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Gotte und GöttiEin Ehrenamt mit Tücken

Gotte oder Götti werden ist nicht schwer. Aber darf man das Amt auch ablehnen? Oder später wieder abgeben?

Eltern sollten gegenüber den Taufpaten erklären, welche Erwartungen sie an das Ämtli stellen.
von aktualisiert am 24. November 2017

Am Ende meldete er sich gar nicht mehr. Funkstille. Dabei hatte sich Götti Rolf jahrelang so gut um Mara gekümmert. Das Mädchen vergötterte ihn. Ein Riese von einem Mann, mit grossen Händen und breiten Schultern. Er war keiner, der zu Weihnachten und Geburtstag ein Kuvert mit einem Nötli drin vorbeibrachte und sich danach nicht mehr blicken liess. Rolf spazierte Nachmittage lang mit Mara durch den Zoo, nahm sie mit an eine Schwingete und ass mit ihr in der Stadt Cremeschnitte.

Das Mädchen war ihm wichtig. So wichtig, dass es all seine Freundinnen kennenlernte. Auch die Frau, die dann blieb, die er heiratete und mit der er einen Buben bekam.

Von da an meldete sich Götti Rolf weniger oft. Und wenn die mittlerweile Zwölfjährige anrief, hatten er und seine Frau schon etwas vor. Sie schafften es zwar noch einmal gemeinsam an ein Konzert. Als aber Rolfs zweiter Sohn kam, brach der Kontakt ganz ab.

Schnell fehlt die Zeit fürs Amt

Gotti und Götti haben eine Sonderrolle im Leben eines Kindes, manchmal über die Teenagerjahre hinaus. Manchmal kommt es aber auch vor, dass die Verbindung lockerer wird. Oder gar nicht erst entsteht.

Wie sucht man als Eltern den Götti oder das Gotti so aus, dass es nicht zu einer Enttäuschung wie bei Mara kommt?

«Es kann immer zum Schiffbruch kommen», sagt Barbara Wüthrich, Elternberaterin bei Pro Juventute. «Heute ändern sich Lebensumstände halt schnell.» Wenn man in einen anderen Kanton zieht, weil da ein besserer Job winkt, zum Beispiel. Oder wenn man sich vom Partner trennt. Dann endet das Patenamt oft, weil der Kontakt zur Familie zu belastend ist. Wüthrich glaubt, dass die Kinder damit umgehen können, wenn die Patin nicht so oft präsent ist. «Meist belastet es die Eltern mehr.»

Veränderte Erwartungen an Paten

Früher gab es kaum enttäuschte Eltern. Und die Taufpaten hatten eine andere Funktion. Sie mussten dazu bereit sein einzuspringen, wenn den Eltern etwas zustossen sollte. Auch die christliche Erziehung war Pflicht. Gotte und Götti hatten den Kindern die richtigen Werte mit auf den Weg zu geben. Heute ist das nicht mehr so.

Heute entscheidet die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) im Todesfall, wer sich um das Kind kümmert. Auch die Bedingungen der Kirche sind lockerer geworden: «Es ist von der Patin und dem Paten abhängig, worin die christliche Begleitung besteht», sagt Monika Thut von der reformierten Fachstelle Kirchlicher Religionsunterricht im Aargau. Jeder könne ein guter Götti sein, solange er dem Kind Werte vermittelt, die mit dem christlichen Glauben vereinbar sind. «Wichtig ist, dass man nicht nur lustige Unternehmungen mit dem Kind macht, sondern es auch begleiten will.» Dazu gehöre, für das Kind da zu sein, wenn es die Eltern nicht können. Zum Beispiel wenn es kriselt.

Ein guter Götti ist eine Stütze für das Kind

Für Elternberaterin Wüthrich ist das der Idealfall. «Es ist gut, wenn die Patin eine Beziehungsstütze sein kann.» Das zeige auch die Resilienzforschung: «Kinder, die verlässliche Bezugspersonen haben, kommen besser durch schwierige Zeiten. Auch als Erwachsene.» Überhaupt sei es für viele Kinder ein schönes Gefühl zu wissen, dass der Götti nur für sie allein da ist. Dass sie ihn nicht mit Geschwistern teilen müssen.

«Oft sind es die Eltern, die zu hohe Erwartungen haben», sagt Wüthrich. Nicht jedes Gotti ist dafür geschaffen, einmal im Monat mit einem selbstgebackenen Kuchen vorbeizuschauen. Nicht jeder Götti verdient genug, damit er dem Kind eine Playstation kaufen kann. «Wichtig ist, dass Eltern und Paten zusammensitzen und über die Ansprüche sprechen», sagt die Elternberaterin. So früh wie möglich. Dafür müssten sich die Eltern Gedanken über ihre Erwartungen machen: Welche Funktion erfüllt der Pate? Was soll das Kind von der Patin mitbekommen?

«Wichtig ist bei all dem, was das Kind möchte»

 

Barbara Wüthrich, Elternberaterin, Pro Juventute

Manche Eltern wollen mit einer Patenschaft eine Freundschaft zementieren. Wenn sie oder er sich interessiert, sich unregelmässig zeigt und nicht gerade das Geburtstagsgeschenk vergisst, dann reicht es ihnen schon. Andere möchten, dass ihr Kind etwas mitkriegt, was sie ihm nicht geben können. Eine Gotte, die beruflich stark eingebunden ist, ihm aber die Kulturwelt näherbringt, wenn sie dann mal Zeit hat.

Wem das zu wenig verlässlich ist, der wählt vielleicht eine Schwester oder einen Bruder. Man kennt sich und man trifft sich: zum Familienfest, zu Weihnachten sowieso. Ein Garant ist die Verwandtenwahl dennoch nicht.

Eine Ehre, die man ausschlagen darf

Auch Gotti und Götti sollten sich Gedanken machen. «Das Patenamt ist eine grosse Ehre, da fällt es manchmal schwer, Nein zu sagen», sagt Wüthrich. Man solle sich Zeit für den Entscheid nehmen. Sich bewusst werden, wie viel man geben könne und wolle.

Das Wichtigste sei die Freude an diesem Amt. Wenn die fehlt, plagt einen das schlechte Gewissen. Für die Elternberaterin steht fest: «Besser ein klares Nein als ein halbherziges Ja.»

Falls es trotz aller Vorsorge zur Funkstille kommt, sollte man zuerst einmal mit dem Götti oder Gotti reden. Manchmal fruchtet auch das nicht. Dann können die Eltern einen zweiten Paten hinzunehmen. Wenn das Kind alt genug ist, kann es sich diesen selbst aussuchen. Der radikalere Schritt: in einem Brief dem Götti die Patenschaft kündigen. «Wichtig ist bei all dem, was das Kind möchte», sagt die Elternberaterin.

Manchmal ist ein radikaler Bruch der falsche Weg. Manchmal entsteht nach langem wieder ein Kontakt. Sogar eine Beziehung. Wie bei Mara. Als sie 16 war, stritten sich die Eltern fast nur noch. Sie war überfordert, fühlte sich allein. Mit den Grosseltern konnte sie nicht darüber reden, sie machten sich selbst Sorgen.

Also rief sie eines Tages Götti Rolf an. Der holte sie noch am selben Abend ab. Er fuhr mit ihr stundenlang durch die Gegend. Und hörte zu. Er gab ihr Halt. Von da an war er wieder da für sie.

Tipps für Eltern

  • Überlegen Sie, was genau Sie von Gotte oder Götti erwarten. Und überlegen Sie, wer diese Erwartungen erfüllen kann.
  • Manchmal kann ein Götti oder ein Gotti dem Kind wegen besonderer Lebensumstände viel bieten. Zum Beispiel Einblicke in Kultur, Sport, einen speziellen Beruf und so weiter.
  • Geben Sie den potenziellen Paten ausdrücklich die Möglichkeit, Nein zu sagen.
  • Wählen Sie nicht aus Pflichtgefühl. Wenn Sie einen Verwandten nicht in der Göttirolle sehen, fragen Sie ihn nicht. Auch wenn Sie die Patin seines Kindes sind. Am Ende geht es um das Wohl des Kindes.
  • Erwartungen hinterfragen: Klären Sie, ob es auch das Kind stört, dass es die Gotte nicht so oft sieht. Falls ja, suchen Sie das Gespräch. Falls das nicht fruchtet, kann sich das Kind eine zweite Gotte aussuchen.

Tipps für Gotte und Götti

  • Wenn Sie angefragt werden: Schlafen Sie einige Male darüber. Überlegen Sie, wie viel Sie zu geben bereit sind. Und sprechen Sie mit den Eltern darüber.
  • Lehnen Sie ab, wenn Sie merken, dass Sie es eigentlich nicht wollen. Sonst bekommt das Kind später die Halbherzigkeit zu spüren.
  • Lebensumstände ändern sich rasch: Falls Sie sich dem Patenkind nicht mehr widmen können, sprechen Sie mit den Eltern und je nach Alter auch mit dem Kind darüber.

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