Die Solidarität der Jungen werde überstrapaziert. Sie seien die Leidtragenden bei der Umverteilung in den Pensionskassen. Das bekommt auch Urs Eicher oft zu hören. Eicher ist Präsident von PK-Netz, einem Verbund von Arbeitnehmerverbänden. Er hält nichts von solchen Aussagen. «Nicht die jungen, die älteren Versicherten finanzieren die Umverteilung.»

Der Grund dafür liegt in den aktuell sehr tiefen Zinsen. Sie treffen ältere Versicherte ungleich härter. Ein Rechenbeispiel: 1 Prozent weniger Zins kostet einen Jungen, der 25'000 Franken Sparkapital hat, 250 Franken pro Jahr. Ein älterer Versicherter mit 500'000 Franken erhält 5000 Franken weniger.

Wie viel Geld innerhalb der zweiten Säule umverteilt wird, ist umstritten. Es gibt darüber nur Schätzungen. Die Credit Suisse (CS) geht für 2015 von 5,3 Milliarden Franken aus, die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK) von 8,1 Milliarden. Im Schnitt der letzten fünf Jahre wurden gemäss OAK 6,7 Milliarden umverteilt, letztes Jahr waren es 5,1 Milliarden.

Wer aber hat recht? Die Annahmen der OAK seien «vernünftig», sagt Roger Baumann, PK-Experte bei der Beratungsfirma C-alm. Selbst die CS bestätigt auf Anfrage, dass ihre Datengrundlage weniger gut sei. Hinzu kommen Unterschiede, weil man unterschiedliche Berechnungsmethoden anwendet.

Gewinner und Verlierer

In der zweiten Säule werden Gelder von Aktiven zu Rentnern, von Männern zu Frauen, von Unverheirateten zu Verheirateten umverteilt. Am meisten Geld fliesst zwischen den Generationen. Wer wie stark von der Umverteilung profitiert und wer sie finanziert, zeigen die Berechnungen des PK-Experten Roger Baumann:

  • Die 50- bis 59-Jährigen sind die grössten Verlierer, sie leiden besonders stark unter den aktuell tiefen Zinsen und den gesenkten Umwandlungssätzen.
     
  • Die 60- bis 65-Jährigen fahren etwas besser. Sie konnten länger von höheren Zinsen profitieren, ebenso von noch höheren Umwandlungssätzen oder Kompensationszahlungen, wenn es zu starken Kürzungen kam.
     
  • Die 66- bis 85-Jährigen sind die grossen Gewinner. Sie profitieren häufig rechnerisch von zu hohen Umwandlungssätzen bei ihrer Pensionierung.
     
  • Für die über 86-Jährigen sind Vergleiche schwierig. Viele ihrer Pensionskassen waren schlecht ausgebaut. Und mit ihren Spargeldern wurden Erträge erzielt, die höhere Renten erlaubt hätten.


Die Ausgangslage hat sich in den vergangenen Jahren aber verändert. Die Zinsen sind stark gefallen, die Lebenserwartung ist gestiegen. Damit die Solidarität der aktiv Versicherten nicht überstrapaziert wird, haben viele Pensionskassen den Umwandlungssatz gesenkt – auf durchschnittlich 5,8 Prozent. Experten rechnen mit weiteren Kürzungen, rein rechnerisch wäre ein Umwandlungssatz von knapp 5 Prozent richtig.

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Um den für den obligatorisch versicherten Teil gültigen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent finanzieren zu können, müsste eine Pensionskasse eine Rendite von 4,7 Prozent pro Jahr erzielen. Das ist nur möglich, wenn sie mit ihren Kapitalanlagen hohe Risiken eingeht. Um Verluste einzugrenzen, haben deshalb die meisten Pensionskassen für den überobligatorischen Teil die Verzinsung reduziert und den Umwandlungssatz gesenkt.

6,7 Milliarden Franken jährlich gehen von den Aktiven zu den Rentnern

Von Jung zu Alt

Quelle: c-alm / Grafik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Jetzige Rentner profitieren

Wer bisher wie stark profitiert hat, zeigt auch eine Analyse der OAK. Seit die obligatorische berufliche Vorsorge 1985 eingeführt wurde, gab es drei Phasen der Umverteilung:

  • Die Spargelder von Versicherten, die zwischen 1985 und 1995 in Pension gingen, wurden im Schnitt um 2 Prozent tiefer verzinst als möglich. Die erwirtschafteten Erträge lagen höher. Die Renten wurden mehrmals erhöht. 
     
  • Versicherte, die zwischen 1996 und 2007 pensioniert wurden, sind Profiteure. Sie erhalten höhere Renten, als es die Verzinsung ihrer Spareinlagen eigentlich erlaubt hätte.
     
  • Versicherte, die nach 2007 in Rente gingen, kosten die Pensionskassen Substanz. Die Renditen, die mit den Spargeldern erzielt wurden, waren deutlich zu niedrig. Über die letzten zwölf Jahre schaute nur noch eine Rendite von knapp 3 Prozent heraus.
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Wie funktioniert die Pensionskasse?

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Die Pensionskasse bildet zusammen mit der Unfallversicherung die 2. Säule. Aber was bedeutet das genau? Alles Wissenswerte – kompakt verpackt in 200 Sekunden.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

Gewisse Umverteilung gehört zum System

Selbst Kritiker sind überzeugt, dass eine gewisse Umverteilung Kaderkassen Superkasse für die Kaviar-Klasse sinnvoll ist. Es gibt Faktoren, die unbestritten sind: dass bei Invalidität der Verunfallte profitiert, nach einem Todesfall die Angehörigen mehr erhalten. Zudem finanzieren früh Verstorbene länger Lebenden die Rente.

Völlig unbestritten ist aber selbst das nicht. So kennen die meisten Pensionskassen einheitliche Risikoprämien für Tod und Invalidität – unabhängig von Geschlecht und Alter. Davon profitieren vor allem ältere Versicherte und auch Frauen. Denn Frauen verursachen insgesamt höhere IV-Kosten als Männer. Sie profitieren auch, weil ihre Lebenserwartung drei Jahre höher ist und für sie derzeit bei der Pensionierung mit 64 derselbe Umwandlungssatz gilt wie bei Männern mit 65. Dies trifft allerdings nur auf den obligatorischen Teil zu – und ist der Grund, warum viele Kassen den Umwandlungssatz für Frauen gesenkt haben.

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Trotzdem sind Männer im Vorteil. Gemäss einer Untersuchung der UBS müssen Frauen nach der Pensionierung mit deutlich weniger Geld auskommen. Sie beziehen im Schnitt nur 19'000 Franken PK-Rente pro Jahr, Männer mit 36'000 Franken fast doppelt so viel. Hauptgrund: die tieferen Löhne von Frauen. Zudem sind in der Pensionskasse nur Lohnanteile über 21'330 Franken pro Jahr versichert. Darunter leiden Teilzeitarbeitende – also mehr Frauen. 

Von Mann zu Frau

Quelle: c-alm / Grafik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Gut für Verheiratete

«Aus ökonomischer Sicht ergibt eine Unterscheidung nach Geschlecht aber wenig Sinn. Weit bedeutender ist der Zivilstand», sagt Baumann. 2017 wurden insgesamt 28,5 Milliarden Franken an PK-Renten ausgeschüttet – davon 4 Milliarden als Ehegatten-, Kinder- und Waisenrenten.
 

«Ganz ohne Solidaritäten würde die zweite Säule zu einer reinen Sparversicherung verkommen.»

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Roger Baumann, PK-Experte


Ledige verursachen weniger hohe Kosten. Sie subventionieren Verheiratete (und in vielen Pensionskassen auch Konkubinatspaare und gleichgeschlechtliche Paare mit eingetragener Partnerschaft) jährlich mit einer halben Milliarde Franken. Ein Beispiel Baumanns: Bei 500'000 Franken Sparkapital und versicherungstechnisch korrektem Umwandlungssatz erhält ein lediger Mann heute 28'550 Franken Rente pro Jahr. Wäre er verheiratet mit einer drei Jahre jüngeren Frau, müsste seine Rente um 15 Prozent auf 24'150 Franken gekürzt werden. Frauen leben länger, Männer sind aber häufiger mit jüngeren Frauen verheiratet und haben öfter Kinder mit Rentenanspruch. Unter dem Strich profitieren deshalb die Männer.

Einzelne Kassen setzen darum die Renten je nach Zivilstand und Geschlecht fest. Ist das besser? Dass es zwischen den Generationen zu einer Umverteilung komme, sei systemfremd und nicht beabsichtigt, sagt Baumann. Die Risikoprämien und Umwandlungssätze individuell anzusetzen, sei trotzdem heikel. «Wenn die Solidaritäten ganz aufgebrochen werden, kann es zu neuen Ungerechtigkeiten kommen. Und ganz ohne Solidaritäten würde die zweite Säule zu einer reinen Sparversicherung verkommen.» Was nie die Absicht war.

Von Ledigen zu Verheirateten

Quelle: c-alm / Grafik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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