Beobachter: Kennen Sie Liquid Trust?
Beate Ditzen: Ja, ich hab die Homepage mal gesehen. Man kanns als Körperspray im Internet kaufen. Es enthält wohl Oxytocin.

Beobachter: Ich dachte mir, der Tag der Familie am 15. Mai wäre ein guter Anlass, das «flüssige Vertrauen» einmal auszuprobieren – damits weniger Streit gibt mit Mann und Kindern.
Ditzen
: Nein, das ist keine gute Idee. Dieser Körperspray ist durch keine einzige Studie abgesichert. Die Anbieter von Liquid Trust beziehen sich auf die Forschungsergebnisse zu Oxytocin, die mit Nasensprays gemacht wurden, unter anderem hier an unserem Institut, und die präsentieren sie auf ihrer Homepage. Dort sind auch so Erfolgsgeschichten von Leuten zu lesen, die angeblich dank Liquid Trust viel mehr verkauft haben, weil die Kunden ihnen mehr vertraut hätten. So was ist schon dreist.

Beobachter: In Ihrer jüngsten Studie haben Sie gezeigt: Oxytocin kann helfen, Streit zu mindern. Könnten Sie das Experiment beschreiben?
Ditzen
: Insgesamt nahmen 50 Paare an der Studie teil. Von denen bekam die eine Hälfte Oxytocin, die andere Hälfte ein Placebo per Nasenspray. Dann liessen wir jedes Paar aus einer Liste von möglichen Konflikten einen bis zwei Konflikte von mittlerer Intensität aussuchen, die für sie aktuell ungelöst waren. Über dieses Thema haben sie sich dann zehn Minuten lang unterhalten, und wir haben sie dabei gefilmt.

Beobachter: Was waren die Themen?
Ditzen
: Viel Haushaltsorganisation: Wer macht den Abwasch, wer betreut die Kinder, wer macht in der Zeit alles andere, was im Haushalt anfällt? Ein bisschen waren auch Finanzen dabei: Wofür wird Geld ausgegeben, wo könnte man sparen? Auch die Umgestaltung der Wohnung war oft ein Thema. Drastische Konflikte wie Untreue oder aussereheliche Beziehungen kamen nicht zur Sprache. Wir wollten keine schwerwiegenden Beziehungsprobleme mit Abwaschkonflikten gleichstellen.

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Beobachter: Aber Oxytocin konnte den Abwaschkonflikt immerhin lösen?
Ditzen
: Sozusagen. (Lacht) Bei der Oxytocingruppe überwog das positive Verhalten – zuhören, lachen, sich anschauen – deutlich, während es in der Kontrollgruppe mehr negatives Verhalten gab – was man ja in einem Konflikt auch erwarten würde.

Beobachter: Kann man im Labor überhaupt einen echten, alltagsnahen Streit vom Zaun brechen?
Ditzen
: Das ist die grosse Frage. Ich glaube, inhaltlich und von der Struktur her ist die Laborsituation auf den Alltag übertragbar. Aber sie ist sicher viel weniger intensiv. Das hängt damit zusammen, dass zu Hause ein Streit auch stark von der Stimmung ausgelöst wird. Wenn man abends kaputt von der Arbeit kommt oder das Wochenende nicht so gelaufen ist, wie man sich das vorgestellt hat, dann streitet man eher. Das alles hat man im Labor nicht.

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Beobachter: Trotzdem sprechen Ihre Ergebnisse eindeutig fürs Oxytocin. Da wäre doch ein Nasenspray in der Handtasche zur Streitprävention etwas Praktisches.
Ditzen
: Daran denkt man natürlich sofort. Wir wollen aber auf keinen Fall, dass man das als Nasenspray regelmässig konsumiert oder sich ins Müesli mischt. Über den Langzeitgebrauch von Oxytocin ist noch nichts bekannt. Möglich, dass sich das Gehirn wie bei manchen Psychopharmaka anpasst und die Anzahl Andockstellen im Gehirn hoch- oder runterreguliert wird. Aus der Gynäkologie ist ja bekannt, dass Oxytocin einen starken körperlichen Effekt hat, deshalb sollte man nicht leichtsinnig damit herumdoktern.

Beobachter: Haben die Paare, die an dem Versuch teilgenommen haben, eigentlich etwas von der Substanz gespürt?
Ditzen
: Nein. Ihre Selbstwahrnehmung änderte sich unter Oxytocin überhaupt nicht.

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Beobachter: Ist das nicht ein bisschen enttäuschend?
Ditzen
: Ich kenne keine einzige Studie, in der die Versuchspersonen sagen konnten, ob sie die Substanz hatten oder das Placebo. Und die Effekte sind sehr klein. In unserer Studie bemerkte man sie nur in der Masse der Versuchsgruppe, nicht aber in der einzelnen Aufnahme.

Beobachter: Haben Sie selber schon mal Oxytocin ausprobiert?
Ditzen
: Ja, aber ich habe nichts gespürt. Ich dachte, ich hätte sicher das Placebo gehabt.

Beobachter: Haben Sie es zusammen mit Ihrem Partner genommen?
Ditzen
: Ja genau. Wir versuchten auch, ein wenig zu streiten, aber es funktionierte überhaupt nicht.

Beobachter: Sind Sie streitlustig?
Ditzen
: Nein, eher lustig.

Beobachter: Wie geht es weiter mit Ihren Studien?
Ditzen
: Wir planen ab Herbst eine grössere Studie, in der wir die Paare alltagsnah begleiten. Wir werden nicht physisch vor Ort sein, sondern geben den Paaren einen Handcomputer mit nach Hause. Der befragt sie dann, wie sie sich im Moment gerade fühlen, ob der Partner zu Hause ist, ob sie sich gezankt oder unterhalten haben. Wir untersuchen auch Zärtlichkeiten, denn das scheint auf den Oxytocinlevel einen Einfluss zu haben.

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Beobachter: Heisst das, man kann sein Oxytocin auch ohne Nasenspray zur Ausschüttung bringen?
Ditzen
: Wahrscheinlich. Doch auch bei dieser These gibt es fast ausschliesslich Tierstudien. Die legen nahe, dass durch Wärme, Berührung und Körperkontakt Oxytocin im Zentralnervensystem ausgeschüttet wird. Das können wir beim Menschen leider nicht messen. Wir haben es mal probiert, wir haben mit Paaren eine standardisierte Massage hier im Labor durchgeführt und dann Oxytocin im Blut gemessen. Aber es ist wohl so, dass die Oxytocinwerte im Blut nicht mit jenen im Gehirn übereinstimmen. Trotzdem gehen wir aufgrund der Tierforschung davon aus, dass körperliche oder emotionale Nähe das Hormon stimuliert. Auch beim Orgasmus ist der Oxytocinlevel stark erhöht.

Beobachter: Dann lautet Ihr Tipp für den Tag der Familie: Sex mit dem Partner und später Kuscheln mit den Kindern?
Ditzen
: (Lacht) Das wäre sicher eine gute Idee.

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Das «Kuschelhormon»

Kuschelhormon, Hormon des Ver­trauens, Bindungshormon, Stillhormon oder Wehenhormon – Oxytocin hat ­im Volksmund viele Namen. Dass es Frauen beim Ge­bären hilft und die Muttermilch zum Fliessen bringt, ist seit langem bekannt.

Seit einigen Jahren weiss man aber, dass das Hormon sehr viel mehr kann, da es zusätzlich als Neurotransmitter fungiert: als elementarer Botenstoff des zentralen Nervensystems.

Ausgeschüttet vom Hypothalamus, der wichtigsten Hormonquelle des ­Gehirns, wirkt Oxytocin vor allem im emotionalen Zentrum, im limbischen System. Dort stellt es unter anderem sicher, dass wir soziale Kontakte als ­angenehm empfinden und Vertrauen gewinnen in andere Menschen.