Der Miststock dampft in der Morgendämmerung. Es riecht nach Salmiak und Silage. Tanja nimmt Anlauf und stösst die volle Schubkarre über einen rutschigen Holzsteg auf den Haufen. Drei Mädchen in Gummistiefeln versuchen, das Geschmiere aus Pferdeäpfeln und Strohhalmen mit Mistgabeln gleichmässig zu verteilen.

Auf dem Pferdehof Hazienda in Niederhünigen im Emmental findet ein Reitlager statt. Die Teilnehmenden – nur Mädchen – sind zwischen 8 und 15 Jahre alt. Sie sind seit sieben Uhr auf den Beinen, um im Stall mitzuhelfen. Manche haben noch Schlaf in den Augen. Frühstück gibts erst, wenn der Mist entsorgt ist.

Das Leben sei kein Ponyhof, sagt eine Redewendung. Doch mit Pferden lernt man fürs Leben. Denn Pferde bedeuten vor allem eines: viel Arbeit. Die Mädchen auf dem Hazienda-Reithof haben das bereits begriffen. Es scheint sie nicht zu stören. Selbst auf dem stinkenden Miststock huscht ihnen noch ein seliges Lächeln übers Gesicht. Einige mussten ihre Eltern wochenlang beknien, um am Lager teilnehmen zu dürfen. Andere tausend Dinge tun oder lassen, aufs Taschengeld verzichten oder bessere Noten schreiben. Alles halb so schlimm. Hauptsache, sie dürfen eine Woche auf dem Reithof verbringen.

Warum üben Pferde eine dermassen grosse Fas­zination auf Mädchen aus? Und warum befällt das Pferdevirus fast keine Knaben?

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war der Reitsport eine Männerdomäne. Wenn überhaupt, durften Frauen höchstens im Damensattel zu Pferde sitzen. Das entsprach zwar der erwarteten Sittsamkeit, erhöhte jedoch die Sturzgefahr und degradierte Frauen letztlich zu schlechten Reiterinnen. Mit den Weltkriegen änderte sich alles: Die Männer waren an der Front, die Frauen mussten zu Hause in die Hosen und anpacken. Ausserdem dürsteten die Herren der Schöpfung angesichts des rasanten Fortschritts nach mehr Pferdestärken: Sie wandten sich den Motoren zu und überliessen die Pferdekoppel den Frauen.

«Das Pferd ist quasi das letzte Kuscheltier, das Über­gangsobjekt zwischen Puppe und Partner.»

Harald Euler, Psychologe

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Ein Spiegel dieser Veränderung ist die Mitte der fünfziger Jahre aufkommende Pferdeliteratur für Mädchen. Die Serien heissen «Bille und Zottel», «Dick und Dalli» oder «Britta und die Pferde». Die Geschichten lassen sich fast alle auf einen Nenner bringen: Ein Mädchen und sein Pferd überwinden ein Hindernis. Die Heldin muss Widerständen trotzen, um ihren treusten Freund vor dem Schlachthof zu retten oder ihn ihr Eigen nennen zu dürfen.

Aus dem Arbeitstier und Transportmittel wurde das Freizeitpferd. Zwischen 1985 und 2008 nahm die Zahl der Pferde, Ponys, Maultiere und Esel in der Schweiz laut der Forschungsanstalt Agroscope jedes Jahr um drei Prozent zu. Wie viele Mädchen sich mit den Huftieren beschäftigen, wird hierzulande nicht erhoben. Zahlen aus anderen Ländern verdeutlichen jedoch die Dominanz des weiblichen Geschlechts: 75 Prozent der Mitglieder der Deutschen Reiterlichen Vereinigung sind Frauen und Mädchen. Selbst im Wettbewerb sind sie in Überzahl: Von den rund 85 000 Turnierteilnehmenden pro Jahr sind vier Fünftel weiblich, im Nachwuchsbereich sind es sogar 90 Prozent. Nur im Spitzensport dominieren noch die Männer.

Bis Tanja ihr erstes Turnier bestreitet, dauert es wohl noch eine Weile. Mit acht Jahren ist sie das jüngste Mädchen im Reitlager. Vor einem halben Jahr musste noch ihre Mutter mitkommen und im nahen Hotel übernachten. Zu allem Übel stürzte Tanja damals und brach sich das Schlüsselbein. Umso glücklicher ist sie, wieder dabei zu sein. Und die Mutter schaut nur Mitte der Woche kurz vorbei.

Bewaffnet mit Bürste und Hufkratzer, betritt Tanja die Box ihres Reitpferdes. Vor der Arbeit wird erst einmal ausgiebig geschmust. Tanja verwöhnt den Wallach namens Crazy mit Rüebli, hängt sich immer wieder um seinen Hals, verbirgt das Gesicht in seiner Mähne und flüstert ihm zärtlich ins Ohr: «Du bisch so liäb. Ich ha di eifach sooo fescht gärn.» Crazy überragt das zierliche Mädchen um mindestens drei Köpfe und wiegt etwa 20-mal so viel wie sie. Trotzdem lässt er sich alles geduldig gefallen.

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Als «Bindungsmotivation» bezeichnet der Evolu­tionspsychologe Harald Euler die Sehnsucht der Mädchen nach Pferden. Er hat viel zum Thema geforscht und sagt: «Wenn Mädchen Pferde pflegen, gehen sie ihrem Bedürfnis nach, sich um anderes Leben zu kümmern.» Euler vertritt die These, dass Frauen ihre Zuneigung viel mehr durch Berührungen ausdrücken, als Männer das tun. Darum würden Pferde mit ihrem warmen, weichen und seidigen Fell eine grosse Anziehungskraft auf sie ausüben. Zudem würden Frauen ausgiebig mit einem Partner reden wollen, und das Pferd sei ein geduldiger Zuhörer.

Doch bei vielen Mädchen endet mit der Pubertät auch die Liebe zum Pferd. Laut Euler ein Indiz, dass die Pferdephase einen Übergang markiert: von der Herkunftsfamilie mit der Bindung an die Mutter zur eigenen Fortpflanzungsfamilie mit der Bindung an den Mann. «Das Pferd ist quasi das letzte Kuscheltier, es ist das Übergangsobjekt zwischen Puppe und Partner.»

Spätestens wenn man beobachtet, wie die Mädchen im Reitlager die Pferde aufzäumen, gerät diese patriarchal gefärbte Deutung ins Wanken. Crazy ist zwar ein sanfter Riese, hat aber durchaus seinen eigenen Kopf. Jedes Mal, wenn Tanja ihm die Trense in den Mund schieben will, hebt er seinen Kopf ausser Reichweite. Auf Tanjas Stirn bilden sich tiefe Falten, und ihre wasserblauen Augen glitzern verdächtig. Schliesslich eilt ihr eines der grösseren Mädchen zu Hilfe. Energisch greift es dem Lausbuben zwischen die Zähne und presst ihm das Metallstück in den Mund. Wer reiten will, muss sich durchsetzen können. Das steht im Widerspruch zum Bild von der gehorsamen Ehefrau und fürsorglichen Mutter.

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Ein anderer Erklärungsversuch aus eher männlicher Optik beruft sich auf Sigmund Freud. Der Vater der Psychoanalyse deutete Reiten im Traum als Symbol für den Geschlechtsverkehr. Seine Jünger bringen die emotionale Beziehung von Mädchen zu Pferden mit Sinnlichkeit und Erotik in Verbindung. Allerdings gibt es keine wissenschaftliche Studie, die diese These stützen könnte. Am Leben erhalten wird sie wohl durch Stammtischgespräche unter Männern.

Auf dem Reitplatz beginnt der Unterricht. Auf und ab, auf und ab wippen die Köpfe der Mädchen. Brav trabt Crazy den anderen Pferden hinterher. Tanja versucht, im Rhythmus zu bleiben, muss sich jedoch öfter an seiner Mähne festhalten. Manche der grösseren Mädchen scheinen wie mit ihrem Pferd verschmolzen. In perfekter Harmonie gleiten sie als eine Einheit aus Kraft und Dynamik über den Sand.

«Mit einem Pferd können Mädchen aufbrechen, Abenteuer suchen und Risiken eingehen.»

Brigitte von Rechenberg, Professorin für Tiermedizin

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Es ist dieser Einklang zwischen Pferd und Reiterin, der Entwicklungspsychologen zu einer weiteren These inspiriert hat. Sie vergleichen die Beziehung zwischen Pferd und Mädchen mit der frühkindlichen Symbiose von Mutter und Kind. Das Reiterlebnis könne Mädchen beim Prozess der Ablösung von der Mutter unterstützen, schliessen sie daraus. In einer Entwicklungsphase, in der sich Mädchen naturgemäss von ihren Müttern distanzierten, erfülle das Reiten die Sehnsucht nach dem Getragenwerden, dem Verschmelzen mit einem anderen Wesen.

Für Tanja und Crazy mag diese Interpretation zutreffen. Bei der 13-jährigen Dana und ihrem Pferd Domeno scheint noch eine andere Komponente mitzuspielen. Denn Domeno hat Temperament. Er ist das wohl schwierigste Pferd auf dem Platz. In seinen Adern fliesst Blut von Pferden, die man für den Stierkampf gezüchtet hat. Von Pferden, die keine Angst und nur wenige Meis­ter kennen. Jedes Mal, wenn Dana ein Hindernis anreitet, wirft er den Kopf herum, will mehr Zügel und schnaubt nervös. Sein Körper ist eine geballte Ladung Kraft. Ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. Doch das Mädchen hat ihn im Griff.

Kerzengerade sitzt Dana im Sattel. Den Kopf hoch, die Absätze tief, die Arme angewinkelt. Die Energie des Pferdes scheint sich auf sie zu übertragen. Ihr Körper geht mit jeder Bewegung mit. Trotzdem ist sie es, die das Tempo vorgibt. Immer wieder pariert sie den Heisssporn mit ihrer resoluten Zügelführung. Sie dominiert das Pferd, unterwirft das ihr an Kraft und Körper um ein Vielfaches überlegene Geschöpf scheinbar mühelos. Ein Verhalten, das so gar nicht mädchenhaft wirkt.

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Brigitte von Rechenberg, Professorin an der Pferdeklinik der Universität Zürich und selbst eine passionierte Reiterin, deutet den Umgang mit Pferden als optimale Möglichkeit für junge Mädchen, das weibliche und männliche Prinzip gleichzeitig leben und in Einklang bringen zu können. Ausgehend von der Entwicklungstheorie C. G. Jungs, weist die Besitzerin von acht Arabern darauf hin, dass die Balance zwischen männlichem und weiblichem Prinzip (Animus und Anima) Voraussetzung für eine ausgeglichene Psyche sei. In der Pubertät distanzierten sich die Mädchen von ihren Vätern. Damit falle ein gewichtiger Anteil des männlichen Prinzips aus ihrem Leben.