach Eugens Verschwinden im Briefkasten, von ihm dort deponiert. Seine Identitätskarte und der Pass sind noch in der Wohnung. Die Polizei veröffentlicht eine Vermisstmeldung, auch im Schweizer Fernsehen wird nach «Eugen Naef, 195 Zentimeter gross, mittlere Statur, braune Haare und Bart» gesucht. Nichts.

Eine verschwundene Person wird vom ­Polizeikorps, das die Meldung entgegen­genommen hat, in der gesamten Schweiz zur Suche ausgeschrieben. Die jeweilige Kantonspolizei legt aufgrund der Fakten Ablauf und Ausmass der Suchaktion fest, entscheidet beispielsweise, ob sich der Einsatz von Helikoptern rechtfertigen lässt. Nach drei, vier Tagen wird die aktive Suche üblicherweise eingestellt, die Akte bleibt aber geöffnet, um die Nachforschungen bei neuen Anhaltspunkten erneut auf­zunehmen. «Eine Vermisstmeldung wird erst widerrufen, wenn die Person (leider manchmal der Leichnam) aufgefunden wird», beschreibt die Kantonspolizei Bern die Regel, die letztlich dem Hoffen und Bangen der Angehörigen ein Ende setzt.

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Einige gingen tatsächlich ins Ausland

In Fällen, in denen auch nach Jahren keine Klarheit herrscht, ist der Dienst «Nachforschungen nach vermissten Personen» des Bundesamts für Polizei (Fedpol) die letzte Hoffnung. Die Abteilung, die auf Antrag von Privaten, Behörden oder Institutionen tätig wird, verfügt über eine eigene Datenbank und arbeitet mit Gemeinden, Botschaften und mit Interpol zusammen. Im Jahr 2010 wickelte der Dienst 172 Such­aufträge ab – und fand die Vermissten in rund 60 Prozent der Fälle, meist lebend und häufig im Ausland.

Umso mehr Zeit haben die zurückbleibenden Angehörigen – Zeit zum Grübeln. Bei Nicole Naef kommen zur Angst und Panik auch die Selbstvorwürfe. «Wieso war Eugen so verzweifelt? Und wieso habe ich ­davon nichts gemerkt?» Dieselben Fragen, mit denen sie sich im vorletzten Sommer das Hirn zermarterte, sind der Thurgauerin kürzlich wieder begegnet – in der Lebensgeschichte «Mutanfall» der Glarnerin Lisa Marti, die seit 37 Jahren auf ihren Mann Ernst wartet. «Jesses, das hört ja nie auf!», durchfuhr es Nicole Naef bei der Lektüre mehr als einmal.

Dass Angehörige den Fehler bei sich selber suchen, wenn sie von jemand Nahestehendem verlassen werden, zeigt sich auch in anderen Fällen, die der Beobachter recherchiert hat. Für den Zürcher Psychologen Peter Hain ist das nur allzu menschlich. «Schuld entsteht oft aus Scham, aus dem Gefühl, nicht gut genug gewesen zu sein», sagt er. Dabei wären Groll und Wut eigentlich die gesündere Reaktion: Damit bliebe die Verantwortung für das, was geschehen ist, beim wirklichen Täter. «Denn so zu ­gehen, wortlos, ohne Nachricht, ist eine schwere Beziehungstat.»

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Warum? Und warum auf diese Art, die die Angehörigen im Ungewissen lässt?

Pascal Dubois*, 46, ist einer, der gegangen ist, einfach so. Antworten auf die ­Frage, die den Zurückgelassenen wie ein Stachel im Fleisch sitzt, findet aber selbst er nicht. An jenem Montagmorgen Ende Juni 2010 setzt er sich ins Auto, um ein paar Besorgungen zu erledigen und zur Arbeit zu fahren. In sein Geschäft, das in Schwierigkeiten steckt. Doch davon hat er seiner Familie – Frau, drei Kinder – nichts erzählt. «Ich wollte sie nicht beunruhigen», wird er später sagen, als er in der TV-Sendung «Temps présent» seine Geschichte erzählt.

Der Mann, der seine Familie nicht beunruhigen wollte, fährt wie üblich durchs Freiburgerland. Dann ist eine Umleitung signalisiert. Für Dubois steht auf dem Schild: «Ausweg». Innert Sekunden entsteht in seinem Kopf ein Plan, er kann ihn nicht greifen und nicht einordnen, aber er ist da. Er folgt der Umleitung, steigt in Yverdon in den Zug. «Ich könnte umkehren und so tun, als wäre ich bloss spät dran», durchfährt es ihn. Aber da ist diese «kleine Stimme», die sagt: «Il faut continuer!»

Dubois macht weiter, fährt wie in ­Trance nach Luxemburg, wo er nie zuvor war. Als Erstes der Reflex, eine Mütze zu kaufen, um sich darunter zu verstecken. «Ich hatte das Gefühl, es steht mir auf der Stirn geschrieben: ‹Ich bin abgehauen. Was ich getan habe, ist falsch.›» Drei Wochen schlägt er sich mit diesen Gefühlsturbu­lenzen durch. Dann die Rückkehr, sie ergibt sich wie das Weggehen – unerklärlich, planlos, einfach so. Dubois schreibt seiner Familie eine Mitteilung auf Facebook, und die 18-jährige Tochter findet in ihrer Antwort den Schlüssel zu seinem Herzen: «Hab keine Angst, wir sehnen dich herbei.»

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Nach diesen bangen Wochen sind die Dubois längst wieder vereint. Sich erneut öffentlich erklären, mit richtigem Namen und Foto, möchte Dubois nicht: «Wir wollen vergessen», schrieb er dem Beobachter.

Menschen, die von heute auf morgen verschwinden – das riecht nach Krimi, Mysterium, Verzweiflung. Kein Wunder, faszinieren spektakuläre Fälle. Am Schicksal des Mädchens Maddie McCann, das 2007 in den Ferien in Portugal verschwand, nahm die halbe Welt Anteil (siehe «Bekannte ­Fälle von Vermissten», Seite 28). Und der seit Anfang 2011 ungelöste Fall der Waadtländer Zwillinge Livia und Alessia beschäftigt die Schweiz bis heute.

Auf diesen Zug springt nun der private TV-Sender 3+ auf. Zurzeit wird die Doku­soap «Vermisst» gedreht, die ab Herbst ausgestrahlt wird. Nach dem deutschen Vorbild von RTL greift die Sendung reale Fälle auf und will «Familien wieder zusammenführen», wie Sprecherin Cindy Muff sagt. Vom Erfolg ist sie überzeugt: «Das Thema ist hochemotional.»

Mit der Zeit holt sich die Thurgauer Familie Naef den Alltag zurück, die Gefühle ­flachen ab – aber sie verschwinden nicht. Eugen fehlt. Überall. Nicole Naef hat kein Geld, nur die Tageseinnahmen von jenem fatalen Dienstag. Sie muss aufs Sozialamt. Findet ein paar Monate später einen Job als Verkäuferin. «Arbeiten hilft», sagt sie. Dabei könne sie etwas abschalten. Auch ihre Mutter und die drei Geschwister helfen ihr, wo sie nur können. Und sie hat die Kinder, um die sie sich kümmern muss. «Sie haben ihr Leben noch vor sich. Das rettet mich.»

Sommer 2011: Cindy besteht die Lehrabschlussprüfung zur Detailhandelsfachfrau – der Vater ist nicht da. Der Tag, der ein Freudentag sein sollte, wird ein trauriger. Der Vater fehlt. Der Vater, der sie früher auf die Schultern nahm und mit ihr in der Wohnung umhertanzte.

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Ein paar Monate später: Dominik hat einen Autounfall – der Vater ist nicht da. Der 20-jährige Banker ­redet kaum. Macht alles mit sich ab. Der Vater fehlt, der Vater, der ihn an fast jeden Hockeymatch begleitete. Ihn oft so laut anfeuerte, dass es fast schon peinlich war.

In Weinfelden bleibt das Verschwinden des Wirts monatelang Gesprächsstoff. Eine langjährige Serviertochter vermutet im ­Lokalblatt, der Geni sei in Argentinien mit einer anderen und koche dort. «Das tut weh», sagt Nicole Naef. Mein Gott, wie kann die so etwas sagen! Auf der Strasse wenden sich Leute ab, tun so, als ob sie sie nicht sehen. «Das trifft einen grausam.»

Man sei sehr allein in so einer Situation. Sie raucht. Hündin Anouschka wacht auf, Naef krault sie. Keiner könne ihr helfen, weder Polizei noch Ämter. Für eine Psycho­therapie reicht das Geld nicht. Sie weint. Hat Eugen Selbstmord begangen? Sie glaubt es. Die Kinder auch. Sie können sich nichts anderes vorstellen. «Aber ein Fünkchen Hoffnung bleibt», sagt sie, auch nach zwei Jahren. Sie schaut auf die Fotos am Kühlschrank. Eugen, strahlend, mit Frau, Sohn und Tochter an der Adria.

*Name geändert

Vermisst – verschollen: Die Rechtslage

Solange eine Person vermisst wird, ohne dass sie amtlich für tot erklärt wurde, bleiben für die Angehörigen ­etliche Aspekte ungeklärt, die zu ­finanziellen Engpässen führen können. So sind etwa die Eröffnung des ­Erbgangs sowie die Auszahlung von Renten oder Versicherungsleistungen blockiert. Auch Fragen, die Wohn­eigentum, Arbeits- oder Miet­verträge betreffen, bleiben häufig offen.

Gibt es laut Zivilgesetzbuch (ZGB) «vernünftige Zweifel» am Tod einer verschwundenen Person, kommt eine Verschollenerklärung in Betracht. ­Diese muss vor Gericht am letzten Wohnort des Betroffenen beantragt werden. Das ZGB unterscheidet die folgenden zwei Fälle:

  • Verschwinden in hoher Todesgefahr, etwa bei einer Naturkatastrophe: Hier kann das Begehren frühestens ein Jahr nach dem wahrscheinlichen Todeseintritt gestellt werden.

  • Lange nachrichtenlose Abwesenheit: Hier muss mindestens fünf Jahre seit der letzten Nachricht zugewartet werden.


Nach der Eingabe schreibt das Gericht die vermisste Person offiziell aus. Wird innert einer Mindestfrist von zwölf Monaten weder die Person noch ihre Leiche gefunden, kann die Verschollenerklärung ausgestellt werden. Das ganze Verfahren dauert somit mindestens zwei respektive sechs Jahre. Politische Vorstösse nach dem Tsunami von 2004, die Fristen zu verkürzen, scheiterten.

Nach Vorliegen der Erklärung können grundsätzlich alle aus dem Tod ­abgeleiteten Rechte geltend gemacht werden. So zahlt etwa die AHV die Hinterlassenenrente aus, und das rückwirkend. Für die Erbschaft ­müssen die Angehörigen allerdings ­eine Sicherheit leisten für den Fall, dass der Verschollene zurückkehrt. Betrügerische Machenschaften um den behaupteten Tod einer Person, ­etwa durch bewusste Falschangaben, werden strafrechtlich verfolgt.

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