Zum Einstieg etwas Zahlenspielerei. Im Kanton Glarus liegt die Durchschnittsmiete für eine Zweizimmerwohnung bei monatlich 1204 Franken. Dies besagen neuste Daten der Immobilienplattform Real Advisor. 

Wer im Glarnerland Sozialhilfe bezieht, erhält gemäss Beobachter-Recherchen aktuell für eine Wohnung in dieser Grössenordnung von der Sozialbehörde maximal 988 Franken an die Miete. 

Der Vergleich lässt es erahnen: Dieses Spielchen ist für Armutsbetroffene überhaupt nicht lustig. Denn finden sie keine Bleibe innerhalb der Beitragslimite, laufen sie Gefahr, die Differenz der beiden Zahlen selber berappen zu müssen.

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Sogar das Essen wird knapp

Wohin das führen kann, verdeutlichen zwei Beispiele aus der Glarner Sozialhilfepraxis der letzten Zeit, von denen der Beobachter Kenntnis hat:

Eine Frau, die unter massiven psychischen Problemen leidet, hält Hunde und Katzen – ihr einziger Halt im Leben. Selbst im Glarner Hinterland fand sie für sich und die Tiere nur eine Wohnung für 1100 Franken. Davon werden 800 Franken vom Sozialamt übernommen. Die fehlenden 300 Franken muss sie sich vom Lebensunterhalt absparen. An jedem Monatsende wird sogar das Essen knapp.

Ein anderer Fall betrifft eine 20-Jährige, die von ihren suchtabhängigen Eltern aus der Wohnung geworfen wurde. Sie fand in der Not eine eigene Wohnung für 800 Franken. Von der Behörde erhält sie 690 Franken. Für den Rest muss die junge Frau, die eine Lehre macht, jeden Monat ihren Arbeitgeber um einen Vorschuss bitten.

Von wenig ziemlich viel abziehen

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter aus dem Kanton, mit denen der Beobachter Kontakt hatte, kennen etliche weitere Beispiele, bei denen Betroffene jeden Monat 200 bis 300 Franken vom Grundbedarf abzwacken müssen, um den Fehlbetrag fürs Wohnen zu decken. Bei den 1061 Franken, die einer Einzelperson insgesamt für den Lebensunterhalt zur Verfügung stehen, kann dies schnell zu Härtefällen führen. Die Problematik habe sich in den letzten Jahren verschärft, sagen die Insider. 

Das kommt nicht von ungefähr. Denn während die Mietpreise kontinuierlich gestiegen sind, verharrten die Beitragslimiten in der Glarner Sozialhilfe auf dem Niveau von 2008; damals wurde das Sozialwesen kantonalisiert. Heisst: Seit 18 Jahren verschliessen sich die Sozialbehörden hartnäckig der Realität auf dem Wohnungsmarkt.

Starker Anstieg in den letzten Jahren

Natürlich steigen die Preise im peripheren Zigerschlitz nicht so dynamisch wie in den Städten. Doch die jährlichen Immobilienmarktberichte der Glarner Kantonalbank weisen eine Angebotsverknappung aus, auch auf dem Mietwohnungsmarkt. Das treibt die Preise nach oben: Nur schon seit 2022 haben sich die inserierten Mieten um fast zehn Prozent erhöht. 

Damit schliesst sich das Glarnerland dem schweizweiten Trend an. Laut der Immobilienberatung Wüest Partner haben sich die Angebotsmieten seit 2000 um über 40 Prozent erhöht.

Es droht der Fall unters Existenzminimum

Dass ein ganzer Kanton in einem solchen Marktumfeld seine Richtlinien während fast zweier Jahrzehnte nicht anpasst, sorgt bei Experten für Stirnrunzeln – zumal die Wohnkosten das grosse Thema in der Sozialhilfe sind. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) hält fest, die Mietzinslimiten müssten sich «auf Daten des lokalen und aktuellen Wohnungsangebots abstützen». Die Richtlinien seien deshalb alle drei bis vier Jahre zu überprüfen, empfiehlt die Skos. 

Gar für eine jährliche Überprüfung ist Christophe Roulin von der Fachhochschule Nordwestschweiz, der seit längerem zur Thematik forscht. Denn: «Wer einen Teil der Miete aus dem Grundbedarf zahlen muss, kann unter das von der Skos definierte soziale Existenzminimum fallen.»

«Von Zeit zu Zeit überprüft»

Wie oft wurden in Glarus die Beitragslimiten in den letzten 18 Jahren zumindest überprüft? Die Antwort aus der Hauptabteilung Soziales fällt vage aus: «Von Zeit zu Zeit.»

Leiterin Audrey Hauri verweist aber darauf, dass die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter über einen Ermessensspielraum verfügten. «Wenn Betroffene darlegen können, dass sie trotz intensiver Suche keine günstigere Wohnung finden, übernimmt der Kanton die Mehrkosten auch längerfristig.» Dazu sei es zuletzt immer häufiger gekommen. 

Späte Einsicht

Von 2024 auf 2025 hat sich die Zahl der Sozialhilfedossiers mit erhöhten Mieten gemäss Audrey Hauri verdoppelt. Damit ist das Problem im Glarnerland zu dringlich geworden, um es allein durch Goodwill zu regeln. Auf den 1. März erhöht der Kanton seine Mietzinslimiten, wenn auch nur für die Ein- und Zweipersonenhaushalte. Zudem werden neu die drei Glarner Grossgemeinden, die strukturell unterschiedlich stark sind, einzeln angeschaut. 

So steigt in Glarus Nord der staatliche Beitrag aus unserem Einstiegsbeispiel für eine Haushaltsgrösse von zwei Personen von 988 auf 1152 Franken, in der Gemeinde Glarus steigt der Beitrag auf 1008 Franken; in Glarus Süd ändert sich nichts. Späte Einsicht, wenigstens teilweise. 

Leben Sie von Sozialhilfe? Haben Sie Schwierigkeiten, Ihre Wohnungsmiete zu zahlen? Erzählen Sie uns davon in der Kommentarspalte!

Quellen