Sie hat einen Kater. Mit Kopfschmerzen und trockenem Mund schleicht Anna Schmid* am Samstagmorgen in die Apotheke. Am Abend vorher hat sie im Berner Club Bonsoir einen Mann kennengelernt, nach einer wilden Nacht benötigt sie die Pille danach. Als sie ihr Anliegen vorbringt, rollt der Apotheker mit den Augen. Er nimmt den obligatorischen Fragebogen für die Pille danach zur Hand und legt ihn auf den Verkaufs­tresen. Die 26-Jährige füllt das Blatt aus. Wortlos händigt ihr der Apotheker die Pille danach aus, verlangt 45 Franken und lässt sie gehen.

Nach Sexstellungen gefragt

«Da ist vieles falsch gelaufen», sagt ­Esther Spinatsch, Apothekerin und Mitglied der interdisziplinären Expertengruppe für Notfallkontrazeption (IENK). Vor der Abgabe der Pille danach muss in Schweizer Apotheken, Spitälern und Sexualberatungsstellen ein Beratungsgespräch durchgeführt werden – diskret in einem Nebenzimmer. Unter vier Augen sollen Apotheker die Frauen über Nebenwirkungen der Pille danach und über Risiken sexuell übertragbarer Krankheiten aufklären. «Völlig daneben ist es, wenn die Frau abschätzig behandelt wird», urteilt Esther Spinatsch.

Anna Schmid* ist mit ihrem Erlebnis in der Berner Apotheke nicht allein. In Internetforen und in den Medien berichten Frauen immer wieder von Horrorerfahrungen: Apotheker, die nach Sexstellungen gefragt oder die Kundinnen beschimpft hätten.

Hier will die Expertengruppe gegensteuern. Im Herbst 2016 verschickte sie daher Weiterbildungsvideos zur Abgabe der Pille danach an alle Apotheken in der Schweiz. Mit den Videos will sie auch den Umgang mit dem neuen Mittel Ellaone schulen, das seit Februar in der Schweiz rezeptfrei ist.

Die Pille danach – und für noch länger danach

In der Schweiz gibt es mehrere Möglichkeiten, um eine unerwünschte Schwangerschaft zu verhindern, wenn man ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte oder eine Verhütungsmethode versagt hat: die Kupferspirale oder hormonelle Notfallverhütung. Frauen haben die Wahl zwischen den Wirkstoffen Levonor­gestrel (Norlevo, Pidana, Levonorgestrel Sandoz) und neu Ulipristalazetat (Ellaone). Ellaone (Bild) ist in der Schweiz seit Januar 2014 auf dem Markt, seit Februar 2016 rezeptfrei erhältlich.

Der franzö­sische Hersteller HRA Pharma bewirbt Ellaone als «moderne Pille danach». Im Vergleich zu Medikamenten mit dem Wirkstoff Levonorgestrel schützt das Notfall­kontrazeptivum mit dem Wirkstoff Ulipristal­azetat bis zu fünf Tage nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr vor einer Schwangerschaft. Die bisher erhältlichen Pillen danach muss die Frau spätestens drei ­Tage nach dem Sex einnehmen. Prompt erhielt Ellaone den Beinamen «Pille für noch länger danach». Das hat seinen Preis: Ellaone ist zehn Franken teurer als andere Pillen danach.

Die interdisziplinäre Expertengruppe für Notfallkontrazeption übt Kritik an der Markteinführung von Ellaone: «HRA Pharma verstreut aggressive und irreführende Werbung», sagt Expertin Esther Spinatsch. «Entgegen ihren Aussagen ist die Überlegenheit von Ellaone gegenüber anderen Pillen nicht so eindeutig. Daher sollte sich der Apotheker je nach Situation und von Fall zu Fall entscheiden.»

Auf die Vorwürfe ging HRA Pharma nicht ein, betonte aber die Wirksamkeit und ­Sicherheit von Ellaone.

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Zehn Apotheken in drei Städten

Um zu testen, wie Apotheker mit Kundinnen umgehen und welches Präparat sie abgeben, haben drei Beobachter-Redaktorinnen zehn Apotheken in Bern, St. Gallen und Zürich besucht und angegeben, sie bräuchten die Pille danach. Die Geschichte war immer dieselbe: Sie hatten in der Nacht zuvor einen One-Night-Stand, zu viel getrunken und nicht verhütet. Die Tes­terinnen wollten wissen, ob sich die Apotheker an die standardisierten ­Abläufe halten, ob sie die Beratungs­gespräche korrekt und vorurteilsfrei durchführen oder ob sie ihnen mit dem erhobenen Zeigefinger begegnen.

Das Ergebnis: In allen zehn Stadt-Apotheken waren die Angestellten freundlich; sie führten die Kundinnen in ein Beratungszimmer und füllten gemeinsam mit ihnen die Fragebögen aus. Die Preise für Beratungsgespräch und Medikament betrugen zwischen 41 und 53 Franken. Sieben Apotheken gaben die herkömm­lichen Pillen danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel ab, eine Apotheke die neue Pille Ellaone. In zwei Apotheken konnten die Testerinnen wählen.

Den Zyklus falsch berechnet

Negative Erfahrungen machten die Testerinnen nur zwei Mal. In der St. Galler Apotheke Amavita rief die Angestellte mit lauter Stimme nach der Apothekerin: «Eine Kundin für die Pille danach!» Gut hörbar für alle Anwesenden.

In der Apotheke Sunstore im Berner Storchengässchen berechnete die Apothekerin den Zyklus falsch. Sie erklärte, dass die Testerin vermutlich nicht schwanger werden könne, weil vor zwei Wochen die letzte Periode begonnen hatte. Zwei Wochen nach der Menstruation findet aber gewöhnlich der Eisprung statt, eine Befruchtung ist also wahrscheinlich.

Es gab aber mehrere Apotheker, die sich über die geforderte Beratung hinaus um die Testerinnen kümmerten. Der Mitarbeiter der Bellevue Apotheke in Zürich schaffte eine angenehme Gesprächsatmosphäre frei von Vorurteilen – trotz vollem Verkaufsraum und einer Schlange von Kunden bis zur Ladentür.

Ähnlich machte es seine Berufskollegin von der Amavita Bahnhofsapotheke in Bern. Sie fragte mehrmals nach, ob der Sex einvernehmlich gewesen sei. «Haben Sie alles mitbekommen? Fühlten Sie sich unter Druck?» Zudem beriet sie ausführlich über sexuell übertragbare Krankheiten: «Wenn in einer Woche etwas brennt, juckt oder übel riecht, kommen Sie unbedingt nochmals bei uns in der Apotheke vorbei.»

Eine Selbstverständlichkeit, sagte die Apothekerin danach. Schliesslich sei sie da, um den Frauen Hilfe anzubieten. Nicht, um über sie zu urteilen.

* Name geändert