«Tanzen ist alles, was ich als Spitzensportlerin nicht hatte», sagt Maria Piffaretti. Sie schlüpft in ihre Heels, geht in den Raum voller Spiegelwände. Das Licht ist gedimmt, gleich beginnt die Tanzstunde. Zweimal pro Woche kommt sie hier ins Studio, mitten in Bern, direkt an der Aare.

«Hier fühle ich mich frei. Frei von Leistungsdruck, frei von Erwartungen. Ich kann kommen und gehen, wie und wann ich will. Das ist etwas Neues und sehr Wertvolles für mich.» Sie schreitet in die Mitte des Studios. Die Stunde beginnt. Piffaretti führt alle Bewegungen bestimmt und sicher aus. Wie früher im Wasser, als sie als Synchronschwimmerin zur Kür antrat.

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Die Angst um den Körper

Maria Piffaretti ist als Spitzensportlerin zurückgetreten. Kurz danach erkrankte sie an Pfeifferschem Drüsenfieber. Schlimm für sie. «Ich durfte zwei Monate keinen Sport treiben. Das war schwierig. Ich war gewohnt, 25 bis 30 Stunden pro Woche zu trainieren.» Und sie hatte Angst, ihren athletischen Körper zu verlieren. Deshalb begann sie, ihr Essen strikt zu kontrollieren. «Wenn du in artistischen Sportarten dazugehören willst, musst du so aussehen wie die anderen. Weil ich kleiner war, musste ich dünner sein – um entsprechend grösser zu wirken.»

Als es ihr nach ein paar Monaten wieder besser ging, begann sie ein einjähriges kaufmännisches Praktikum. Ein Jahr, wie sie es noch nie erlebt hatte. «Jetzt konnte ich machen, was ich wollte. Ich begann mit Tanzen und hatte Zeit, endlich Freunde zu finden. Und nach acht Jahren konnte ich zum ersten Mal meinen Geburtstag feiern – denn er war immer auf die Zeit der internationalen Wettbewerbe gefallen.»

Doch die Dinge liefen anders als geplant. «Ich meinte, dass ich den Druck, unter dem ich 14 Jahre lang gestanden hatte, endlich hinter mir gelassen hätte.» Er kam mit voller Wucht zurück. «Als hätte mein Körper eine Art Verteidigung gegen alle Situationen entwickelt, in denen ich Stress hatte und mich nicht frei fühlte.»

Eine Art Depression

Maria Piffaretti hatte ständig das Gefühl, überall herausstechen zu müssen. Sie konnte kaum mehr essen, litt unter Schlafproblemen. Wenn ihr Tag nicht durchgetaktet war oder sie etwas Ungesundes ass – ein Brownie genügte –, plagte sie das schlechte Gewissen. Eine Abwärtsspirale. «Ich geriet in eine Art depressiven Zustand.» Da habe sie beschlossen, psychologische Hilfe zu suchen.

Ihre Sportkarriere war sehr erfolgreich verlaufen. Sie war acht, als sie im Verein der Stadt Bern mit dem Synchronschwimmen begann. Schon damals trainierte sie dreimal pro Woche. Mit zwölf Jahren wurde sie jüngstes Mitglied der Jugend-Nationalmannschaft, nahm an einem internationalen Wettbewerb teil. «Das erste Mal von vielen, dass ich einen Monat von zu Hause weg war.»

«Wenn du in artistischen Sportarten dazugehören willst, musst du so aussehen wie die anderen. Weil ich kleiner war, musste ich dünner sein – um entsprechend grösser zu wirken.»

Maria Piffaretti, Ex-Synchronschwimmerin

Ab 15 besuchte sie das Sporttalentgymnasium Hofwil und schaffte mit Leichtigkeit den Übertritt in die nationale Junioren- und Elitemannschaft. Ihre Tage waren lang, Zeit für Freunde oder Hobbys blieb nicht. Zwischen Schule und Lernen pendelte sie nun viermal pro Woche von Bern nach Genf in die Schwimmhalle. Die Trainingseinheiten dauerten fünf, sechs Stunden, der Weg frass weitere vier.

Sie nahm an der Juniorenweltmeisterschaft in Helsinki teil, besuchte die Europameisterschaften in Berlin, die Juniorenspiele in Baku, vertrat die Schweiz an der WM in Budapest. Mal im Team, mal mit ihrer Doppelpartnerin Maxence Bellina, mit der sie im Elitekader als bestes Duo ausgezeichnet wurde.

2018, im Jahr ihrer Maturaprüfung, begannen die Wettkämpfe für die Qualifikation der Olympischen Spiele in Tokio. Piffaretti und ihre Partnerin konnten sich nicht qualifizieren. Ihr Traum platzte. Die beiden beschlossen kurz darauf, ihre sportliche Karriere zu beenden und sich auf die Ausbildung zu konzentrieren. «Ich war zwar traurig, aber auch erleichtert, nun einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu dürfen.»

Die beiden Synchronschwimmerinnen Maxence Bellina und Maria Piffaretti an der WM 2017

Maxence Bellina und Maria Piffaretti an der Schwimm-WM 2017 in Budapest.

Quelle: Getty Images
Druck auf sich selbst

Katharina Albertin erlebt immer wieder, dass ehemalige Spitzensportlerinnen und -sportler nach dem Ausstieg extreme Anforderungen an sich selbst stellen. Die Psychotherapeutin und Sportpsychologin ist Präsidentin der Swiss Association of Sport Psychology. Die bisherige Identität werde nach dem Ende der Karriere aufgegeben, eine neue müsse aufgebaut werden. Das sei immer anspruchsvoll.

Wie belastend der Übergang erlebt werde, hänge stark von den Trainerinnen und Trainern ab. «Sie müssten sich den Athletinnen und Athleten gegenüber auch unter Druck ethisch korrekt und selbstwertfördernd verhalten. Zu oft sind sie darin zu wenig geschult.» So passiere es schnell, dass diese Härte verinnerlicht werde und zu psychischen Schäden führe, die den Sportlerinnen und Sportlern oft erst später bewusst werden.

Eine Rolle spiele auch die Disziplin. «Beim Synchronschwimmen haben das Gewicht und der ästhetische Aspekt einen grossen Stellenwert. Das Risiko bei artistischen Sportarten ist hoch, dass man später an Folgen dieser jahrelangen Überfokussierung auf den Körper leidet», sagt Katharina Albertin.

Grundsätzliches Problem

Sie habe immer noch Rückfälle, sagt Maria Piffaretti. Doch sie sei mehr oder weniger angekommen in ihrem neuen Leben. «Aber auch nur, weil ich psychologische Hilfe und gute Menschen in meinem Umfeld habe.» Aus ihrer Karriere ziehe sie durchaus auch Positives. Sie habe früh gelernt, für sich selbst zu schauen. «Ich möchte diese Zeit auf keinen Fall missen, sie hat mir viel gegeben. Ich spreche jetzt fünf Sprachen perfekt und habe mein Land mehrmals im Ausland vertreten dürfen.»

Doch ihre Geschichte widerspiegle ein grundsätzliches Problem im Profisport. «Viele Teamkolleginnen litten nach dem Ausstieg an Magersucht, Depressionen oder mussten länger ins Spital.» Letztes Jahr schrieb Piffaretti einen Brief an den Bundesrat. Unterstützt wurde sie von der Tessiner Grünen-Nationalrätin Greta Gysin. Sie forderten «Massnahmen zur Unterstützung von Spitzensportlerinnen und -sportlern am Ende ihrer Laufbahn». Denn Behörden, Swiss Olympic und Sportvereine überliessen sie sich selbst.

«Trainerinnen und Trainer müssten sich den Athletinnen und Athleten gegenüber auch unter Druck ethisch korrekt und selbstwertfördernd verhalten. Zu oft sind sie darin zu wenig geschult.»

Katharina Albertin, Psychotherapeutin und Sportpsychologin

«Mein Vorschlag zielt darauf ab, diesen Mangel im Schweizer Sportsystem zu beheben und das Leid unserer Athletinnen und Athleten zu begrenzen», steht darin. Der Bundesrat lehnte den Antrag ab. Maria Piffaretti war enttäuscht. Doch gelohnt habe es sich trotzdem. Viele Sportlerinnen und Sportler fühlten sich angesprochen. Sie hatten dasselbe erlebt. «Einige meldeten sich bei mir, wir konnten Erfahrungen austauschen. Es bedeutet mir viel, zu wissen, dass ich nicht allein bin.»

Auch Sportpsychologin Katharina Albertin kritisiert, dass Angebote zur Bewältigung des Karriereendes weitgehend fehlen. Es sei wichtig, Betroffene in diesem schwierigen Prozess zu unterstützen. Die Verbände hätten auch nach dem Ende der Sportlaufbahn eine Verantwortung. «Es wäre zu wünschen, dass sie auf solche Angebote aufmerksam machen und signalisieren: Sorgt vor, holt Hilfe!» 

Verbände gefordert

Bei Swiss Olympic ist man sich der Problematik bewusst. Psychologische Hilfe durch den Dachverband gebe es aber nicht. «Wir wissen, wie anspruchsvoll der Ausstieg sein kann», sagt Sprecher Alexander Wäfler. «Wir versuchen, die Sportlerinnen und Sportler auf das Ende der Karriere zu sensibilisieren, bieten eine Karriereberatung und arbeiten eng mit der Swiss Association of Sport Psychology zusammen.» Die Betreuung über das Karriereende hinaus sei wichtig, hier seien die einzelnen Verbände gefordert.

Die Tanzstunde ist zu Ende. Einige verlassen den Raum, Maria Piffaretti bleibt. In fünf Minuten beginnt die nächste Stunde. Sie wird wieder alles geben. Wie früher beim Synchronschwimmen. Doch sie weiss jetzt, dass sie jederzeit gehen kann.

 

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