Leserfrage: «Wie kommt es, dass sogar erfahrene Spitzensportler und -sportlerinnen wegen mentaler Probleme plötzlich aussteigen?»

Spitzensport ist ein ständiges Ausweiten von Grenzen. Neben spezifischem Training zur Leistungssteigerung gehört die Fähigkeit dazu, Alarmsignale von Körper Stress und Körpersymptome Körper im Alarmzustand und Seele, die aktuelle Grenzen markieren, zu umgehen oder zu ignorieren. Im normalen Alltag bremsen uns diese Grenzen. So etwa Muskelkater, wenn wir uns beim Grümpelturnier übernommen haben.

Menschen sind fasziniert vom Gefühl, die Realität beugen zu können. Ein Beispiel ist der «Rubik’s Cube»-Zauberwürfel, ein Spielgerät, das früher die Ungeübten stundenlang beschäftigt und wahnsinnig gemacht hat. Mittlerweile entwirren ihn die «Speedcuber» blind und einhändig in Sekunden. Dieses Jahr hat ein junger Mann sechs dieser Würfel ohne zu Atmen unter Wasser gelöst.

Die 100 Meter wurden schon in 9,58 Sekunden gelaufen, der Weltrekord im Hochsprung liegt bei 2,45 Metern. Irgendwie unvorstellbar, was Menschen möglich machen. Das alles fasziniert und berauscht Akteurinnen und Publikum gleichermassen. Was für ein Hochgefühl, Naturgesetze ein Stück weit zu entmachten. Mit Ausdauer, Disziplin und Ehrgeiz.

Und dann das Aus, vielleicht mitten im Wettkampf. Junge Spitzensportler und -sportlerinnen ziehen die Reissleine. Turnerin Simone Biles tat es während Olympia, Tennisspielerin Naomi Osaka zog die Notbremse, wie auch Hürdenläuferin Jackie Baumann. Sie setzen dem unermesslichen Leistungs- und Erwartungsdruck der Öffentlichkeit mutig entgegen: Hier ist meine Grenze. Sie hat für mich Priorität.

Bis der Motor kocht

Wie konnte es so weit kommen? Was verursacht Burn-out und Panikattacken Panikanfälle Ein dunkles Leben mit der Angst im Nacken ? Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein Mann hat ein gutes Auto, fährt es täglich, oft bis ans Limit. Er fährt es vollbeladen problemlos über Bergstrecken. Dann leuchtet ein Warnlämpchen auf. Er sieht dies, aber jetzt auf dem Heimweg passt es gerade gar nicht nachzusehen. Er fährt weiter. Als das Lämpchen blinkt, ist er genervt und baut es aus. Und fährt weiter. Dann leuchtet ein anderes Alarmlicht. Der Mann entfernt auch dieses und das nächste. Nun weist nichts mehr darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Dann, irgendwie plötzlich, kocht der Motor. Kolbenfresser, Breakdown.

Ähnlich geht es Menschen mit einem Burn-out. Alarmzeichen wie Erschöpfung, Schlafstörungen , Reizbarkeit und Schmerzen werden über lange Zeit ignoriert oder mit Alkohol, Tabletten und anderen Substanzen ausgeschaltet.

«Nur wer sich und seine körperlichen und seelischen Grenzen kennt und verteidigt, bleibt gesund.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Körper und Psyche sind grundsätzlich sehr anpassungsfähig. Aber auch das hat seine Grenzen. Wenn diese Grenzen auf Dauer keine Rolle spielen dürfen und missachtet werden, kommt es zu einer Art seelischem Ermüdungsbruch Antriebslosigkeit «Ich fühle mich so ausgelaugt» . Kraft und Überblick sind dahin. Die kleinste Alltagsanforderung kann Weinkrämpfe und Todesangst auslösen. Der Krug geht nur so lange zum Brunnen, bis er bricht.

Nicht nur im Spitzensport

Auch den Manager, die berufstätige Alleinerziehende mit perfektem Haushalt, den Krankenpfleger im Schichtdienst kann es erwischen. Sie alle verlangen sich dauerhaft mehr ab, als das System von Körper und Seele verkraften kann. Der Abteilungsleiter, der eine 60-Stunden-Woche und kaum Schlaf wie nichts wegzustecken scheint, weiss plötzlich nicht mehr, wie er mit dem Auto nach Hause finden soll. Die Spitalärztin, die immer Sonderschichten übernommen hat, wenn sie gebraucht wurde, kann wegen Panikattacken auf einmal das Haus nicht mehr verlassen.

Ob im Sport oder im Alltags- und Berufsleben Job und Privates trennen Wenn die Arbeit zu Hause weitergeht : Erwartungs- und Leistungsdruck, Perfektionismus und Machbarkeitswahn, hohes Tempo und «Rund um die Uhr und rund um die Welt»-Vernetzung bringen uns in Gefahr, wenn wir nicht bewusst ausbalancieren. Wo Hektik war, braucht es Ruhe, wo Tempo herrschte, braucht es Entschleunigung. Nach Anspannung muss Entspannung folgen, und Fehler Fehler Wie man lernt, sich selbst zu verzeihen , Misserfolge und Mittelmass sind keine Feinde, sondern gehören zum Menschsein.

Nur wer sich und seine körperlichen und seelischen Grenzen kennt und verteidigt, bleibt gesund. Die Reissleine zu ziehen, kann Leben retten. Erschöpfungsdepressionen sind nicht ungefährlich.

Wer durch Stress und zu viel Druck in die Nähe der roten Linie gerät und nicht weiss, wie der Weg zurück aussehen kann, sollte sich frühzeitig professionelle Unterstützung holen. Im Rahmen einer Psychotherapie Psychotherapie Wer kann mir durch die Krise helfen? oder eines Coachings lassen sich sowohl Erschöpfungssymptome wie auch Angstattacken behandeln.

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Christine Harzheim
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