Im Herbst 2012 erwischte es in England einen Mathelehrer und seine 15-jährige Schülerin. Überwältigt von Gefühlen, brannten sie miteinander durch. Die Polizei fahndete europaweit nach dem ungleichen Paar. Nach sechs Wochen war die Reise zu Ende. Bilder einer Überwachungskamera hatten die beiden eng umschlungen bei der Überfahrt von Dover nach Calais gezeigt. Inzwischen ist der Lehrer wegen Kindsentführung angeklagt und sitzt in Haft. Ihm drohen laut Medienberichten bis zu drei Jahre Gefängnis.

Immer wieder fliegen Liebesbeziehungen zwischen Lehrpersonen und ihren Schülerinnen oder Schülern auf und sorgen für Aufsehen. Für Albert Meier, Bereichsleiter Berufspraxis an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich, ist klar: Solche Beziehungen dürfen nicht sein. «Kinder und Jugendliche sind von ihren Lehrpersonen abhängig. Lehrer dürfen dieses Machtgefälle nicht ausnützen.» Auch Bruno Geiger von Berufsbildung Schweiz, dem Dachverband für Berufsschul-Lehrpersonen, sagt: «Kinder und Jugendliche loten Grenzen aus. Aber die Verantwortung, nötigenfalls einen Riegel zu schieben, liegt immer bei der Lehrperson.»

Sexuelle Handlungen stehen in der Schweiz gemäss Strafgesetzbuch auch mit unmündigen Personen, die über 16 Jahre alt sind, unter Strafe, wenn «ein Erziehungs-, Betreuungs- oder Arbeitsverhältnis» oder eine andere Art von Abhängigkeit besteht. Die Standesregeln für Lehrpersonen halten fest, dass sexuelle Beziehungen auch dann verboten sind, wenn «von Seiten der Kinder oder Jugendlichen eine Bereitschaft oder gar der Wunsch vorhanden ist oder scheint».

Anzeige

Und dennoch funkt es immer wieder. Wer in Lehrerkreisen herumfragt, hört hinter vorgehaltener Hand von Fällen – ausführen möchte sie aber lieber niemand. Denn: Schwärmerei oder effektive Beziehung? Wer weiss das so genau…

Auch Olga Mansetti (Name geändert) aus Zürich schwärmte lange Zeit. Die heute 25-Jährige fand ihren Lehrer an der Mittelschule «faszinierend» und «so viel reifer als die Jungs in meiner Klasse». Sie war 17, er 33. «Ich hatte nur ein Ziel: Ich wollte ihn unbedingt.» Heute lächelt Mansetti über ihren damaligen «jugendlichen Bestätigungsdrang». Sie trug kurze Röcke, hielt einen Vortrag über ungleiche Paare, bat ihn nach der Schulstunde, Texte mit ihr zu besprechen. «Lange war es ein Spiel.» Eines, das viele junge Frauen an den Schulen spielen, glaubt sie. «Sie suchen das Abenteuer und sehen in den TV-Serien, wie mans macht.»

Anzeige

Dieses «Spiel» fordert die Lehrpersonen, manche überfordert es. Ihre Alarmglocken schrillen heute viel schneller als noch vor zehn Jahren, da sind sich Fachleute einig. Das mag mit der vermehrt geführten öffentlichen Diskussion über sexuelle Übergriffe – von der Kirche bis zum Fussball­verein – zusammenhängen oder mit der Schulung der Pädagogen. Laut Albert Meier von der PH Zürich sind Abhängigkeitsverhältnis, Nähe und Distanz schon länger Teil der Ausbildung. Die Folge: «Lehrpersonen vermeiden bewusst Einzelbesprechungen ausserhalb der Arbeitszeiten, organisieren vielleicht eine zusätzliche Person und nutzen Zimmer mit Glastüren. Ihre Termine sind zudem dem Abwart oder dem Kollegium bekannt.» Auch Regeln wie das Verbot von Minijupes und tiefen Ausschnitten sind Beispiele, wie Schulen versuchen, Grenzen zu ziehen.

Anzeige

Ein Kaffee für eine gute Note

Jürg Brühlmann vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) sieht allerdings weiteren Handlungsbedarf – «gerade an Mittelschulen und Berufsschulen». «Heute gelten Lehrer nicht mehr per se als Autoritätspersonen. Die Formalität fehlt häufig. Das macht den Umgang schwieriger.» Er beobachtet auch, «dass manche gerade mit ­neuen Medien naiv umgehen, etwa mit ihren Schülerinnen und Schülern auch auf sozialen Netzwerken Kontakt haben». Dort sind die Teenager teils sehr offen und direkt. Da wird für eine gute Note ein Kaffee zu zweit versprochen oder für das Bestehen einer Prüfung auf mögliche Gegenleistungen verwiesen.

Der LCH plant zum Umgang mit sozialen Medien eine Broschüre. Brühlmann: «Lehrer bewegen sich auch auf Facebook nie wirklich als Privatpersonen, dessen müssen sie sich bewusst sein.» Er rät, mit Schülern keine solchen «Freundschaften» einzugehen. Ausser die Klasse richte gemeinsam ein Facebook-Konto ein und alle Schüler seien mit ihrem Lehrer befreundet. «Es darf nicht der Eindruck entstehen, einige hätten einen Exklusivstatus.»

Anzeige

Olga Mansetti suchte den Exklusivstatus bewusst, und ihr Lehrer kämpfte mit seinen Gefühlen. Er wusste, er setzte seinen Job aufs Spiel, wenn er sich auf seine Schülerin einliess. Monate vergingen, während deren die junge Frau seine Nähe suchte. Und er auch ein wenig die ihre.

Vom Lehrer, der die Zurückhaltung aufgab

Karl Mäder, Leiter des Zentrums für Be­ratung der PH Zürich, weiss: «Schwärmereien sind schwierige Situationen. Einerseits wissen die Lehrpersonen, dass sie klare Grenzen setzen müssen. Anderseits wollen sie nicht abweisend wirken und sich nicht völlig distanzieren. Denn eine vertrauensvolle Beziehung ist wichtig für das schulische Lernen.» In solchen Fällen gebe es keine Pauschallösung. Dass sich ein Lehrer verliebt hätte, an einen solchen Fall kann sich Mäder nicht erinnern.

Mansettis Lehrer behielt seine Schwärmerei für sich. Bis zur Diplomfeier. Mansetti erinnert sich, wie sie den Abend zusammen verbrachten – «und alle tuschelten». Der 35-Jährige und die inzwischen 19-Jährige verabredeten sich auf einen Kaffee. Mansetti sagt: «Dann endlich konnten wir unsere Liebe ausleben. Wir tickten sehr ähnlich, verstanden uns blendend.» Stundenlang hätten sie sich über ihr langes Anbandeln unterhalten und gelacht. «Er gestand mir, wie schwer es gewesen war, sich zu beherrschen. Aber er hatte immer im Hinterkopf, dass er als Lehrer keine Beziehung mit mir eingehen durfte.»

Anzeige

Als seine Berufskollegen von der Liaison erfuhren, hätten ihn einige klar verurteilt, sagt Mansetti. Auch ihr Vater akzeptierte lange nicht, dass seine Tochter einen 16 Jahre älteren Freund hatte. Dennoch hielt die Beziehung fast drei Jahre. «Dann merkten wir, dass wir in unterschiedlichen Lebensphasen steckten. Für ihn wurden Kinder ein Thema. Ich wollte erst die Welt entdecken.» Sie trennten sich ohne Streit und halten bis heute Kontakt. «Ich habe durch ihn viel gelernt. Wenn wir uns später kennengelernt hätten – wer weiss, vielleicht wären wir zusammengeblieben.»

Warnsignale

Für Eltern sind Schwärmereien ihrer Kinder nicht immer einfach. Die Mädchen und Jungs himmeln alles und jeden an: vom Sänger einer Band über die Kollegin der älteren Schwester bis zur Pfadileiterin und dem Lehrer. Was tun, wenn die Tochter mit tief ausgeschnittenem T-Shirt am Tisch sitzt und Mathe plötzlich ihr Lieblingsfach ist, seit der neue Lehrer es erteilt? Ursula Enderli von der Jugendberatung Blinker in Schlieren ZH beschwichtigt: «Schwärmereien sind in dem Alter ganz normal.» Teenager müssen die Möglichkeit haben, ihre Reize auszutesten, sagt die Psychologin. Für die Eltern heisst das: «In den allermeisten Fällen gehen Schwärmereien vorbei. Man muss nichts unternehmen – ausser man hat konkrete Hinweise, dass die Lehrperson die Grenzen überschreitet.» Ein Warn­zeichen wäre, wenn das Kind allein zum Lehrer nach Hause geht. Dann sollten die Eltern nachhaken und mit der Lehrperson ins Gespräch kommen.

Anzeige