Frage von Martin Z.: «In Japan wird die Scheidung einer Ehe gefeiert, habe ich gelesen – in Restaurants mit Gästen, fast wie eine Hochzeit. Ist das nicht etwas zynisch?»

Feiern ist vielleicht nicht das passende Wort, aber dass die Auflösung einer Ehe mit einem Ritual besiegelt wird, ist aus psychologischer Sicht tatsächlich sinnvoll. In Japan kommt es durchaus vor, dass ein Ehepaar zu seiner Scheidung 20 Freunde einlädt. Während der Zeremonie werden die Eheringe mit einem Hammer zertrümmert.

Wozu sind Rituale gut? Sie helfen uns, wichtige Übergänge im Leben zu verarbeiten. Die Hochzeit ist ein Ritual, und Beerdigungen sind es. Ist es wirklich gut, dass eine Scheidung oder die Trennung eines Paars sang- und klanglos über die Bühne geht? Fast jeder hat heute eine Trennung erlebt, mal als Handelnder, mal als Leiden­der. Sehr viele Trennungen verlaufen alles andere als optimal. Sie sind für den Verlassenen oft traumatisch, lassen ihn in jahrelangen Ressentiments und Hassgefühlen zurück. Vielleicht hat ihm die Trennung gar den Mut genommen, sich wieder auf eine neue Beziehung einzulassen.

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Die Gefühle des Zurückgelassenen achten

Schuld am Elend ist unsere Hochstilisierung der Liebe. Ihr zuliebe ist alles erlaubt, auch ein grausamer Umgang mit dem Ex-Geliebten. Unser Beziehungsverhalten basiert nicht auf einem soliden Boden gegenseitiger Verantwortung und Verpflichtung, wie das noch Martin Luther in seinem Traktat über die Ehe gefordert hat, sondern auf einem Gefühl. Wir wollen mit der «Liebe unseres Lebens» zusammen sein. Die sich vielleicht als eine Liebe auf Zeit herausstellt, weil wir uns in einen anderen oder eine andere verlieben. Oft reicht das als Rechtfertigung, sich abzuwenden und die alte Beziehung fallen zu lassen, als ersetze man ein veraltetes Handy. Wir brauchen keine Trennungsfirmen wie in Japan, aber in einer Gesellschaft der Lebensabschnitts­partnerschaften brauchen wir eine Ethik der Trennung.

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Die wichtigsten Irrtümer und Fehler

Wenn ich mit der Person, die ich verlassen will, freundlich bin, mache ich ihr falsche Hoffnungen.
Nein. Dieser Irrtum führt zu einem kalten und abweisenden Verhalten, das die Verantwortung für das Leiden ablehnt, das man verursacht. Man kann stattdessen liebevoll mitteilen, dass man seinen Weg nun ohne den anderen weitergehen will. Wenn man die Gefühle des Zurückgelas­senen wahrnimmt und versteht, fühlt er sich respektiert.

Jemand muss am Scheitern der Beziehung schuld sein.
Nein. Es hat keinen Sinn, nach Schuldigen oder Fehlern zu suchen. Beziehungen gehen auseinander, weil Leben und Gefüh­le unberechenbar sind. Statt über Negatives zu reden, sollte man sich in Trennungs­gesprächen voll Dankbarkeit an gemein­same schöne Erlebnisse erinnern.

Wir machen als gute Freunde weiter.
Jein. Nur selten kann aus einem Geliebten, einer Geliebten ein Freund oder eine Freundin werden. Wenn man sich ohne Hass und mit gegenseitigem Respekt wieder begegnen kann, ist das bereits eine reife Leistung.

Tipps für eine faire Trennung

Der Aktive

  • den Trennungsentschluss von Angesicht zu Angesicht mitteilen
  • offen sagen, wenn bereits eine neue Liebe eine wichtige Rolle spielt
  • dem Verlassenen Gelegenheit zum Ausdruck seiner Wut und seines Schmerzes geben
  • Verständnis für seine Gefühle zeigen, sich dafür entschuldigen, dass man ihm wehtut, aber klar bei seiner Trennungs­entscheidung bleiben

Der Passive

  • seine Wut, seinen Schmerz und seine Enttäuschung dem Aussteiger klar mitteilen
  • sich nicht in Rachefantasien verstricken
  • sich bewusst machen, dass eine Trennung zwar furchtbar wehtun kann, aber dass man daran nicht stirbt
  • den Kontakt zu Freunden, Kollegen und Familienmitgliedern intensivieren
  • sich eventuell professionelle thera­peutische Unterstützung zur raschen Verarbeitung suchen

Buchtipp

Gisela Hötker-Ponath: «Trennung ohne Rosenkrieg. Ein psychologischer Wegweiser»; Verlag Klett, 2012, 176 Seiten, CHF 29.90