Mami!», ruft der dreijährige Timo. «Komm!» – «Ich muss Lukas stillen», erwidert die Mutter. «Warte, bis ich fertig bin, dann habe ich Zeit für dich.»

Lukas, Lukas, Lukas – immer dreht sich alles um ihn. Mal hat er Hunger, mal kann er nicht einschlafen, mal will er herumgetragen werden. Und Timo? Eigentlich hat er nichts gegen seinen Bruder. Aber vorher, als die Mama ­immer Zeit für ihn hatte, fühlte er sich besser. Wenn es nach ihm ginge, könnte der Bruder sich in Luft auflösen oder wenigstens ständig schlafen.

Manchmal drückt Timo dem sechsmonatigen Lukas die Augen zu oder zieht ihn am Ohr. Dann wieder streichelt er ihn und kuschelt sich an ihn. Kurz: Timo ist eifersüchtig auf seinen Bruder, auch wenn er ihn ja ganz gern mag. Solche ambivalenten Reaktionen sind normal. «Es ist typisch für die Beziehung zwischen Geschwistern, dass negative und positive Gefühle gleichzeitig vorhanden sind», erklärt der deutsche Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten.

Rivalität zwischen den Geschwistern

Geschwister durchlaufen in der Regel drei Phasen. Die ­erste dauert bis zum 8. Lebensmonat des jüngeren Geschwisters, da sind die beiden neugierig, lernen sich kennen. Die zweite Phase dauert bis etwa zum 16. Monat und ist oft schwierig. Das Baby erscheint jetzt als Rivale, auch weil es immer mobiler wird. In der dritten ­Phase, die etwa bis zum 24. Monat ­dauert, nimmt die Rivalität wieder ab.

Damit ist nicht ausgeschlossen, dass es weiter Knatsch gibt. Studien zeigen, dass Geschwister zwischen zwei und vier Jahren sechsmal pro Stunde streiten. Das ist für die Eltern zwar sehr anstrengend Streitende Kinder Wann sollen sich Eltern bei Zoff einmischen? , für die Kinder aber lehrreich. Denn sie lernen dabei, mitei­nander zurechtzukommen, zu kommunizieren, zu verhandeln und Konflikte zu lösen. Alles Voraussetzungen für die Fähigkeit, sich in andere hinein­zuversetzen Empathie Ich weiss, was du fühlst und Verständnis für ihre Gefühle und Gedanken herauszubilden.

Kinder mit älteren Geschwistern ­bilden diese Fähigkeit früher aus als ­Erstgeborene und Einzelkinder. Vermutlich weil sie sich früher mit ihnen austauschen können.

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Wie können Eltern motorische Störungen ihres Kindes erkennen und was hilft dagegen? Ist ein Kind unsozial, wenn es die Spielsachen nicht mit anderen Kameraden teilt? Mitglieder von Guider erhalten im Merkblatt «Motorische und moralisch-soziale Entwicklung von Kleinkindern» Antworten auf diese und weitere Fragen.

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Sind ältere Geschwister verantwortungsvoller?

Ist die Geschwisterfolge aber auch prägend für die Persönlichkeit und den Charakter? Der Mythos hält sich hartnäckig: Erstgeborene sind angeblich intelligenter, vernünftiger und übernehmen gern Verantwortung. «Sandwichkinder» seien kooperativ, Nesthäkchen dagegen rebellisch und manipulativ. Bestätigt sind diese Annahmen jedoch nicht.

Psychologen der Universitäten Leipzig und Mainz untersuchten im Jahr 2015 Daten von mehr als 20'000 Erwachsenen aus Deutschland, den USA und Grossbritannien. Dabei zeigte sich, dass die zentralen Charakterzüge wie Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit nicht mit der Position unter den Geschwistern zusammenhängen. «Vom Erstgeborenen zum Letztgeborenen sinkt zwar die durchschnittliche Intelligenz leicht ab», so der Befund. «Dieser Effekt ist aber auf der individuellen ­Ebene wenig aussagekräftig.»

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Letztlich liegt es vor allem an der ­spezifischen Familiensituation, wie ­Geschwister ihre Position empfinden, welche Charakternische sie sich suchen und wie sie sich miteinander entwickeln. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle – zum Beispiel, wie gross der Altersunterschied zwischen den Kindern ist oder welches Geschlecht sie haben.

Wichtig sind auch die Erziehungsprinzipien der Eltern Erziehung Wie bringen wir unsere Werte auf einen Nenner? : Wie führen sie das neue Baby in die Familie ein? Wie reagieren sie auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder? Wie verteilen sie ihre Aufmerksamkeit?

Sagen, dass man sich lieb hat

Wenn die Mutter ihr Versprechen hält, nach dem Stillen mit Timo allein zu spielen, ist für Timo zumindest kurzfristig die Welt wieder in Ordnung. Erst recht, wenn noch ­Worte fallen wie «Ich habe euch beide ganz fest lieb, aber dich habe ich schon viel länger lieb als Lukas». Das ältere Kind fühlt sich in seinen Bedürfnissen wahrgenommen und geliebt. Und der kleine Lukas beobachtet Mutter und Bruder beim Spielen Mit Kindern spielen Verlieren gehört zum Leben dazu . Bald kann er auch mitmachen. Aber das ist dann eine ­andere Geschichte.

Tipps: So gibts mehr Harmonie zwischen Geschwistern

  • Kein Konkurrenzdenken: Eltern sollten vermeiden, die Geschwister miteinander zu vergleichen. Kurz- und mittelfristig kann das Eifersucht schüren, langfristig Minderwertigkeitsgefühle beim «benachteiligten» Kind aufkommen lassen. Es kann auch Aggression gegenüber dem Geschwister auslösen.
  • Einzigartigkeit wahrnehmen: Es ist wichtig, jedes Kind in seinen Stärken wahrzunehmen und zu fördern Frühförderung Wie man Kinder auf den richtigen Weg bringt . Das ältere kann vielleicht besser malen, das jüngere ist dafür ordnungsliebend. So lernt jedes Kind, sich einmalig und besonders zu fühlen. Langfristig ent­wickelt es dadurch ein gesundes Selbstbewusstsein Erziehung So stärken Sie das Selbstbewusstsein des Kindes . Wenn das Kind hingegen immer wieder nur seine Schwächen vorgehalten bekommt, wird es sich damit auf Dauer identifizieren – und gerade diese Eigenschaften verstärken.
  • Ausgewogene Zuwendung: Eltern sollten ihre Zeit gerecht unter den Kindern verteilen. Dann wird sich die Eifersucht meist legen. Hilfreich ist es auch, wenn Mama oder Papa mit jedem der Kinder regelmässig allein Zeit verbringt.
  • Gemeinsamkeiten hervorheben: Gemeinsame Aktivitäten können Nähe und Zuneigung der Geschwister zu­einander fördern. Spielen beide gern Fussball? Helfen sie gern Erziehung Darum sind Ämtli so wichtig beim Backen? Sind sie gern auf dem Spielplatz?
  • Gerecht und konkret loben: Jedes Kind will gelobt sein. Je konkreter, desto besser, denn Kinder bemerken es, wenn die Zuwendung nur oberflächlich ist. Also lieber «Der Baum, den du gemalt hast, hat aber viele Blätter!» statt «Dein Bild ist schön!». Noch besser ist es, die Kinder für gemeinsame Aktivitäten zu loben. «Ihr habt aber super miteinander gespielt!» – das schweisst zusammen.
  • Nicht mitstreiten: Wenn die Kinder sich streiten, sollten sich die Eltern heraushalten. Geschwister können Konflikte sehr gut selbst lösen. Die Eltern müssen aber selbstverständlich altersgerechte und klare Regeln durchsetzen.
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Buchtipps

  • Nicola Schmidt: «Geschwister als Team»; Verlag Kösel, 2018, 240 Seiten, CHF 29.90
  • Hartmut Kasten: «Geschwister»; Verlag Reinhardt Ernst, 2018, 192 Seiten, CHF 28.90
  • Stephanie Blake: «Babyfratz» (Bilderbuch); Verlag Moritz, 2015, 40 Seiten, CHF 17.90
  • John Fardell: «Der Tag, an dem Louis ­gefressen wurde» (Bilderbuch); Verlag ­Moritz, 2018, 32 Seiten, CHF 22.90

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Christian Gmür, Content Manager Ratgeber

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