Aufgezeichnet von: Ann-Kathrin Kübler

Ich bin eine Übergangspflegemutter, ein Ü-Mami, wie wir sagen. Schon dreimal habe ich ein Neugeborenes bei mir aufgenommen, bei dem noch nicht klar war, ob es in einer Adoptiv- oder Pflegefamilie platziert wird. Die Eltern mussten das Kind entweder weggeben, oder sie wollten ihm ein Leben ermöglichen, das sie ihm nicht bieten konnten.

Ich bin froh, wenn ich nicht zu viel über die Vorgeschichte weiss. So kann ich dem Baby unbefangen begegnen. Erst vor kurzem habe ich meinen letzten Schützling einer neuen Familie übergeben.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich ihn vor anderthalb Jahren im Spital abholte. «Wenn das Kind nicht zu beruhigen ist, rufen Sie uns zur Unterstützung», sagte die zuständige Pflegefachfrau. Es schrie, als sie es mir in den Arm legte, hörte aber schnell auf und schaute mich mit grossen Augen an. «Ich bin jetzt für dich da», flüsterte ich. «Du kannst loslassen und dein Leben geniessen.» Es schien mich zu verstehen und legte seine winzige Hand auf meinen Arm.

Zu Hause steht das Leben meiner Familie kopf, wenn wir ein Baby zur Übergangspflege aufnehmen. Meine Arbeit als Pflegefachfrau reduziere ich dann auf ein Minimum. Statt Schichtdienst im Spital schiebe ich Nachtschichten daheim.

Die Gespräche von meinem Mann und mir drehen sich fast nur noch ums «Schöppele» und um Schlafrhythmen. Meine mütterliche Sorge konzentriert sich auch aufs Baby und nicht mehr nur auf unseren jüngsten Sohn. Er ist 13 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Unsere beiden älteren Söhne sind bereits ausgezogen.

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«Oh, wie schön, haben Sie wieder ein Neues?»

Die Behörden und die Pflegefamilienorganisation Tipiti, bei der ich als Ü-Mami angestellt bin, kommen regelmässig vorbei und schauen, ob wir uns gut um die Kleinen kümmern und nicht am Anschlag sind. Wenn ich mit dem Baby spazieren gehe, fragen mich Nachbarn: «Oh, wie schön, haben Sie wieder ein Neues?»

Wenn das Baby auf meiner Brust schläft, sitze ich gern auf unserem Ecksofa und blicke durch die Fenster, die eigentlich geputzt werden müssten. Dann merke ich, wie unwichtig mir der Haushalt ist. Viel wichtiger finde ich es, dass ich diesem kleinen Wunder Wärme schenken kann. «Du bist willkommen auf dieser Welt», flüstere ich dann in die flaumigen Haare, die so gut nach Baby riechen.

«Ich bin überzeugt, dass ich den Kleinen helfen kann, Vertrauen in die Welt zu bekommen – trotz all dem Verlust, den sie erlebt haben.»

Sabine Walde, Übergangspflegemutter
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Je länger ein Kind bei uns lebt, umso schwerer fällt der Abschied. Bis eine Lösung für ein dauerhaftes Zuhause gefunden ist, verstreichen in der Regel nur ein paar Monate, aber es kann auch bis zu zwei Jahre dauern. Der Übergang in die neue Familie verläuft schrittweise. Wenn die Kleinen uns vermissen, leide ich mit und sage ihnen, dass sie uns nicht verlieren, sondern eine neue Familie dazugewinnen. Wenn die Eltern es wollen, halte ich weiter Kontakt.

Zur Erinnerung erstelle ich für jedes Übergangspflegekind ein Tagebuch und ein Fotoalbum von seiner Zeit bei uns. Da ist ein Foto, auf dem es mich aus dem Stubenwagen heraus von ganzem Herzen anstrahlt. Und das Bild, auf dem es mit meinem Sohn lachend die neuen Kissen Probe liegt. Oder das, auf dem das kleine Gesicht mitten in den Zopf beisst, den ich frisch gebacken habe.

Wenn ich diese Fotos anschaue, bin ich stolz, wie sich die Kleinen zu zufriedenen Erdenbürgern entwickeln. Ich bin überzeugt, dass ich ihnen helfen kann, Vertrauen in die Welt zu bekommen – trotz all dem Verlust, den sie erlebt haben.

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Grüsse über den Mond

Nach dem Abschied kehren wir zurück in unser babyfreies Leben. Wir nehmen uns Zeit für einen Roadtrip oder spielen einfach nur eine Runde Monopoly, ohne dass wir unterbrochen werden. Wenn mein Sohn die Kleinen vermisst, sage ich ihm, dass er ihnen jederzeit einen Gruss über den Mond schicken kann. Der kommt dann hoffentlich an, und sie spüren, dass wir immer noch da sind. Nach einigen Monaten Pause kann jederzeit wieder ein Anruf kommen: für ein neues Baby, das ein Ü-Mami braucht.

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