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Stokys«Funktioniert tadellos – Schweizer Handarbeit halt»

Ernst Leimbacher
«Meine Kinder haben nicht mehr mit Stokys gespielt. Aber der Enkel tuts jetzt wieder.» Ernst Leimbacher, Rentner Bild: Sally Montana

Ernst Leimbacher schräubelte schon als Kind leidenschaftlich gern. Heute arbeitet der 68-Jährige ehrenamtlich bei der Traditionsfirma Stokys.

von Birthe Homann

Aufgezeichnet von Birthe Homann:

«Mein absolutes Highlight ist das Modell der Stanserhorn-Cabriobahn. Ich habe es wie das Original konstruiert, mit zwei Kabinen und seitlich angeordneten Tragseilen. Das war eine rechte Herausforderung – jetzt habe ich den Plausch, dass es mir so gut gelungen ist. Momentan habe ich die Bahn einem Ingenieur aus­geliehen, der programmiert die Steuerung neu.

Die Bahn wird bereit sein für die Ausstellung zum 75-Jahr-Jubiläum der Firma Stokys, die die Metallbaukästen herstellt. Mein Bus auch – daran habe ich etwa zwei Jahre geschräubelt. Es gab keine Vorlage, ich habe alle Dimensionen bis ins Detail selber auf das Modellmass heruntergerechnet und dann nach eigenen Skizzen stundenlang die Teile zusammengeschraubt. Das verhebet. Und vorn sitzt sogar ein Chauffeur drin.

Nur noch drei Leute in der Fabrik

Stokys entstand im Zweiten Weltkrieg, als fast keine Spielwaren mehr in die Schweiz geliefert werden konnten. ­Damals kamen die ersten Metallbaukästen auf, die übrigens auch heute noch tadellos funktionieren. Schweizer Handarbeit halt.

Wie früher produzieren wir hier in der Fabrik im Zürcher Oberland alles selber, alles von Hand. Die Lochbänder und die Profile, das sind die Teilchen mit den Rillen, sind aus Alumi­nium, schön leicht. Bis zu 400 Lochbänder schaffe ich an einem Morgen. Jeweils am Mittwoch arbeite ich in der Produktion und mache einfache Stanzarbeiten oder fülle die Baukästen auf. Aus Freude und ehrenamtlich. Der Firma geht es wirtschaftlich nicht gut. Wir sind nur noch zu dritt, aber wir haben es glatt zusammen.

Stokys-Baukasten
Einst wollte jeder Schweizer Bub einen Stokys-Baukasten.
Quelle: Sally Montana

Damals, nach dem Krieg, kannten alle Stokys, die Baukästen gab es in ­jedem Spielwarengeschäft. Das war die Blütezeit. Heute ist das leider nicht mehr so, wir sind zu teuer, die Konkurrenz ist gross. In China produzieren sie ähnliche Traktor-Bausätze, für 60 Franken. Der von uns kostet achtmal so viel – dafür hebet er aber auch. Ich habe mir extra mal so ein Chinateil gekauft, das war Schrott, die Räder drehten sich nicht, der Traktor konnte gar nicht fahren.

Als gelernter Schreiner kann ich es gut mit Maschinen. Ich habe 14 Jahre mit meiner Familie in einem Missionsbetrieb in der Elfenbeinküste die Werkstätten geleitet. Da haben wir einmal aus alten Autoteilen einen ­Rasenmäher gebaut, am Schluss war er zwei Meter breit, mit einem recycelten ­VW-Motor. Wegen der Schlangen musste der Rasen immer kurz geschoren sein. In Afrika fehlt es ständig an Ersatzteilen, aber ich bin ein Bauernsohn, ich weiss mir zu helfen.

Als Viertklässler habe ich die ­gebrauchten Stokys-Baukästen vom Göttibuben meines Vaters «geerbt», der war ein paar Jahre älter. Mit meinem älteren Bruder bauten wir ­unzählige Sachen zusammen – ein Heidenspass. Mein jüngerer Bruder ­interessierte sich mehr für Modell­eisenbahnen. Im Sommer mussten wir immer auf dem Bauernhof helfen, da hatten wir keine Zeit zum Spielen. Ich habe den Metallbaukasten geliebt und mir schon damals Modelle zum Nach­bauen ausgedacht.

Meine Kinder haben dann gar nicht mehr mit Stokys gespielt. Aber der ­Enkel tuts jetzt wieder. Da hocken wir dann zusammen und probieren Zeugs aus. Ich selber bin auch erst im Alter wieder dazu gekommen. Nach der Rückkehr aus Afrika habe ich als ­Busfahrer gearbeitet, und wegen der un­regelmässigen Schichten hatte ich plötzlich viel Zeit dazwischen.

Gut, wenn man im Alter ein Hobby hat

Durch einen Kollegen bin ich zum Klub AMS gekommen, den Amateuren für Metallmodellbau in der Schweiz. Ein lustiger Verein, wir aus der Ostschweiz treffen uns jeden Monat zum gemütlichen Höck. Viele bringen ihre neuen Modelle mit, man diskutiert über Ideen oder tauscht Teilchen aus. Da sind viele Rentner dabei wie ich, aber es hat auch ein paar Jüngere. Es ist gut, wenn man im Alter ein Hobby hat. Ich kenne einige, die mit ihrer freien Zeit nichts anzufangen wissen. Durch den Verein bin ich auch wieder bei ­Stokys gelandet, daran hatte ich ja so schöne Kindheitserinnerungen. Und bin damit nicht der Einzige.

Vor etwa einem Jahr kam eine Frau in die Fabrik und wollte einen Metallbaukasten für ihren Vater kaufen. Er sei ein Verdingbub gewesen, und die Familie, bei der er damals lebte, hatte einen Stokys-Kasten, mit dem er auch ab und zu spielen durfte. Er habe sein Leben lang immer wieder davon gesprochen. Jetzt wollte sie ihm damit eine Freude zu Weihnachten machen. Das hat mich tief beeindruckt, ein schönes Erlebnis.»

75 Jahre Stokys

Die Jubiläumsfeier findet vom 24. bis 26. März 2017 im Technorama ­Winterthur statt. Mittels Crowdfunding soll die Firma gerettet werden; Start dazu ist am 20. März. Infos unter www.stokys.ch oder www.facebook.com/stokysoffiziell.

Veröffentlicht am 2017 M03 21

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1 Kommentar

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Marc Bourgeois
Als Vater mit drei begeisterten Kindern im Haushalt kann ich Stokys nur empfehlen. Es ist trotz des Preises gerade für kleinere Budgets hochinteressant, weil es 1000 Spielzeuge in einem ist und ewig hält. Das in jeder Hinsicht nachhaltigste Spielzeug für Kinder von 6 bis 99. Für Modelle, selbstgebaute Spielzeuge, Basteleien, Experimente, Robotik... Kein unökologischer China-Schrott, keine kreativitätstötenden (Lego-/Meccano-) Fertigwelten, die Eltern den letzten Nerv (und Franken) ausreissen. Sondern ein beliebig lange spielbares Spielzeug, das Kreativität, Feinmotorik, technisches Verständnis und räumliches Vorstellungsvermögen fördert und dabei mit dem Anwender mitwächst. Unverwüstliche, rostfreie Elemente, die seit 75 Jahren gut und deshalb unverändert und 100% kompatibel sind.