Ich hätte nie gedacht, dass es ausgerechnet bei uns nicht klappt», sagt Hannah Schmid (Name geändert). Ihr Mann Manuel nickt: «Und wir waren schockiert, dass uns in der Schweiz niemand helfen konnte. Oder helfen durfte.» Drei Jahre lang versuchten die Schmids vergeblich, ein Kind zu bekommen. Erst ohne medizinische Hilfe, dann mit Hormonbehandlungen und künstlicher Befruchtung.

In der Schweiz hat jedes sechste Paar dasselbe Problem wie die Schmids. Vielen hilft die Reproduktionsmedizin. Doch nicht alles, was möglich wäre, ist erlaubt. Das Schweizer Gesetz setzt einen engen Rahmen. Ausserdem zahlen die Kassen die In-vitro-Befruchtungen nicht, und manche Behandlungen gibts nur für viel Geld.

Für manche Frau die letzte Chance

Die Geschichte der Schmids fand trotzdem ein glückliches Ende. Hannah, 42, und Manuel, 41, sitzen nicht allein in ihrem Loft in der Innerschweiz. Hannah hält ein Baby im Arm. Sobald es einen Ton von sich gibt, steht sie auf und beruhigt es mit sanftem Wiegen. Das Baby ist sieben Wochen alt.

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«Carina ist ein Wunderkind», sagt Manuel Schmid. Und das in jeder Hinsicht. Carina hat drei Elternteile. Manuel Schmid ist ihr Vater. Hannah Schmid hat Carina geboren, stillt sie und ist laut Geburtsurkunde ihre Mutter. Doch Carina hat eine zweite Mutter: eine Spanierin, von der die Schmids weder Namen noch Adresse kennen. Sie spendete Eizellen und ist die genetische Mutter des Mädchens.

Die Eizellspende ist ein Verfahren der Reproduktionsmedizin. In der Schweiz ist sie – anders als in vielen EU-Ländern – verboten. Sie läuft im Grundsatz ab wie eine normale In-vitro-Behandlung, bloss wird die Hormonbehandlung bei der Eizellspenderin durchgeführt und nicht bei der künftigen Mutter. Kurz vor dem Eisprung werden der Spenderin Eizellen entnommen, mit Spermien des Mannes befruchtet und der Frau des Paares eingesetzt. Sie trägt das Kind wie ihr eigenes aus und bringt es zur Welt.

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Die Eizellspende ist für manche Frauen die letzte oder oft auch einzige Chance, ein Kind zu bekommen. Gründe für die ungewollte Kinderlosigkeit gibt es viele: Leidet die Frau unter Hormonstörungen, werden die Eizellen oft in ihrer Entwicklung so beeinträchtigt, dass eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg oder auch mit Hilfe einer künstlichen Befruchtung nicht möglich ist. Auch Frauen, die eine Krebsbehandlung hinter sich haben, können häufig nur noch mit einer fremden Eizelle schwanger werden. Ausserdem verschieben immer mehr Frauen ihren Kinderwunsch in eine spätere Lebensphase. Die Natur aber hat anderes im Programm: Eine Frau ist am fruchtbarsten, wenn sie um Mitte 20 ist. Ab 35 nimmt die Chance, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, stetig ab.

Ist das wirklich mein Kind?

So war es auch bei Hannah Schmid. Sie studierte Wirtschaft, stieg bei einer Bank ein und machte Karriere. Dass sie Kinder wollte, war für sie immer klar. Doch erst wollte sie sich im Beruf etablieren. Arbeitstage von zehn und mehr Stunden waren die Regel. Als sie 35 war, wollte das Paar die Familienplanung angehen. Doch dann kam das Angebot für eine tolle Stelle im Ausland. Wieder vergingen drei Jahre. «Ich habe schlicht nicht gewusst, dass es Ende 30 so viel schwieriger ist, schwanger zu werden», sagt Hannah Schmid.

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Ein Jahr lang versuchten die Schmids es ohne ärztliche Hilfe, dann liess die Frau eine In-vitro-Fertilisation vornehmen. Beim zweiten Versuch wurde sie schwanger. Doch auf einer Geschäftsreise verlor sie das Kind, in einem Hotel in Hongkong.

Die Schmids hätten weitere In-vitro-Behandlungen vornehmen lassen können, «doch der Arzt fand, mit einer Eizellspende sei die Chance auf eine Schwangerschaft ungleich höher», sagt Manuel Schmid.

Als Spenderinnen kommen fruchtbare junge Frauen in Frage. Der Entscheid fiel dem Paar schwer. «Zuerst konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen», sagt Hannah Schmid. Stundenlang hätten sie diskutiert. Er wollte, sie nicht. Die Vorstellung, ihr Mann würde der leibliche Vater sein, sie aber nicht die genetische Mutter, machte ihr zu schaffen. Würde sie trotzdem eine enge Beziehung zum Kind aufbauen können oder würde es ihr fremd bleiben? «Mit der Zeit habe ich jedoch gemerkt, dass mein Kinderwunsch stärker war als diese Bedenken.»

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Quelle: Thinkstock Kollektion

«Ihre Hormone haben Carina beeinflusst»

Schliesslich buchte das Paar einen Flug nach Barcelona. Ihrem Umfeld erzählten sie von einer Städtereise. Drei Nächte blieben sie in einem Hotel nahe der Klinik. Gleich nach der Ankunft musste Manuel Schmid Spermien abliefern. Im Labor wurden die Eizellen der Spenderin befruchtet, später Hannah Schmid eingesetzt. Zurück in der Schweiz, machte sie zwei Wochen darauf den Schwangerschaftstest. Es hatte beim ersten Versuch geklappt. Carina kam knapp neun Monate später zur Welt.

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Anfangs plagten Hannah Schmid Ängste, wer das Kind wohl sein würde, das in ihr heranwuchs. Doch gleich nach der Geburt hatte sie das Gefühl: «Carina ist meine Tochter.» Ihr Mann ist überzeugt, dass die Schwangerschaft das Kind stark präge: «Der Körper meiner Frau hat die Kleine ernährt, ihre Hormone haben Carina beeinflusst.» Es seien nicht allein die Gene, die eine Rolle spielten, davon ist das Ehepaar überzeugt. Ob die Eltern ihrer Tochter jemals von ihrem besonderen Start ins Leben erzählen werden, ist unsicher. Nicht einmal die Freunde der Schmids wissen von der Eizellspende. «Wir wollen verhindern, dass sich jemand verplappert.»

700 Euro für die Spenderin

Über die Spenderin wissen die Schmids wenig. Dass sie gesund ist, jünger als 25 Jahre, vermutlich Studentin und eher von hellhäutigem, mitteleuropäischem Aus­sehen. «Ich denke manchmal an die Frau», sagt Hannah Schmid, «und bin ihr unendlich dankbar.» Kataloge mit Auswahlkrite­rien gibt es in seriösen Zentren nicht. Die meisten Schweizer reisen nach Tschechien oder – wie die Schmids – nach Spanien.

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Die spanische Klinikgruppe IVI zählte im letzten Jahr über 280 Schweizer Paare zu ihren Kunden. 129 Frauen wurden Eizellen eingesetzt. «Der Bedarf nach Eizellspenden steigt jährlich an», sagt Lucia Renau, Sprecherin der Klinik. IVI bietet die Therapie seit 1990 an. «Die Spenderinnen durchlaufen einen strengen medizinischen Test, sie sind im Durchschnitt 24 Jahre alt.»

Pro Entnahmezyklus erhalte die Spenderin 700 Euro, sagt Renau. Dafür muss sie sich zwei Wochen lang Hormone spritzen, zu Kontrollterminen erscheinen und einen kleinen chirurgischen Eingriff zur Entnahme der Eizellen über sich ergehen lassen. «Der Betrag ist bewusst nicht allzu hoch angesetzt, um nicht Frauen anzuziehen, die in erster Linie wegen des Geldes spenden», erklärt Renau. Ein Behandlungszyklus kostet für die Paare rund 11'000 Franken, die Reisen nicht eingerechnet.

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Viele Betroffene empfinden es als ungerecht, dass die Eizellspende in der Schweiz verboten ist, die Samenspende jedoch erlaubt. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (SGRM) wandte sich vor zwei Jahren mit einem offenen Brief ans Parlament. «Das Eizellspendenverbot ist eine Diskriminierung der Frau», sagt Bruno Imthurn, Leiter der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich.

Hunderte von Paaren reisten jedes Jahr für eine Eizellspende ins Ausland, teilweise in wenig seriöse Zentren. «Nicht selten kommen die Frauen mit Mehrlingen in die Schweiz zurück», sagt Imthurn. Das er­höhe das Risiko einer Frühgeburt, womit die Wahrscheinlichkeit steige, ein krankes oder behindertes Kind zur Welt zu bringen. Wäre die Behandlung in der Schweiz möglich, liesse sich das eher vermeiden, ist Imthurn überzeugt.

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«Ein Grund für das Verbot war damals die Sorge um die Spenderinnen», sagt die Zürcher Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle, Mitglied der nationalen Ethikkommission zur Humanmedizin. Weil Eizellspenden körperlich belastender seien als Samenspenden. «Allerdings sieht man das heute nicht mehr so streng, falls die Frauen ­freiwillig spenden und nicht wegen des Geldes.» Seit dem offenen Brief der SGRM ­diskutiert die Ethikkommission die Auf­hebung des Verbots. Baumann-Hölzles Haltung ist in dieser Frage gespalten. Sie verstehe die Wünsche der Paare auf der individuellen Ebene gut. «Man muss aber auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung bedenken. Soll die Reproduktions­medizin alle Wünsche erfüllen? Soll auch mensch­liches Leben selektioniert, verbraucht und verkauft werden?»

Eine Aufhebung des Verbots würde zu einer Kommerzialisierung führen – davon ist auch die Zürcher Gynäkologin Judit Pók überzeugt. Pók ist ebenfalls Mitglied der Ethikkommission. «Trotzdem glaube ich, man sollte die Eizellspende lieber nach Schweizer Gesetz regeln, statt sie zu verbieten», sagt sie.

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Damit würde ein weiteres Problem gelöst: Heute kann kein Kind, auch nicht mit 18 Jahren, jemals erfahren, wer die genetische Mutter ist. Per Gesetz ist die Spende in Spanien anonym. Das verstosse sogar gegen die Uno-Kinderrechtskonvention, sagen Kritiker. Denn jedes Kind habe ein Recht auf eine Identität. Und dazu zähle, die genetische Herkunft zu kennen.

Wäre die Eizellspende in der Schweiz möglich, könnte man die Rechte von Kindern übernehmen, die dank einer Samenspende gezeugt wurden: Im Alter von 18 Jahren hat ein Kind das Recht, die Identität des Spenders zu erfahren. Der ist allerdings zu nichts verpflichtet und muss nicht auf einen eventuellen Kontaktversuch reagieren. Eine Folge der Transparenz ist absehbar: Es wird schwieriger, Samenspender und Eizellspenderinnen zu finden, wenn ihnen keine Anonymität zugesichert wird.

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Das Kind soll erfahren, wer die Mutter ist

Fachleute raten den Eltern, ihrem Kind von seiner ungewöhnlichen Herkunft möglichst früh altersgerecht zu erzählen. Damit es wie selbstverständlich mit diesem Wissen aufwächst. «Es ist für ein Kind ja eine sehr positive Botschaft, dass seine Eltern alles unternommen haben, um es zu bekommen», sagt Sibil Tschudin, die am Universitätsspital Basel seit längerem Paare mit unerfülltem Kinderwunsch psychologisch berät.

Maria Huber (Name geändert), 43, und ihr Mann wissen schon heute, dass ihr Kind niemals davon erfahren soll, dass es in einer Klinik gezeugt wurde. Huber ist im achten Monat schwanger. «Es ist mein Kind», sagt sie. «Es spielt keine Rolle, ob die Eizelle von einer anderen Frau stammt. Niemand hat etwas davon, von der Spende zu erfahren.»

Nach drei künstlichen Befruchtungen in der Schweiz waren auch die Hubers schliesslich nach Spanien gereist. Maria Huber litt immer wieder unter Blutungen, auch der erste Transfer mit der gespendeten Eizelle musste deswegen abgebrochen werden. Schliesslich fanden die Ärzte Polypen in ihrer Gebärmutter. Sie konnten diese entfernen, und Huber wurde nach einer Eizellspende schwanger.

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Deutschland kriminalisiert helfende Ärzte

Es ist nicht verboten, eine Eizellspendenbehandlung im Ausland durchführen zu lassen. Ob Schweizer Ärzte bei der Vermittlung helfen dürfen, wie sie es heute tun, ist im Gesetz nicht geregelt. In Deutschland gehen die Behörden seit zwei Jahren mit Hausdurchsuchungen und Strafbefehlen vor, wenn ein Arzt hilft. Auch Betroffene müssen zum Verhör, obwohl sie gesetzlich nicht belangt werden können. In der Schweiz komme es nicht zu solchen Massnahmen, glauben Fachleute.

Unklar ist, ob man für Empfängerinnen befruchteter Eizellen eine Altersgrenze einführen soll. Die spanischen Kliniken kennen keine. «Wir beurteilen die gesundheitliche und allgemeine Situation jedes Paares individuell», sagt IVI-Sprecherin Renau. Reproduktionsmediziner Bruno Imthurn hält für die Schweiz eine Altersgrenze von 45 Jahren für sinnvoll.

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Die Schwangerschaft mit der Eizelle ­einer Spenderin ist für hoffnungsvolle Mütter etwas riskanter. Obwohl die Ärzte auch auf die Kompatibilität der Blutgruppen achten, kommt es etwas häufiger zu Komplikationen wie erhöhtem Blutdruck. Auch Hannah Schmid litt an Präeklampsie, umgangssprachlich auch Schwangerschaftsvergiftung genannt. Die Ärzte mussten ­Carina einige Wochen vor dem Termin zur Welt holen. Mutter und Kind sind heute ­jedoch gesund.

«Wir würden es jederzeit wieder tun», sagt Manuel Schmid. Beim Zentrum in Barcelona hätten sie bereits angemeldet, dass sie für ein eventuelles zweites Kind die gleiche Spenderin möchten. «Nur etwas mehr psychologische Betreuung im schwierigen Entscheidungsprozess hätten wir uns gewünscht.»

Sperma ja, Eizellen nein

Erlaubt sind in der Schweiz

  • die Zeugung im Reagenzglas
  • Hormonbehandlung zur Auslösung des Eisprungs
  • die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion
  • Insemination mit Spermien des Partners
  • Insemination mit Spermien eines Spenders (nur für verheiratete Paare)

Verboten sind in der Schweiz

  • Eizell- oder Embryospenden
  • Leihmutterschaft
  • Präimplantationsdiagnostik (dazu läuft eine Gesetzesrevision)
  • Samenspenden für Unverheiratete oder Alleinstehende
  • die Auswahl des Geschlechts bei In-vitro-Behandlungen
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