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ErziehungSo stärken Sie das Selbstbewusstsein des Kindes

Eltern möchten ihre Kinder vor Übergriffen schützen. Wie macht man das am besten?

Ein Kind, das zu mehr Selbstbewusstsein erzogen wird, kann sich eher vor Übergriffen schützen.
von aktualisiert am 07. Dezember 2017

Abrupt wendet Alina den Kopf ab, als das Grosi sie zur Begrüssung auf den Mund küssen will. «Was ist los?» – «Ich will das nicht.» Gleichzeitig kuschelt sich Alina an die Grossmutter. Sie hat sie sehr lieb, nur das Küssen mag sie nicht.

«Im Kindergarten haben die Kleinen das Neinsagen geübt», erklärt Alinas Mutter dem verdutzten Grosi. «Seither wird sie immer selbstbewusster. Als Tante Martha ihr über die Haare streichen wollte, hat sie lautstark klargemacht, dass Erwachsene Kinder nicht ungefragt berühren dürfen.»

Starkes Selbstbewusstsein und bewusste Selbstbestimmung über den eigenen Körper: Das schützt tatsächlich vor Übergriffen jeglicher Art. Kinder, die ermutigt werden, ihre Gefühle ernst zu nehmen und ihnen zu vertrauen, sind weniger beeinflussbar als gehorsame und angepasste.

Ein selbstbewusstes Kind traut sich, laut und deutlich «Nein» zu sagen. Es spricht über seine Gefühle, hört auf sein Bauchgefühl und setzt sich zur Wehr. Wie Alina, die mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen dem Grosi und der Tante ihre persönlichen Grenzen aufzeigt.

Selbstvertrauen ist nicht angeboren

Dieses Selbstvertrauen wird den wenigsten Kindern in die Wiege gelegt. Entscheidend ist, wie Eltern und andere Erwachsene auf das Kind einwirken. Wichtig ist ein intaktes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern, geprägt von Liebe und Geborgenheit.

Konflikte und Widersprüche kann man dabei ruhig zulassen. So können die Kinder zu autonomen, selbstbewussten und eigenständig handelnden Persönlichkeiten heranwachsen.

Selbstbewusste Kinder sind zwar für die Eltern zuweilen anstrengend. Wenn sie dem Nachwuchs aber zugestehen, sich ihren Anweisungen auch mal zu widersetzen, oder wenn sie ihn öfter selber entscheiden lassen, unterstützen sie ihn indirekt.

Den Effort loben

Beim Loben gilt es, vor allem Anstrengung und Durchhaltevermögen anzuerkennen – und weniger eine Leistung an sich. Es kann «lobenswerter» sein, wenn das Kind es schafft, im dritten Versuch auf einen Stuhl zu klettern, als wenn das beim ersten Mal klappt. So zeigt man dem Kind, dass man realisiert hat, wie sehr es sich angestrengt hat. Und dass man sich über seinen Erfolg freut.

Generell stärken Eltern das Selbstbewusstsein der Kinder, wenn sie Stärken statt Schwächen hervorheben. «Indem ich darauf schaue, was mein Kind kann, stärke ich sein Selbstvertrauen. Doch viele Eltern konzentrieren sich zu stark darauf, was ihr Kind noch nicht gut kann», sagt denn auch Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge.

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Merkblatt «Kinder vor sexueller Ausbeutung schützen» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Es ist unmöglich und wäre zugleich schädlich, dass eigene Kind rund um die Uhr zu behüten, um es vor Missbrauch zu schützen. Was Eltern in der Erziehung dennoch tun können, um mögliche Gefahren abzuwenden und welche Merkmale darauf hindeuten, dass die Tochter oder der Sohn sexuell ausgebeutet wurde, lesen Mitglieder von Guider im Merkblatt «Verdacht, Prävention und Folgen sexueller Ausbeutung von Kindern».

Selbstvertrauen setzt auch voraus, dass sich das Kind jemandem uneingeschränkt anvertrauen kann. Und zwar nicht erst, wenn es Gewalt erlebt hat, sondern schon, wenn zum Beispiel eine teure Vase in die Brüche gegangen ist. Es sollte darauf zählen können, dass ihm die Eltern zuhören, ihm Hilfe für eine Lösung anbieten. Wenn dieses Vertrauen vorhanden ist, wird das Kind viel eher von sich aus berichten, falls es von jemandem «komisch» berührt wurde.

Nicht zuletzt sind auch Selbstverteidigungskurse eine gute Möglichkeit, Kinder darauf zu sensibilisieren, Nein zu sagen und sich Gewalt zu widersetzen. Sie lernen, Gefahren zu erkennen und zu vermeiden, stärken die Selbstbehauptung und üben schützende Verhaltensweisen. Manche machen in solchen Kursen zum ersten Mal die konkrete Erfahrung, wie es ist, wenn man sich auflehnen darf.

So stärken Sie das Selbstbewusstsein des Kindes

Richtig tadeln
Das Selbstvertrauen eines Kindes blüht auf, wenn es bedingungslose Liebe erfährt nach dem Motto «Ich liebe dich, egal, wer oder wie du bist». Das heisst: Beim Ermahnen sollte man dem Kind klarmachen, dass man sein Benehmen rügt und nicht seine Person. Also etwa die Kritik «Du bist ein freches Mädchen! Warum kannst du nicht brav sein?» ersetzen durch den Kommentar «Es ist nicht nett, den Luca zu schubsen. Das tut ihm weh! Lass das bitte!»
 

Aufmerksamkeit schenken
Nehmen Sie sich Zeit, dem Kind ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Das wirkt Wunder für sein Selbstwertgefühl, denn es bekommt zu spüren, dass es wichtig und wertvoll ist. Schauen Sie ihm dazu in die Augen, um zu zeigen, dass Sie wirklich zuhören. Wenn Sie im Stress sind, lassen Sie das Kind das auf freundliche Art wissen. Ein Beispiel: «Darf ich bitte noch die Wäsche fertig machen? Danach habe ich Zeit für dich.»
 

Begrenztes Risiko unterstützen
Unterstützen Sie das Kind dabei, neue Wege zu gehen, neues Essen zu probieren, einen neuen Freund zu finden oder Velo zu fahren. Wichtig: Lassen Sie das Kind in einem bestimmten Rahmen experimentieren. Und unterdrücken Sie den Drang, ihm zu helfen.
 

Fehler zulassen
Das Kind wird Fehlschläge erleben, wenn es Risiken eingehen darf. Kein Problem – das sind wertvolle Erfahrungen für sein Selbstvertrauen. Wenn Sie zu Ihren eigenen Fehlern stehen, kann auch das Kind leichter mit Missgeschicken umgehen.
 

Vergleiche meiden
Kommentare wie «Warum bist du nicht so brav wie Luca?» weisen das Kind nur auf seine Unzulänglichkeiten hin und wecken Scham, Neid und Rivalität. Wenn Sie dem Kind zu spüren geben, dass Sie es für seine Einzigartigkeit lieben, wird es sich selber auch schätzen lernen.
 

Das Positive betonen
Ermunterungen tun allen gut. Würdigen Sie «reife Leistungen», die das Kind täglich vollbringt. Sagen Sie nicht nur «gut gemacht», sondern «Danke, dass du so geduldig gewartet hast, bis ich fertig telefoniert habe».
 

Über Gefühle reden
Machen Sie dem Kind klar, dass Sie seine Gedanken, Gefühle, Wünsche und Meinungen ernst nehmen. Helfen Sie ihm, mit seinen Gefühlen umzugehen, indem Sie sie benennen. «Ich verstehe, dass du traurig bist, weil dein Freund heute keine Zeit zum Spielen hat.»
 

Ermutigung bieten
Jedes Kind braucht Signale der Eltern, die sagen: «Ich glaube an dich. Ich erkenne deinen Fortschritt. Mach weiter so!» Ermutigung heisst, auch Fortschritt anzuerkennen – nicht nur Erfolge. Wenn das Kind versucht, seine Jackenknöpfe zu schliessen, sagen Sie nicht «So nicht. Lass mich das machen», sondern «Bravo, bald wirst du es ganz schaffen!».
 

Sicherheit vermitteln
Es reicht nicht, dem Kind zu sagen, dass es sich Hilfe holen kann, wenn sich jemand «komisch» nähert. Man muss auch konkret mit dem Kind besprechen, wie es sich verhalten soll. Wegrennen, Schreien, Hilfe holen, etwa bei Passanten oder im Laden an der Ecke. Also: Zur Vorbereitung schon mal dort hineingehen und das Kind mit jemandem bekanntmachen.

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1 Kommentar

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ch.a.pfister
Hervorragender Artikel! Vielen Dank. Aus eigener Erfahrung in meiner Kindheit weiss ich, wie wichtig es für das spätere Leben ist, irgendwann die Opferrolle wieder zu verlassen. Bei mir dauerte es ziemlich lange, aber lieber spät als gar nie. Heute unterrichte ich Kinder ab 4 Jahren mit Kids-WingTsun und die Erfolge erstaunen mich jeden Tag: Sicherheit ist lernbar! Sifu Christoph Pfister

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