Die Jugendlichen treiben es wieder mal bunt. Beim Sex schalten sie ihr Hirn aus, denken statt an Verhütung nur noch an die ungehemmte Lust – schliesslich gibts im Notfall immer noch die «Pille danach». Diesen Eindruck muss erhalten, wer die Berichterstattung der letzten Wochen über den «Boom» beim Notfallverhütungsmittel Norlevo mitverfolgte. Die Rede war von «Lifestyle-Pille», von «ganzen Cliquen», die auf Einkaufstour gehen, und von der «Pille danach», die das Kondom verdrängt. Die Schlagzeilen lasen sich gut – doch steigen die jungen Frauen heute tatsächlich derart kopflos mit Männern ins Bett, nur weil es eine Pille gibt, die am Tag danach eine allfällige Schwangerschaft verhindert?

Die Pille quasi ins Rollen gebracht hat der Apothekerverband Pharmasuisse. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP erklärte Sprecher Marcel Wyler, dass immer häufiger auf die hormonelle Notfallverhütung zurückgegriffen werde, seit die «Pille danach» in Apotheken über 16-Jährigen rezeptfrei abgegeben werden darf – in Kombination mit einem obligatorischen Beratungsgespräch. Untermauert wurde die These mit den steigenden Verkaufszahlen des Leaderprodukts Norlevo, dessen Absatz sich seit 2002 mehr als verzehnfacht habe; von 8000 auf über 90'000 Packungen pro Jahr.

Auch die Kirche zeigt sich entsetzt

Laut Marcel Wyler von Pharmasuisse ist der Anstieg «wahrscheinlich auf die erhöhte Bekanntheit zurückzuführen». Das mag richtig sein. Belegt ist es nicht. Und so wurden rasch die ersten Stimmen laut, die die rezeptfreie Abgabe des Notfallverhütungsmittels in Frage stellen. So wetterte Bischof Kurt Koch etwa in der Zeitung «Sonntag» über die «Pille danach»: «Sie fördert die in der heutigen Gesellschaft ohnehin vorhandene Tendenz, Abtreibung als Weg der Verhütung zu betrachten.»

Für «völlig irreführend» hält hingegen Kurt Hersberger, Präsident der Arzneimittelkommission der Schweizer Apotheker (AKA), die von seinem Branchenverband losgetretene Diskussion um den angeblichen Boom der «Pille danach». «Norlevo wurde im Herbst 2001 im Schweizer Markt direkt mit der Abgabemöglichkeit in Apotheken eingeführt. Zuvor gab es dieses Präparat gar nicht», betont er. Norlevo habe sukzessive die frühere «Pille danach» (Tetragynon) verdrängt, die für Frauen stärkere Nebenwirkungen hatte: «Der vermeintlich spektakuläre Umsatzzuwachs ist also primär die Folge einerseits des Wechsels von einem Präparat auf das andere und anderseits der veränderten Abgabestelle.»

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Rezeptpflicht «nicht mehr verantwortbar»

Der Basler Pharmazeut hat zudem über 700 sogenannte «Pille danach»-Protokolle ausgewertet, die Apotheker ausfüllen müssen, wenn Frauen das Notfallverhütungsmittel verlangen. Hersbergers Fazit: «Das Profil der Frauen, die im Notfall auf die ‹Pille danach› zurückgreifen, hat sich seit 2002 nicht signifikant verändert.» Weder hat man festgestellt, dass bestimmte Frauen Norlevo heute öfter und in kürzeren Abständen einnehmen, noch hat sich eine spezifische Kundengruppe von ganz jungen Menschen herauskristallisiert. Zwar verlangten 18- bis 21-Jährige am häufigsten nach der «Pille danach». Die Altersverteilung ist laut Hersberger jedoch sehr breit. Das mittlere Alter liegt bei etwa 25 Jahren. Als häufigster Grund für die Einnahme wurde das «Versagen des Kondoms» angegeben (44,9 Prozent). Relativ häufig hatten die Betroffenen auch ungeschützten Verkehr, weil sie gerade keinen festen Partner hatten und deshalb nicht mehr konsequent verhüteten, als es zum Gelegenheitssex mit einer neuen Bekanntschaft kam. Eher selten wurde als Grund für die Einnahme «Pille vergessen» genannt (14 Prozent).

Und so resümiert Kurt Hersberger: «Die rezeptfreie Abgabe der ‹Pille danach› hat sich so bewährt, dass es nicht nachvollziehbar ist, warum Länder wie Deutschland immer noch an der Rezeptpflicht festhalten.» Das sei «heute nicht mehr verantwortbar».

Auch Ruth Draths, Frauenärztin an der Neuen Frauenklinik Luzern und Leiterin des Präventionsprojekts firstlove.ch, verteidigt die Praxis in der Schweiz. Auch, weil die «Pille danach» gerade kein Abtreibungsmittel sei, sondern vergleichbar mit einer Spirale. «Sie wirkt vor allem hemmend auf den Eisprung sowie auf den Transport von Eizelle und Spermien und hemmt Befruchtung und Einnistung des Eis.» Dies erkläre, warum die «Pille danach» nur so kurze Zeit nach dem Verkehr wirksam ist. «Hat sich das befruchtete Ei einmal eingenistet, ist die ‹Pille danach› wirkungslos», so Draths. Deshalb sei es so wichtig, dass Frauen und Paare das Medikament rasch und unkompliziert beziehen können: «Wenn sie realisieren, dass sie beim Intimkontakt ein Risiko eingegangen sind, oder wenn bei der Verhütung eine Panne passiert ist.» Früher musste, wer die «Pille danach» wollte, zum Arzt gehen oder als Notfall ins Spital.

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Ruth Draths teilt auch nicht die Einschätzung, Norlevo sei zur «Lifestyle-Pille» verkommen. «Frauen nehmen sie meist sehr bewusst und mit Respekt ein», sagt sie. Dies unterlege auch die Tatsache, dass viele Betroffene nach der Einnahme noch lange Zeit von Schuldgefühlen geplagt würden.

So vehement die Fachleute die rezeptfreie Abgabe der «Pille danach» verteidigen, so vehement fordern sie mehr Aufklärungsarbeit generell in Sachen Verhütung. Denn der Wissensstand sei heute offensichtlich weit schlechter, als man gemeinhin annimmt – «nicht nur bei den Jungen», betont Frauenärztin Ruth Draths. So sei etwa die Pille nicht automatisch für jede Frau die am besten geeignete Verhütungsmethode. «Es macht keinen Sinn, einer jungen Frau die Pille zu verschreiben, wenn sie sich nicht in der Lage fühlt, diese regelmässig einzunehmen», sagt Draths. Es gibt heute ein breites Angebot an Verhütungsmitteln; Frauen sollten gemäss ihrer individuellen Lebenssituation beraten werden.

Geschlechtskrankheiten kommen wieder

Aufklärungsbedarf besteht auch in Sachen Geschlechtskrankheiten. Dieses Risiko wird zunehmend unterschätzt. Und HIV ist dabei bei weitem nicht die einzige Gefahr. «Es sind auch Krankheiten wie Genitalherpes, Chlamydien, Tripper und Syphilis, die auf dem Vormarsch sind und die Gesundheit der Frauen sehr stark belasten können», betont Draths. Vor diesen Krankheiten schützt weder die «Pille danach» noch eine andere hormonelle Verhütungsmethode. «Wichtig ist das Vermeiden riskanter Sexualkontakte, sorgfältige Partnerwahl und das konsequente Anwenden des Kondoms.»

Die wichtigsten Verhütungsmittel

Kombinierte Pille (h)

  • Sicherheit: sehr hoch (0,05–2)*
  • Preis: 12 bis 25 Franken/Monat
    Für Jugendliche geeignet: ja
  • Bei konsequenter Anwendung sehr sicher
  • Kann sich günstig auf Haut und Periodenschmerzen auswirken
  • Erhöht Thromboserisiko
  • Nichts für «Vergessliche»
  • Erhöhtes Risiko bei Rauchen
  • Erfordert Disziplin
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Vaginalring (h)

  • Sicherheit: sehr hoch (0,6–1,4)*
  • Preis: 25 Franken/Monat
  • Für Jugendliche geeignet: ja
  • Dauerhafter Schutz; Ring bleibt 3 Wochen in Scheide
  • Bei konsequenter Anwendung sehr sicher
  • Kann beim Sex vorüber­gehend entfernt werden
  • Stört in seltenen Fällen
  • Nebenwirkungen vergleichbar mit der Pille

Verhütungspatch Evra (h)

  • Sicherheit: sehr hoch (0,8–1,2)*
  • Preis: 25 Franken/Monat
  • Für Jugendliche geeignet: ja
  • Wechsel des Pflasters nur einmal pro Woche nötig
  • Bei konsequenter Anwendung sehr sicher Hautreizungen möglich
  • Kann sich ablösen
  • Ungeeignet bei Körpergewicht über 90 Kilogramm
  • Nebenwirkungen wie Pille

Implanon (h)

  • Sicherheit: sehr hoch (0,1–1)*
  • Preis: 400 Franken/3 Jahre
  • Für Jugendliche: eher nein
  • Höchste Sicherheit, weil kein Vergessen möglich 
  • Kein Östrogen: Gesundheitsrisiko tiefer als bei der Pille
  • Häufige Blutungsstörungen
  • Anfangs hohe Hormonkonzentration: Kopfschmerzen, Gewichtszunahme möglich

Dreimonatsspritze (h)

  • Sicherheit: sehr hoch (0,1–1)*
  • Preis: 35 Franken/3 Monate
  • Für Jugendliche: eher nein
  • Zuverlässige Verhütung
  • Kein Östrogen: Gesundheitsrisiko tiefer als bei «Pille»
  • An Injektionsstelle sind Hautreizungen möglich
  • Häufig unregelmässige Blutungen; Menstruation kann nach längerer Anwendung ganz ausbleiben

Hormonspirale** (h/m)

  • Sicherheit: sehr hoch (0,2–0,5)*
  • Preis: 400 Franken/5 Jahre
  • Für Jugendliche: eher nein
  • Bei Periodenschmerzen und starken Blutungen günstig
  • Effiziente Verhütung während 5 Jahren
  • Kein Östrogen
  • Unregelmässige Blutungen und Entzündungen möglich
  • Eventuell schmerzhaftes Einlegen

Kondom (m)

  • Sicherheit: mittel (0,9–14)*
  • Preis: bis 1 Franken/Stück
  • Für Jugendliche: ja (kombiniert)
  • Schützt korrekt angewendet vor HIV und einigen anderen Infektionskrankheiten
  • Kaum Nebenwirkungen
  • Jederzeit einsetzbar
  • Grosses Risiko bei falscher Anwendung, kann «platzen»
  • Kann beim Sex stören
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Natürliche Verhütung (z)

  • Sicherheit: mittel/tief (2–40)*
  • Preis: je nach Methode
  • Für Jugendliche: nein
  • Keine Nebenwirkungen
  • Je nach Methode sehr unsicher (etwa Knaus-Ogino)
  • Setzt meist regelmässigen Zyklus voraus
  • Erfordert Selbstdisziplin und periodische Enthaltsamkeit
  • Regelmässige Lebensführung ist nötig
     

Wirkungsart: h = hormonell, m = mechanisch, z = zyklusbedingt

*Pearl-Index: Anzahl Schwangerschaften, wenn 100 Frauen ein Jahr lang diese Methode zur Verhütung anwenden.    

**Günstige und hormonfreie Alternative: Kupferspirale (für Jugendliche eher nicht geeignet)