1. Home
  2. Familie
  3. Im Anorexie-Chat: Wenn Mädchen sich und ihren Körper hassen

Im Anorexie-ChatWenn Mädchen sich und ihren Körper hassen

In Whatsapp-Gruppen spornen sich junge Mädchen per Handy an, dünner und dünner zu werden. Unsere Autorin hat bei einer solchen Gruppe mitgemacht.

Von

Seit vier Stunden bin ich eine «Princess». So nennen sich die elf Mädchen zwischen 13 und 16 der Whatsapp-Gruppe, in der sie über ihre liebsten Themen sprechen: dünn sein, hungern, kotzen.

Eine solche Gruppe zu finden ist erschreckend einfach. Eine Google-Suche reicht, schon hat man Zugang zu Blogs wie «The Thin Girls», «My Skinny Secret» oder «Thin Dreams Fat Reality». Dort suchen Mädchen nach Gleichgesinnten, die sich in Gruppenchats gegenseitig weiter in die Magersucht treiben. Um der Gruppe beitreten zu dürfen, muss man sich bewerben: mit Name, Alter, Grösse, Gewicht, Zielgewicht, Dingen, die man an sich mag, und solchen, die man an sich hasst. Weil ich keine 14 mehr bin, keine 50 Kilo wiege und nicht das Ziel habe, stark untergewichtig zu werden, schummle ich.

Nur wenige Stunden später schreibt mir Lara*:

Quelle: Getty Images

Erklärung der Begriffe:

1 Thinspo = Thin Inspiration, Anregung zum Abnehmen
2 BMI = Body-Mass-Index, Masszahl zur Bewertung des Körpergewichts in Bezug zur Körpergrösse
3 MIA = Bulimia nervosa, Ess-Brech-Sucht

Hinweis: *Alle Namen der Mädchen wurden geändert.

Nur wer die Regeln akzeptiert, wird aufgenommen. Lara ist Gruppenleiterin: 15 Jahre alt, 1,70 gross, 49,6 Kilo leicht. Ihr Ziel: sich auf 40 Kilo herunterhungern. Sie schreibt: «Ich hab mich immer schon fett gefühlt und nach Bildern von dünnen Frauen gesucht. Genau so will ich auch aussehen.»

Aline* ist 13, gemäss BMI untergewichtig – und doch beschreibt sie sich als fett. «Ich hasse mein Aussehen, meine Persönlichkeit, mein Gewicht.» Jessica*, ebenfalls 13, ist mit einem BMI von 18,9 knapp normalgewichtig und damit die «Dickste» im Chat. «Ich bin faul, hässlich und undiszipliniert und hasse meine Figur. Vor allem meine Beine und meine Brüste, meine Hände und meinen Po», schreibt sie.

«Ständig negativ beeinflusst»

Seit Jahren suchen Mädchen, die an Magersucht leiden, in sogenannten Pro-Ana-Foren nach Gleichgesinnten. «Ana» steht für Anorexia nervosa (Magersucht), «pro» unterstreicht die Idealisierung der Krankheit. Dass diese Bewegung vom Internet auf Whatsapp überschwappt, ist neu. Was nach einer irrelevanten Verschiebung klingt, kann dramatische Folgen haben. «Whatsapp ist ein sehr schnelles Medium. Jugendliche werden durch die Nachrichten pausenlos an das Thema erinnert und ständig negativ beeinflusst. Sich abzugrenzen fällt so noch schwerer», sagt Dagmar Pauli, Chefärztin beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich. Früher mussten sich die Mädchen aktiv in ein Ana-Forum einloggen, um zu sehen, wer ihnen geschrieben hatte. Heute landet Nachricht für Nachricht auf dem Handy.

Besonders stossend findet Iris Cook von der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen die strengen Regeln innerhalb dieser Gruppen: «Es ist bedenklich, dass sich diese jungen Mädchen so strikten Auflagen unterwerfen, die ihnen jede Lebensfreude nehmen.»

Die virtuelle und die reale Welt würden zudem so stark verschmelzen, dass ein Ausschluss aus einer solchen Whatsapp-Gruppe vergleichbar sei mit dem Ausschluss aus dem realen Freundeskreis. «Das erhöht den Druck, die strengen Regeln einzuhalten.»

Quelle: Getty Images

Es ist kurz nach Mitternacht. Das Handy vibriert pausenlos. Einziger Inhalt, wer wie viel gegessen, verbrannt und zugenommen hat. Fast im Sekundentakt gehen neue Nachrichten ein. Die ganze Nacht über. Drei Mädchen waren im Ausgang und haben die Chatgruppe mit Whatsapps bombardiert. Eine hat zu viel getrunken und musste sich übergeben. Die Reaktion der anderen fiel etwas anders aus als erwartet: «Toll», «Ich will auch» oder «So einfach kann Abnehmen sein», loben sie.

Was die Gruppe mit Einzelnen macht

Morgenzeit ist Waagezeit. Mit leerem Magen wiegen sich die Mädchen und verkünden das Resultat stolz oder frustriert in der Gruppe. Ohne weiter nachzudenken, stelle ich mich ebenfalls auf die Waage. 200 Gramm weniger, ich lächle. Im nächsten Moment merke ich, was die Gruppe mit mir macht.

Quelle: Getty Images

«Der Druck, der durch eine solche Whatsapp-Gruppe entsteht, kann mitunter lebensgefährlich sein», sagt der Winterthurer Medienpsychologe Gregor Waller. «Es entsteht ein Gruppendenken, dem sich der Einzelne fast nicht widersetzen kann. Diese Mädchen agieren zudem in einem geschlossenen System – losgelöst von der Aussenwelt. Kritisches Denken wird unterbunden.» Indem sich die Teilnehmerinnen gegenseitig in ihrem Verhalten bestärkten, werde die Krankheit zusätzlich begünstigt.

Wenn ein Mädchen auf der Kippe steht

Doch wäre es falsch, zu glauben, Mädchen würden durch solche Gruppen magersüchtig, sagt Dagmar Pauli vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst. Die Diskussion sei mit jener über die Auswirkungen von «Germany’s Next Topmodel» auf das Essverhalten junger Mädchen zu vergleichen. «Ganz viele Mädchen schauen sich diese Sendung an, ohne eine Essstörung zu entwickeln. Wenn ein Mädchen allerdings ohnehin schon auf der Kippe steht, kann eine solche Show natürlich ein auslösender Faktor sein.» 

Gleich verhalte es sich mit diesen Whatsapp-Gruppen. Am Anfang stehe ein Mädchen, das sich mit dem Thema Magersucht bereits befasse und aktiv nach Gleichgesinnten suche.

Quelle: Getty Images

Es ist doppelt gefährlich für die Mädchen. Keine 24 Stunden im Chat, haben sie schon etliche Bilder von sich und gar von Ex-Mitgliederinnen ausgetauscht, meist sind sie darauf dürftig bekleidet, manchmal nackt. Sie fühlen sich in diesem vermeintlich geschützten Raum sicher. Das zieht Pädophile an.

«Dich einem Coach unterwerfen»

Lennard etwa, einen selbsternannten «Ana-Coach». Er wirbt auf dem Blog «Thin Girls» für seine «Dienste»:

«Du strebst nach dem perfekten Körper? Du sehnst dich nach festen Regeln, in denen du nur dein Bestes zu geben und Anweisungen zu befolgen brauchst, statt selbst ständig entscheiden zu müssen? Du bist für die Erfüllung deiner Sehnsucht bereit, dich und deinen unperfekten Körper einem Coach und der Perfektion zu unterwerfen? Dann bewirb dich. Ich garantiere sofortige Antwort und absolute Diskretion, auch übers Coaching hinaus!»

Lennard, selbsternannter «Ana-Coach»

Quelle: Getty Images

Ich schreibe ihn per Whatsapp an. Bereits nach elf Nachrichten kommt «Coach» Lennard auf den Punkt: «Du kannst deinen Körper nicht immer nur bestrafen, manchmal musst du ihm auch Befriedigung gönnen. Gönnst du dir ab und zu Befriedigung?» Ich erzähle ihm, ich würde hie und da Schokolade oder Chips futtern. «Meine Frage konnte man auch zweideutig verstehen :-)», klärt mich Lennard auf.

Die Begründung, warum Selbstbefriedigung wichtig sei, um abzunehmen, fällt noch kreativer aus: «Du musst lernen, dich einem männlichen Führer zu unterwerfen. Nur wenn du dich mir voll unterwirfst, kann ich dich zu Höchstleistungen bringen.»

«Ich nehme auch Nacktbilder»

30 Minuten und acht Nachrichten später stellt Lennard Forderungen – er arbeite schliesslich nicht kostenlos. «Du darfst dir meinen Lohn aussuchen», bietet er an. Ich gebe mich ahnungslos. Als Schülerin hätte ich kaum Geld, behaupte ich. «Ich nehme auch Nacktbilder. Ich werde sie auf keinen Fall verschicken oder ins Netz stellen, falls du das meinst. Das kann ich dir zu 100% garantieren», verspricht er.

Bei einer Vice-Reporterin ging ein anderer «Ana-Coach» sogar noch einen Schritt weiter. Obwohl dieser glaubte, mit einer Minderjährigen zu chatten, wollte er sie zu sich nach Frankfurt locken. Daraufhin schaltete die Journalistin die Polizei ein.

Bei der Schweizerischen Kriminalprävention ist das Phänomen weitgehend unbekannt. «Das Problem mit Whatsapp ist, dass es sich um einen nicht einsehbaren Kreis handelt», sagt die stellvertretende Geschäftsleiterin Chantal Billaud. Rechtlich gesehen werde Herstellung, Versand und Speicherung solcher Bilder Minderjähriger erst problematisch, wenn es sich um Nacktbilder und eindeutig aufreizende Posen handle. Dann spreche man rechtlich von Kinderpornografie. «Sich ‹sexy präsentieren› kann bereits unter diese Kategorie fallen, das muss allerdings die Justiz von Fall zu Fall beurteilen.» Selbst die jungen Frauen könnten sich strafbar machen, weil sie Bilder hergestellt und verbreitet haben. Eltern können so etwas kaum verbieten, weiss Billaud. Das Gespräch zu suchen und auf die Gefahren hinzuweisen könne aber viel bewirken.

Quelle: Getty Images
Veröffentlicht am 20. Juli 2015