Endlich volljährig. Tun und lassen, was man will, wie man will. Doch für Nina Benkert* war es kein Freudentag, als sie 18 wurde. «Ich wusste, dass sich vieles ändern würde, aber nicht genau, was und wie», sagt die heute 31-Jährige.

Benkerts Eltern waren suchtkrank, sie wuchs in einer Pflegefamilie auf. Mit ihrer Volljährigkeit – sie war gerade an der Matura – endete der Pflegevertrag. Ihre Ersatzeltern waren von da an von Gesetzes wegen nicht mehr für sie zuständig, sie wurden auch nicht mehr vom Staat entschädigt. Nina Benkert hatte Glück: Die Pflegeeltern boten ihr an, bei ihnen wohnen zu bleiben. «Es läuft einfach weiter wie bisher», sagten sie.

Ihren leiblichen Vater musste sie suchen lassen

Doch so einfach war das nicht. Plötzlich mussten Dinge geregelt werden, an die andere junge Menschen nicht im Traum denken. Zum Beispiel, ob die Pflegemutter abends für sie kocht und ob sie Miete zahlt. Denn für ihren Lebensunterhalt war sie nun selber verantwortlich. Genauso wie für die Krankenkasse, die Haftpflichtversicherung, das Stipendium, die Steuererklärung.

Die Behörden verlangten von ihr Dokumente, Unterschriften, Anträge. Ihren leiblichen Vater musste sie per Interpol suchen lassen, wegen der Alimente Alimente Für erwachsenen Sohn Unterhalt zahlen? . Der Deutsche hatte die Familie früh verlassen. Vor Nina Benkert türmten sich Fragen, Sorgen und Papiere. Sie fühlte sich schutzlos. «Meine Pflegeeltern waren immer für mich da. Aber ich wusste: Sie sind nicht verpflichtet.»

Manche müssen zurück in die leiblichen Familien

In Schweizer Heimen und Pflegefamilien leben gemäss Schätzungen rund 18'000 Kinder und Jugendliche. Wie viele jährlich mit 18 austreten müssen und dann vor einem Problemberg stehen, weiss niemand genau. Eine gesamtschweizerische Statistik fehlt, die Kinder- und Jugendhilfe ist kantonal geregelt. Bekannt ist nur, dass Heim- und Pflegekinder später häufiger gesundheitliche Probleme haben und oft keine schnurgerade Schul- und Ausbildungslaufbahn hinlegen – nicht zuletzt wegen ihrer Vorgeschichte.
 

In Schweizer Heimen und Pflegefamilien leben gemäss Schätzungen rund 18'000 Kinder und Jugendliche.


Was für Kinder aus intakten Familien gilt, gilt für sie erst recht: Die wenigsten können mit 18 auf eigenen Beinen stehen. Manche sehen sich gezwungen, wieder in ihre leibliche Familie zurückzukehren – auch wenn sich dort nichts zum Guten verändert hat. Man kann sich leicht ausmalen, dass das nicht immer die Zukunft ist, in die der Staat jahrelang investierte.

Zwei von drei Pflegekinder ungenügend vorbereitet

Viele fühlen sich überfordert von der geballten Ladung Eigenverantwortung und Bürokratie, die mit dem 18. Geburtstag wie eine Lawine auf sie zurollt. In einer Studie sagen zwei von drei ehemaligen Pflegekindern, sie seien nicht genügend vorbereitet gewesen. Die Umfrage der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ist nicht repräsentativ, aber dennoch aufschlussreich. «Die Pflegekinder hatten ein grosses Bedürfnis, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Offensichtlich fühlten sie sich mit dem Thema Volljährigkeit Volljährigkeit Hallo, Ernst des Lebens allein gelassen», sagt Studienleiterin Karin Werner.

Ihr Forschungsteam hat auch Fachleute aus der Kinder- und Jugendhilfe befragt. Resultat: Die meisten finden es wichtig, die Jugendlichen früh auf den Übertritt in die Selbständigkeit vorzubereiten. Die Vorstellungen davon, was das konkret bedeutet, gehen jedoch weit auseinander. «Jemand sagte, man sollte sechs Jahre vor dem Ende des Pflegevertrags damit beginnen, andere halten drei Monate für angemessen», sagt Karin Werner. Es gebe nur wenige Konzepte und Instrumente.

Behörden stellen sich quer

Matthias Gruber* weiss genau, was ihm damals geholfen hätte: «Jemand, der sich wirklich auskennt und der mich auf Behördengängen begleitet hätte, ein Beistand zum Beispiel.» Der heute 31-Jährige wuchs bei einer Pflegemutter auf, die ihn unterstützt habe, wo sie nur konnte. Als Sozialarbeiterin wusste sie, was alles zu regeln war. «Aber am Ende musst du selber mit den Leuten auf den Ämtern reden. Rein rechtlich dürfen sie anderen gar keine Auskünfte erteilen.» Er habe sich «zwischen Stuhl und Bank» gefühlt.
 

«Meine Mutter ist paranoid. Ich konnte sie nur mit grösster Mühe überzeugen, ihre finanziellen Verhältnisse offenzulegen»

Matthias Gruber*, 31


Grubers Kampf ums Stipendium war so nervenaufreibend, dass er das Geografiestudium schmiss. Wie alle anderen musste er den Steuernachweis seiner Mutter einreichen, um ein Stipendium zu beantragen. «Doch meine Mutter ist paranoid. Ich konnte sie nur mit grösster Mühe überzeugen, ihre finanziellen Verhältnisse offenzulegen», erzählt er. Die besonderen Umstände hätten die Behörden jedoch nicht interessiert. «Auf solche Fälle sind sie nicht vorbereitet. Dabei sind doch Stipendien extra gedacht für junge Erwachsene aus schwierigen Verhältnissen.» Als er nach einem Jahr die Stipendien hätte neu beantragen müssen, gab er auf. Er liess sich zum Zollfachmann ausbilden. Ein Befreiungsschlag. «Dort verdient man schon während der Ausbildung genug, so kam auch ich von der Sozialhilfe wieder weg.»

Ein WG-Zimmer im «Junkie-Haus»

Heim- und Pflegekinder haben ein grösseres Risiko, von der Sozialhilfe abhängig zu werden. Das erlebte Claudia Rizzone*: Sie kam mit zehn Jahren mit ihren drogenabhängigen Eltern aus Italien in die Schweiz. Den Rest der Kindheit verbrachte sie im Heim. Immer wieder lief sie weg, kam probeweise in eine Pflegefamilie, landete in Time-outs. Zeitweise lebte sie beim HIV-kranken Vater oder bei Kollegen.

Kurz vor dem 18. Geburtstag – eine Ausbildung hatte sie noch nicht angefangen – teilte man ihr ein Zimmer in einer WG zu. «Ein Junkie-Haus», sagt die heute 28-Jährige. «Die Bewohner setzten sich im Keller ihren Schuss, damit niemand mitbekam, wenn sie Stoff hatten.» Zwei Monate lebte sie allein in der Wohnung, dann sollte ein drogenabhängiger Mitbewohner einziehen. Rizzone weigerte sich zu bleiben – und landete auf der Strasse.
 

«Die Bewohner setzten sich im Keller ihren Schuss, damit niemand mitbekam, wenn sie Stoff hatten.»

Claudia Rizzone*, 28


Da sie unterdessen volljährig war, war niemand mehr für sie zuständig; ihr Vater war neun Tage nach ihrem Geburtstag gestorben. Immerhin konnte sie ihre bisherige Beiständin Beistandschaft Ein Beistand nach Mass dazu bringen, einen Erwachsenenbeistand einzusetzen. «Im Papierkrieg um Sozialhilfe, Halbwaisenrente, Versicherungen und Miete wäre ich sonst untergegangen.»

Rizzones Glück war, dass sie ein halbes Jahr später ungewollt schwanger wurde. Der Vater des Kindes hielt zu ihr. Sie zog mit ihm zuerst zu seinen Eltern, später in eine Wohnung – und fand endlich eine Familie, die sie unterstützte. Sie machte eine kaufmännische Ausbildung und steht heute fest im Leben.

Neues Kompetenzzentrum

«Es ist oft Glückssache, ob junge Menschen beim Übergang in ein selbständiges Leben auf jemanden treffen, der ihnen hilft», sagt Forscherin Karin Werner. 

Auch die grossen Dachverbände aus dem Pflegekinder- und Heimbereich, Curaviva, Integras und Pach, sehen Nachholbedarf bei der Nachbetreuung. Man wisse viel zu wenig darüber, was heute schon getan werde und woran es mangle. Seit Januar bauen sie deshalb ein Kompetenzzentrum auf, das Involvierte vernetzen und Wissenslücken schliessen soll. Geplant ist auch, einen Pool von Coaches zu bilden, die die jungen Erwachsenen begleiten können. 

Im Kanton Zürich gibt es schon länger ein Projekt, das Heimkinder nach dem Austritt weiter betreut, falls sie das möchten. Einzelne Kantone haben gesetzliche Grundlagen, um die sogenannten Care-Leavers über die Volljährigkeit hinaus finanziell zu unterstützen.

Nina Benkert vermutet, ihr wäre vieles leichter gefallen, wenn sie jemanden mit ähnlichen Erfahrungen gekannt hätte, der es gepackt hat. Aus diesem Grund beteiligt sie sich wie auch Matthias Gruber am Projekt «Take off!» der ZHAW. Care-Leavers werden dort als Mentoren ausgebildet, um jüngere Pflegekinder zu begleiten. «Sie werden hoffentlich etwas unbeschwerter ins Erwachsenenleben starten.»


*Name geändert

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