Wilderei, Kopfgeld und Mord­drohungen – seit die Wölfe des Calanda-Rudels sich vermehrt im Siedlungsgebiet bewegen und ihr Heulen nachts im Bündner Rheintal zu ver­nehmen ist, verrohen dort die Sitten. Als ob der Ruf der Wildnis auch bei den Menschen niedere Instinkte anklingen liesse.

Am Anfang war die Angst: «Die Wölfe schleichen fast jede Nacht im Dorf herum», zitierte die «Südostschweiz» eine 35-Jäh­rige aus Tamins GR. Sie habe Angst um die Kinder; zehn Wölfe seien einfach zu viel. Und man müsse sich nicht wundern, «wenn plötzlich einer fehlt», unkte ein Landwirt in einer anderen Zeitung.

Wenig später, kurz nach dem Jahreswechsel, wurde nahe Tamins ein Wolfs­kadaver gefunden. Ein Wilderer hatte dem Jungwolf einen Streifschuss verpasst – das Tier verendete qualvoll.

10'000 Franken Kopfgeld

Seither gehen die Wogen hoch. In Online-Kommentarspalten verdächtigen Tierfreunde pauschal die Jägerzunft; erklären Graubünden als Feriendestination für tot. Die Wolfsbefürworter von der Gruppe Wolf Schweiz haben ein Kopfgeld ausgesetzt – 10'000 Franken für Hinweise, die zum Wilderer führen. Und Leute, die sich gegenüber Medien kritisch über die Wölfe ge­äussert hatten, wollten nicht mit dem Beobachter reden, weil sie von aufgebrachten Tierschützern Morddrohungen erhalten hätten.

Dabei war bis vor kurzem alles in Ordnung. Das Rudel lebt bereits seit über eineinhalb Jahren in der Region. Die Wölfe jagen Wild, haben aber den ganzen Sommer über kein einziges Schaf gerissen.

Vergangenen November veröffentlichte das Bündner Amt für Jagd und Fischerei ein Bild des Wolfsrudels, mittlerweile zehn Tiere stark. Und als die Jäger trotz Sonderjagd die Hirschabschussquote nicht erfüllen konnten, erklärte der Amtsvorsteher lakonisch, der Hirschbestand im fraglichen Gebiet werde «durch die Wölfe sehr gut geregelt».

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Doch in den Wochen darauf trieb der Schnee das Wild und mit ihm die Wölfe zu den Dörfern hinunter, wo sie immer wieder von zunehmend besorgten Anwohnern gesichtet wurden.

Gewilderter Wolf aus dem Rudel bei Tamins GR

Quelle: Thinkstock Kollektion

Seit eine Bäuerin dieses Foto geschossen hat, sind sie im Visier: Wölfe bei Tamins GR

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Angriffe auf Menschen sind extrem selten

«Wenn es mehr Tiere gibt, werden auch die Beobachtungen häufiger – aber gesunde Wölfe sind für Menschen auch als Rudel keine Bedrohung», sagt Ralph Manz von der Forschungsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement.

In Frankreich, Italien und Deutschland gebe es seit Jahrzehnten wieder Hunderte von Rudeln, aber keine einzige Attacke auf Menschen. «Diese Fakten sprechen für sich. Denn natürlich könnte ein Wolf potenziell töten», sagt Manz.

Heikle Situationen könnten höchstens entstehen, wenn Wölfe durch Menschen angefüttert werden und dadurch ihre Scheu verlieren – oder wenn eine Wolfsmutter mit den Welpen in ihrer Höhle in die Enge getrieben wird.

Eine umfassende Studie, die Berichte von Wolfsangriffen auf Menschen in Skandinavien, Europa, Asien und Nordamerika bis zurück ins Mittelalter untersuchte, kommt zum Schluss, dass Angriffe auf Menschen allgemein «extrem selten» seien und die wenigen bekannten Fälle meist von tollwütigen Tieren ausgingen. «Aber auch das ist hier kein Thema. Die Schweiz ist seit Jahren tollwutfrei», sagt Manz.

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Das Thema Wolf ist emotional besetzt

Grundsätzlich wären die Voraussetzungen für ein problemfreies Zusammenleben also gegeben, zumal der Staat allfällige Schäden am Viehbestand vergütet. Trotz allem wollen sich die Gemüter nicht beruhigen. Woran liegt das?

«Der Wolf war schon immer ein Vehikel für Sehnsüchte und Ängste – und er ist es bis heute geblieben», sagt Marcel Hunziker, Leiter der Gruppe Sozialwissenschaftliche Landschaftsforschung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Als der Wolf Mitte der 1990er-Jahre erstmals wieder in die Schweiz wanderte, untersuchte das WSL in einer Literaturstudie die Darstellung von Grossraubtieren in unseren Mythen und Geschichten. «Der Luchs spielt in der Mythologie kaum eine Rolle, Bär und Fuchs sind etwas bedeutsamer, am wichtigsten ist eindeutig der Wolf», sagt Hunziker.

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Entsprechend sei der Umgang mit den Tieren in der Realität: Die Wiederansiedlung des Luchses wurde viel weniger emotional diskutiert als die Rückkehr des Wolfs. «Im Vordergrund standen Fragen um die Regelung der Schadensfälle – und damit um das Verhältnis zwischen Behörden und Betroffenen.» Beim Wolf aber seien die Emotionen hochgekocht, bevor es überhaupt konkrete Probleme gab.

Der Schluss liegt nahe, man müsse nur den Ewiggestrigen das Grimm’sche Märchenbild vom bösen Wolf austreiben, und alles werde gut. Doch die Sache ist ein bisschen komplizierter.

Traditionsorientierte Gegner …

Zusammen mit dem Ethnologen Urban Caluori hat das WSL die Deutungsmuster des Wolfs im Schweizer Volk erforscht: Wer steht dem Wolf aus welchen Motiven wie gegenüber? Die Studie hat drei Haltungen zutage gefördert: den traditionsorientierten Wolfsgegner sowie den postmodernen und den ambivalenten Wolfsbefürworter.

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Die traditionsorientierten Gegner sehen im Wolf einen unzeitgemässen Eindringling, dessen Lebensgrundlagen längst verschwunden sind. Als wildes Raubtier ist er «ein zivilisationsfeindliches Element», das fortschritts- und wirtschaftshemmend wirkt und die bäuerliche Existenz bedroht, wenn er Nutztiere reisst. Der Wolfsgegner betrachtet Wolfsfreunde als städtische, politisch eher links ausgerichete Menschen.

... und postmoderne Wolfsfreunde

Der postmoderne Wolfsfreund hingegen ist fortschritts- und gesellschaftskritisch. Er ist der Ansicht, dass die Natur nicht gezähmt werden kann und soll. Wolfsgeheul, der lange vermisste Ruf der Wildnis, schickt ihm einen wohligen Schauer über den Rücken. Er verehrt den Wolf als Rebellen gegen die Zivilisation und anpassungs­fähigen Überlebenskünstler.

«Beide Lager sehen in der Präsenz des Wolfs die Rückkehr der Wildnis und einen Kontrollverlust – aber die einen finden das gut, die anderen nicht», sagt Marcel Hun­ziker. Letztlich diene der Wolf beiden Seiten als Projektionsfläche für Ängste oder Sehnsüchte, genau wie in Märchen.

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Der ambivalente Wolfsfreund

Auch der dritte Typus ist dem Wolf gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt. Ein Vertreter dieser Gruppe hinterfragt zwar traditionelle Werte, misstraut aber auch den neuen. Den Wolf schätzt er als Einzelkämpfer und schlaues Rudeltier, das sich sowohl unterordnen wie behaupten kann.

Bei Befragungen spreche sich eine Mehrheit der ambivalenten Befürworter für eine Rückkehr aus, sagt Marcel Hun­ziker: «Doch sobald eine Krise eintritt, greifen diese Leute auf das traditionelle Wertesystem zurück.» Das heisst: Taucht der Wolf dann wirklich auf und gibt es Bilder von übel zugerichteten Nutztieren, kann die Stimmung kippen.

«Der Wolf war schon immer ein Vehikel für unsere Ängste und Sehnsüchte.»

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Die Zeit arbeitet für den Wolf

«Die symbolischen Bedeutungen sind beim Wolf wichtiger als die konkreten Prob­leme», so Hunziker. Einstellungen durch Informationskampagnen zu ändern sei daher sehr schwierig. «Vielversprechender wäre Überzeugungsarbeit mittels Vorbildern, wie wir es aus der Werbung kennen.»

Da jüngere Menschen dem Wolf generell positiver gegenüberstehen, dürfte mit der Zeit ohnehin ein Wertewandel stattfinden. Für den Wolf könnte langfristig auch der Strukturwandel, zum Beispiel die Abwanderung in die Städte und die zu­nehmende Urbanisierung der ländlichen Gebiete, eine Chance sein, weil dadurch weniger Menschen von seiner Präsenz unmittelbar betroffen sind.

In der Zwischenzeit gilt es, den direkten Umgang mit den bereits vorhandenen Tieren richtig zu gestalten. Das A und O dabei: dem Wolf seinen Raum lassen. Das legt auch die obengenannte Studie nahe. Neben den tollwutbedingten Angriffen ereigneten sich die meisten Vorfälle dann, wenn der Mensch dem Wolf absichtlich zu nahe kam – etwa beim Versuch, ihn zu töten oder einzufangen. Letztlich liegt es am Menschen, ob er den Wolf für sich zur Bedrohung macht oder nicht.

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«Gesunde Wölfe sind für Menschen auch als Rudel keine Bedrohung.»

Quelle: Thinkstock Kollektion

«Wir müssen den Wolf wild halten»

Lesen Sie zum Thema auch das Gespräch mit Ralph Manz: Im Bündner Rheintal sorgt seit Wochen ein Wolfsrudel für Aufregung. Kein Grund Angst zu haben, sagt Ralph Manz, Wolfsmonitoring-Beauftragter der Fachstelle Kora.
Interview lesen
Video: Wolfsmonitoring am CalandaDoku über Wölfe Teil 1

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