Arjeta spricht nüchtern von ihrem Vater, als fühle sie nichts dabei: «Er brüllte mich an, schlug mich mitten ins Gesicht und zwischen die Beine.» Die Rute hinterliess rote Spuren auf ihrer Haut. Sie legt die Hände auf dem Knie übereinander und starrt auf den Boden. «Von mir aus kann er mich zu Tode prügeln», sagt die aus dem Kosovo stammende Schweizerin.

Arjeta Alimi (Name geändert) ist 22 Jahre alt und soll demnächst einen Mann heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben. Einen 27-jährigen Kosovo-Albaner aus Italien. Arjeta durfte ihn während zweier Stunden in einem Café kennenlernen. Darauf hat sie sich eingelassen, aber er gefällt ihr nicht. In den letzten acht Jahren hat sie drei Männer abgelehnt. Doch der Druck der Eltern wächst mit jedem Jahr und jedem weiteren Mann, dem sie einen Korb gibt.

Die Detailhandelsfachfrau hat sich oft überlegt, von zu Hause abzuhauen, um einer unfreiwilligen Heirat zu entkommen. Trotzdem hat sie sich jedes Mal wieder dagegen entschieden. Sie brachte es nicht übers Herz, ihre jüngeren Geschwister zurückzulassen. «Wäre ich ein Einzelkind, hätte ich schon längst meine Koffer gepackt und mir eine eigene Wohnung gesucht», sagt sie. Am liebsten mit ihrer Cousine zusammen, der das gleiche Schicksal droht. Arjeta würde gern jeden Kontakt zu ihren Eltern abbrechen.

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Arjetas richtiger Name muss geheim bleiben – weil sie Angst vor ihren Angehörigen hat: «Ich wäre eine Schande für die Familie und würde verstossen werden», sagt sie mit zitternder Stimme. Eigentlich das Beste, was ihr passieren könnte, sollte man fast meinen.

Dass die zierliche Frau ein von Gewalt geprägtes Leben führt, sieht man ihr nicht an. Ihr Auftreten ist selbstbewusst: Wenn ihr ein Mann gefällt, zögert sie nicht und spricht ihn an. «Ich hoffe, den Richtigen zu finden, bevor ich einen heiraten muss.»

Die Mutter wollte sie zuerst töten

Arjeta ist das älteste von sechs Kindern und lebt bei ihren Eltern in einer Viereinhalbzimmerwohnung. Täglich hilft sie ihren Geschwistern beim Anziehen, kocht für sie und hilft bei den Hausaufgaben. Obwohl sie viel Verantwortung trägt, dürfte sie eigentlich keine eigenen Entscheidungen fällen. Die Eltern haben ihr verboten, in den Ausgang zu gehen oder Freunde zu treffen. Arjeta hält sich aber nicht daran: Sie verabredet sich oft und erzählt den Eltern dann, dass sie länger habe arbeiten müssen. Wenn diese ihr nicht glauben, bekommt sie es an Leib und Seele zu spüren. Trotzdem: Arjeta kämpft für ihre Freiheit. Vor kurzem hat sie sich heimlich ein Auto gekauft. Sie hält es versteckt.

Sie erzählt eine Lebensgeschichte, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Arjeta war kaum fünf Jahre alt, als sie mit den Eltern aus dem Kosovo in die Schweiz zog. Ihre streng muslimische und traditionsbewusste Familie hatte zusammen mit Verwandten auf einem eigenen Hof gelebt. Der Vater arbeitete auf dem Feld, die Mutter im Haushalt. Ihre Eltern träumten aber von einem besseren Leben und besseren Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder. Inzwischen ist ihre Sippe nicht nur über die ganze Schweiz, sondern auch in Deutschland und den USA verteilt. Einzig die Grossmutter lebt noch im Kosovo.

Als Arjeta 1987 dort auf die Welt kam, habe ihre Mutter sie zuerst töten wollen. «So sehr schämte sie sich, ein Mädchen geboren zu haben», erzählt sie und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Buben würden als wertvoller angesehen, weil sie den Familiennamen weitergeben könnten. Weil Arjetas Mutter ihre Tochter aus Mitleid am Leben liess, sei sie im Dorf und sogar vom eigenen Ehemann verspottet worden.

In der Schweiz wuchs Arjeta behütet und kontrolliert auf. Sie besuchte die öffentlichen Schulen und konzentrierte sich auf die Ausbildung. Mit 14 veränderte sich ihr Leben drastisch: Die Grossmutter wollte sie nach alter Sitte mit einem 17-Jährigen im Kosovo verheiraten. Arjeta konnte ihre Eltern aber mit dem Argument überzeugen, dass sie wegen der Ausbildung noch zu jung für die Ehe sei.

Wie viel eine Jungfrau auf dem Hochzeitsmarkt ihrer Herkunftsgemeinde einbringt, weiss Arjeta nicht. Ihre Eltern sprechen nicht darüber. Eine Hochzeitsfeier ist jedoch teuer: «Allein die Kleider und der Schmuck für die Braut können über 20'000 Franken kosten», erzählt Arjeta. Das zahle alles die Familie des Bräutigams.

Seit dem ersten Heiratsantrag hat Arjeta realisiert, dass Schmetterlinge in ihrem Bauch keine Chance haben. Obwohl sie auch schon verliebt war, konnte sie aus Angst vor den Eltern nicht dazu stehen. Für Mädchen aus ihrem Kulturkreis sei es verboten, einen Freund zu haben. «Sogar wenn sich ein Pärchen im Fernsehen küsst, muss ich den Sender wechseln.» Arjeta lacht abschätzig. «Meine Eltern glauben fest daran, dass sie das Beste für mich tun.»

Im letzten Sommer wollten Arjetas Eltern mit ihr in den Kosovo reisen, um sie dort mit dem «Italiener» zu verheiraten. Sie bekam aber vom Arbeitgeber keine Ferien und durfte in der Schweiz bleiben – und ein weiteres Mal der Zwangsehe entkommen.

«Vor den Ferienzeiten steigt die Zahl der Frauen, die Unterstützung bei uns suchen, weil sie gegen ihren Willen verheiratet werden sollen», sagt Talitha Widmer, Psychologin und Mitarbeiterin des Mädchenhauses Zürich. «Die Familien wollen die Ferien ausnutzen, um im Herkunftsland die Vermählung zu vollziehen.» Ausserdem stellt Widmer fest: «Einige ausländische Familien, die in fremde Länder auswandern, leben ihre Kultur stärker aus als diejenigen im Heimatland selbst.»

Wie viele Menschen in der Schweiz zur Hochzeit gezwungen werden, weiss niemand. Die Eidgenössische Ausländerkommission geht von rund 17000 Betroffenen aus. Allerdings ist unklar, ob es sich dabei um erzwungene oder arrangierte Heiraten handelt. Beim Zürcher Mädchenhaus melden sich jährlich um die 20 Frauen, die von einer Zwangsheirat betroffen sind.

Laut Zivilgesetzbuch und Bundesgesetz über das internationale Privatrecht kann eine Ehe jederzeit für ungültig erklärt werden, wenn sie nicht aus freiem Willen geschlossen wurde. Das Problem: «Zwangsheiraten sind schwierig zu erfassen, zumal sie wohl hauptsächlich in den Herkunftsländern von Migrantenfamilien stattfinden. Der Tatbestand der Nötigung ist schwer zu beweisen», sagt Talitha Widmer.

Sie ahnt, was sie in der Ehe erwartet

Legal von der Bildfläche zu verschwinden ist für die Frauen schwierig. Wollen Geflohene mit Schweizer Staatsbürgerschaft ihren Namen ändern, wird das von Amts wegen ins Familienbuch eingetragen – und die Angehörigen wissen Bescheid. Ein weiteres Problem: Werden Frauen ohne Schweizer Staatsbürgerschaft von den Eltern ins fremde Herkunftsland verschleppt, verfällt ihr Aufenthaltsrecht in der Schweiz nach drei bis sechs Monaten Abwesenheit. «Dann ist es schwierig für sie, zurückzukommen», sagt Widmer.

Die Hochzeitspläne von Arjetas Eltern sind nicht aufgehoben, sondern auf den Winter verschoben. Was wird sie dagegen unternehmen? «Nichts», sagt sie. Sie habe sich bei Beratungsstellen gemeldet. Dort habe man ihr erklärt, dass sie ihre Familie verlassen müsste, wenn sie sich gegen eine Heirat entscheide. Beim Gedanken daran, ihre Geschwister nie wieder sehen zu können, schnürt es Arjeta die Kehle zu. Der Preis der Freiheit sei ihr zu hoch. Die Tränen schiessen ihr in die Augen. «Für meine Geschwister lasse ich mich jetzt zwangsverheiraten.»

Was sie in einer solchen Ehe erwartet, ahnt sie. Die schlimmste Vorstellung: «Mit einem Mann schlafen zu müssen, den ich nicht liebe.» Arjetas Eltern versuchen immer wieder, ihre Tochter zu beruhigen, indem sie ihr versprechen, dass die Liebe mit der Zeit noch kommen werde. Daran glaubt sie jedoch nicht. «Den Traum von einem freien Leben habe ich begraben.»