Frage einer Beobachter-Leserin

«Die Kinder stressen. Meinem Mann und mir rutscht immer öfter die Hand aus. Was können wir tun?»

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Eltern, die ihre Kinder schlagen, obwohl sie das eigentlich verachten, stehen unter Stress. So grossem Stress, dass sie mit ihren eigenen Gefühlen nicht mehr umgehen können und ihren aggressiven Impulsen nachgeben.

Im besten Fall erschrecken sie und merken, dass es so nicht sein darf und dass sie Unterstützung brauchen. Im schlechtesten Fall fühlen sie sich in ihrer Wut im Recht («Du hast mich so genervt, ich konnte nicht anders»). Eine Argumentation, die wir uns anderen Erwachsenen gegenüber (Partner, Schwiegermutter, Arbeitskollege) nicht herausnehmen. Bei unseren Kindern scheint diese Schwelle niedriger. Leider. Jede Form von Gewalt gegen Kinder gefährdet ihre psychische Stabilität und beeinträchtigt die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig.

Krisenbewältigung ist Stressbewältigung. Das zeigt die Corona-Situation deutlich. Viele sind belastet, fühlen sich verunsichert und ausgeliefert. Für Eltern kann das schon mal heissen, dass sie vor lauter eigener Bedürftigkeit die Kinder nur noch als zusätzliche Belastung erleben. Dass sie vergessen, wie Kinder sind, wie sie die Welt erleben, was sie können – und was aber auch nicht. Nicht altersgemässe Erwartungen der Eltern führen zu Überforderung der Kinder und dadurch zu herausforderndem Verhalten.

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«Es setzt uns allen zu, dass die Corona-Krise leider kein Kurzstreckenlauf ist.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Ob eine Situation beunruhigend oder harmlos ist, können Kinder nur atmosphärisch erschliessen. Sie orientieren sich quasi zwischen den Zeilen an der Gefühlslage der Eltern, übernehmen Sorge, Anspannung und Impulsivität. 

Kindliches Verhalten kann man als Reaktion verstehen: Je gestresster die Eltern, umso angespannter das Kind und umso anstrengender sein Verhalten. Wenn Eltern also wollen, dass ihr Kind sie weniger stresst, sollten sie ihr Kind weniger stressen.

Jede Bewegung, die Sie in Richtung Entlastung, Entspannung und Gelassenheit vollziehen, kommt Ihrem Kind zugute. Das Kind dankt es Ihnen wiederum mit besserem Schlaf und der Fähigkeit, Frustrationen besser zu ertragen und sich besser an Situationen anzupassen.

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Es setzt uns allen zu, dass die Corona-Krise kein überschaubarer Kurzstreckenlauf ist, sondern sich zu irgendetwas zwischen Marathon und 100-Kilometer-Lauf entwickelt. Aussteigen können wir nicht, also geht es um die Frage, welche Skills, welche Fertigkeiten wir benötigen, damit nicht nur wir, sondern auch unsere Kinder einigermassen unversehrt ins Ziel einlaufen können.

  • Geben Sie Ihrem Familien-Stress-Management oberste Priorität: Pausen, Zeit für sich, Hilfe annehmen, Abschied von Perfektion.
     
  • Wenn Sie spüren, dass sich Ihre Lunte verkürzt hat und Sie explosiver reagieren, holen Sie sich unbedingt Unterstützung: in der Familie, im Freundeskreis oder beim Elternnotruf.
     
  • Überfordern Sie das Kind nicht. Auch wenn der Fünfjährige schon so viel über Aviatik weiss und redet wie ein Erwachsener, funktioniert sein Nervensystem im aufgeregten Zustand noch äusserst rudimentär. Der präfrontale Cortex – die Gehirnregion, die Emotionen so reguliert, dass nicht ständig Impulsdurchbrüche passieren – entwickelt sich relativ spät und langsam und hat erst mit Mitte zwanzig sein volles Funktionsniveau erreicht.
     
  • Warten Sie nicht auf die bessere Zukunft und gestalten Sie die Gegenwart kindgerechter. Ihrem Kind ist es egal, dass die Hallenbäder zu sind. Auch in einer Welt ohne Schwimmparadies gibt es genug zu tun und zu entdecken. Die kindliche Präsenz, hier und jetzt, ist auch für uns Erwachsene zwischendurch heil- und erholsam.
     
  • Stellen Sie sich auf einen längeren Prozess ein. Wie bei einer Autoreise in die Ferien, bei der das Kind schon nach sieben Minuten quengelt: «Wie lang gehts noch?» Auch hier sind kindgerechte Rahmenbedingungen (Pausen, Bewegung, Ablenkung) und Verständnis zielführender als moralische Empörung wie «Es ist ja wohl nicht zu viel verlangt, mal ein paar Stunden still zu sitzen!».

Für die Corona-Zeit heisst das: Improvisieren Sie. Bleiben Sie bei Laune, entdecken Sie neu, was trotz allem möglich ist, statt dem nachzutrauern, was zurzeit nicht geht.

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Weitere Buchtipps

  • Daniel Siegel, Mary Hartzell: «Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen»; Verlag Arbor, 2009, 300 Seiten, Fr. 23.90
  • Susan Stiffelman: «Kindererziehung im Jetzt»; Verlag Kamphausen, 2020, 304 Seiten, Fr. 28.90
  • Julia Dibbern, Nicola Schmidt: «Slow Family»; Verlag Beltz, 2016, 240 Seiten, Fr. 27.90
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Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an: christine.harzheim@beobachter.ch oder per Post an:

Christine Harzheim
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

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