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Pensionskasse«Der Beitragssatz sollte für alle gleich sein»

Der Verein «Workfair 50+» will per Volksinitiative erreichen, dass der PK-Beitragssatz für Ältere gesenkt wird, um ihre Jobchancen zu verbessern. PK-Experte Stefan Thurnherr fände das sinnvoll.

Arbeitgeber müssen für ältere Angestellte höhere Beiträge an die Pensionskasse leisten – das macht die Betroffenen auf dem Arbeitsmarkt weniger attraktiv.
von aktualisiert am 20. Juli 2018

Ältere Arbeitnehmer gelten oft als zu teuer, weil ihre obligatorischen Pensionskassenbeiträge höher sind als bei jüngeren. Beträgt der PK-Beitrag mit 25 Jahren lediglich 7 Prozent des versicherten Lohns, ist für einen 55-Jährigen mehr als das Zweieinhalbfache fällig, nämlich 18 Prozent. Die Arbeitgeber müssen davon mindestens die Hälfte übernehmen.

Der Verein «Workfair 50+» sieht in den gestaffelten PK-Beiträgen ein Hindernis für die Anstellung von Älteren Stellensuche Stärken haben kein Verfallsdatum und hat deshalb begonnen, Unterschriften für seine Volksinitiative «Arbeit statt Armut» zu sammeln. Sie verlangt, dass alle Altersgruppen einheitliche Beiträge zahlen und dass das Sparen in der PK nicht erst mit 25 Jahren, sondern bereits mit 18 beginnen soll.

Stefan Thurnherr, PK-Experte beim Vermögenszentrum VZ, würde einen solchen Systemwechsel begrüssen.

Beobachter: Gleich hohe PK-Beiträge über das ganze Berufsleben: Wie würde das praktisch funktionieren?
Stefan Thurnherr: Es wäre gut möglich, statt der jetzt gestaffelten Beitragssätze zwischen 7 und 18 Prozent des versicherten Lohns einen Durchschnittssatz von 12,5 Prozent zu nehmen. Bei beiden Versionen spart man über 40 Jahre 500 Prozent des versicherten Lohns an.
 

Beobachter: Ist das Altersguthaben am Ende wirklich gleich hoch?
Thurnherr: Nein, in der Realität wird es nie gleich sein. Das Altersguthaben hängt auch von der Lohnentwicklung und der Verzinsung des Kapitals ab. Ob man mit einem Einheitssatz am Ende mehr oder weniger in der Pensionskasse hat, ist individuell verschieden. Tendenziell wird aber weniger Guthaben vorhanden sein als beim heutigen System. Weil man beim Einheitssatz in jungen Jahren mehr sparen würde als heute, gäbe es zwar einen Zinseszinseffekt. Aber jetzt zahlt man im Alter hohe Beiträge auf tendenziell höhere Löhne – das dürfte sich stärker auswirken als der Zinseszins.

Wie funktioniert die Pensionskasse?

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Die berufliche Vorsorge bildet die zweite Säule im Schweizer Vorsorgesystem.

Beobachter: Also ist ein Einheitssatz keine gute Idee?
Thurnherr: Doch. Ich höre in meinen Beratungen immer wieder, dass Arbeitgeber nicht einsehen, warum sie für Ältere höhere Beiträge zahlen sollen als für Jüngere. Ein Einheitssatz ist richtig. Als weniger radikale Reform könnte man auch den steigenden Beitragssatz abfedern, indem er ab Alter 45 nicht mehr erhöht wird. Denn vor allem die Beiträge für die 55- bis 65-Jährigen stehen in der Kritik.
 

Beobachter: Werden Ältere wegen der hohen PK-Beiträge eher entlassen?
Thurnherr: Das glaube ich nicht. Es sind schliesslich erfahrene Mitarbeiter, die man auch braucht. Aber bei Einstellungen sind Arbeitgeber nach meinen Beobachtungen wegen der hohen Lohnnebenkosten eher zurückhaltend.
 

Beobachter: Bei einem Systemwechsel bräuchte es eine Übergangsfrist für ältere Mitarbeiter. Wie lange müsste diese sein?
Thurnherr: 20 Jahre wären ideal, damit die über 45-Jährigen keine Renteneinbussen haben. Kürzere Übergangszeiten bedeuten immer, dass irgendwoher Ausgleichszahlungen kommen müssen. Auch eine Zeitspanne von 20 Jahren hat zur Folge, dass die Arbeitgeber stark belastet werden, da die Jüngeren bereits mehr kosten, die Älteren aber noch nicht günstiger werden.

Bundesrat warnt vor den Kosten

Der Bundesrat hat sich zur Initiative des Vereins «Workfair 50» noch nicht geäussert. Er hat aber früher wiederholt bekräftigt, dass er an der Staffelung der PK-Beiträge festhalten will.

Jetzt gelten folgende Sätze:

  • Alter 25 – 34: 7 % des sogenannten koordinierten Lohns
  • Alter 35 – 44: 10 %
  • Alter 45 – 54: 15 %
  • Alter 55 – 64/65: 18 %

Die Beitragshöhen wurden mit dem Ziel festgelegt, bei der Pensionierung 500 Prozent des letzten koordinierten Lohns im obligatorischen Teil der 2. Säule angespart zu haben.
 
Ein Rechenbeispiel:
Jahresverdienst vor der Pensionierung:        CHF 80'000
minus Koordinationsabzug:                           CHF 24'675
koordinierter Lohn:                                         CHF 55'325
500 Prozent davon:                                        CHF 276'625
 
Die Staffelung der PK-Beiträge wurde bei der Einführung der 2. Säule im Jahr 1985 unter anderem deshalb gewählt, damit die damals über 45-Jährigen bis zu ihrer Pensionierung ein möglichst hohes Altersguthaben aufbauen konnten. Heute wird vor allem damit argumentiert, dass die Jüngeren in der Regel einen tieferen Lohn als Ältere und gleichzeitig oft minderjährige Kinder haben – deshalb soll ihr PK-Beitrag nicht zu hoch sein.

Ein Systemwechsel wäre nicht gratis – vor allem, weil die Übergangsgeneration dabei keine Renteneinbussen erleiden soll. Nach einer Berechnung des Bundesamts für Sozialversicherungen aus dem Jahr 2006 würde ein einheitlicher Beitragssatz in den ersten 10 Jahren Mehrkosten von rund 1 Milliarde pro Jahr verursachen, in den folgenden 20 Jahren immer noch 600 Millionen pro Jahr. Sechs Jahre später klang es ähnlich: Ende 2012 sprach der Bundesrat von «bis zu einer Milliarde Franken pro Jahr während 20 Jahren», die eine andere Staffelung oder Vereinheitlichung der Beitragssätze kosten würden.

Beobachter: Warum sollten sich die Arbeitgeber darauf einlassen?
Thurnherr: Weil sie eine Gleichbehandlung wollen, weil sie wegen des Fachkräftemangels auch ältere Angestellte brauchen und auch weil die im Alter steigenden Beitragssätze einen administrativen Mehraufwand bedeuten. Diese Staffelung ist sowieso ein Konstruktionsfehler in der 2. Säule. Wie bei der AHV sollte der Beitragssatz für alle gleich sein.
 

Beobachter: Reformvorschläge zur Altersvorsorge Altersvorsorge 2020 Das Ringen beginnt von vorne – mit schlechteren Karten haben es oft sehr schwer. Ist der politische Widerstand gegen einen solchen Systemwechsel nicht zu gross?
Thurnherr: Nein, eine Reform ist sehr wohl möglich. Entscheidend ist erstens, dass die Versicherten im obligatorischen Bereich ihrer 2. Säule – denn nur um diesen geht es hier –, ein gleich hohes Altersguthaben erreichen können wie bisher. Und dass zweitens die Übergangsphase für die Arbeitgeber finanzierbar ist. Ich glaube, dass der Einheitssatz über kurz oder lang kommt. Bisher war der politische Druck aber wohl nicht stark genug.

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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2 Kommentare

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miragliag
Ich habe ein Simulationsmodell entwickelt wo man die Beitragssätze beliebig variieren kann. Es wäre ohne Einbussen sogar mit fallenden Sätzen möglich! https://www.miraglia-bi.com/simulationsmodell-bvg-mit-power-bi/

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richy
Diese vorgeschlagene Reform mit Einheitssatz für alle ist mehr als überfällig. Das Lohnsystem müsste ebenfalls eine Änderung erfahren. Nur infolge längerer Berufserfahrung mehr Lohn zu erhalten ist kein Maßstab, der den Lebensrealitäten entspricht. Durch die schnelle Entwicklung auf allen Berufsfeldern haben junge Berufsleute oftmals ein besseres Know-how und sind leistungsfähiger als ältere Mitarbeiter, die oftmals auf einem veralteten Berufswissen aufbauen und dadurch Erneuerungen gegenüber skeptisch eingestellt sind. Wenn dann der Betrieb auch noch in die Weiterbildung der älteren Generation investieren muss, kommt ein starkes Ungleichgewicht zustande. Als älterer Mitarbeiter braucht man nicht mehr die grosse Wohnung, die man als Familie brauchte und der Haushalt ist eingerichtet. Dagegen stehen junge Leute vor der Herausforderung, immer für mehr aufkommen zu müssen, wenn Familie gegründet wird, Kinder kommen usw. Da könnte ein Lohnsystem, das neben dem Leistungsaspekt verstärkt auf die Bedürfnisse achtet eine Veränderung bringen, die allen dient Wer als Ü-50er seine Stelle verliert, und dann von einer Anstellung zur Nächsten dümpelt, hat auch nicht das errechnete Statistik-Guthaben auf seiner Pensionskasse. Und da zeigt sich das nächste Problem: Bei jedem Stellenwechsel werden die Gelder wieder auf eine neue Kasse geschoben. Ein administrativer Leerlauf, worauf der Arbeitnehmer keinen Einfluss nehmen kann.

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