Leserfrage: «Bedürfnisorientierte Erziehung ist in aller Munde. Macht sie die Kinder nicht zu Tyrannen?»

Es ist grundsätzlich wichtig, die Bedürfnisse eines Kindes wahrzunehmen und ihnen zu entsprechen. Vor allem am Anfang. Ein Neugeborenes kann nur unbeschadet überleben, wenn die Eltern empathisch verstehen Empathie Ich weiss, was du fühlst , was es braucht, und angemessen reagieren. Für Bedürfnisse wie Nähe, Nahrung, Pflege und Schutz gibt es kaum Aufschub. Das Kind ist darauf angewiesen, dass es in dieser Phase gut versorgt wird. So entstehen eine stabile Bindung und Urvertrauen ins Leben.

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Nach ein paar Monaten beginnt sich diese Verschmelzung mit den Eltern und der Welt langsam zu lösen. Das Baby entdeckt sein Ich und dass es in manchen Situationen etwas anderes will als seine Eltern. Es bringt nun neben seinen existenziellen Bedürfnissen auch seine alltäglichen kindlichen Wünsche ins Spiel und fordert deren Befriedigung zum Teil mit der gleichen Vehemenz ein.

Hier muss nun in der Eltern-Kind-Beziehung eine wichtige Weiche gestellt werden: die Unterscheidung von Bedürfnis und Wunsch.

«Ein Bedürfnis sollte nicht zu Frust führen, ein Wunsch dagegen darf es durchaus.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Damit sich das Kind gesund entwickelt, müssen dessen Grundbedürfnisse erfüllt werden. Es braucht körperliche Unversehrtheit und Sicherheit, Nähe und Autonomie, Aufmerksamkeit. Die Erfüllung von Wünschen – etwa die Gummibärchen, der rote Becher, das Filmli, die Ausnahme von der Regel – entscheiden die Eltern je nach Situation und Möglichkeit.

Im echten Leben

Nicht bei den Grundbedürfnissen, sondern bei den Wünschen muten wir Kindern die wichtige Realität zu: Nicht alles ist so, wie du es willst. Mal kannst du dich durchsetzen, mal musst du verzichten und bist frustriert Ausdauer bei Kindern So lernt Ihr Kind, mit Frustration umzugehen . Das gehört zum normalen Leben. Diese verschiedenen Begegnungen mit der Realität fördern die Entwicklung sozialer Kompetenz und bereiten auf ein erfolgreiches Leben in unserer Gesellschaft vor. Ein Bedürfnis sollte also nicht zu Frust führen, ein Wunsch dagegen darf es durchaus.

Vor allem verunsicherte Eltern tun sich damit schwer. Sie erleben jeden Missmut ihres Kindes als Appell, alles zu tun, damit das Kind wieder zufrieden ist. Sie glauben, ein zufriedenes Kind zeigt: Ihr Eltern macht es richtig, Ihr seid kompetent! Hier droht ein hektischer und kräftezehrender Kreislauf, die Eltern sind gefangen darin, die kindlichen Launen zu befriedigen. Jedes Quengeln Erziehung Quengelnde Quälgeister scheint bedeutsam und muss bearbeitet und gelöst werden. Nicht mehr die Erwachsenen bewerten, was nötig und was wichtig ist. Stattdessen suchen sie Sicherheit beim Kind. Was möchtest denn du? Wie fühlst du dich? Ist es okay so?

Buchtipp
Motivierte Kinder
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Das Kind entlasten

Die ständige Botschaft «Wir wissen es nicht, was meinst du?» macht das Kind unruhig. Ihm fehlt die Lebenserfahrung. Es weiss nicht, ob sein Begehren ein echtes Bedürfnis oder ein flüchtiger Wunsch ist. Wie soll es wissen, was es wirklich will? Statt dem kleinen Kind im Alltag ständig Entscheidungsmacht Kinder gleichberechtigt erziehen Mein Kind – mein Freund? und damit eine zu grosse Verantwortung aufzubürden, sollten Eltern vorangehen und bewerten, was sinnvoll und möglich, nötig oder schädlich ist.

Wenn sich nach der Neugeborenenzeit dauerhaft alles weiter nur ums Kind dreht, wird es schwierig. Gelungene Bedürfnisorientierung heisst, dass alle in der Familie zu dem kommen, was sie brauchen. Und manchmal zu dem, was sie wünschen. Und das ist genug.

Bedürfnisorientierung heisst:
  • nicht unbegrenzte Aufmerksamkeit. Kinder sehnen sich nicht danach, dass sich alles um sie dreht. Höchstens ab und zu. Meistens wären sie gern ein glückliches kleines Rädchen im Familiengetriebe.
  • den Rahmen bedürfnisgerecht gestalten, etwa mit der Zeitstruktur, Essen, Raum für Ruhe und Eigenständigkeit Erziehung Soll ich mein Kind ausprobieren lassen? .
  • durch persönliche Autorität führen: Ich als erfahrene Erwachsene gehe voran. Ich gestalte das Zusammenleben. Ich nehme das Kind wahr und beziehe es altersgerecht in die Gestaltung ein.
  • Ich hole mir meine Sicherheit und meine Bestätigung nicht nur bei meinem Kind.
  • Wissen hilft! Eltern sollten sich informieren, wie ein Kind in welchem Alter in etwa ist, was es kann, wie es fühlt, was es überfordert (siehe Guider-Checklisten unten).
  • die Bedürfnisse des Kindes wahrnehmen und befriedigen. Die Wünsche des Kindes wahrnehmen und souverän entscheiden.
Weitere Buchtipps
  • Wolfgang Bergmann: «Gute Autorität»; Beltz, 2005, 216 Seiten, CHF 17.90
  • Jesper Juul: «Leitwölfe sein»; Beltz, 2016, 232 Seiten, CHF 28.90
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Mehr zur Entwicklung von Kindern

Jedes Kind ist anders. Einige Merkmale in der Entwicklung des Kindes ähneln sich jedoch. Worauf Beobachter-Mitglieder in ihrer Erziehung achten können, zeigen die folgenden Checklisten.

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