Leserfrage: «Unser Kind ist unruhig und aggressiv. Fast jede Woche meldet sich die Lehrerin. Was können wir tun?»

Der klassische – leider immer noch verbreitete – Rat wäre wohl: Belohnen Sie gutes und sanktionieren Sie schlechtes Verhalten! Setzen Sie konsequent Grenzen!

Die Annahme dahinter: Das Kind kann sich entscheiden. Es hat – wenn es nur will – die Möglichkeit, sein Verhalten zu kontrollieren. Es könnte also, aber es tut nicht. Das wiederum führt zu den wohlbekannten Gefühlen von Erziehenden: Enttäuschung, Empörung, Hilflosigkeit. «Wie kann er nur wagen, sich so zu benehmen?» oder «Man wird doch wohl erwarten dürfen, dass eine Achtjährige …!».

Das ist verständlich, aber nicht zielführend.

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Eine gute Chance bietet die Frage, mit der erschöpfte Eltern in die Beratung kommen: «Was ist bloss mit unserem Kind los?»

Da, wo Kinder entgegen allen Bemühungen engagierter Erwachsener an ihrem auffälligen und störenden Benehmen festhalten, wo sie Strafen, soziale Ächtung, ja sogar Liebesentzug in Kauf zu nehmen scheinen, muss man genauer hinschauen. Und sich verabschieden von allzu einfachen Ideen («Das Kind ist respektlos, will nur Aufmerksamkeit, will nur provozieren...»).

Andere Perspektive

Die US-Psychologin Mona Delahooke arbeitet seit 30 Jahren mit verhaltensauffälligen Kindern. Ihre Erfahrung ist, dass hartnäckige problematische Verhaltensweisen meist nicht auf Lob Kinder loben Es muss nicht alles super sein , Tadel oder Auszeiten ansprechen, sondern dass es sich lohnt, sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten: «Wenn wir ein problematisches oder verwirrendes Verhalten sehen, sollten wir nicht gleich fragen: ‹Wie können wir es loswerden?›, sondern: ‹Was sagt es uns über unser Kind?›»

Oft gehen wir nur vom sichtbaren Teil des Verhaltens aus und unterstellen dem Kind, es handle absichtlich. Dabei unterlaufen uns zwei Fehler:

1. Wir übersehen, dass nur rund 10 Prozent des Verhaltens vom bewussten Teil des Gehirns gesteuert werden, 90 Prozent aber unbewusst und ungesteuert entstehen.

2. Wir überschätzen die Möglichkeiten des Kindes total. Wir gehen davon aus, dass sein Nervensystem wie das eines Erwachsenen Impulse regulieren kann.

Bei einem Eisberg sind nur 10 Prozent der Masse sichtbar. Der wesentlich grössere Teil unter Wasser entzieht sich dem Blick von aussen. Ähnlich ist es beim Kind. Sein Verhalten wird von Anteilen bestimmt, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.

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Wenn Kinder aus der Reihe tanzen
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Grosses Frustpotenzial

«Unter Wasser» wirken hier: Emotionen, Erregungen, Befürchtungen, die Qualität der Beziehungen zu den Eltern und frühere Stresserfahrungen (bis in den vorgeburtlichen Bereich). Ebenso spielen der körperliche und der seelische Entwicklungsstand eine Rolle. Und ob das Kind überhaupt schon die Fähigkeit besitzt, Handlungen zu planen und bewusst auszuführen. Hier gibt es immense individuelle Unterschiede.

«Wird ein Kind ­angeklagt für etwas, was es nicht kontrollieren kann, sorgt das für riesigen Frust.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Wird ein Kind mit Belohnung für etwas gelockt, was es nicht kann, und umgekehrt angeklagt für etwas, was es nicht kontrollieren kann, sorgt das für riesigen Frust. Die Wahrscheinlichkeit für weitere Wutanfälle steigt.

Lehrpersonen können ein Lied davon singen ADHS im Klassenzimmer Wie verhaltensauffällige Kinder die Schule fordern , dass all die Smileys und Gewitterwölkli, die an der Wand im Schulzimmer das Wohl- und Fehlverhalten der Kinder dokumentieren und beeinflussen sollen, beim «wilden Hansli» irgendwie nicht greifen – im Gegenteil.

Interessieren wir uns also nicht nur fürs Benehmen, sondern – wo nötig – fürs Ganze. Verstehen wir, dass Anna nicht still sitzen, nicht ruhig sein kann, weil ihr Nervensystem aktuell aufgewühlt ist durch die Geburt des kleinen Bruders Eifersucht unter Geschwister Alle Aufmerksamkeit beim Jüngsten . Und dass Rumrennen und Schreien zunächst mal nichts anderes ist, als sich durch Verhalten ein wenig Linderung zu verschaffen.

Auch bei Kindern, die in einer akut oder chronisch belasteten Familie leben, ist es wichtig, die grosse Not hinter den Auffälligkeiten zu verstehen. Das Kind versucht so, den unbewussten Gefühlen des Verloren-und-bedroht-Seins irgendwie Herr zu werden, die Aufregung zu entladen und sich zu besänftigen.

Wenn es den Erwachsenen gelingt, das Kind nicht zu bewerten, es anzunehmen und sich beruhigend mit ihm zu verbinden, ist viel gewonnen. Nur in diesem Zustand können weitere Reifungsschritte passieren, die das Kind befähigen, sich irgendwann selbst zu regulieren.

Buchtipp

Mona Delahooke: «Mehr als Verhalten. Neurowissenschaft und Mitgefühl helfen, Verhaltens- probleme von Kindern zu verstehen und zu lösen»; Verlag G. P. Probst, 2020, 336 Seiten, Fr. 35.90

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

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Christine Harzheim
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