«Wir Forscher sind keine Monster, die ohne ethische Grundlage alles machen wollen, was machbar ist», sagt Marisa Jaconi. Die Biologin am Labor für menschliche embryonale Stammzellen des Universitätsspitals Genf spricht den Satz bestimmt zum x-ten Mal aus. So klingt es jedenfalls. Geduldig, freundlich, beruhigend. Die 46-jährige Forscherin, die in der Schweiz als Pionierin der Stammzellforschung gilt, weiss genau, mit welchen Bildern im Kopf die Menschen zu ihr kommen. Designerbabys auf Bestellung, Mischwesen aus Mensch und Tier, Superman aus der Retorte. Science-Fiction-Szenarien, die auftauchen, sobald wir an Stammzellforschung, Reproduktionsmedizin und Genetik denken.

Das Vorzimmer zu Jaconis Büro ist ein Dickicht aus Schachteln, Kühlschrank, Papierstössen, Drucker, Computer und Mikroskopen, durch das eine schmale Schneise Linoleumboden führt. Das Büro: noch enger. Neonröhren flimmern. Ein Ort, an dem man Platzangst kriegen könnte, stünde da nicht Marisa Jaconi, unter den Augen zwar dunkle Ringe, aber trotzdem strahlend, mit Grübchen in den Wangen. So sieht es also bei den Menschenmachern aus.

Erst kürzlich waren die Medien wieder voll mit utopischen Szenarien, als im Mai das Britische Parlament zweimal Ja sagte. Zu Hybridembryonen, gezeugt aus einem menschlichen Zellkern und einer tierischen Eizelle («Züchten die Briten Monster?», fragte der «Blick»). Und zu Retterbabys. Künftig dürfen Eltern ihr Kind mithilfe genetischer Tests so auswählen, dass es nach seiner Geburt als lebensrettender Zellspender für ein todkrankes Geschwister dient («Wird der menschliche Embryo endgültig zum Ersatzteillager?», titelte das Schweizer Fernsehen).

Am Anfang war das Retortenbaby
Immer schneller scheint der Fortschrittsdrang natürliche und ethische Grenzen zu überwinden. Alles begann vor 30 Jahren, als das erste im Labor gezeugte Kind zur Welt kam. Inzwischen ist das, was das deutsche Magazin «Der Spiegel» damals ein «alchimistisches Experiment zwischen Hoffnung und Horror» nannte, Routine: die In-vitro-Fertilisation (IVF). Jedes hundertste Baby in der Schweiz wird so gezeugt.

Zugleich eröffnete die IVF eine neue Dimension der Reproduktionsmedizin: Da die Zeugung unter dem Mikroskop stattfindet, können Forscher die Embryos beobachten, genetisch manipulieren oder nach lebenswert und nicht lebenswert sortieren. Genau das passiert bei der Präimplantationsdiagnostik (PID). Das Ende der achtziger Jahre entwickelte Verfahren prüft Embryos einer In-vitro-Befruchtung genetisch. Die gesunden werden der Mutter eingepflanzt, die kranken zerstört oder - wenn das Paar es erlaubt - zu Forschungszwecken verwendet.

Es geht längst nicht mehr nur darum, unfruchtbaren Paaren zu Nachwuchs zu verhelfen. Es geht auch um Heilung, man will Eltern zu gesunden Kindern verhelfen. Genau hier beginnen die ethischen Bedenken - denn dieselben Technologien, die Erbkrankheiten abwenden, liefern auch die Möglichkeit, den Menschen zu optimieren. Kritiker der PID befürchten, dass künftig jede Normabweichung als Krankheit gilt.

Letztes Jahr wurde in den USA erstmals das Erbgut eines künstlich gezeugten Embryos manipuliert, mit einem Gen für fluoreszierendes Eiweiss. Einige Zellteilungen später leuchtete der Embryo. Das Experiment weckte Ängste und Fragen. Was ist derzeit eigentlich technisch machbar? Kontrolliert der Mensch seine eigene Evolution? Spielt er bereits Gott? Wenn ja: Wie stark darf er in die Schöpfung eingreifen?

Mit Marisa Jaconi ethische Fragen zu erörtern, ist ein Vergnügen. Nichts erinnert an die hochkomplizierten Dossiers der Nationalen Ethikkommission zum Thema Reproduktionsmedizin, in denen jedes Für und Wider zuerst auf die Präzisionswaage kommt, bevor es niedergeschrieben wird. So leicht, wie sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, verbannt Jaconi Bedenken: «Jedes Paar darf verlangen, dass sein Baby gesund ist - und wenn das Baby auch noch den todkranken Bruder retten kann, ist das doch wundervoll. Was ist das Problem?» Das Problem könnte zum Beispiel die Instrumentalisierung sein: dass ein Retterbaby, überspitzt gesagt, ein Zuchtbaby ist, allein zu dem Zweck gezeugt, einen anderen Menschen zu retten. «Das ist doch ein ehrenhaftes Motiv», kontert Jaconi. Und überhaupt, welches Paar setze schon selbstlos ein Kind auf die Welt. Der Zweckgedanke spiele immer eine Rolle.

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Nachwuchstalente nach Wunsch?
Dennoch: Es bleibt das mulmige Gefühl, irgendwann könnte die Vision, dass Eltern ihr Baby quasi à la carte zusammenstellen, doch wahr werden: Haar- und Augenfarbe wählen, Intelligenz und die gewünschten Talente dazubestellen. Mehr als ein Schulterzucken hat Marisa Jaconi nicht übrig für derartige Bedenken. Nicht allein die Gene bestimmten die menschlichen Eigenschaften, einen grossen Einfluss habe beispielsweise auch die Erziehung. «Überdies ist die Interaktion der Gene untereinander viel zu komplex, als dass man mit einfachen Manipulationen den Menschen optimieren könnte», sagt sie. Selbst wenn es möglich wäre, würde dies ja heissen, dass jedes Paar eine IVF machen müsste. Für die Frau sei die vor der Befruchtung notwendige hormonelle Behandlung ein gesundheitliches Risiko. Zudem seien die Kosten für eine IVF enorm, 5000 bis 7000 Franken, mit den nötigen Gentests koste es schnell über 10'000 Franken. «Wer kann sich das leisten?»

Technik statt natürlicher Zufall, menschliches Wirken statt Gottes Hand, Kontrolle statt Schicksal - wo andere einen fundamentalen Gegensatz sehen, einen Bruch mit uralten Vorstellungen von Elternschaft, sieht Jaconi Kontinuität. Es sei nicht das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass wir unsere Fortpflanzung kontrollieren wollen, sagt sie. Die Wahl des Partners, mit dem wir unsere Kinder haben möchten, sei bereits eine Form von Kontrolle und Selektion. Ebenso die Antibabypille. «Der Mensch will sein Leben perfektionieren und kontrollieren. Das ist ein biologisches Bedürfnis.» Dann kommt ein eigenartiger Satz über ihre Lippen: «Ich möchte fest daran glauben, dass der Mensch immer das Gute will.»

Erstmals ahnt man das Dilemma, in dem solche Forscher stecken. Sie sammeln Wissen, das Krankheiten heilen hilft, das aber auch missbraucht werden kann. Von Einzelnen, von einer Gesellschaft, die glaubt, alles sei machbar. «Die Erfindung der Elektrizität war gut, aber sie verhalf auch zum elektrischen Stuhl», sagt Jaconi. Solche Gedanken können den Forscherdrang lähmen. Vielleicht weigert sich Jaconi deshalb, sie zu Ende zu denken. Sie zählt auf die Gesetze, auf die Gesellschaft als Regulativ. «Letztlich entscheidet die Gesellschaft darüber, wie man das Wissen anwendet, sie bestimmt, was sie will und was nicht, was bestraft werden muss.»

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Ethiker: Nicht der Staat soll entscheiden
Die Schweizer waren bislang zurückhaltend, was die Anwendung neuer Techniken der Reproduktionsmedizin betrifft. So ist hierzulande die PID gemäss dem seit 2001 gültigen Fortpflanzungsmedizingesetz verboten. Das soll sich ändern. Noch dieses Jahr wird der Bundesrat eine Vorlage für ein Gesetz in die Vernehmlassung schicken, das die PID ermöglicht und deren Verfahren regelt.

Der bundesrätliche Entwurf stützt sich nicht zuletzt auf die Empfehlungen der Nationalen Ethikkommission (NEK), die bereits zwei Berichte zur PID abgeliefert hat. Darin spricht sich die Kommission für die Zulassung der Methode aus - aber nur, wenn damit eine schwere Krankheit oder eine Behinderung abgewendet werden kann. «Es kann keine ethische Pflicht geben, eine Krankheit zu durchleiden, wenn man das vermeiden kann», sagt Kommissionspräsident Christoph Rehmann-Sutter. «Wir müssen helfen, wenn wir können.»

Eine entscheidende Frage bleibt: Wer bestimmt, welches Leben als lebenswert gilt und welches nicht? Sicher nicht der Staat, finden die Ethiker. «Es wäre eine sehr schlechte Lösung, wenn der Gesetzgeber von oben herab eine Liste von Krankheiten erstellen würde, für die man eine PID verlangen darf», so Rehmann-Sutter. Denn jede Liste wäre unvollständig und hätte zudem sozial diskriminierende Nebenwirkungen. Die genetische Störung Trisomie 21 (Down-Syndrom) ist für den Philosophen und Bioethiker ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Schwere einer Krankheit wahrgenommen wird. Je nach Umständen ist für die eine Familie ein Leben mit dieser Behinderung zumutbar, für die andere nicht. Konsequenz: «Die Entscheidung für den konkreten Fall muss bei den direkt Betroffenen selbst liegen: bei den Eltern.»

Eine Grenze zieht die NEK dort, wo es in der genetischen Diagnostik nicht mehr um die Vermeidung körperlichen Leids geht, sondern um die Modellierung des Menschen. Hinter medial zugespitzten Storys über Designerbabys steht für Präsident Rehmann-Sutter «eine ernsthafte Besorgnis». Deshalb müsse das Gesetz Schranken aufstellen, innerhalb derer die Präimplantationsdiagnostik erlaubt ist - «und die Auslese nach Wunscheigenschaften muss klar ausserhalb davon liegen». Ohne die strikte Regelung der Anwendung sei es wahrscheinlich, dass die Präimplantationsdiagnostik ausufere.

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Retterbabys als heisses Eisen
Wo aber fängt der Missbrauch an? Wie fliessend die Trennlinie in dieser Diskussion ist, zeigt sich schon innerhalb der Ethikkommission bei der Frage der sogenannten Retterbabys: Wird die PID als solche noch von einer «sehr grossen Mehrheit» befürwortet, so kann sich nur die Hälfte für die Spezialisierung erwärmen, gezielt passende Zellspender zu selektionieren. Die NEK verzichtet in diesem Punkt denn auch auf eine Empfehlung an die Politik - zum Ärger der Gegner einer liberalisierten Fortpflanzungsmedizin, die sich von der Kommission eine klare Distanzierung erhofft haben. CVP-Nationalrätin Kathy Riklin etwa fürchtet, dass nun dem Missbrauch «Tür und Tor geöffnet wird».

Neben ethischen Aspekten wird es in der politischen Ausmarchung auch um juristische Feinheiten gehen: Um die Frage, ob die Präimplantationsdiagnostik mit der Bundesverfassung in Konflikt gerät. Im Artikel 119 ist verankert, dass im Labor nur so viele Embryonen entwickelt werden dürfen, wie der Frau sofort eingepflanzt werden; das sind höchstens drei. Ein anfangs 2008 vom Bundesamt für Justiz erstelltes Rechtsgutachten kommt zwar zum Schluss, dass die PID mit dieser sogenannten 3er-Regel verfassungskonform ist. Nicht abgeklärt wurde dies jedoch im Hinblick auf Verfahren, für die mehr als drei Embryonen benötigt werden - und das ist bei der PID der Normalfall. Erfahrungen im Ausland zeigen nämlich, dass neun bis zehn Eizellen befruchtet werden müssen, um gute Resultate zu erzielen. Nur schon dieser Streitpunkt lässt die realpolitische Prognose zu: Das Gesetz wird eine Zangengeburt.

Ohnehin ist die Schweiz vom Ziel einer kontrollierten PID noch meilenweit entfernt. Das Parlament berät über ein entsprechendes Gesetz frühestens 2010, bis zur Inkraftsetzung werden weitere Jahre vergehen. «Das dauert zu lange», sagt FDP-Ständerat Felix Gutzwiller, der politische Motor hinter dem Zulassungsbegehren. Er befürchtet, dass die Schweiz den Anschluss an die internationale Entwicklung verliert. Dabei denkt der Präventionsmediziner vor allem an die betroffenen Eltern: «Nach wie vor müssen Schweizer Paare zur Behandlung ins Ausland reisen.» In belgischen, holländischen oder spanischen Kliniken wird die PID durchgeführt, ohne dass diese Länder dafür eine gesetzliche Regelung kennen.

Der lebende Beweis für den Reproduktionstourismus ins Ausland ist Elodie. Ihre Eltern kommen aus Genf. 2004 wurde Elodie in Belgien im Reagenzglas gezeugt, um mit ihren Stammzellen den kranken Bruder Noah vor dem Tod zu bewahren. Das erste Schweizer Retterbaby. Tagelang beschäftigte der Fall die Medien, entweder als Heldengeschichte oder als böses Märchen.

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Ein Kind mit fünf Elternteilen
Zahlen zum Reproduktionstourismus gibt es nicht, als ob das Problem nicht existierte. «In der Praxis etabliert sich ein doppelter Standard. Was als ethisch korrekt befunden wird, ist erlaubt, alles andere kann andernorts in Anspruch genommen werden», sagt Caroline Arni, Historikerin und Soziologin an der Universität Zürich. «Aber ist es ethisch korrekt, wenn Schweizer Eltern ihr Kind von einer Leihmutter in Osteuropa austragen lassen, weil es dort besonders billig ist? Das sind politische Fragen, auf die wir unbedingt eine Antwort brauchen», findet Arni.

Zu Arnis Forschungsschwerpunkten gehört die Frage, ob und wie die neuen Reproduktionstechnologien unsere Vorstellungen von Familie und Elternschaft beeinflussen. Etwa wenn ein Kind plötzlich fünf Elternteile hat: die Eizellspenderin; den Samenspender; die Leihmutter, die das Kind austrägt; die Mutter und den Vater, die das Kind adoptieren. In vielen Ländern Realität. «In der Schweiz haben die neuen technischen Möglichkeiten die Idealvorstellung von Familie nicht verändert. Eher umgekehrt - die Idealvorstellung von Familie reguliert die Nutzung der Reproduktionsmedizin. Ziel der restriktiven Gesetzgebung ist ja gerade, das traditionelle Familienbild zu bewahren», sagt Arni.

Weil nach hiesiger Vorstellung zu einer richtigen Familie Vater und Mutter gehören, darf sich in der Schweiz eine alleinstehende Frau nicht künstlich befruchten lassen. Und während wir es zwar gewohnt sind, dass ein Kind eine soziale und eine leibliche Mutter haben kann, können wir uns eine zweifache biologische Mutterschaft nicht vorstellen. Deshalb ist die Eizellspende in der Schweiz verboten. Sie schafft eine «genetische» und eine «Brutmutter» und hebt den alten Grundsatz auf, dass die Mutter eines Kindes immer bekannt, die Mutterschaft immer zuzuordnen ist. Das wäre schlicht zu viel für unser traditionelles Familienbild. Arnis Erklärung hilft, die fast schon kleinlich wirkenden Schritte in der Gesetzgebung zu verstehen.

Inzwischen haben die Neonröhren in Marisa Jaconis Büro aufgehört zu flimmern. Vor 30 Minuten war hier die Rede vom Drang des Menschen, sich ständig zu perfektionieren. So bleibt denn auch die Frage, ob gesetzliche Einschränkungen den technischen Möglichkeiten die nötigen Grenzen setzen können. Oder dämmert bereits die Ära des perfekten Menschen? Jaconi wirft die Hände in die Luft und lacht. «Wie es kein Gen gibt, das für Schönheit oder Intelligenz zuständig ist, wird es auch nie einen perfekt designten Menschen geben. Wer ein blondes Kind will, soll sich einen blonden Partner suchen.»

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Glossar

Reproduktionsmedizin: Teilgebiet der Medizin, das sich mit Methoden der natürlichen und künstlichen Fortpflanzung des Menschen befasst. Die Reproduktionsmedizin vereint gynäkologische, urologische, genetische, juristische und ethische Aspekte.

Präimplantationsdiagnostik (PID): Untersuchung am künstlich befruchteten Embryo, um genetisch bedingte Krankheiten vor dem Transfer in die Gebärmutter feststellen zu können. Dem Embryo wird dabei in einem frühen Entwicklungsstadium eine Zelle entnommen und auf krankheitsrelevante Merkmale untersucht.

Pränataldiagnostik (PND): Untersuchungen während der Schwangerschaft, um Erkrankungen oder Fehlentwicklungen des Kindes zu erkennen. Eine gängige Methode ist die Ultraschalldiagnostik. Eine genetische Analyse wird meist nur bei familiärer Disposition oder nach auffälligem Ultraschallbefund eingesetzt.

In-vitro-Fertilisation (IVF): Künstliche Befruchtung von Eizellen im Reagenzglas («in vitro»). Nach hormoneller Stimulation der Eierstöcke werden dem Körper der Frau Eizellen entnommen und mit männlichen Spermien zusammengebracht. Danach werden die so kultivierten Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt.

DNA: Desoxyribonukleinsäure; enthält als Träger der Erbinformation sämtliche für die biologischen Vorgänge einer Zelle notwendigen Informationen in chemischer Form.

Gen: Menschliche Erbanlage. Ein Gen ist ein DNA-Abschnitt, der die «Bauanleitung» für die Herstellung von Proteinen enthält, welche im Körper spezifische Funktionen übernehmen.

Meilensteine der Fortpflanzungsmedizin

1883 Der Brite Francis Galton prägt den Begriff Eugenik. Er wendet humangenetische Erkenntnisse auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik an, mit dem Ziel, den Anteil der «Befähigten» (mit «positiven» Erbanlagen) zu vergrössern. Die Eugenik wird in den 1930er Jahren in Deutschland zum Grundbaustein der Hitlerdiktatur.

1953 Die Biochemiker James Watson (USA) und Francis Crick (Grossbritannien) entdecken die Struktur der Erbsubstanz DNA: die Doppelhelix. Dieses räumliche Modell erklärt erstmals, wie die genetische Information auf der DNA weitergegeben wird. Das ist der Beginn der Gentechnik.

1966 In Grossbritannien kommt es zur ersten Pränataldiagnostik mittels Fruchtwasserentnahme bei einer Schwangeren. Das Verfahren wird angewendet, um mögliche Schäden des Fötus zu erkennen.

1978 Erstmals verläuft eine In-vitro-Fertilisation (IVF: künstliche Befruchtung) erfolgreich: Das erste Retortenbaby der Welt, Louise Brown, wird in England geboren.

1984 Erste Schwangerschaft durch Eizellspende. Samenspenden gibt es zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten. In den achtziger Jahren entstehen Samenbanken mit Nobelpreisträgern oder Sportlern als Spender. Gleichzeitig werden erstmals mittels IVF Kinder mit dem Sperma Verstorbener gezeugt.

1988 Gründung der Humangenom-Organisation. Zwei Jahre später Start des Humangenom-Projekts, mit dem Ziel, die menschliche Erbsubstanz vollständig zu entschlüsseln. Im Jahr 2003 wird das Ziel annähernd erreicht sein.

1990 Das erste PID-getestete Kind kommt in den USA zur Welt. In Indien wird die PID genutzt, um weibliche Embryonen zu erkennen und auszuschalten. In den USA werden die weissen Blutkörperchen eines Mädchens, das unter einer Erbkrankheit leidet, genetisch verändert. Das ist die Geburtsstunde der Gentherapie: Zum ersten Mal setzen die Mediziner mit ihren Werkzeugen nicht bei den Sympto-men einer Erbkrankheit an, sondern direkt an ihrer Wurzel - dem defekten Erbgut.

1997 Schaf Dolly, das erste geklonte Säugetier, kommt zur Welt. Zwei Jahre später entsteht der erste Mensch-Tier-Embryo durch Einführung eines menschlichen Zellkerns in die ausgehöhlte Eizelle einer Kuh. Wenig später stirbt das Gebilde ab.

2000 Das erste «Retterbaby», das mithilfe der PID gezeugt wurde, kommt in den USA zur Welt.

2004/2005 In Südkorea, den USA und England erhalten Forscher die Erlaubnis, menschliche Embryos zu klonen, unter ihnen Ian Wilmut, der 1997 Schaf Dolly geklont hatte. Erste offizielle menschliche Klonversuche in Europa.

2007 Ein menschlicher Embryo wird in den USA genetisch verändert. Genveränderungen in Embryos werden an künftige Generationen weitergegeben. Die ersten induzierten pluripotenten Stammzellen werden aus Hautzellen gewonnen. Das sind Zellen, deren Bestimmung noch nicht festgelegt ist. Sie können sich in Körperzellen verwandeln, theoretisch auch in Eizellen und Spermien.

...und Entwicklungen, die Forscher in den nächsten 50 Jahren für wahrscheinlich halten

Jahr X Die sogenannten induzierten pluripotenten menschlichen Stammzellen, die aus einzelnen Hautzellen gewonnen wurden, lassen sich zu Eizellen und Spermien umfunktionieren. Das heisst, dass jeder Mensch - egal ob Säugling oder Greis, Mann oder Frau - in der Lage ist, Kinder zu kriegen.

Jahr X Aus menschlichen Stammzellen kann man Ersatzteile für menschliche Organe herstellen. Ebensolche organischen Ersatzteile kann man sogar aus Hautzellen gewinnen - indem man diese zu pluripotenten Stammzellen umfunktioniert und daraus die gewünschten Organe züchtet.

Jahr X Manipulationen am Genmaterial menschlicher Embryos gehört zum Standardangebot von Reproduktionskliniken. Eltern können sich aussuchen, welche Gene in den Embryo eingefügt werden. Das Designerbaby ist nicht mehr fern.

Jahr X Das erste geklonte Baby kommt zur Welt.

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