Mit den Krawallen an Ostern 2021 rückten Jugendliche plötzlich in den Fokus des Pandemiegeschehens. In St. Gallen liessen sie ihren Corona-Frust heraus. Einige Ältere zeigten Verständnis für den lautstarken Protest, viele andere nicht. Es sei übertrieben, wegen des vorübergehend eingeschränkten Nacht- und Reiselebens von einer «geraubten Jugend» zu reden, kommentierte etwa der Zürcher «Tages-Anzeiger».

Inzwischen belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien, wie schwierig die letzten beiden Jahre insbesondere für junge Menschen waren. Die Suizidalitätsrate stieg stark an, psychische Probleme nahmen bei Jungen Run auf Kinder- und Jugendpsychiatrien «Der Andrang ist enorm» teilweise um mehr als die Hälfte zu. «Ich bin keine, die laut schreit, aber die momentane Situation ist alarmierend», warnt auch Susanne Walitza, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Zürich. «Wir dürfen diese Generation nicht verlieren.»

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Kinder und Jugendliche hätten noch keine Bewältigungsstrategien wie Erwachsene. Deshalb treffe sie die Krise um einiges heftiger. «Gerade die Ungewissheit und die stetigen Änderungen setzen ihnen zu», sagt die Psychiaterin. Auch der Stress in Schule und Ausbildung sei enorm gestiegen. Während in der Arbeitswelt priorisiert wurde, sei in vielen Schulen das Programm trotz Shutdown und Fernunterricht wie immer abgelaufen, strikt nach Lehrplan. «Das geht doch nicht», sagt Walitza.

Die Lehre für eine nächste Krise müsse unbedingt sein, dass man nicht nur die Wirtschaft rasch und unbürokratisch stütze, sondern auch den Jugendlichen und ihren Familien schnell unter die Arme greife, sagt die Professorin. Zum Beispiel, indem Schulen und Jugendzentren mehr Geld und Personal zur Verfügung gestellt werde, etwa um Betreuungsangebote zu verbessern.

So, wie das Australien, Dänemark oder Österreich vorgemacht haben. In der Schweiz sind die Kinder und die Jugendlichen von der Politik zu lange vergessen gegangen. Der Jugend blieb nichts anderes übrig, als sich allein durchzuschlagen.

Fünf junge Menschen erzählen, wie sie die Pandemie bewältigt haben und was für sie schwierig war und ist.

«Ich habe Angst, dass meine Ausbildung gelitten hat.»

Fiona Bianchi, 17, zweites Lehrjahr als Hotelfachfrau

Fiona Bianchi, 17, zweites Lehrjahr als Hotelfachfrau. 

Quelle: Christian Schnur

«Schon während meines ersten Schnuppertags wusste ich: Ich habe den besten Job der Welt gefunden, Hotelfachfrau im drittgrössten Haus der Schweiz. 

Doch das war vor der Pandemie. Mein erster Arbeitstag war im August 2020. Von 365 Zimmern waren nur 60 besetzt, von Dezember bis Mai blieb das Hotel ganz geschlossen. Wir Lehrlinge waren trotzdem jeden Tag dort. 

Kurzarbeit kam für uns nicht in Frage, und jemand musste ja die Toiletten spülen, damit sich kein Kalk ansetzen konnte. Das hiess dann: eine Stunde Spülungen drücken, jeden Tag. Der Strom war aus, die Gänge blieben dunkel. Ziemlich unheimlich. Den Rest der Zeit haben wir Uno gespielt oder Theorie gebüffelt. 

Die Schnuppertage, an denen wir zwischen 400 Gästen hin und her gerannt sind, haben sich angefühlt wie aus einem anderen Leben. Langsam werden die Zimmer und Gänge wieder voller, und ich darf erste Erfahrungen im Kontakt mit unseren Gästen machen. Ich habe aber Angst, dass meine Ausbildung unter Corona gelitten hat und ich bei einer späteren Stellensuche benachteiligt bin.»

«Nix mit Chillen – ich musste den Haushalt schmeissen.»

Darren Antony Menistren

Darren Antony Menistren, 15, 10. Schuljahr 

Quelle: Christian Schnur

«Als die Schulen Mitte März 2020 schlossen, freute ich mich, dachte, das wird voll chillig, endlich kann ich den ganzen Tag gamen. 

Es wurde dann ganz anders. Ich musste früh aufstehen und den Zmorge für meine drei jüngeren Geschwister machen, den Haushalt schmeissen, einkaufen, kochen, meinem kleinen Bruder bei den Deutschaufgaben helfen. Nix mit Chillen. Mein Vater musste arbeiten und meine Mutter war im Spital.

Einmal war ich im Coop einkaufen, und plötzlich beschimpfte mich ein Rentner: Nur wegen solchen wie mir sei Corona in der Schweiz. Wegen der Ausländer. Alles unsere Schuld. Er beleidigte mich, weil ich dunkel bin, anders aussehe als der Durchschnittsschweizer. Dabei bin ich in der Schweiz geboren, aber meine Eltern stammen aus Sri Lanka. Ich blieb ruhig. Aber ich fand es schon unverschämt. 

Als die Schule wieder aufging, fand ich keine Schnupperstellen, alle wurden abgesagt wegen der Pandemie. Erst nach den Sommerferien in der dritten Sek klappte es. Das war schon blöd, so sind Monate verloren gegangen. Ich habe dann auch keine Lehrstelle für nach der Schule gefunden, es war viel schwieriger als vor Corona. Nun mache ich das 10. Schuljahr, im Sommer beginne ich mit der KV-Lehre. 

Impfen lassen habe ich mich erst kürzlich – weil ich in den Skiferien mit ins Trainingslager meines Fussballclubs will. Mit Impfung ist es einfacher, ins Ausland zu reisen.»

«Wir fühlen uns eingesperrt.»

Hannah Brunner, Polygrafin

Hannah Brunner, 20, drittes Lehrjahr als Polygrafin. 

Quelle: Christian Schnur

«Vor der Pandemie habe ich für den Jugendkulturraum unserer Stadt Konzerte und Partys organisiert. Dann war auf einen Chlapf alles zu, nichts ging mehr. 

Wenn wir uns mit der Clique treffen wollten, war die Polizei schnell vor Ort. Einmal sind wir alle zusammen in den Wald geflüchtet, statt nach Hause zu gehen. Sonst wäre uns wohl langsam die Decke auf den Kopf gefallen. 

Auch mein 18. Geburtstag fiel mitten in den Shutdown. Und so feierten wir zu fünft im Garten meiner Eltern statt auf der riesigen Party, die ich mir immer ausgemalt hatte. 

Kein Wunder, ist unser Blick aufs Leben negativer geworden. Die Freundeskreise sind kleiner geworden, andere Meinungen werden weniger toleriert, Zukunftsängste sind dazugekommen. Und der Ausgleich fehlt. 

Keine wilden Nächte, in denen man alles ausleben kann. Wir fühlen uns eingesperrt. Unfrei in der eigentlich freiesten Zeit unseres Lebens. Ich habe mir schon überlegt, ob ich dem Bundesrat einen Brief schreiben soll. Wir Jungen scheinen irgendwie vergessen gegangen zu sein.»

«Ich fühlte mich als Ungeimpfte ausgegrenzt.»

Foto einer Gymnasiastin, die unerkannt bleiben möchte

Lisa Tünde* (Name geändert), 17, Gymnasiastin. 

Quelle: Christian Schnur

«Seit 2G ist es schwierig. Ich kann mich nicht mehr frei äussern, da ich als Ungeimpfte stark angefeindet werde. Ich möchte deshalb hier nicht meinen richtigen Namen nennen. 

Meine Welt ist klein geworden, die sozialen Kontakte beschränken sich auf die Schule und wenige Freundinnen und Freunde. Ich muss das Thema Impfen aussen vor lassen, sonst gibt es nur Streit. Das stört mich sehr, denn ich habe mich gut informiert. Es war ein langer Prozess bis zu meinem Entscheid. 

Ich halte mich an alle Massnahmen, trug auch die Maske, als man das in der Schule nicht mehr musste. Ich habe mich auch immer testen lassen, denn ich mache Kampfsport und schwimme regelmässig. Ab Dezember durfte ich weder ins Dojo noch ins Hallenbad – das finde ich ungerecht. Auch, weil man ja jetzt weiss, dass Impfdurchbrüche stattfinden und Geimpfte das Virus genauso weitergeben können wie Ungeimpfte. Ich vermisse die Trainings sehr. 

Gegen die Impfung habe ich mich bewusst entschieden, nachdem es im Kollegenkreis zu einem Vorfall mit einem Hirnschlag mit teilweisem Verlust der Sehfähigkeit gekommen war. Ob er tatsächlich mit der Impfung zusammenhängt, kann man natürlich nicht beweisen. Aber die zeitliche Koinzidenz hat mich irritiert. 

In meiner Klasse bin ich die einzige Ungeimpfte. Kürzlich hat ein Lehrer gesagt, die persönlichen Rechte seien ja schön und gut, aber nicht in der jetzigen Situation. Es brauche die Impfpflicht. Gut die Hälfte der Klasse klatschte; ich fühlte mich unwohl und ausgegrenzt. Das bleibt.»

«Wir wollen nun voll auf die Musik setzen.»

Paula Scharrer (vorne), 18, Maturandin, mit ihrer Band Fräulein Luise

Paula Scharrer (vorne), 18, Maturandin, mit ihrer Band Fräulein Luise. 

Quelle: Christian Schnur

«Ich war im Austauschsemester in Belgien, als ich nach nur zwei Monaten wegen der Pandemie nach Hause musste. Ein mega Frust. Daheim spazierte ich dann oft mit meiner Freundin Olivia, und wir träumten davon, eine Band zu gründen. Wir ersannen schon einen Namen: Fräulein Luise, nach einer Nebenfigur in Dürrenmatts ‹Der Besuch der alten Dame›. Das haben wir ein bisschen vom Sänger Faber abgeguckt, der sich mit seinem Namen ja auf Frischs ‹Homo Faber› bezieht.

Wir fingen tatsächlich mit Proben an, dachten: wenn nicht jetzt, wann dann? Es war schwierig, weil man sich ja eigentlich nicht in Innenräumen treffen durfte. Unser Bassist Paul stiess früh dazu. In unseren Songtexten spielt Corona bewusst keine Rolle. Die Musik ist der Ort, an dem wir nicht daran denken wollen.

Richtig los ging es mit der Band Anfang 2021, als wir uns fürs Band-it, den grossen Zürcher Jugend-Musik-Wettbewerb, anmeldeten. Im Jazzclub Moods spielten wir dann in einem Saal, in den normalerweise 400 Personen passen. Es durften aber nur 20 rein. Unsere Freunde stritten sich um die Plätze. Es gab ja nirgends Livekonzerte. 

Es war unser erster Auftritt überhaupt. Einen Monat später kam der Bescheid, wir seien im Final. Ganz kurzfristig kam dann noch Drummer Ali dazu. 

Wir wurden dann tatsächlich Erste, das hätten wir nie gedacht. Mit dem gewonnenen Geld finanzieren wir nun unsere Singles, die erste erscheint nächste Woche. Nach der Matur wollen wir durchstarten, voll auf die Musik setzen. Ohne Corona wären wir wohl nie so weit gekommen – gerade auch deshalb wollen wir etwas draus machen.»

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