Beobachter: Verwilderte Hauskatzen sollte man töten, sagten Sie.
Reinhard Schnidrig: So habe ich das nicht gesagt. Im E-Mail-Wechsel mit einem Tierschützer habe ich geschrieben, im Sinne des Artenschutzes für Wildtiere sei es eine schlechte Idee, eingefangene verwilderte Hauskatzen wieder freizulassen. Es wäre besser, sie in gesitteter Art und Weise zu entfernen, also einzuschläfern. In der Zeitung «Le Matin» stand dann, das Bundesamt für Umwelt rufe zum Abschuss von Hauskatzen auf. Das ist schlicht falsch.

Beobachter: Wie verhindern Sie, dass Katzen eingeschläfert werden, die jemandem gehören?
Schnidrig: Hauskatzen, die ein Zuhause haben, sollten mit einem Chip versehen sein. Wenn man sie einfängt, kann man damit den Besitzer eruieren. Nicht gechipte Tiere könnten die Tierschützer dann in Heimen platzieren. Oder eben einschläfern, wenn sie zu wild sind. Nochmals: Obwohl verwilderte Hauskatzen gemäss dem Bundesgesetz jagdbar sind, rate ich ab von solchen Abschüssen.

Beobachter: Schweizer Tierschützer lassen jedes Jahr 10'000 verwilderte Katzen kastrieren. Einige Experten sagen, es genüge, den Katzen eine Glocke umzu­hängen, so würden Beutetiere gewarnt…
Schnidrig: Werden verwilderte Katzen eingefangen, kastriert und wieder freigesetzt, löst dies das Problem nicht, weil sie weiter jagen und auch Krankheiten verbreiten können. Darum sollten sie eben eingeschläfert werden. Die Erfahrung zeigt auch, dass eine Glocke am Halsband nicht viel am Jagd­erfolg einer verwilderten Katze ändert.

Beobachter: Ist denn ein Nebeneinander von Katzen und Wildtieren unmöglich?
Schnidrig: Es ist schon denkbar. Für den Schutz der Wildtiere ist die beste Arbeit die Pflege und die Wiederherstellung von Lebensräumen. Auch Katzenhalter können viel tun, wenn sie Tiere, die nicht der Zucht dienen, kastrieren lassen. Zudem Drahtmanschetten um Baumstämme legen, damit Katzen nicht zu Vogelnestern gelangen. Nistkästen sollten ausserdem hoch genug an Seitenästen oder Fassaden angebracht werden. Engmaschige Drahtgitter schützen Eidechsen und andere Repti­lien auf Trockenmauern.

Beobachter: Sind Katzen das grösste Problem für den Schutz der Artenvielfalt?
Schnidrig: Nein, der Mensch gefährdet die Biodiversität viel mehr. Hauskatzen sind jedoch punktuell durchaus ein Problem. Viele der 1,5 Millionen Hauskatzen jagen auch Wildtiere: vor allem Mäuse, aber auch Vögel und Reptilien. Ich kenne etliche ­Orte, wo man keine Chance hat, Eidechsen- oder Blindschleichenpopulationen zu erhalten – wegen der Katzen.

Reinhard Schnidrig leitet die Sektion Jagd, Fischerei und Waldbiodiversität des Bundesamts für Umwelt.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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